Antonietta Chiodo Kultur

Das Theater rezitiert einen freien Geist

Es ist unmöglich für den Menschen, die Künste nicht zu lieben, weil er sie in sich trägt.

Antonietta Chiodo traf in  Gaza City den Theateregisseur Ali Abu Yassin, der mit seinen Adaptionen eine Annäherung an die antiken Werke des Abendlandes schaffen will.

Im Gazastreifen sind heutzutage Kunsthandwerk und kulturelle Initiativen, die jungen Menschen helfen sollen, ihre persönliche und berufliche Entwicklung voranzubringen, immer mehr an der Tagesordnung.

Zwischen Musik, Tanz und Schauspiel versucht man, die Aufmerksamkeit über den Krieg hinaus zu lenken und die Tatsache zu vergessen, dass die physischen Grenzen immer noch unüberschreitbar sind.

Grenzen im Bezug auf künstlerische Aktivitäten jedoch machen nicht bei der reichen arabischen und palästinensischen Kultur Halt, sondern man nähert sich auch wieder klassischen Erzählungen wie der von Romeo und Julia an, die heutzutage vom Autor und Regisseur Ali Abu Yassin adaptiert werden und so eine Form der Annäherung an die antiken Werke des Abendlandes schaffen.

Auf dem Weg in eine freie Zukunft

Der Regisseur kann auf jahrzehntelange Erfahrung im Bereich Theater und Fernsehen in Palästina zurückblicken. Er liebt es, mit jungen Menschen zu arbeiten und empfindet das als einen Keim der Hoffnung und ein neues Wahrnehmen des eigenen kulturellen Erbes, auf dem Weg in eine Zukunft ohne Bewegungsfreiheit, die heute noch immer unter den vielen Differenzen zwischen den Völkern leidet.

Shakespeare-Aufführung in Gaza 01
Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ wird auch in Gaza aufgeführt.

In der Vergangenheit hat er Regiearbeiten zu zahlreichen Adaptionen sowohl arabischer als auch internationaler Werke für sich verbuchen können. Er war künstlerischer Leiter der „Stiftung Theater Ishtar“, wurde als bester Schauspieler beim Internationalen Filmfestival von Tunis ausgezeichnet und trug somit einmal mehr nicht nur die arabische Kunst und die des Gazastreifens über deren Grenzen hinaus.

Der Regisseur und Schauspieler Ali Abu Yassin ist auch heute noch einer der wichtigsten Vertreter des palästinensischen Fernsehens, ein hochgeachteter Künstler im Bereich Verbreitung der jordanischen Kultur und Mitglied der Abteilung Spielfilm beim palästinensischen Fernsehen.

Antonietta Chiodo: Welche Bedeutung hat das Theater für die Bevölkerung in Gaza?

Ali Abu Yassin: Ich bezeichne das Theater gerne als Fenster, um aus diesem Leben, das täglich voller Tränen und Schwierigkeiten ist, herausschauen zu können. Eine Art Öffnung für andere Dinge, die persönliches Wachstum und Träume von einer besseren Zukunft möglich macht.

Es gilt, gerade jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, die eigenen Hoffnungen zu nähren und einen Ort zu schaffen, wo man sich hilft, wo man Trost und Heiterkeit findet. Es ist für diese jungen Menschen so wichtig, der schmerzhaften Politik, die ihnen nur das Gefühl von Unterdrückung vermittelt, entfliehen zu können und ihnen so die Möglichkeit einer anderen Sichtweise zu schenken.

Theater im Gazastreifen 02
Für Ali Abu Yassin ist das Theater ein Ort für Trost und Heiterkeit.

Eine andere Art, um der Isolation entgegenzutreten, in der sich die Bevölkerung von Gaza unter Besetzung täglich befindet, indem man in Gesellschaft gemeinsam heitere Momente der Zerstreuung schafft und erlebt.

Unter welchen Kriterien werden die Theateraufführungen ausgesucht?

Die Aufführungen werden mit Umsicht ausgewählt. Es sind Erzählungen, die darauf abzielen, die Aufmerksamkeit in die Ferne zu führen, hin zu Träumen, Wünschen und Bestrebungen. Die arabische Geschichte ist voll von Revolten, Kriegen und Traurigkeit, deshalb ist es für die Kunst nicht gut, sich von der Verwestlichung zu entfernen.

Denken wir nur an die antike Kunst des griechischen Theaters Almissa. Sie erzählt von Tragödien, die auf Schmerz und Opferung basieren. Ich bin deshalb der Auffassung, dass die palästinensische Frage für das Heute eine wichtige Rolle spielt.

Das Theater ist ein Ort, der die Seelen zum Leuchten bringt.

Ich widme mich jeden Tag der antiken Kunst und versuche, ihr einen neuen Geschmack von Entdeckung zu geben, sie auf der Bühne durch eine neue Art, sie zu lesen, zu interpretieren und sie so interessant wie möglich zu machen. Kunst ist nicht nur Kunst. Sie ist auch Schönheit und Liebe, sie beinhaltet eine menschliche Nachricht, in der das Theater ein Ort ist, der die Seelen zum Leuchten bringt.

Die Kunst liebt ganz einfach die Liebe und sie hasst den Hass und den Ekel, und hieraus entsteht Größe und Kreativität. Wenn ein Kind geboren wird und die Leichtigkeit der Musik in sich spürt, so hat die Kunst die Seele berührt.

Ich bin davon überzeugt, dass eine Nation ohne Kunst, Film und Musik eine Nation ohne Verstand ist.

Es ist unmöglich für den Menschen, die Künste nicht zu lieben, weil er sie in sich trägt. Es sind die Gewohnheiten und die überlieferten Glaubensgrundsätze, die das Böse erzeugen, von Natur aus sind wir friedlich, ja wir sind tatsächlich wunderbare Wesen auf dieser Erde.

Kann das Theater Bewusstsein wieder erschaffen?

Ich bin davon überzeugt, dass eine Nation ohne Kunst, Film und Musik eine Nation ohne Verstand ist. Mein Hoffnung ist, dass Gaza wie das antike Athen wird, geboren aus der Liebe und dem Theater.

Theater im Gazastreifen 03
Das Theater gibt jungen Menschen eine Aufgabe und Hoffnung für die Zukunft.

Für den Theaterregisseur Ali Abu Yassin wird es einen neuen theatralischen Geist geben. Platon war ein Vordenker dieses Gedankens und berühmt ist sein Ausspruch „Die Musik ist für die Seele, was die Gymnastik für den Körper ist“, gemäß dem antiken Credo, dass Brot und Spiele die Menschen zivil macht.

Übersetzung aus dem Italienischen von Evelyn Rottengatter

Alle Fotos: Shadi AlQarra

Der Beitrag von Antonietta Chiodo erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner Pressenza.com.

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