Nuit Debout – Der Weg einer Bewegung (Teil 3)

Juni: die Zukunft vorbereiten … Nuit Debout ist mehr als nur ein Kind der ungeliebten Arbeitsmarktreformen. Die soziale Bewegung will den gesellschaftlichen Wandel in Frankreich. In einer mehrteiligen Serie wird der Weg von Nuit Debout aus Sicht der Nuitdeboutisten skizziert.

Das Wetter war der Bewegung nicht milde gestimmt. Aber es braucht mehr, um Nuitdeboutisten zu entmutigen. Sie versammeln sich immer noch jeden Abend zahlreich auf der Place de la République, trotz der anhaltenden Regenfälle, um bei den Versammlungen dabei zu sein und an den Workshops der Kommissionen teilzunehmen.

Jede Woche rückt auch regelmäßig die Truppe von Anti-Pub-Debout (Anm.: Anti-Werbungsgruppe von Nuit Debout) an, um all die Werbeschilder zu verdecken oder zu entfernen, die unsere Umgebung zupflastern.

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Die Kommission Syrie Debout prangert das Regime von Bachar el-Assad an.

Im Rahmen der kosmopolitisch eingestellten Convergence des Luttes (Anm: Zusammenführung der sozialen Kämpfe) ruft Nuit Debout die Kommission Syrie Debout ins Leben, die die Ausschreitungen des Regimes von Bachar el-Assad regelmäßig unter die Lupe nimmt und anprangert.

Kaum Unterstützung aus der Politik

Unser Engagement als Bürger und Aktivisten hat den Politiker gar nicht gefallen. Zuhauf kritisierten sie uns in den traditionellen Medien, wie all unsere Presseschauen beweisen. Die Partei an der Macht würdigte unsere Forderungen keines Blickes und zog es vor, die Mehrheit der Franzosen zu ignorieren, die gegen das Loi Travail (Anm.: Arbeitsgesetz) sind.

Die Mitglieder der sozialistischen Partei hingegen schienen gar nicht mehr zu wissen, wo ihnen noch der Kopf steht. Dennoch gab es gewisse Politiker und Politikerinnen, die der Nuit Debout Unterstützung entgegenbrachten, so wie Yanis Varoufakis, der ehemalige griechische Wirtschaftsminister.

Trotz dieser Geringschätzung flachten die Proteste gegen den Gesetzesentwurf El Khomri (Anm: das geplante Arbeitsgesetz) nicht ab und gipfelten in der Demonstration des 14. Juni, die besonders heftig war.

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Die beschädigte Fassade des Kinderkrankenhauses Necker.

Wieder einmal erhielten und publizierten wir Augenzeugenberichte zu erlebter Gewalt sowie auch zur Zerstörung der Glasfassade des Kinderkrankenhauses Necker, einem offensichtlichen Paradebeispiel politisch-medialer Manipulation.

Gewalt bei Demonstrationen

In der Einschätzung, dass solche Entgleisungen bei Demonstrationen „inakzeptabel“ seien, entschied die Regierung, die für den 23. Juni in Paris geplante große Demonstration auf einen kurzen Umzug rund um den Bassin de l’Arsenal im Stadtviertel Bastille zu beschränken.

Eine Entscheidung, die gelinde gesagt viel Unmut unter zahlreichen Aktivisten hervorrief. Im Übrigen waren diese vier Monate der Proteste von unzähligen „freien“ Demonstrationen geprägt, eine der letzten fand am 25. Juni im Stadtviertel Belleville statt. Auch sie, wieder einmal, nicht frei von Gewalt.

Der Monat Juni war vor allem eine Gelegenheit, den 100. März unseres Märzkalenders (Anm.: Seit dem 31. März gilt bei Nuit Debout, dass der Monat erst dann endet, wenn die Ziele der Bewegung erreicht sind.) mit einem reichen Programm an Aktivitäten zu feiern. Zeit für eine erste Bilanz und auch um Antworten auf die Frage zu formulieren, die sich die ganze Welt stellt: Was bringt Nuit Debout?

Durch kollektive Intelligenz zu besseren Resultaten

Gazette Debout ist nicht das einzige Medium, das auf der Place de la République entstand. TV Debout und Radio Debout informierten täglich über die Debatten, die bei den Versammlungen stattfanden, Reportagen und Interviews rundeten die Berichterstattung ab. Seit dem 4. April sind die Teams von TV Debout täglich auf der Place präsent gewesen.

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Bei Nuit Debout darf jeder seine Meinung vortragen. Regeln erleichtern die Debatte.

An die 160 Personen sind in vier Monaten über den Bildschirm gelaufen, darunter auch Rime und Laurence, zwei professionelle Schlichterinnen, die damit beauftragt waren, Spannungen innerhalb einer Gruppe zu entschärfen.

Hingebungsvoll gaben sie Ratschläge, sodass die Teams lernten, sich gegenseitig zuzuhören und sich auf gemeinsame Regeln zu verständigen, mit dem Ziel, durch kollektive Intelligenz zu besseren Resultaten zu gelangen als durch individuelle Kompetenzen. Ein Thema, das eine ganz eigene Resonanz innerhalb von Nuit Debout entwickelte.

Kein Vergleich mit der Bewegung von 1968

Radio Debout hat ebenfalls um die dreißig Auszüge seiner besten Momente zusammengestellt, darunter ein Beitrag von Alain Krivine. Als symbolische Figur der Bewegung vom Mai 1968 weist er die heikle Parallele zu Nuit Debout zurück. Der Gründer der Ligue Communiste Révolutionnaire unterscheidet klar zwischen den beiden Bewegungen und ihrem jeweiligen Kontext.

Es handle sich hier um die Welt der Arbeiterklasse, nicht der Studenten, um Klassenbewusstsein, um Repression durch Sicherheitskräfte – einer „Repression mit mehr Gewalt, kalkulierter und besser organisiert, die 1968 so noch nicht existierte“ – und daher seiner Meinung nach schwer miteinander zu vergleichen.

Krivine identifiziert dennoch einen gemeinsamen Nenner: „Die Frustration ist identisch, nur dass es sich damals um eine rechtsgerichtete Regierung handelte. Heute, so scheint es, ist es eine Regierung von links …“.

Prognosen für die Zukunft möchte er nicht stellen, aber er ruft dazu auf, das angesichts der anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen zu erwartende Medienecho zu nutzen, um eine Gegenkampagne zur Unterstützung von Massenbewegungen wie Nuit Debout zu entwickeln. Eine Analyse dazu können Sie hier hören.

Wir sind am Ende der dritten Episode angelangt. Den ersten Teil von „Nuit Debout – Der Weg einer Bewegung“ können Sie hier nachlesen. Teil 2 ist hier zu finden.

Nächste Woche folgt eine neue Episode zur Geschichte von Nuit Debout.

Weitere Informationen und aktuelle Berichte zu Nuit Debout finden Sie auf Gazette Debout sowie auf Twitter und Facebook und auf der Webseite von Nuit Debout.

Übersetzung aus dem Französischen von Evelyn Rottengatter.

Fotos: Gazette Debout und Nuit Debout.

Mit Dank an unseren Kooperationspartner Gazette Debout für die Zustimmung zur Übersetzung und Übernahme sowie an Evelyn Rottengatter und unseren Partner Pressenza für die Unterstützung.

5 Thoughts

  1. Also dass die Nuit Debout Syrie das Regime von Assad kritisiert, aber (anscheinend – zumindest steht davon nichts in diesem Artikel) nicht die teilweise völkerrechtswidrigen Interventionen des Westens dort (angefangen von Ausbildung und Finanzierung von Terroristen wie FSA, IS u.a. – in Artikeln von Nah-Ost-Experten auf den NachDenkSeiten sehr klar herausgearbeitet -, bis hin zu militärischen Eingriffen ohne Erlaubnis Syriens), ist für mich nicht ganz nachvollziehbar …

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar und den berechtigten Hinweis zur Kritik an dem Regime von Assad bzw. der Frage nach der kritischen Betrachtung u.a. der Interventionen des Westens. Wir werden bei Nuit Debout und Gazette Debout anfragen, ob es eine entsprechende Kommission gibt bzw. welche Kommission sich dieser Thematik angenommen hat und welche Position vertreten wird.

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        1. Vielen Dank für den Kommentar und die Hinweise zu den Artikeln bei Voltairenet. Das sind interessante Betrachtungen. Diese sollten erweitert werden, da sich mittlerweile ja nicht nur die Regionalmacht Türkei verstärkt in den Syrienkrieg einbringt, sondern vor allem die Atommächte China und Indien. Deren Rollen, Positionen und Zielsetzungen finden kaum Niederschlag in den gängigen Analysen.

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