Moderner Kolonialismus – Ein kritischer Blick auf Europas Außenpolitik

Es ist traurig zu beobachten, was die neoliberale Melange aus Politik, Wirtschaft und Finanzsystem aus der Idee des geeinten Europas macht.

Statt lösungsorientiert über den Aufbruch in eine globalisierte Gesellschaft zu sprechen, wird humanistisch befremdlich über Quoten für Flüchtlinge und die Sicherung der Außengrenzen geredet. Was soll das?

Menschen in Not muss geholfen werden. Das steht außer Frage. Zudem sollte niemand vergessen, dass die europäische Außenpolitik mitverantwortlich ist für die Flüchtlingsströme. Durch irrsinnige Waffenlieferungen in Krisengebiete und der kritiklosen Unterstützung der US-amerikanischen Interventionen, steuert Deutschland seinen Teil zur Krise bei.

Wird von der Bekämpfung der Fluchtursachen gesprochen, sollte zuerst das eigene Verhalten hinterfragt und anschließend radikal geändert werden. 2015 wurden in Deutschland Rüstungsexporte in Höhe von 12,81 Milliarden Euro genehmigt. Das ist eine Zunahme von 96 Prozent gegenüber dem Vorjahr (2014: 6,52 Mrd.) und „ein absoluter Rekord in der Geschichte der Bundesrepublik“, schreibt der Bundestagsabgeordnete Jan van Aken.

Moderner Kolonialismus als Ursache

Die Ursachen für die neuzeitliche Völkerwanderung sind aber nicht nur in den Kriegen und gewalttätigen Konflikten zu suchen, die durch Waffenexporte genährt werden. Das sind in meinen Augen lediglich die Auslöser. Nein. Die wirklichen Ursachen liegen im überdauernden Kolonialismus, der als Freihandel seinen Raubzug ungezügelt fortführt.

Durch das Freihandelsabkommen EPA (Economic Partnership Agreement), ein Abkommen über Freihandelszonen zwischen der EU und den AKP-Staaten, zu denen eine Vielzahl ehemaliger europäischer Kolonien in Afrika gehören, wurde der ökonomische Druck auf die lokale Wirtschaft und die einheimische Bevölkerung massiv verstärkt. Den ins soziale Elend getriebenen Menschen bleibt als einzige Alternative, ihre Heimat zu verlassen.

Raubzug durch Afrika und Nahen Osten

Als Resultat der Kongokonferenz teilten die europäischen Mächte 1885 den afrikanischen Kontinent in Kolonien auf und begannen ihren Raubzug. Zwischen Frankreich und dem britischen Empire wurde 1916 der Nahe und Mittlere Osten durch das Sykes-Picot Agreement aufgeteilt. Russland und Italien machten bei der geheimen Absprache mit. Die Folgen sind in allen Regionen bis heute sichtbar.

Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu erkennen, dass die meisten Grenzen am Reißbrett entstanden. Ohne Rücksicht auf ethnische und kulturelle Strukturen wurden die Grenzen gezogen und mit einem Federstrich das Schicksal ganzer Völker besiegelt. Widerstand wurde mit Brutalität und der Macht der Bajonette gebrochen.

Beitragsbild - Neue Debatte - 24052016 -Afrika Kolonien - Gemeinfrei

Nach dem 2.Weltkrieg zogen sich die Kolonialmächte zurück und entließen künstliche Staatskonstrukte in die Unabhängigkeit. Vorher etablierten sie aber vielfach Systeme und politische Marionetten, die die Länder in ihrem Sinne regierten. Die Ausbeutung Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens, dessen Bodenschätze und Erdöl eine wesentliche Säule für den westlichen Wohlstand sind, wurde unter Einbeziehung der USA fortgesetzt.

Ganze Länder wurden verwüstet, verseucht und verstrahlt. Frankreich führte zwischen 1960 und 1966 in Algerien zahlreiche Atomwaffentests durch. Auch oberirdisch wurden Kernwaffen gezündet. Radioaktivität gelangte in die Atmosphäre und Teile der Sahara wurden kontaminiert. Mit den Auswirkungen beschäftigt sich der 2009 veröffentlichte Dokumentarfilm „Gerboise bleue“.

Müllhalde der Wohlstandsgesellschaft

Die Küstenregionen sind durch europäische Trawler leer gefischt. Minen, in denen wertvolle Erze und Mineralien gefördert werden, befinden sich zum größten Teil unter ausländischer Kontrolle. Regierungen sind durch Verträge gezwungen europäische Agrarprodukte zu kaufen, die im lokalen Handel derartig billig angeboten werden, dass sie einheimische Produkte verdrängen. Dadurch wird den Bauern die Lebensgrundlage entzogen.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wird der Abfall der Industrieländern auf dem Afrikanischen Kontinent entsorgt. Die Elektromülldeponie Agbogbloshie in Accra im westafrikanischen Ghana ist ein Beispiel für die Vergiftung der Umwelt durch den europäischen Wohlstandsmüll.

Geostrategische Interessen

Die politischen Entwicklung in diesen Ländern bleibt nicht unbeeinflusst. Die ehemaligen Kolonialherren fördern natürlich die Entstehung von Demokratien, doch ist dies nicht bedingungslos.

Treten die demokratischen Ansätze und Entwicklungen mit den wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen des Westens in Konflikt, so wird schnell klar, dass die sogenannte Hilfe und Förderung zur Schaffung echter Demokratien lediglich ein Deckmantel zu Wahrung eigener Interessen sind. Diese mussten einige Politiker aus afrikanischen Ländern und Ländern des Nahen und Mittleren Ostens teuer bezahlen.

Im Iran wurde der demokratisch gewählte Premierminister Mohammed Mossadegh 1953 auf Drängen von Winston Churchill und mit Hilfe des CIA und des britischen MI6 gestürzt. Mossadegh hatte zuvor Ölquellen verstaatlichen lassen. 1960 wurde im Kongo der Premierminister Patrice Lumumba bei einem Militärputsch, der von den USA unterstützt wurde, gestürzt und später getötet. Der Geheimdienst MI6 soll die Operation geleitet haben.

Der Bumerang-Effekt

Eine Abkehr von dieser Politik ist dringend erforderlich, denn sie wirkt wie ein Bumerang. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Einen Vorgeschmack bekommen wir jetzt schon. Wenn sich die Handlungsweise nicht ändert, wenn unsere Politiker und auch wir nicht aufhören unsere Augen davor zu verschließen, dann dürfte das, was wir derzeit erleben nur der Auftakt sein für das, was auf uns garantiert zukommt.

 

Titelfoto: Creative-Commons-Lizenz CC BY 2.0 – Lantus – (Motiv: Agbogbloshie bei Accra, Ghana).

 

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