Die Lust auf gebrochene Knochen und Tritte gegen den Kopf

Mit dem Abpfiff war das mediale Interesse am Hooliganismus vorbei. Die unter dem Begriff Hooligans subsumierten Gruppierungen, die sich praktisch in allen (Fußball-)Nationen finden lassen , und mit Fankultur nichts gemein haben, sind Teil der sozialen Schlacke einer zunehmend verrohenden Gesellschaft.

Während in Frankreichs Fußballstadien um den Titel des Europameisters gekickt wurde, prügelten Hooligans auf den Tribünen und den Straßen von Marseille bis Lille auf sich und vor allem andere ein. Kurzfristig rückten ausgeschlagene Zähne, gebrochene Knochen und die Geilheit auf Brutalität in den Mittelpunkt.

Mit dem Abpfiff war auch das Interesse am Hooliganismus vorbei. Ein Fehler, wurde doch die Chance verpasst, ausufernde Aggression grundsätzlich zu hinterfragen. Denn die unter dem Begriff Hooligans subsumierten Gruppierungen, die sich praktisch in allen (Fußball-)Nationen finden lassen, sind lediglich Teilmenge der sozialen Schlacke einer zunehmend verrohenden Gesellschaft. Ihre Gewalt ist Ausdruck der Entzivilisierung.

Den kommerzialisierten Fußball nutzt diese Subkultur als Resonanzboden für den eigenen Narzissmus, wohl wissend, dass die Medien ihr aggressives Selbstbildnis wie ein Herold als Eilmeldung in die Welt posaunen werden – was auch bei der Europameisterschaft in Frankreich passierte.

Wo Hooligans auftauchen, sind Randale (fast) garantiert, die die Kreativität in den Redaktionsstuben beflügeln. Die WELT berichtete über Jagdszenen in der Innenstadt von Lille. Der in Köln erscheinende Express schrieb vom Hooligan Wahnsinn und die ZEIT von der Hochsicherheitszone Lille und den Präventivmaßnahmen der Polizei gegen gewaltbereite Fans. Die FAZ bemühte gleich das Wort vom Krieg und hob die Gewaltexzesse russischer Hooligans für ein paar Tage auf die politische Ebene.

Das sind keine Fans, das sind Terroristen, die machen alles kaputt. (Fußballtrainer Ante Cacic)

Auch die Begegnung in Saint-Etienne zwischen den Teams aus Tschechien und Kroatien wurde von Krawallen überschattet. Kroatiens Nationaltrainer Ante Cacic sprach nach der EM-Begegnung aber nicht von randalierenden Hooligans. Er führte die Schläger sprachlich auf ein völlig neues Niveau und bezeichnete sie als Terroristen. Das ist völlig überzogen, dennoch nahmen die Medien die Steilvorlage dankbar an …

Reduktion der Komplexität

Der Informationsgehalt der Berichte, der sich vornehmlich auf die Zahl der Verletzten, den Imageverlust für den Fußball allgemein sowie Strafmaßnahmen der UEFA gegen die Herkunftsländer der Hools fokussierte, war gering. Spektakulär kamen die präsentierten Fotos und Videos daher.

Auf die soziologischen Aspekte der Gewaltausbrüche wurde vereinzelt eingegangen. Zugegeben: Harmlose Sportzuschauer, echte Fußballfans und Hooligans in einen semantischen Topf zu werfen, die Begriffe umzurühren und eine Story zu servieren, erleichtert die Schreiberei.

Ökonomischer Erfolg diktiert die journalistische Ethik.  (Bernhard S. Debatin, Prof. für Journalistik)

Irgendwie auch verständlich. Der Arbeitsdruck im Journalismus ist enorm. Die Redaktionen sind ausgedünnt, die Belastung hoch. Freie Journalisten darben am Hungertuch und müssen sich genau überlegen, ob sie sich mit Recherchen aufhalten wollen, die sie materiell keinen Millimeter vorwärtsbringen.

Dazu passt eine Aussage von Bernhard S. Debatin. Der Professor für Journalistik an der E.W. Scripps School of Journalism an der Ohio University (Athens/USA) sagte im Zusammenhang mit der Bezahlung von Interviewpartnern, dass der ökonomische Erfolg in Form von Auflage und Reichweite letztlich die journalistische Ethik diktiert.

Die Gruppierung macht den Unterschied

Eine Vertiefung der Thematik, die zumindest versucht Antworten auf die Ursachen von Aggression und Gewalt zu liefern, ist kompliziert, macht die Texte lang und teilweise schwer im Abgang. In einer Medienlandschaft, die das Gewinnstreben in den Mittelpunkt stellt, ist das kontraproduktiv. Deshalb kommt die Reduktion der Komplexität auf das Erkennbare gelegen, selbst wenn das Wesentliche auf der Strecke bleibt.

Beitragsbild - Neue Debatte - 13062016 - - Gewalt EM Fussball - Tazebeth - CC BY 2.0 - flickr

Aus dem Rowdytum der 1950er und 1960er-Jahre entwickelte sich in England die Aggressionskultur der Hooligans.

Doch welcher Fußballenthusiast, der begeistert ein Fähnchen schwenkt und friedlich sein Team anfeuert, hat schon ein Interesse daran, in einem Atemzug mit potenziellen oder tatsächlichen Gewalttätern genannt zu werden? Gerade in der pluralistischen Gesellschaft macht die Gruppierung den feinen Unterschied. Um so wichtiger ist eine zumindest grobe Kategorisierung der Protagonisten in Zuschauer, Kuttenfans, Ultras und Hooligans.

Der Zuschauer sitzt im Stadion und erfreut sich am Spiel. Der Kuttenfan identifiziert sich mit dem Team und trägt seine Farben als Zeichen der Verbundenheit. Die Ultras gehen weiter und erhöhen ihre Mannschaft auf eine göttliche Ebene, der alles untergeordnet wird. Gewalt spielt bei ihnen eine Rolle, aber nicht ausschließlich. Dann sind da noch die Hools. Für sie sind Gewalttätigkeiten substanziell, daher lässt sich diese soziale Gruppierung recht deutlich abgrenzen.

Und so schwer ist das nicht, wie der NDR in einem Interview mit dem Sportsoziologen Gunter A. Pilz zeigte. Der bekannteste Fanforscher Deutschlands räumte en passant mit der Mär vom Ehrenkodex der Hools auf.

Da wurde Leuten auf den Kopf getreten, die schon regungslos am Boden lagen und es wurden vor allen Dingen Fans und Zuschauer angegriffen, die überhaupt keine Hooligans waren. (Gunter A. Pilz im NDR-Interview)

Bis in die 1990er-Jahre galt in der Szene, sich nur mit anderen Hooligans zu schlagen und auf niemanden einzutreten, der am Boden liegt. Doch das ist lange vorbei. Wehrhaft oder nicht: Heute wird jeder attackiert, der sich in Schlag- und Trittweite befindet.

In den letzten Jahren, so erklärte es Pilz, sei zudem ein Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Aspekten von Armut und Reichtum, rechtsradikalen Ideologien und Gewaltfantasien und Gewaltbedürfnissen zu erkennen, was „letztendlich den Hooliganismus ein Stück weit zum Leben erweckt“.

Anerkennung liefert das Netz

Außerhalb der Stadien wird sich zur heimlichen Prügelei verabredet. Schließlich macht Übung auch den Meister beim Polieren der Visage. Doch ganz ohne Beifall und irgendeine Art von Anerkennung durch externe Aufmerksamkeit geht es auch bei den Hools nicht. Die Prügeleien werden daher gefilmt und im Internet über Videoportale verbreitet, um sich die nötigen Claqueure im Nachklang zu sichern. Das gelingt.

Eine Massenschlägerei zwischen Hooligans aus Köln und Frankfurt auf einem Waldweg brachte es zum Beispiel auf rund 170.000 Aufrufe. Eine fast mittelalterlich anmutende Schlacht zwischen Hools von Legia Warschau und Górnik Zabrze wurde auf YouTube 7100-mal abgespielt.

Hooligans tauchen daher auch nicht zufällig bei einer EM auf oder weil ein Kimmich, Gomez oder Götze über den Rasen toben. Das ist völlig egal. Die Hauptsache ist, die Kameras laufen und die Gewalt kann vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern zur Schau gestellt werden.

Fußballfunktionäre zeigen sich oftmals merkwüdig überrascht und erschrocken über die Auswüchse der Aggression. Dabei wurde in Deutschland das erste Todesopfer des Hooliganismus bereits im Oktober 1982 vermerkt. Bei Auseinandersetzungen zwischen Hooligans von Werder Bremen und dem Hamburger SV wurde Adrian Maleika von einem Stein getroffen und verstarb an seinen Verletzungen. Auch die Videoaufnahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 1998, als der französische Polizist Daniel Nivel von Hooligans ins Koma getreten wurde, sollten sich ins Gedächtnis eingebrannt haben.

Aber als sei die Gewalt aus dem Nichts aufgetaucht, wird mediengerecht in Aktionismus verfallen, um den Imageschaden für das Business kleinzuhalten. Stadionverbote, bauliche Maßnahme und immer neue Fanprojekte werden bemüht, um das vom Schimmelpilz der Gewalt befallene Produkt Fußball zu retten.

Knochen splittern, Zähne brechen

Evolutionär entsprangen die Hooligans der Ursuppe des englischen Fußballs. Auf der Insel mauserte sich das Rowdytum der 1950er und 1960er-Jahre zu einer reinen Aggressionskultur, die Fanschal und Kutte gegen Markenklamotten austauschte und sich ab Ende der 1970er-Jahre wie eine biblischen Plage über die Fußballwelt ausbreitete. Heute ist das Phänomen keiner sozialen Schicht mehr zuzurechnen. Hools kommen aus allen Milieus.

In der Reportage Unterwegs mit Hooligans für die Frankfurter Rundschau zeigte der Journalist Sascha Hellmann auf, dass sich vielfach moderne Biedermänner aus der gesellschaftlichen Mitte der Gewalt verschrieben haben. Da prügeln Juristen, Grafiker und Betriebswirte genauso mit wie der Fließbandarbeiter oder der Handwerker.

Beitrag - Neue Debatte - Hooligans - Sardenacarlo - Pixabay - CC0 Public Domain

Aber um was geht es nun bei diesen Treffs zum Zwecke der Körperverletzung und des strafbaren Landfriedensbruchs überhaupt?

Die Motivation, die vor allem junge Männer zwischen 20 und 40 Jahren zu den Hools treibt, ist der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe, mit der sie im Kollektiv aus der verpönten Langeweile und aus dem an persönlicher Bedeutsamkeit armen Alltag ausbrechen können. Abgrenzen von der Masse und eingebunden sein in eine Ingroup, die die eigene Palette an negativen Eigenschaften allerdings konsequent ausblendet.

Dazu gesellt sich die Bereitschaft zur Grenzerfahrung und die Gier nach dem zu erwartenden Adrenalinkick, wenn Knochen splittern und Zähne brechen.

Ich habe die Gewalt gebraucht! (Ein ehem. Hooligan gegenüber dem SPIEGEL)

Die Überwindung der Konformität durch den unprovozierten Schlag in die Fresse, wird zu einem Luxus, der jeden materiellen Status in den Schatten stellt. In diesem Moment entsteht das Gefühl absoluter Macht. Sittenkodex oder humanistische Wertvorstellungen werden in diesem Kanon pulverisiert.

Verstärkt durch die Hilflosigkeit der Gesellschaft, die im Angesicht der Brutalität keine Lösungen für deren Verhinderung vorhalten kann, da sie dann zwingend ihre eigene Systemkonstruktion infrage stellen müsste, und sich daher, wenn auch nur für Sekunden, ohnmächtig gegenüber der zügellosen Aggression präsentiert, versagt die kognitive Kontrolle der Schläger vollständig und der Urmensch triumphiert.

Der Hool profitiert in der Gruppe zudem durch die Stärkung seiner sozialen Stellung, die vor allem durch die Erfahrungen des Kampfes definiert wird. Wer oft und hart zuschlägt, klettert im Ranking. Vorstrafen wegen Körperverletzung sind Belobigungen, Narben werden getragen wie Orden und Schlägereien mit der Polizei stehen auf dem Niveau eines Ritterschlags. Die Staatsgewalt gehört zu den erklärten Feindbildern der Hooligans.

Die Kultur der Barbarei

Der Begriff Entzivilisierung, so wie ihn der Soziologe Werner Seppmann im Zusammenhang mit der Gewalt aus der Mitte der Gesellschaft verwendet, skizziert das aufgezeigte Wertesystem. Es löst die bekannten Muster friedlicher Koexistenz ab und ist auf den untersten Ebenen des menschlichen Miteinander angesiedelt, was einem eklatanten zivilisatorischen Rückschritt gleichkommt.

Beitrag - Neue Debatte - Hooligans - Dean Moriarty - pixabay.com - CC0 Public Domain

Das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn ist sogar höher zu bewerten, da eine Reaktion auf eine Aktion folgt. Bei Hooligans ist es lediglich die Geilheit auf Gewalt der Gewalt willen, die einen sozialen Zerfall kennzeichnet, der den globalen Siegszug des Neoliberalismus begleitet.

Dessen zwanghafte Verwertungs- und Rationalisierungsstrategien, die geprägt sind durch die Entfremdung der Individuen und die Verherrlichung des rücksichtslosen Wettbewerbs in allen Lebensbereichen, der ausnahmslos jeden Menschen auf seinen ökonomischen Nutzwert herabwürdigt, beschleunigen einen psychischen und emotionalen Rückbildungsprozess, der letztlich eine Eruption der Gewalt hervorbringen muss.

Der Neoliberalismus hat die sozialdestruktiven und antizivilisatorischen Entwicklungstendenzen eines späten Kapitalismus verstärkt. (Werner Seppman, Soziologe)
Hooligans sind nur ein winziger Ausläufer dieser Beben und doch beachtenswert. Sie sammeln sich als neue Solidargemeinschaften, für die destruktive Taten legitime Handlungsoptionen darstellen, da sie aus diesen ihre eigene Legitimation ableiten können. Allein dies spiegelt die völlige Irrationalität der auf Wachstum und Gewinn verkürzten Gesellschaften wider: Profitstreben als Selbstzweck, aber ohne übergeordete gesellschaftliche Zielsetzungen und somit ohne Sinn.
Seppmann identifiziert nicht umsonst den Übergang der Alltagskultur zu einer Gewaltkultur, die „in ihrer extremen Form auch zu einer Kultur der Barbarei geworden ist“. Barbarei: Für nichts anderes steht der Hooliganismus.

Stadion- und Ausreiseverbote als untaugliche Bollwerke

In Deutschland werden die Hooligan-Szene und bekannte Fußball-Gewalttäter von Mitarbeitern der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) beobachtet. Der klassische Kuttenfan, der in den Farben seines Vereins ins Stadion pilgert und hin und wieder Pyrotechnik abfackelt, spielt lediglich die Rolle eines Komparsen und wird in der Kategorie A geführt.

Der Beobachtungsschwerpunkt der ZIS-Ermittler liegt auf der Kategorie C: gewaltsuchende Personen. Darunter fallen die Hools. Genaue Zahlen sind schwer zu erfassen. In der 1. Fußball-Bundesliga dürften es zwischen 1500 und 2500 Personen sein. Diejenigen, die zur Gewalt bereit sind, aber nicht sofort zuschlagen, laufen in der Kategorie B. Ihre Zahl steigt seit Jahren kontinuierlich an. Fast 5000 sind es aktuell.

Wer im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen strafrechtlich auffällig wird oder rechtskräftig verurteilt wurde, der landet in der Datei Gewalttäter Sport. Durch Stadion- und Ausreiseverbote soll diese Gruppe von Fußball-Großveranstaltung ferngehalten werden. Vereinzelt mag das gelingen, was die Auswüchse der Gewalt einschränkt, aber nicht aufhalten wird.

Bei genauer Betrachtung blieb von diesen Bemühungen auch in Frankreich wenig übrig. Die entfesselte Aggression konnte mit Leichtigkeit das Land, die Städte, Stadien und vor allem die Straßen erreichen, und führte dem Beobachter vor Augen, dass die zivilisierte Gesellschaft einen grundsätzlichen Wertewandel vollziehen muss, der den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellt, will sie nicht hemmunslose Gewalt als ständigen Begleiter an ihrer Seite wissen.

Fotos: Tazebeth – CC BY 2.0 – Flickr.com (Bearbeitung durch Neue Debatte) und Dimitris VetsikasSardenacarloDean Moriarty (alle Pixabay.com) – CC0 Public Domain

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