Egon Vouillème Gastbeitrag Transformation

Egon Vouillème über die Industrie 4.0 und das Grundeinkommen (Teil 2)

Erwerbsarbeit verliert die Funktion, den Lebensunterhalt sicherzustellen. Egon Vouillème geht ausführlich der Frage nach, was in der Industrie 4.0 aus den vielen Produkten und Dienstleistungen werden soll, wenn sie niemand mehr kaufen kann.

Erwerbsarbeit verliert die Funktion, den Lebensunterhalt sicherzustellen. Egon Vouillème geht ausführlich der Frage nach, was in der Industrie 4.0 aus den vielen Produkten und Dienstleistungen werden soll, wenn sie niemand mehr kaufen kann.

Eine Bereitschaft zur Erwerbstätigkeit würde bei Zahlung eines BGE nicht gefordert, sondern nur die Orientierung am Gemeinwohl. Arbeitnehmer haben keine existenzielle Verpflichtung mehr zur Arbeit und sind somit auch nicht erpressbar.

Es wird keine Menschen mehr geben, die illegalen Arbeiten nachgehen, um sich und ihre Familie zu versorgen.

Auch dem internationalen Verbrechen wird so der Nährboden entzogen. Auf der anderen Seite würden die allgemeinen Sozialleistungen sowie die zur Finanzierung notwendigen Steuern und Abgaben entfallen.

Schwarzarbeit hätte keinen Sinn mehr.

Die ebenfalls in den Verbrauch fließenden Einkünfte aus Arbeitsleistung dürften durch die wegfallende Steuer- und Abgabenlast steigen, weil sich jede Arbeitsleistung in vollem Umfang lohnt. Schwarzarbeit hätte keinen Sinn mehr. Anders als bei Sozialleistungen ist das BGE eine zusätzliche Leistung, die allen Menschen unabhängig von ihrem sonstigen Einkommen zusteht.

Es gibt also keine Anrechnung. Arbeitsverhältnisse führen immer zu Zusatzeinnahmen in Höhe des gesamten Lohnes und bleiben somit attraktiv. Immer wenn Arbeitsentgelt nicht durch Abzug übermäßiger Steuern und Abgaben sowie ohne Kürzung durch Anrechnung in sozialen Sicherungssystemen sinkt, steigt auch die Motivation zur Arbeit. Beim Einzug der Verbrauchsabgabe sind Schlupflöcher gegebenenfalls zu vermeiden.

Importabgabe und Produktivität

Mit einer Währungsunion in Anlehnung an den Durchschnittslohn müssten zuvor die Lebensgrundlagen weltweit angeglichen werden. Über eine Importabgabe kann der Warentransfer beschränkt werden, sodass der Anreiz zur eigenen Produktion erhalten bleibt.

In unproduktiven Staaten müssen im Ergebnis also höhere Preise gezahlt werden, wenn die Handelsbilanz negativ ist. Die höheren Preise würden den Wohlstand bei gleichem BGE schmälern, solange die Produktivität im Vergleich zu anderen Nationen geringer ist.

So ausgestaltet würde sich die Höhe des BGE international selbst regulieren. Bei sinkender Arbeitsbereitschaft oder Produktivität der Bevölkerung sinkt der reale Verbrauch wegen steigender Preise. Bei steigendem Zusatzeinkommen oder steigender Produktivität steigt der reale Verbrauch bei sinkenden Preisen.

Kollektiver Anreiz zur (Mit-)Arbeit

Das BGE soll jedem Menschen selbst bei Beschränkung auf das Notwendigste ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Gerade für die bisher benachteiligten Regionen der Erde würde es zu einer schlagartigen Wohlstandssteigerung führen. Hunger und existenzielle Not wären ausgerottet. Es schafft die Voraussetzung zur Selbstverwirklichung und zur individuellen Freiheit, auch bei Tätigkeiten, die nicht als Erwerbsarbeit entlohnt werden.

Das BGE kann nur ein Baustein im Rahmen einer umfassenden Reformkonzeption sein.

Eine unzureichende Produktivität würde in den Regionen aber auch zu höheren Preisen führen und schränkt so den Wohlstand ein. Damit bestünde über die Preisentwicklung ein kollektiver Anreiz zur Mitarbeit. Wenn kollektiv gefaulenzt wird, kann auch weniger verbraucht werden, weil die Preise steigen.

Das BGE kann nur ein Baustein im Rahmen einer umfassenden Reformkonzeption sein. Es bedeutet einen Totalumbau sowohl der staatlichen Steuern als auch der sozialen Sicherungssysteme.

Da Geldzuwendungen aber noch keine soziale Wärme garantieren, braucht es soziale Netze, die in den Gruppen und Gemeinschaften erst Lebensqualität und gerechten Ausgleich gewährleisten.

Weltweite Sozialreform

In solcher Weise, in einen größeren Zusammenhang gestellt, kann die Idee des BGE eine Richtung markieren, in die sich die Sozialordnung entwickeln könnte. Diese Idee bietet bei beispielhafter Umsetzung wegen ihrer Attraktivität auch das größte Potenzial zur internationalen Verbreitung.

Eine zunächst nationale Umsetzung als Vorreiter ist für entwickelte Volkswirtschaften unproblematisch. Flankiert und erweitert könnte eine solche Sozialreform bei einer weltweiten Verbreitung auch durch Gemeineigentum der Menschheit an unserem Planeten.

Niemand müsste mehr arbeitslos sein.

Würde die Arbeit umverteilt und schädliche oder nutzlose Arbeit vermieden, sollten alle etwas weniger arbeiten. Niemand müsste mehr arbeitslos sein. Stattdessen wird (derzeit) ständige Erreichbarkeit und ständige Bereitschaft zu Überstunden erwartet.

Arbeitnehmer haben kaum Zeit für sich und ihre Familien oder Freunde. Vernünftigerweise sollte man neben der Grundversorgung zunächst die gemeinschaftliche Finanzierung der gesellschaftlichen Kernaufgaben sicherstellen: insbesondere Krankenversorgung, Kindererziehung, Bildung und Ausbildung, Alten- und Krankenpflege sowie Betreuung von Behinderten.

Abhängigkeiten und Macht abbauen

Erziehung, Bildung und Ausbildung werden einen höheren Stellenwert erhalten und brauchen eine neue Orientierung. Die Erwerbsarbeit ist zukünftig nicht für den notwendigen Lebensunterhalt erforderlich, sondern dient der Selbstverwirklichung und der Steigerung des Lebensstandards, aber auch des gesellschaftlichen Ansehens.

Die zeitliche Ausdehnung wird sinken und kann vermehrt für andere Aktivitäten genutzt werden. Abhängigkeiten vom Beruf, vom Arbeitsplatz, vom Chef, vom Lohn sinken. Macht wird abgebaut.

Demokratisch kontrollierte Gemeinschaften werden die Rolle der Unternehmer und Arbeitgeber übernehmen.

Insgesamt werden Arbeitsvolumen und Ressourcenverbrauch sinken, weil viele Produkte, die nicht dem Gemeinwohl dienen, vom Markt verschwinden oder nicht mehr im bisherigen Umfang produziert oder nachgefragt wird.

Demokratisch kontrollierte Gemeinschaften werden vielfach die Rolle der Unternehmer und Arbeitgeber übernehmen. Statt junge Menschen für vorgegebene Arbeitsplätze zu qualifizieren, gilt es, zunächst ihre so ganz unterschiedlichen individuellen Fähigkeitspotenziale zur Entfaltung zu bringen.

Die Menschen werden sich vermehrt der Erziehung ihrer Kinder oder der Pflege ihrer Eltern widmen können. Daneben werden sie bereit sein, ehrenamtliche Aufgaben oder sinnstiftende Hilfstätigkeiten zu übernehmen.

Im Zuge der Möglichkeiten werden sich zusätzlich viele Menschen der Kunst und Kultur zuwenden und diesen Bereich damit erheblich aufwerten. Auch die sportliche Ertüchtigung wird zunehmen sowie für eine Steigerung der Gesundheit und des körperlichen Wohlbefindens sorgen.

BGE auch im Alter

Trotz BGE dürfte nach Ablauf eines arbeitsreichen Lebens eine Rentenzahlung zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards zu den Wünschen der überwiegend unselbstständig beschäftigten Menschen gehören.

Allerdings entfällt die Notwendigkeit, eine solche Rente öffentlich zu organisieren und über das Grundeinkommen hinaus, öffentlich zu garantieren.

Es ist also jedem selbst überlassen, ob er vorsorgen möchte.

Lediglich für die bisher in öffentlich-rechtlichen Systemen erworbenen Anwartschaften müssen unter Einbeziehung des BGE gerechte Lösungen gefunden werden. Eine zusätzliche Rente müsste ansonsten aus dem Arbeits- oder sonstigen Zusatzeinkommen finanziert und angespart werden.

Das Subsidiaritätsprinzip verbietet hier einen gesetzlichen Sparzwang, da dem Fürsorgegesichtspunkt bereits mit dem BGE Rechnung getragen ist. Es ist also jedem selbst überlassen, ob und in welcher Form er vorsorgen möchte.

Hier geht es zum ersten Teil von Industrie 4.0 und das Grundeinkommen.

Egon Vouillème geht ausführlich der Frage nach, was aus den vielen Produkten und Dienstleistungen werden soll, wenn sie niemand mehr kaufen kann.Über den Autor: Egon Vouillème stammt aus Hannover, zog nach der Ausbildung nach Berlin und war dort seit Anfang der 1970er-Jahre als Industriekaufmann tätig. 1980 beendete er ein Studium an der Freien Universität Berlin als Diplomkaufmann. Er arbeitete im Berliner Abgeordnetenhaus, war Wirtschaftsreferent einer Gewerkschaft und später Geschäftsführer einer tariflichen Sozialkasse. Egon Vouillème ist Blogger und Autor. Er veröffentlichte die Bücher Globale Befreiung, Demokratie ohne Grenzen sowie Globalisierung 2.0. Sein Gastbeitrag erschien erstmals auf seinem Blog.

Titelfoto: Arek Socha (pixabay.com) – Creative Commons CC0

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