Nuit Debout

Nuit Debout – Der Weg einer Bewegung (Teil 1)

Nuit Debout ist vielfältig und daher nicht kategorisierbar. Nuit Debout fordert nichts und will alles. Nuit Debout hat keine Leader, ist rebellisch, aufständisch, widerspenstig.

Nuit Debout ist mehr als nur ein Kind der ungeliebten Arbeitsmarktreformen. Die soziale Bewegung will den gesellschaftlichen Wandel in Frankreich. In einer mehrteiligen Serie wird der Weg von Nuit Debout aus Sicht der Nuitdeboutisten skizziert.

Nuit Debout. Zwei Worte, die seit dem 31. März 2016 oft wiederholt wurden. Zwei Worte, die die Geburt einer neuen Bewegung symbolisieren, zuerst auf der Place de la République in Paris, dann in ganz Frankreich sowie im Rest der Welt.

Nuit Debout ist vielfältig und daher nicht kategorisierbar. Nuit Debout fordert nichts und will alles. Nuit Debout hat keine Leader, ist rebellisch, aufständisch, widerspenstig.

Während der nächsten Wochen wird Gazette Debout, das unabhängige Journal der Nuit Debout, mit einer Auslese der besten aus insgesamt 700 Artikeln die Geschichte dieser Bewegung wieder aufleben lassen.

Geboren auf der Place de la République

Am Abend des 31. März 2016 sind wir nicht nach Hause gegangen. Dem Aufruf der Zeitung „Fakir“ und des Kollektivs „Convergences des Luttes“ folgend, versammelten sich nach einer Demonstration gegen das neue Arbeitsgesetz hunderte von Menschen auf der Place de la République.

Aber der Protest ging weit über den Widerstand gegen den Gesetzesentwurf (Anm.: zur Reform der Arbeitsgesetze) von Ministerin Myriam El Khomri hinaus. Abend für Abend wurde auf der Place de la République diskutiert, gemeinsam überlegt und der Grundriss für eine neue Welt entworfen.

Die soziale Bewegung Nuit Debout
Nuit Debout entstand auf dem Place de la République. (Foto: Nuit Debout)

Gazette Debout entstand am 12. April, um all die neuen Initiativen einzusammeln und festzuhalten, die hier geboren wurden, die aber in den traditionellen Medien kein Echo fanden. Wir wollten das Leben dieser fast schon eigenen Stadt, zu der die Place de la République geworden war, dokumentieren.

Sehr bald schon bekamen wir unsere eigene Plattform und konnten die ersten Artikel über all die Freiwilligen und ehrenamtlichen Helfer publizieren, die sich bei den zahlreichen Veranstaltungen um das leibliche Wohl der Teilnehmer kümmerten.

Taufe der Nuitdeboutisten

Diese Aktivisten, die „Nuitdeboutisten“ getauft wurden, beteiligten sich bald auch an anderen Widerstandsveranstaltungen wie die der Comédie Francaise. Spontane Versammlungen gab es auch vor dem Théâtre de l’Odéon, die allerdings von den CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité; vergleichbar mit der Bereitschaftspolizei, Anm. d. Übers.) vehement unterdrückt wurden.

Über Paris hinaus hatte sich die Nuit Debout schnell in ganz Frankreich verbreitet und Gazette Debout bemühte sich, über all diese lokalen Initiativen zu berichten, unter anderem mit einer Reportage aus Lyon und einer Rubrik, die den regionalen Städten gewidmet ist.

Beitragsbild - Nuit Debout - Anarchismus - Neue Debatte - 13052016 - Unsplash - CC0 - Pixabay
Die Bewegung hat sich von Paris aus über Frankreich ausgedehnt. (Foto: Unsplash)

Bei den Behörden traf die spontan entstandene Bewegung keinesfalls auf Zustimmung, im Gegenteil taten diese alles, um die Nuitdeboutisten zu entmutigen, indem sie jegliche dauerhafte Installation auf der Place de la République untersagten.

Nichtsdestotrotz strömten weiterhin neue Sympathisanten dazu, und von Abend zu Abend wurden es mehr. Die ersten Wochen waren sehr bewegt und am Schluss waren die CRS zum Teil des Hintergrundbildes geworden und gehörten fast schon irgendwie dazu.

Konfrontation mit der Staatsgewalt

Nuit Debout wurde von allen Demonstrationen gegen den Entwurf des Arbeitsgesetzes sehr gut aufgenommen. Dabei kam es bei manchen Umzügen auch zu Gewalt, allerdings von Seiten der Sicherheitskräfte, die durch zahlreiche Augenzeugenberichte belegt sind und die den Willen zur Weiterführung der Bewegung nur verstärkten.

Während diesen Demonstrationen wurden Verletzte von dem Street Médics versorgt von ehrenamtlichen Helfern, die ihre eigene Gesundheit riskierten, um andere zu retten. Sie stehen in erster Reihe und können die Zunahme der Gewalt seitens der Polizei bezeugen.

Polizisten mit Schutzhelm, aber in Zivilkleidung.
Polizisten in Zivilkleidung in den Straßen von Paris (Foto: Nuit Debout)

Einer der am meisten gelesenen Artikel von Gazette Debout ist der Augenzeugenbericht von Aline (Anm.: eine Krankenschwester), bei dem ein sehr erfahrener Street Médic das Chaos bei der Demonstration des 28. April beschreibt und sich über das Schweigen der großen Medien zum Thema der Gewalt wundert.

Alexandre, ein ehrenamtlicher Helfer, den wir im Juni trafen, geht sogar noch weiter in seiner Einschätzung, dass die CRS zu einer Art Miliz des Staates geworden sind.

Sinfonie des Orchester Debout

Aber Nuit Debout beschränkt sich nicht nur auf die Problematik der sozialen Proteste. Auf der Place entstand auch eine Fülle von positiven, kreativen und originellen Initiativen.

So kamen hunderte von Musikern fünfmal zu einem großen symphonischen Konzert zusammen, das zu Füßen der Statue der französischen Republik stattfand. Das Orchester Debout hofft so, ganzen Generationen Hoffnung wiederzugeben.

Gazette Debout ist nicht das einzige Medium, dass auf der Place de la République entstand. TV Debout und Radio Debout informieren täglich über die Debatten, die bei den Versammlungen stattfinden, Reportagen und Interviews runden die Berichterstattung ab.

Berichte von TV Debout und Radio Debout

Seit dem 4. April sind die Teams von TV Debout täglich auf der Place präsent. An die 160 Personen kamen in 4 Monaten zu Wort, wie auch der berühmte Historiker Benjamin Stora. Für den alten 68er war Nuit Debout ein wenig wie seine eigene revolutionäre Madeleine de Proust. Ein leidenschaftliches Interview entstand, das wirklich sehenswert ist.

Radio Debout hat seinerseits um die 30 Auszüge aus seinen besten Sendungen zusammengestellt, darunter auch das Interview mit Edgar Morin, Philosoph, Soziologe und wacher Zeuge des neuen Geistes, der durch Nuit Debout entstanden ist.

Mit scharfem Blick und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen liefert er seine Analyse einer Bewegung, von der er nicht zögert, sie mit dem Forum Romanum oder der griechischen Agora zu vergleichen; glücklich darüber, dass „die Bürger wieder das Wort ergreifen“.

radio-debout

Sein Appell lautet für eine Koordination zwischen den Bewegungen, die sich in Paris und anderswo in Frankreich, in Europa und auf der ganzen Welt zusammengefunden haben. Unter Bezugnahme auf die Bewegungen von Podemos und Occupy Wall Street ist er der Meinung, dass Nuit Debout „die vielleicht interessanteste ist, da sie ein Territorium von höchster Symbolkraft besetzt und es geschafft hat, dort zu bleiben sowie auch auf andere Bewegungen in der Provinz und in der Peripherie überzuspringen“.

Er erinnert zudem daran, dass „die wahre Globalisierung nicht dazu da ist, um das westliche Modell anderen im Namen der Entwicklung überzustülpen, sondern um eine Synthese aus dem jeweils Besten der verschiedenen Zivilisationen zu schaffen“.

Umwelt, Erziehung, Globalisierung, Palästina: die Analyse von Edgar Morin berührt jedes einzelne der vielen Themen, die allnächtlich von den Teilnehmern der Nuit Debout diskutiert werden. Hörenswert – und hier erneut zu hören ohne Moderation.

Wir sind am Ende der ersten Episode angelangt. Für weitere Informationen zu Nuit Debout finden Sie Gazette Debout auf Twitter und Facebook sowie auf der Webseite: gazettedebout.fr.

Nächste Woche folgt eine neue Episode zur Geschichte von Nuit Debout.

Den zweiten Teil von „Nuit Debout – Der Weg einer Bewegung“ können Sie hier nachlesen. Der dritte Teil ist hier zu finden.

Übersetzung aus dem Französischen von Evelyn Rottengatter.

Fotos: Gazette Debout und Nuit Debout sowie Unsplash (Eifelturm – CC0)

Mit Dank an unseren Kooperationspartner Gazette Debout für die Zustimmung zur Übersetzung und Übernahme sowie an Evelyn Rottengatter und Pressenza für die Unterstützung.

 

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