Gunther Sosna Meinung

Die Mauer im Kopf

Wir schaffen das! Der Satz, den Angela Merkel auf dem vorläufigen Höhepunkt der Flüchtlingskrise sagte, wird in die Geschichtsbücher eingehen wird. Doch was die Bundeskanzlerin beschwor, das hat sich lange verflüchtigt: Es gibt kein Wir. Aber wir können es uns zurückholen.

Wir schaffen das! Das ist ein guter Satz. Er ist ein Mutmacher, den Angela Merkel auf dem vorläufigen Höhepunkt der Flüchtlingskrise sagte und der in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Doch was die Bundeskanzlerin beschwor, das hat sich lange verflüchtigt: Es gibt kein Wir. Aber wir können es uns zurückholen.

Der südkoreanische Philosoph Byung-Chul Han liefert mit seinen Büchern „Psychopolitik“ und „Müdigkeitsgesellschaft“ eine vernichtende Bestandsaufnahme der digitalisierten Gesellschaft. Er skizziert ein Krankheitsbild, das sich mit zwei Worten zusammenfassen :  Fragmentierung und Isolierung.

In der Arbeitswelt werden Knecht und Herr zu einem Hybrid. Optimierung und Individualität dominieren das Handeln. Ein Drang zur Selbstausstellung und das Entblößen des Ichs, führen zu einer Selbstausbeutung auf allen Ebenen.

Han stellt fest, dass ein Scheitern in der neoliberalen Leistungsgesellschaft eine Autoaggressivität hervorruft, die keine Revolutionäre produziert, sondern Depressive. „Und aufgrund der Vereinzelung des sich selbst ausbeutenden Leistungssubjekts“, wie Han schreibt, “formiert sich kein politisches Wir, das zu einem gemeinsamen Handeln fähig wäre“.

Fundamentale Bedürfnisse

Das spiegelt sich in der öffentlichen Debattenkultur wider. Ob in Foren, Sozialen Netzwerken, im Bundestag oder bei Talkrunde im Fernsehen: ein konstruktiver Dialog ist kaum festzustellen. Im Gegenteil. Berufspolitiker, mehr oder weniger anerkannte Experten, Medienmacher und der Bürger von der Straße überschütten ihre Gesprächspartner mit einer Melange aus Worthülsen, Meinungen, Halbwahrheiten und Schuldzuweisungen. Mutmaßung und Wissen gehen Hand in Hand.

Aufgeschnapptes wird zur Wahrheit erklärt und Vermutliches zur Gewissheit. Gut aussehen in der Diskussion und andere in der Argumentation zu überflügeln, ist wichtiger, als sich gemeinsam an eine Lösung heranzutasten. Als Ergebnis bleibt ein großes Fragezeichen zurück und die Feststellung, dass sich selbst in der Debatte Einzelkämpfer zum Leistungssubjekt optimiert haben.

Dabei hat die psychologische Forschung schon lange herausgearbeitet, dass der Mensch ganz anders gepolt ist. Sicherheit, Kommunikation, Kooperation und Anerkennung sind fundamentale Bedürfnisse. Die findet der einzelne nur in der Gruppe. Und dort entwickelt sich auch ein echtes Wir-Gefühl. Wer also Lösungen sucht, der ist in einem kleinen Kreis besser aufgehoben, als auf den digitalen Bühnen der Kommunikation.

Die Blaupause von Napoleon Hill

In der Wirtschaft bedient man sich Mastermind Gruppen, um Problemstellungen zu diskutieren die alle Beteiligten betreffen und an gemeinsamen Zielen zu arbeiten. Diese Art Zirkel können eine Lösung sein, um die von Byung-Chul Han verdeutlichten Hemmnisse für ein politisches Wir zu überwinden.

Das nötige Vertrauen aufzubauen, ist die Hürde auf dem Weg zur gesellschafts-politischen Mastermind Gruppe. Man muss seine Gegenüber kennenlernen. Das passiert Face-to-Face im realen Leben.

American self-help writer Napoleon Hill - (1883-1970) - No known copyright restriction
Der Schriftsteller Napoleon Hill gilt als Urvater der Mastermind Gruppen

Einer muss die Initiative ergreifen und auf andere Menschen zugehen, die am Dialog interessiert sind. Ob sie sich einer Gruppe anschließen werden, die sich mit relevanten gesellschaftlichen Themen beschäftigt, bleibt offen.

Die Kommunikationsmauer zu überwinden, die jede Kooperation behindert, ist die große Herausforderung auf dem Weg zum konstruktiven Austausch. Ist der erste Schritt getan, kann der Fokus auf die Gruppe gelegt werden.

Die notwendige Blaupause lieferte 1937 der Schriftsteller Napoleon Hill. In seinem Bestseller „Think and Grow Rich“ (Denke nach und werde reich) hob er erstmals die Bedeutung einer Mastermind Gruppe für den unternehmerischen Erfolg hervor. Das Konzept lässt sich in alle Bereiche übertragen.

Die Fehlerkultur

Freundlich sollten die Beteiligten zueinander sein, wachstumsorientiert und bereit, Informationen und Know-how zu teilen. Und sie sollen sich gegenseitig ermutigen, ihre Pläne und Ziel zu verfolgen. So beschreibt es Hill, dessen unternehmerischer Wachstumsbegriff  in Wissenswachstum umgedeutet werden kann. Dazu gesellen sich Neugier, Weltoffenheit und Empathie.

Die Gruppe ist klein. Vier bis fünf Personen sollten es sein, die sich informell organisieren, wobei jeder von sich aus das Bedürfnis verspüren soll, die Gruppe durch sein Wissen, seine Begeisterungsfähigkeit und seine Zuverlässigkeit mit Leben zu erfüllen. Man ist dabei, weil man dabei sein will, und um von anderen zu lernen und selbst zu lehren.

Die Themenfelder, mit denen sich die einzelnen Gruppenmitglieder beschäftigen, sollten ähnlich sein, aber nicht identisch. Zu viel Konsens behindert die Entwicklung neuer Impulse und Ideen. Zeit ist ein wichtiger Faktor. Die Treffen sollte nicht mehr als 90 Minuten dauern, sonst kommt man ins Plaudern, aber nicht zum konstruktiven Dialog. Wo trifft man sich? An einem ruhigen Ort, wo die Gruppe unter sich ist. Nichts ist förderlicher für die sozialen Beziehungen als das direkte Zusammentreffen. Im Zweifel ist  das Internet die schlechteste Option.

Grob lassen sich vier übergeordnete Ziele der Gruppe beschreiben: Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen, Wissenstransfer, gegenseitige Motivation und ein konstruktiver Umgang mit Fehlern.

Gerade der letzte Punkt kommt in der überschleunigten Kommunikation allzu oft unter die Räder. Jedes falsche Wort kann eine Lawine aus Schmähungen auslösen. Das macht keinen Sinn und führt nur zur Abschottung. In der Gruppe werden Fehler korrigiert, aber nicht sanktioniert. Der Austausch von Know-how verbessert die Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung komplexer Sachverhalte. Zuspruch und positives Feedback stärken das Zugehörigkeitsgefühl. Aus diesen Komponenten entwickelt sich das Wir-Gefühl.

Ein Blick ins politische Reagenzglas

Im politischen Reagenzglas ist ein solcher Vorgang beobachtbar. Nämlich bei der von Yanis Varoufakis gegründeten Bewegung DiEM25 (Democracy in Europe Movement 2025). Anhänger gibt es viele, doch erst jetzt fangen lokale und regionale Gruppen an sich zu organisieren. Hierarchien oder enge Vorgaben gibt es nicht. Verbindendes Element ist der Wunsch nach mehr Demokratie und Mitbestimmung.

„Europa muss von unten erneuert werden“, formulierte Varoufakis. Diesen Denkanstoß kann in Deutschland jeder aufnehmen, um über Mastermind Gruppen ein verlorenes Wir zurückzugewinnen, mit dem sich jede Krise viel besser meistern lässt. Dann schaffen wir das auch.

Fotos: CC0 – unsplash.com (pexels) und wikimedia.org.

Der Beitrag erschien erstmals auf DasMili.eu.

Fragen oder Anmerkungen? Schreibe einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s