Postmoderne Himmelfahrtskommandos

Quasi mit der Geburt der Soziologie hat sich die Disziplin mit Selbstmorden beschäftigt und dabei wichtige Erkenntnisse produziert. Ein Blick in dessen Ursachen zeigt, dass Selbstmordanschläge eigentlich gar nicht so befremdlich wirken dürften. Eine vorsichtige Betrachtung von Dominik Schlett.

Der Begründer der französischen Soziologie Émile Durkheim verfasste 1897 eine Studie mit dem Titel „Der Selbstmord“.

Er behauptete, dass Selbstmordraten zwischen einzelnen Ländern variieren würden, innerhalb eines Landes jedoch relativ stabil blieben. Er fand zudem heraus, dass Unverheiratete öfter Suizid begehen als Verheiratete, Protestanten häufiger als Katholiken. Warum? Kollektive Desintegration! Wer also anders als die gesellschaftliche Mehrheit tickt, ist potentiell mehr gefährdet.

Das alltägliche Leben erscheint kompliziert, verwirrend und unvereinbar mit persönlichen Ansichten.

Psychologen andererseits führen den Selbstmord auf Geisteskrankheiten zurück. Maurice Halbwachs, ein Schüler Durkheims, kombinierte Psychologie und Soziologie. Er vermutete die Ursachen in der persönlichen Wahrnehmung der gesellschaftlichen Lebenswelt.

Für ihn sind es vor allem gesteigerte Komplexitätserfahrungen die die Herausbildung einer stabilen Persönlichkeit erschweren. Soll heißen, der eigene soziale Erfahrungshorizont reicht nicht länger aus, um die wahrgenommene Umwelt zu verstehen. Das alltägliche Leben erscheint kompliziert, verwirrend und unvereinbar mit persönlichen Ansichten. Wie wirkt sich das aus?

Soziale Isolation als Faktor

Mithilfe psychologischer Erkenntnisse wollte Halbwachs den potentiellen Selbstmörder aufgrund seiner psychischen und affektiven Verfasstheit bereits vor der Tat ausmachen. Hier zeigen sich Schwächen sowie Schwierigkeiten präventiver Arbeit.

Erstens sind Psychologie sowie Soziologie keinesfalls exakte Wissenschaften. Und zweitens sind die daraus resultierenden Zustände gegenwärtig weit verbreitet, wie zahlreiche Burn-Out-Diagnosen belegen.

Auch der Faktor der sozialen Isolation zeigt die Schwierigkeiten. Insofern jede, einer ordentlichen Arbeit nachgehenden Person nicht zwangsläufig gesellschaftlich isoliert sein muss, sich aber isoliert fühlen kann, vielleicht sogar will. Wie kann es dennoch soweit kommen?

Gewohnheiten und Gefühlswelten

Das Denken jedes einzelnen Menschen ist durch seine wechselseitige Beziehung mit der gesellschaftlichen Umwelt gewissermaßen vordefiniert.

Das Gehirn wird von klein auf durch das soziale und kulturelle Umfeld ebenso gefüllt, wie über Fernsehen und Computer. Darin zeigt sich das wesentliche sozialpsychologische Argument von Halbwachs: für ein innerhalb einer Gesellschaft erlerntes Denken gibt es nichts Schlimmeres, als soziale Leere.

Für die Leere dürfen hierin nicht allein die gesellschaftlichen Konfigurationen wie Familienstatus, Beruf und Besitz berücksichtigt werden, sondern vielmehr die handlungsrelevanten Gewohnheiten und Gefühlswelten, die je nach sozialer Gruppe und Milieu über Jahre hinweg praktiziert wurden.

Religion nur ein Aspekt unter vielen

Die gesamte, psychologische Wahrnehmung definiert sich deshalb vor allem über die erfahrene Außenwelt und strukturiert damit den spezifischen Erfahrungshorizont. Auf Selbstmord allein bezogen relativiert Halbwachs damit auch den Zusammenhang von Religionen und Suizidraten. Insofern ist die Religion nur ein Aspekt unter vielen.

Ob Religion nun für einen Suizid verantwortlich ist oder nicht, ist angesichts der Vielfalt der handlungsrelevanten Gewohnheiten so gesehen eine tautologische Aussage. Soll heißen, wenn der Hahn kräht, dann regnet es, oder es regnet nicht. Das Milieu definiert sich somit über weitaus mehr. Kurz, über alle Erfahrungen denen eine Person oder Gruppe ausgesetzt war und ist.

Deshalb trennte Halbwachs zwei Arten des Suizids: den persönlichen, der auf eine Störung im Organismus, in diesem Fall der Psyche zurückzuführen sei; und den Selbstmord als Störung des „kollektiven Gleichgewichts“, das wiederum der sich verändernden, wahrnehmbaren sozialen Umwelt geschuldet ist.

Insofern das gesellschaftliche Umfeld, also Schule, Familie, Vereine, Freunde aber auch Massenmedien für Personen sensibilisierend, unterstützend, vor- und nachsorglich sowie bewusstseinsbildend wirken, gehen mit Veränderungen dieses Umfelds eben auch Wahrnehmungsveränderungen einher.

Selbstmord häufigste Todesursache junger Menschen

Vor allem in Zeiten des „gesellschaftlichen Schwebens“ wie der Ausbildung ändern sich Umfeld und damit Wahrnehmung häufig. So veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2014 eine Studie, der zufolge Selbstmord mit 17,4 % die am häufigsten anzutreffende Todesursache von 15-29-Jährigen darstellt.

Aufgrund solcher Studien ist die Politik unlängst aktiv geworden. Es existiert bereits ein Aktionsplan für psychische Gesundheit den 53 Staaten der europäischen Region unterstützen. In solchen Plänen geht es um „die Einschränkung der Möglichkeiten zum Suizid durch die Sicherung von Schusswaffen und gewissen Arzneimitteln“.

Suizid ist ein Phänomen, dass das Risiko der Nachahmung in besonderem Maße erhöht. Kurz, die Methodik wird gern kopiert. Was bedeutet diese Logik nun für Selbstmordattentäter?

Die Gefahr der Nachahmung

Es zeigt ein gewisses Dilemma. Einerseits möchte eine Bevölkerung über Tathergang und Tatmotiv ausführlich informiert werden, andererseits steigt dadurch die Gefahr der Nachahmung.

So gesehen ebnen Selbstmordattentate den Weg für eine Gewaltspirale, infolgedessen sich nicht allein potentielle Täter animiert fühlen können, sondern vielmehr auch eine veränderte Wahrnehmung des gesellschaftlichen Umfelds in Gang gesetzt wird.

Dadurch kann sich ein gesellschaftlicher Erfahrungshorizont verschieben, denn die neue, wahrgenommene Umwelt wird verzerrt aufgrund der massenmedialen Betrachtung derselben. Darin zeigt sich die eigendynamische Logik einer politisch-gesellschaftlichen Krisenphase und die paradox erscheinende Lesart des Soziologen Niklas Luhmann, mehr Kommunikation bedeute mehr Konflikt.

Eine Gesellschaft will ihre Umwelt verstehen.

Kommunikation gibt es im digitalen Zeitalter reichlich. Die Wahrnehmung verzerrt den gesellschaftlichen Erfahrungshorizont. Eine gesellschaftliche Wirklichkeit muss sich daraufhin aufs Neue konstituieren und neue Gewissheiten integrieren. Der Wahrheitsfindungsdrang verstärkt sich, um die neue Wahrnehmung in einen Horizont einbetten zu können.

Eine Gesellschaft will ihre Umwelt verstehen. Es kann also passieren, das vor allem absolute Wahrheiten und Ideen attraktiv wirken können. Letztlich geht es also um Wirklichkeitsdeutungen bezüglich des wahrgenommenen Umfelds: die Deutungshoheit ist entscheidend. Und wie ein Donald Trump beweist, können darin jene Deutungen gesellschaftsrelevant werden, die die einfachsten Wirklichkeiten anbieten.

Märtyrertum ist kein rein religiöses Phänomen

Es ist eine Logik, der auch Selbstmordattentäter unterliegen. Der Wahrheitsfindungsdrang mündet in eine höhere Wirklichkeit, die eine einfache Weltdeutung propagiert. So fokussiert die Forschung gegenwärtig vor allem fanatisierte Religiösität und deren Wirklichkeiten. Die Art des Todes an sich bietet darin Erlösung und Errettung von der komplizierten, organischen Hülle.

So zeigten Studien und Dokumentationen vor allem euphorisierte Selbstmordattentäter, die im Angesicht der transzendenten Erfahrung orgiastische Gefühlsregungen verspürten. Doch auch wenn Personen wie Jesus Christus sich persönlich opfern, ist Märtyrertum jedoch kein rein religiöses Phänomen. Die japanischen Kamikaze-Kämpfer, die Ein-Mann-U-Boote der deutschen Nationalsozialisten, sie alle bezeugen buchstäbliche Himmelfahrtskommandos, worin das eigene Leben hinter einer Idee verschwindet.

Lächeln kann den Tag verwirklichen

Gesellschaftlich initiierte, kulturelle Universen schaffen es damit immer wieder aufs Neue, den organischen Lebensdrang zu überwinden und einzelne Menschen zu bestialischen Taten zu motivieren.

Selbstmordattentate sind damit nichts anderes, als die individuelle Verkörperung bestimmter Gesellschaftsentwürfe. Ein bestimmter Lebensstil wird über den anderen gestellt.

Zwar sind labile Persönlichkeiten anfälliger für solche Verkörperungen, letzten Endes jedoch geht es darin um umkämpfte, symbolische Wirklichkeitsdeutungen. Nicht allein Wissenschaft und Religion streiten darüber, sondern auch tagtäglich Millionen von Menschen vor Gericht.

Besser, man gewöhnt sich an die neuen Himmelfahrtskommandos. Oder ganz anders, man lächelt im Alltag fremden Leuten zu. Das allein kann den Tag verwirklichen.

Über den Autor

Dominik Schlett

 lebt zurzeit in Südamerika, dort in Chile und Bolivien. Als Sozialwissenschaftler interessieren ihn vor allem gesellschaftliche Morphologien und kollektive Psychologien und wie sie sich anhand kultureller und technischer Artefakte herausbilden. Politisch engagierte er sich bisher für DiEM2025 sowie für einige Studentenvertretungen. Der Beitrag von Dominik Schlett erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner Pressenza.com.

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