“Lieblich, aber scharf wie ein Skalpell!”

Bei einem Besuch in Córdoba traf Pablo Iglesias (Podemos) auf Julio Anguita. Das Urgestein der spanischen Kommunisten appellierte an alle sozialen Bewegungen sich zu vereinen und gemeinsam mit Podemos und der linkssozialistischen IU (Izquierda Unida) ein neues Spanien aufzubauen – eine Herkulesaufgabe.

Anguita sagte, dass es sehr schwer werde, weil es Widerstände von innen und von außen gäbe. Es würde jedoch mit dem Durchhaltevermögen aller gelingen. Er rief aber auch dazu auf, es als eine Aufgabe für ein demokratisches Europa anzusehen und sich mit anderen europäischen demokratischen Kräften zu vereinen, um den Traum eines echten demokratischen Europas Wirklichkeit werden zu lassen.

Jairo Gomez hat die Ansprache von Julio Anguita ins Deutsche übersetzt:

Heute morgen sagte ich zu Pablo, dass ich entgegen meinen Wünschen nicht kommen würde, und zwar aus eindeutigen und einleuchtenden, diplomatischen Gründen, um das Gleichgewicht zu halten. Oft ist man dazu gezwungen, obwohl man es selber nicht will.

Als man mich aber rief, gab ich nach und tat, was mein Herz mir sagte. Die Umarmung zwischen Pablo und Alberto (IU), als sie den Pakt schlossen und die Stimmung die auf den Straßen herrscht, erinnerte mich an das Jahr 1977 und zeigte mir, dass dies eine gewaltige soziale und politische Bewegung werden wird. Das sind die kleinen Vorteile des Alters.

Es gab damals sehr viel Enthusiasmus und Freude. Ich möchte jedoch eine Überlegung anbringen. Wir werden viele Schwierigkeiten bekommen. Gewaltige von außen und einige im Innern.

Wenn wir uns aber darauf besinnen ruhig und ausdauernd zu sein, eine liebliche Sprache benutzen, ja lieblich, aber scharf wie ein Skalpell, dann wir es uns gelingen einen politischen Zusammenschluss zu schaffen.

Ich wende mich dabei auch an jene Kräfte, Bewegungen und Organisationen die in den letzten Jahren Demonstrationen organisiert haben. Ihr müsst die Kultur des Widerstandes und der Petition aufgeben und durch die Kultur des Regierens ersetzen. Ihr müsst euch rund um ein allgemeines Projekt vereinen. Ihr dürft nicht mehr darum bitten, sondern fordern, an der Regierung teilzuhaben. Das ist fundamental!

Vor drei Jahren hörte ich Pablo folgende Worte sagen: “Wir wollen niemanden zum Umdenken bringen, ihn ändern, wir wollen regieren!” In diesem Moment wusste ich, dass ich mit einer Person zusammen bin, mit der ich die Reise fortsetzen will. Wir sind nämlich nicht hier um einige wenige Sitze zu erbitten. Wir sind hier um endlich die Regierung des Volkes aufzubauen.

Es wir sehr schwer werden, sehr schwer. Es ist aber eine historische Gelegenheit, die wir nutzen müssen. Wir müssen durchhalten und nochmals durchhalten, aber wenn ihr das Ziel klar vor Augen habt, werden wir es erreichen. In ein, zwei, drei oder vier Jahren werden wir uns der Titanenaufgabe gegenübersehen, mit anderen europäischen Genossen, nicht nur Spanien sondern auch Europa umzugestalten.

Es ist ein wundervoller Moment, den wir gerade erleben. Solche habe ich im Laufe meiner langen politischen Karriere vielfach erlebt. Wir dürfen uns aber von diesem Moment nicht blenden lassen, denn wenn wir die Fähigkeit verlieren, zu sehen was passieren kann, verlieren wir unsere Kraft.

Denkt daran, es wird ein langer und harter Weg, aber solange wir den Willen haben, zusammen mit unserem Volk zu stehen, werden wir unbesiegbar sein.Vergesst das nie.

Man wird uns aller möglichen Dinge beschuldigen. Genosse Pablo wird einiges auszuhalten haben. Genosse Alberto auch und alle, die hart an unserem Ziel arbeiten. Ich auch, aber ich bin schon einiges gewohnt.

Ihr dürft niemals vergessen, dass es um viel mehr geht als den 26. Juni (Anm.: Tag der Neuwahlen in Spanien). Es geht weit darüber hinaus. Das ist der Grund, warum wir, Pablo, Alberto und alle anderen, die in der Lage sind diese Verantwortung auf sich zu nehmen, hier sind. Von hier aus wende ich mich mit eurer Erlaubnis allen sozialen Bewegungen zu: “Jetzt oder nie!”


Redaktioneller Hinweis: Nach der Parlamentswahl vom 20. Dezember, bei der keine Partei eine deutliche Mehrheit erzielen konnte, scheiterten mehrere Versuche, eine Regierungskoalition zu bilden. Spaniens König Felipe VI löste daraufhin am 3. Mai den Kongress auf und setzte für den 26. Juni Neuwahlen an. Podemos und Izquierda Unida haben sich auf eine gemeinsame Wahlliste verständigt.


Foto: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic – Javi

 

Seit 1967 lebt der im spanischen Granada geborene Bernardo Jairo Gomez Garcia in Deutschland. Sein Vater stammt aus Kolumbien, seine Mutter aus Spanien. Schon vor seinen Ausbildungen zum Trockenbaumonteur und Kfz-Lackierer entdeckte Gomez seine Leidenschaft für die Kunst. Er studierte an einer privaten Kunsthochschule Airbrushdesign und wechselte aus der Fabrikhalle ans Lehrerpult. Rund 14 Jahre war Gomez als Spanischlehrer in der Erwachsenenbildung tätig. Seine Interessen gelten der Politik, Geschichte, Literatur und Malerei. Für Neue Debatte schreibt Jairo Gomez über die politischen Entwicklungen in Spanien und Lateinamerika und wirft einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland und Europa.

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