Nuit Debout

Nuit Debout – Der Weg einer Bewegung (Teil 2)

Wer sind die Menschen, die zur Nuit Debout kommen? Studenten? Randgruppen? Anarchisten? Die Antwort auf diese oft gestellte Frage ist um einiges differenzierter als diese Klischees es vermuten lassen.

Mach‘ im Mai, was Dir gefällt … Nuit Debout ist mehr als nur ein Kind der ungeliebten Arbeitsmarktreformen. Die soziale Bewegung will den gesellschaftlichen Wandel in Frankreich. In einer mehrteiligen Serie wird der Weg von Nuit Debout aus Sicht der Nuitdeboutisten skizziert.

Wer sind die Menschen, die zur Nuit Debout kommen? Studenten? Randgruppen? Anarchisten? Die Antwort auf diese oft gestellte Frage ist um einiges differenzierter als diese Klischees es vermuten lassen.

Mitte Mai führte ein Gruppe von Soziologen eine Umfrage vor Ort durch, deren Ergebnisse äußerst überraschend waren. Es handelt sich nämlich nicht bloß um sogenannte junge Pariser Bobos (Anm.: alternativ eingestellte Wohlstandsbürger), die da ihr Sitzfleisch auf der Place de la République bewiesen haben.

Kommissionen, TV-Sender und Radio Debout

Die aktivsten unter ihnen beschlossen bald, sich in sogenannten Kommissionen zusammenzutun und zu engagieren, von denen einige eine Schlüsselrolle in der täglichen Organisation spielten. An dieser Stelle sei im Besonderen der Logistik gedankt, die tagtäglich all das benötigte Material heranschaffte, sich um dessen Lagerung kümmerte und den anderen Kommissionen dabei half, ihre Stände aufzubauen. Ohne sie hätte es keine Besucherkoordination, keine Kantine, kein TV und kein Radio Debout gegeben.

Ebenso danken wir den Mitgliedern von Accueil et Sérénité, den freiwilligen Helfern, die jeden Abend dafür sorgten, Konflikte auf der Place aufzulösen. Wieder andere Kommissionen wurden uns zu wahrhaftigen Lehrern, allen voran die Kommission Wirtschaft und Politik, die zahlreiche Debatten zu TAFTA oder auch dem salaire à vie (Anm: einer Art bedingungslosem Grundeinkommen) organisierten. Ohne jedoch die Avocats Debout zu vergessen, diejenigen, die uns über die Gefahren des loi Travail (Anm: Arbeitsgesetz) und des état d’urgence (Anm: Notstand) aufklärten und die dazu zahlreiche Workshops organisierten.

Nuit Debout in den Banlieues

Jenseits der Place de la République, im Rahmen der Convergence des Luttes (Anm: Zusammenführung der sozialen Kämpfe) versuchten wir, auch andere größere Protestbewegungen gegen die politische Macht zu unterstützen, zum Beispiel die Migranten, die vom Lycée Jaurès und dem Jardin d’Eole ausgeschlossen worden waren, oder auch die Beschäftigten des Vallée Village oder die des Technocentre Renault. Gazette Debout machte auch einen leider viel zu kurzen Ausflug in die Banlieues, die ebenfalls ihrer eigenen Nuit Debouts organisiert hatten.

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Die Banlieues sind die Großraumsiedlungen am Rande der Städte. Geprägt durch hohe Arbeitslosigkeit und Armut entwickelten sie sich seit den 1970er-Jahren zu sozialen Brennpunkten, in denen es immer wieder zu Unruhen kommt. (Foto: Banlieues Debout)

Dieser ewige Frühling war leider auch nicht frei von Gewalt, die umso traumatisierender für diejenigen Demonstranten war, die zum ersten Mal im Leben mit Polizeigewalt konfrontiert wurden. Eine Form von Repression, die selbst vor unbeteiligten Passanten nicht Halt machte und die in zahlreichen Kolumnen und Augenzeugenberichten in der Gazette Debout gesammelt und dokumentiert ist.

Das Verhältnis zur Gewalt

Die Frage der Gewalt wurde innerhalb der Bewegung ausführlich debattiert, speziell im Bezug auf die sogenannten „casseurs“, wie sie von den traditionellen Medien getauft wurden. Einige forderten sogar einen autonomen Status. Unsere Beziehungen zu den Polizeikräften wurden ebenfalls genau unter die Lupe genommen, vor allem vor der Demonstration des Syndicat Alliance auf der Place de la République.

Der Monat Mai war auch der Zeitpunkt, an dem der Kampf mit der Entstehung von Global Debout internationalisiert wurde, einer Bewegung, deren Ziel es ist, alle Nuit Debouts auf der ganzen Welt zu vernetzen. Ein wahrhaftiger Moment der Hoffnung.

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Mit dem Global Debout, zum dem für den 15. Mai 2016 aufgerufen wurde, konnte sich die soziale Bürgerbewegung Nuit Debout internationalisieren. Weltweit wurden öffentliche Plätze besetzt. (Foto: Gazette Debout)

Gazette Debout ist nicht das einzige Medium, dass auf der Place de la République entstand. TV Debout und Radio Debout informieren täglich über die Debatten, die bei den Versammlungen stattfinden. Reportagen und Interviews runden die Berichterstattung ab.

Seit dem 4. April sind die Teams von TV Debout täglich auf der Place präsent. An die 160 Personen kamen in 4 Monaten zu Wort, allen voran die Teilnehmer von Global Debout. Jeder kam, um in seiner eigenen Muttersprache etwas zu den sozialen und politischen Kämpfen der ganzen Welt vorzutragen.

Polizisten solidarisieren sich mit Nuit Debout

Was Radio Debout angeht, so hat sein Team um die dreißig Auszüge der besten Momente zusammengestellt, wie auch dem des Interviews mit Léna, „eine Bewacherin des Friedens“.

Sie erzählt uns, dass einige Polizisten nach Dienstschluss als Privatpersonen zur Place de la République kamen, angezogen von dieser Energie des noch nie Dagewesenen, des völlig Neuen. Die Convergence des Luttes mobilisiert also sogar innerhalb der Reihen der Sicherheitskräfte.

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„Arbeiter wie alle anderen auch.“ Polizisten in Frankreich. (Foto: Gazette Debout)

Léna geht somit auch über ihre Aufgabe hinaus und erinnert daran, dass Polizisten auch nur „Arbeiter wie alle anderen“ sind, die ebenso materiellen Fesseln und einer rein berechnenden Logik unterliegen, die ihnen einen „inhumanen Druck in den Dienstbehörden und umso mehr in den Zentren zur Sicherungsverwahrung“ auferlegen.

Auf die Frage nach möglichen Ausschreitungen durch Polizisten in Zivil hin ruft Léna dazu auf, jeweils die Hintergründe detailliert zu betrachten, um die Schuldigen ausfindig zu machen. Sie lädt die Demonstranten auch dazu ein, die Debatten zu humanisieren und die Beschuldigten miteinzubeziehen. „Wenn die Bevölkerung von ihrer Polizei abgeschnitten ist, die eigentlich ein Teil von ihr ist und die sie eigentlich beschützen soll, dann ist das eine schreckliche Sache“, unterstreicht sie. Ein Erlebnisbericht, ebenso ehrlich wie rar, ist hier zu hören.

Wir sind am Ende der zweiten Episode angelangt. Den ersten Teil von „Nuit Debout – Der Weg einer Bewegung“ können Sie hier nachlesen. Teil 3 ist hier zu finden.

Weitere Informationen und aktuelle Berichte zu Nuit Debout finden Sie auf Gazette Debout sowie auf Twitter und Facebook und auf der Webseite von Nuit Debout.

Nächste Woche folgt eine neue Episode zur Geschichte von Nuit Debout.

Übersetzung aus dem Französischen von Evelyn Rottengatter.

Fotos: Gazette Debout und Nuit Debout.

Mit Dank an unseren Kooperationspartner Gazette Debout für die Zustimmung zur Übersetzung und Übernahme sowie an Evelyn Rottengatter und unseren Partner Pressenza für die Unterstützung.

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