Viktor Kortschnoi: Sonnenbrille, Schachbrett und Geigerzähler

Viktor Kortschnoi ist tot. Der Schachprofi, der 1976 aus der Sowjetunion in den Westen emigrierte und mehrfach vergeblich nach der Krone des Weltmeisters griff, verstarb am Montag im schweizerischen Wohlen.

Geht es nach Viktor Kortschnoi, wird auch im Jenseits Schach gespielt. Gegenüber der FAZ kündigte der Großmeister bereits 2005 in einem Interview an, er werde ein Schachbrett mit ins Grab nehmen. Jetzt ist Kortschnoi tot.

Der Schachprofi, der 1976 aus der Sowjetunion in den Westen emigrierte und mehrfach vergeblich nach der Krone des Weltmeisters griff, verstarb am Montag im schweizerischen Wohlen.

Seine Duelle um den Weltmeistertitel mit dem Russen Anatoli Karpow bleiben legendär.

Der Herausforderer

Beitragsbild - Neue Debatte - 07062016 - Viktor Kortschnoi - Schach - Creative Commons Attribution 3.0 - Stefan64 - Wikipedia

Viktor Kortschnoi bei der World Team Chess Championship in Luzern 1993.

1978 und 1981 konnte sich Kortschnoi, der von einem Journalisten den zweifelhaften Beinamen Viktor der Schreckliche erhielt, für den WM-Zweikampf qualifizieren. Beide Auseinandersetzungen wurden von den politischen Ausläufern des Kalten Krieges überschattet. Mit allen Tricks wurde versucht, den ideologischen Kampf der Systeme aufs Brett zu übertragen.

Im Vorfeld des ersten WM-Vergleichs wurde Kortschnoi nach eigener Aussage in der Sowjetunion nur als „Der Herausforderer“ bezeichnet. Sein Name war in der Presse zwar tabu, aber alle Schachfans wussten, wer Karpow im philippinischen Baguio City vom Thron stoßen will. Das Unternehmen scheiterte.

Trotz einer grandiosen Aufholjagd von Kortschnoi, der nach 17 Partien mit 1:4 Punkten  zurücklag und zum 5:5 ausgleichen konnte, verteidigte Karpow dennoch seinen Titel. Er gewann die 32. Partie und beendete den WM-Fight mit 6:5.

Geigerzähler gegen Joghurt

In der Rückblende war es eine Nervenschlacht, die ins Groteske abglitt. Karpow, 20 Jahre jünger als sein Herausforderer, löffelte während der Partien Joghurt. Kortschnoi hielt dagegen und setzte sich eine Sonnenbrille auf. Sein Sessel, den er sich aus der Schweiz mitgebracht hatte, war von Karpow beanstandet und mit Röntgenstrahlen durchleuchtet worden. Als Gegenmaßnahme bemühte Kortschnoi einen Geigerzähler.

Beide Seiten rüsteten weiter auf. Im Kampf um nationales Prestige schickten die Sowjets einen Parapsychologe in die erste Zuschauerreihe. Seine Aufgabe: Kortschnoi anstarren und ihn so aus der Konzentration bringen. Der Konter des Exilrussen folgte prompt. Kortschnoi griff zum Sonnenbrillenmodell mit verspiegelten Gläsern. Die Maßnahme half nicht. Am Ende gab es für ihn 400.000 D-Mark Prämie als Trostpflaster. Karpow bekam 700.000 Mark.

Drei Jahre später kam es in Meran erneut zum Treffen der Giganten. Kortschnoi, der Mikhail Botvinnik als sein Idol bezeichnete, wurde von Karpow förmlich überrollt und verlor mit 2:6 Punkten.

Schach bis zum Ende

Kortschnoi blieb weiterhin in der Weltspitze und erzielte zahlreiche Turniererfolge. Fünf Mal gewann er die Landesmeisterschaft der Schweiz. Zwischen 1978 und 2008 nahm er für die Eidgenossen elf Mal an der Schacholympiade teil, spielte vier Mal bei den Mannschaftsweltmeisterschaften und acht Mal bei den Mannschaftseuropameisterschaften. Dazu kommen zahlreiche Erfolge für das Team der UdSSR. Rund 5000 Schachpartien von Kortschnoi sind dokumentiert.

Nach einem Schlaganfall 2012 war Kortschnoi in seiner Bewegung deutlich eingeschränkt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Das hielt ihn nicht davon ab, weitere Partien zu spielen. In Leipzig traf er 2014 auf den Großmeister Wolfgang Uhlmann. Kortschnoi gewann den Vergleich und gab Chess-News.ru sogar noch ein Interview. Bis zuletzt zog es Kortschnoi ans Schachbrett. Nur der Titel des Weltmeisters blieb ihm verwehrt.


Fotos: PublicDomainPicturesCC0 Public Domain (Pixabay.com) und Stefan64 –  Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 (CC BY-SA 3.0).


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