Gegen den Strom: Eine Opposition im Netz

Der Blogger Benjamin Garherr von Gegen den Strom spricht im Interview über tendenziösen Journalismus, mediale Opposition, moralische Defizite der Menschen und über ein gesellschaftliches System, das sich wie ein Kleinkind benimmt.

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Gunther Sosna: Herr Garherr, auf Facebook betreiben Sie den Infoblog Gegen den Strom, den Sie als Oppositionsmedium bezeichnen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Benjamin Garherr: Mir fiel immer mehr auf, wie die Massenmedien Sachverhalte und Geschehnisse auf tendenziöse Weise darstellen. Dabei werden Dinge, die einer gewünschten Vorstellung dienlich sind, hervorgehoben und Dinge, die derartigen Vorstellungen entgegensprechen, weggelassen oder zumindest untergewichtet.

Benjamin Garherr ist das Gesicht hinter dem Facebook-Blog Gegen den Strom
Benjamin Garrherr bloggt auf Gegen den Strom (Foto: privat)

Gerade wenn es um Themen wie NATO, Russland, Freihandelsabkommen, aber auch die AfD geht, fällt einem schnell auf: Mit allumfassender oder neutraler Berichterstattung hat das nichts tun.

Insofern ist es meiner Überzeugung nach notwendig, gewisse Thematiken aus einer anderen Perspektive zu zeigen und Argumente, die unter den Teppich gekehrt werden, zu beleuchten.

Die Mainstream Medien sind eindeutig neoliberal und prowestlich ausgerichtet. Es braucht also eine mediale Opposition, die andere Standpunkte zeigt, damit die Menschen ein der Wahrheit näher kommendes Bild von Thematiken bekommen.

Was wollen Sie mit dem Blog erreichen? Welches Ziel haben Sie?

Ich will Menschen aufklären und mit wichtigen ergänzenden Informationen versorgen. Ich bin Querdenker und liefere Puzzlestücke, die den Menschen helfen sollen, besser und umfassender informiert zu sein. Die Menschen sollen kein tendenziöses Bild bekommen, sondern verschiedene Bilder und diese dann selbst zu einem Gesamtbild zusammenfassen.

Zum Gesamtbild gehören aber auch die Beiträge der Mainstream Medien und anderer Organisationen, Personen und Denker. Das muss betont werden. Gegen den Strom ist ein Ergänzungsmedium. Nicht mehr, nicht weniger. Was bringt also das Aufklären der Menschen? Wo liegt der tiefere Sinn, dass die Menschen umfassender bescheid wissen?

Ich sehe in der Gesellschaft große Moraldefizite.

Ich muss hierfür noch einmal kurz ausholen. Unsere Gesellschaft, aber auch unser ganzes System strotzt nur so vor Problemen. Ich sehe in der Gesellschaft große Allgemeinbildungsdefizite und schlimmer noch, auch Moraldefizite. Das System, indem wir leben, ist ebenfalls bedenklich. Es agiert wie ein ungeduldiges Kleinkind. Statt geduldig und bedacht zu handeln, dreht sich alles nur um kurzfristiges Wirtschaftswachstum und kurzfristige Profite.

Obwohl der Ressourcenverbrauch längst über ein tragfähiges Niveau gestiegen ist, die Umweltverschmutzung in vielen Gegenden der Welt gewaltige Schäden verursacht und die soziale Schere inzwischen auch in den Industrieländern immer weiter auseinandergeht, passiert in diesem System nichts zur Behebung derartiger Probleme.

Die meisten Menschen sind sich hingegen gar nicht bewusst, wie viel in diesem System falsch läuft. Nur wenn diese aufgeklärt werden, kann ein Wandel stattfinden. Ich möchte mit meiner Arbeit also solch einen Wandel unterstützen.

Der Blog Gegen den Strom von Benjamin Garherr.
Benjamin Garherr über das Ziel von Gegen den Strom: „Ich bin Querdenker und liefere Puzzlestücke, die den Menschen helfen sollen, besser und umfassender informiert zu sein.“

Auf Ihrem Blog sind Statements von so ziemlich allen Politikgrößen zu finden. Dennoch haben ein paar Ihrer Leser Ihnen vorgehalten, dass bei Ihnen auch Positionen der AfD zur Sprache kommen. Ein aktuelles Beispiel war der Anti-AfD-Song von Jennifer Rostock. Sie haben ihn als Lügen- und Verleumdungskampagne bezeichnet und ein Video eingestellt, in dem eine Analyse des Songs durch die politische Rechte vorgenommen wurde. Sie haben dann sinngemäß erklärt, dass man alle Seiten hören muss, um sich ein eigenes Bild zu machen. Das setzt erhebliche Meinungstoleranz voraus. Ist der Anspruch nicht zu hoch?

Nein, ist er nicht. Mich interessiert es, der Wahrheit näherzukommen. Ideologische Überzeugungen wie dieses Rechts-links-Ding interessieren mich dabei überhaupt nicht. Wenn die Band Jennifer Rostock Inhalte verbreitet, die selbst mit Wohlwollen bestenfalls als fraglich bezeichnet werden können, und Millionen Menschen dies als korrekte Informationen verkauft, dann sehe ich es als meine Pflicht, diese desinformierende Aktion zu entlarven. Ich hätte dabei eigentlich selbst ein Video drehen müssen, statt dem rechten Sprecher mit seinen teilweise fragwürdigen Äußerungen zu Wort kommen zu lassen. Das ist richtig und diese Kritik nehme ich auch gerne an.

Wie ist denn die politische Ausrichtung Ihres Blogs? Stehen Sie politisch links, rechts oder sehen Sie sich in der Position eines Kritikers, der das System insgesamt hinterfragt?

Ich behaupte, dass nahezu alle Menschen einfach ihre Ruhe haben wollen und nur wenige wirklich böse sind. Wer rechts oder links wird, das entscheidet oftmals das Umfeld und der Zufall. Natürlich kommen da persönliche Erfahrungen und Tendenzen hinzu, aber oftmals sind viele Personen links oder rechts, weil deren Freunde, Bekannte und Verwandte derartige Weltbilder vorleben. Und diese Leute machen einen fatalen Fehler: Sie reden und kommunizieren im Regelfall nur mit ihresgleichen.

Als wäre das nicht genug, werden häufig vorrangig dem eigenen Weltbild entsprechende Medien konsumiert. Das ist ab einem gewissen Grad schon eine gewisse Hirnwäsche, die sich von der Realität abkoppelt. Ich gebe zu, dass ich selbst früher eine leichte Rechtstendenz hatte. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Wahrheit meist in Grautönen vorliegt und nahezu nie schwarz/weiß ist. Ich halte deswegen meine Seite eben auch nicht spezifisch links oder rechts, weil ich zeigen will, dass die Welt komplexer und facettenreicher ist, als es in gewissen Lagern propagiert wird.

Die Phänomene Neokolonialismus, Neofeudalismus und Neoimperialismus sind in ihren Auswirkungen extrem unterschätzt.

Aber wirklich wichtig ist tatsächlich das westliche System, in welchem wir leben. Linke und Rechte hätten kaum etwas zum Streiten, wenn der Westen nicht massenweise Flüchtlinge produzieren würde. Auch wäre die sogenannte Ausländerkriminalität wohl kein Thema, wenn es in diesem Land sozial gerechter zuginge und Menschen mit Migrationshintergrund dieselben Perspektiven wie die Durchschnittsbürger hätten. Dieses Rechts-links-Ding ist sogar das absolut schlechteste, was der Bevölkerung passieren kann.

Anstatt gemeinsam gegen westliche Ausbeutung, das Aufgehen der sozialen Schere und Interventionskriege vorzugehen, bekämpft man sich gegenseitig – und zwar im Extremfall bis aufs Blut. Man denkt nicht einmal im Traum daran, gegen das größere Übel vorzugehen und so kann der Geldadel munter und ungestört sein Monopolyspiel weiter spielen. Wer meine Beiträge verfolgt, der weiß, dass hierdurch viel mehr Menschen verlieren, als gewinnen. Die Phänomene Neokolonialismus, Neofeudalismus und Neoimperialismus sind in ihren Auswirkungen extrem unterschätzt.

Oft genug ist der Vorwurf zu hören, die Berichterstattung in den klassischen Medien zum Beispiel über den Konflikt in der Ukraine, die Rolle Russlands oder über den Krieg in Syrien sei einseitig. Trotzdem erreichen die großen Zeitungsverlage und die öffentlich-rechtlichen TV-Sender nach wie vor die meisten Menschen. Wie erklären Sie sich diesen Umstand? Alternative Medien, die andere Positionen vertreten, schießen ja wie Pilze aus dem Boden.

Die Erklärung ist einfach: Die klassischen Medien beherrschten noch vor zwei Jahrzehnten fast 100 Prozent des Marktes. Erst das Internet und vor allem das Web 2.0 schuf eine Infrastruktur, die fähig war, an diesen Gegebenheiten etwas zu ändern. Wir sind mitten in einem Transformationsprozess. Ich alleine erreiche pro Woche zwischen 3 bis 5 Millionen Views. Tendenz steigend. Wir Alternativmedien nehmen den klassischen Medien nach und nach mehr Reichweite ab. Das ist teilweise erfreulich, und wenn ich mir die Recherchesorgfalt anderer Seiten anschaue, auch teilweise bedenklich.

Alternative Medien können nicht auf Facebook und Youtube verzichten.

Wie weit diese Transformation noch gehen wird, steht in den Sternen. Facebook gängelt alternative Medien teilweise sehr drastisch – mich eingeschlossen – und auf Youtube könnte eine derartige Entwicklung ebenfalls einsetzen.

Hier besteht für die Alternativmedien eine große Gefahr, denn mit Ausnahme von Campact (Anm.: Campact ist ein seit 2004 aktives internetbasiertes Beteiligungsforum.), die ja schon sehr weit gekommen sind und durchaus professionell sind, fiele mir kein alternatives Medium ein, dass auf Facebook und Youtube verzichten könnte. Klar verzeichnen einige alternative Medien auf deren Websites einige Tausend Aufrufe am Tag. Aber das ist im Vergleich zu den Facebook- und Youtube-Reichweiten oftmals nicht der Rede wert.

Benjamin Garherr bloggt auch auf YouTube.
Benjamin Garherr kritisiert die Berichterstattung der Mainstreammedien, erkennt sie aber auch als wichtige Quelle für Informationen an. (Foto: Privat)

Auch Sie beziehen viele Informationen aus dem Fernsehen, aus Tageszeitungen und Magazinen. Ist das nicht ein Widerspruch zur Ausrichtung als Oppositionsmedium?

Absolut nicht. Erstens verwende ich das Wort Lügenpresse nicht und zweitens verteufel ich die Mainstreammedien nicht komplett. Ich empfehle den Menschen sehr wohl weiterhin die Mainstreammedien zu konsumieren, wenn auch mit der Einschränkung, dass sie hierbei sehr vorsichtig sein müssen.

Wenn ich sage, dass die Mainstreammedien tendenziös sind, dann meine ich das auch quantitativ. So kann man auf Spiegel.de beispielsweise neun Beiträge finden, in denen die positive NATO-Berichterstattung mit Propaganda wahrscheinlich nicht falsch tituliert ist, aber im zehnten Beitrag findet man auf einmal relativierende Daten.

Und dann auf einmal kommt da so ein unscheinbarer Bericht, …

So sind die Russen nahezu immer uneingeschränkt negativ behaftet und auf einmal findet man zwischendurch einen Beitrag, in dem ein deutscher Ex-General den russischen Einsatz in Syrien lobt. Das passiert auf nahezu jeder Seite.

Die Mainstreammedien konnten 2015 nicht genug betonen, dass man Flüchtlinge aufnehmen müsse und dass der IS und Assad an den Flüchtlingsströmen schuld sind. Und dann auf einmal kommt da so ein unscheinbarer Bericht, in dem gezeigt wird, dass der UN die Mittel für die Flüchtlingsversorgung vor Ort um 50 Prozent gekürzt worden sind, und dass das der wahre Grund ist, warum sich so viele Menschen auf den Weg machen.

Ohne die Mainstreammedien hätte ich einige schwerwiegende Wissenslücken!

Ob diese Einzelberichte Alibimeldungen sind, damit man nicht vorwerfen kann, sie würden etwas verschweigen, kann ich nicht sagen. Ich kann aber sehr wohl sagen, dass diese Berichte teilweise hochgradig erleuchtend sind. Ohne die Mainstreammedien hätte ich einige schwerwiegende Wissenslücken!

Sie versehen fast alle Beiträge mit Links zu weiteren Quellen. Wird die Transparenz der Recherche dadurch nicht zu einem Bumerang? Denn wenn man die Nachrichten und Meldungen auf ihre Richtigkeit prüfen will, braucht man Zeit. Die haben aber viele Menschen nicht. Wäre eine Verkürzung der Informationen nicht der bessere Weg?

Nein, überhaupt nicht. Teilweise fallen auf meiner Seite derart krasse Aussagen, dass diese dringend nachgewiesen werden müssen. Ohne Quellen würden einige Aussagen vermutlich als Quatsch oder Verschwörungstheorien gebrandmarkt werden. Die Annäherung an die Wahrheit ist manchmal haarsträubend.

Warum sollten sie meinen Aussagen glauben, wenn ich sie nicht nachweise?

Andererseits sind weiterführende Quellen sehr wichtig, weil ich ja mit jedem Beitrag nur Puzzlestücke liefere, die meist, um Reichweite zu erzielen, spektakulär sind. Langweilige Begleitaspekte kann ich aber hierdurch sehr wohl ebenfalls verbreiten. Das Interesse an Quellen und weiterführenden Links ist bei meinen Nutzern sehr hoch.

Noch dazu sind Quellen vermutlich der einzige Grund, warum mich viele Leute ernst nehmen. Warum sollten sie meinen Aussagen glauben, wenn ich sie nicht nachweise? Und wem das zu viel Mühe ist: kein Problem! Man ist ja nicht gezwungen, die Quellen zu konsumieren.

Sie veröffentlichen auf dem Blog auch Mitschnitte aus TV-Sendungen, die Sie kommentieren, und bringen eigene Beiträge, die inhaltlich meistens gesellschaftliche Probleme wie Armut, Ausbeutung, Kriege, die Macht von Konzernen und vor allem Demokratiedefizite thematisieren. Wie ist es um die Demokratie in Deutschland und in der Europäischen Union bestellt? Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich selbst verstehe eine Demokratie als das, was das Wort bedeutet: „Herrschaft des Volkes“. Eine repräsentative Demokratie, vor allem in der Art, wie wir sie haben, ist in meinen Augen keine Herrschaft des Volkes und auch keine wahre Demokratie. Wenn der Volkswille nicht durchgesetzt wird, dann herrscht das Volk auch nicht. Egal ob Euroeinführung, Freihandelsabkommen oder soziale Gerechtigkeit: Hier wird gegen die Interessen des Volkes regiert.

Die Verwalter nehmen sich alle Vorteile für sich raus und gehen den Weg des geringsten Widerstandes.

Wir wählen alle vier Jahre lediglich Verwalter, die ungestraft machen können, was sie wollen. Wahlversprechen brechen? Ohne Konsequenzen. Eidbruch der Bundeskanzlerin? Nicht einmal in der Theorie strafbar. Haftung hoher Beamter und Politiker? Gibt’s nicht.

Die Verwalter nehmen sich alle Vorteile für sich raus und gehen den Weg des geringsten Widerstandes. Das ist fatal: Statt den Konzernen und dem Geldadel Paroli zu bieten, knickt man ständig vor diesen zulasten der Bevölkerung ein. Ich weiß nicht, was unser System mit einer Volksherrschaft zu tun haben soll, wenn vier reiche Familien, denen nahezu alle Mainstreammedien gehören, bestimmen können, wer der nächste Kanzler wird.

Wenn Lobbyisten reihenweise Gesetze schreiben, diese unverändert von den Politikern übernommen werden, dann ist auch das nicht mit meiner Vorstellung einer Demokratie vereinbar. Insgesamt nehme ich Deutschland als auch die EU als Oligarchie wahr. Nur die großen Konzerne und der Geldadel haben etwas zu sagen und ein paar wenige Parteien führen deren Wünsche aus.

NATO und Europäische Union setzen neuerdings wieder verstärkt auf militärische Abschreckung als politisches Mittel. Das haben Sie bisher nicht großartig thematisiert oder habe ich etwas übersehen?

Oh, da haben Sie einige Beiträge übersehen. Das habe ich sehr oft thematisiert. In letzter Zeit habe ich zum Thema nichts gebracht, da ich nichts Neues zu sagen hätte.

Wie denken Sie über das Säbelrasseln gegenüber Russland und die zivil-militärische Aufrüstung in Deutschland und der EU?

Ich lehne die Aufrüstungsmaßnahmen ab. Die NATO-Truppen sind zahlenmäßig den russischen weit überlegen. Nur bei den schweren Kampfpanzern ist die NATO nicht haushoch überlegen. Wozu noch mehr Panzer, Bomber, Gewehre und Marschflugkörper, wenn man angeblich nur defensiv ausgerichtet ist und bereits bei den wichtigsten Waffengattungen teilweise mit 6:1 im Vorteil ist? (Anm.: Vergleiche der militärischen Kräfte von NATO und Russland finden sich zum Beispiel hier, hier und hier und eine Einschätzung der militärischen Fähigkeiten beispielsweise hier.)

Ich selbst glaube nicht an einen Kriegsausbruch zwischen der NATO und Russland.

Die Russen wissen sehr wohl um ihre quantitativen Nachteile. Was will man ihnen vermitteln, wenn derartige Rüstungsvorsprünge noch weiter ausgebaut werden und die NATO sukzessive sich der russischen Grenze nähert?

Ich selbst glaube nicht an einen Kriegsausbruch zwischen der NATO und Russland, da jede der Konfliktparteien einfach zu viel zu verlieren hätte. Nichtsdestotrotz warne ich dennoch vor einer Eskalation. Denn auch 1913 konnte sich niemand vorstellen, dass jemals wieder Krieg auf europäischen Boden ausbrechen könnte …

Sie haben Ihre Leser aufgefordert an den Demonstrationen gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA teilzunehmen und geschrieben: „Lassen wir diese neoliberalen und undemokratischen Monster baden gehen!“ Welche Monster haben Sie gemeint?

Damit habe ich eben jene Freihandelsabkommen gemeint.

Wo sehen Sie die Nachteile des Freihandels und wie beurteilen Sie das Verhalten der Regierungskoalition, die CETA unbedingt realisieren will?

Also zuerst muss klargestellt werden, dass das Wort Freihandel ein Euphemismus ist. Hier geht es um Stärkung der Konzerne und Stärkung der Interessen des Großkapitals.
Abseits vom Chlorhühnchen sind folgende Punkte an den Freihandelsabkommen sehr bedenklich:

Die Verhandlungen führen fast ausschließlich Vertreter der Wirtschaft. Vertreter von Arbeitnehmern, Umweltgruppen, Sozialverbänden oder anderweitigen Organisationen sind hieran kaum bis gar nicht beteiligt. Die Verhandlungen sind intransparent und große Teile der Inhalte werden nicht veröffentlicht.

Gerade Spekulanten sahnen hier bereits heftig ab.

Investoren, aber auch Konzerne und noch dazu Spekulanten dürfen Staaten vor Schiedsgerichten verklagen. Solche Gerichte kennen keine Revisionen oder Berufungsverfahren und sind vergleichsweise intransparent. Wer besonders perfide ist und Tochtergesellschaften unterhält, kann auch seinen eigenen Staat verklagen. Oftmals reicht auch nur die Aussicht auf verlorene Gewinne. Gerade Spekulanten sahnen hier bereits heftig ab. Kanada und andere Länder wurden schon des Öfteren von Spekulanten verklagt, die zum Zeitpunkt der Klage nicht einen Cent in Projekte investiert haben.

Die Schiedsgerichte haben einen noch viel schlimmeren Effekt: Sie verhindern Gesetze zum Schutz von Arbeitnehmern, Umwelt und Sozialstandards. Staaten können versucht sein, gewisse Gesetze gar nicht erst zu erlassen, aus Angst, dass sie dann von Investoren und Konzerne verklagt werden.

Wirtschaftsbereiche, die erst noch entstehen, sind automatisch dereguliert.

Die Freihandelsabkommen sind völkerrechtlich. Sie stehen über nationalen oder europäischen Gesetzen. Wenn man sich bewusst ist, dass die Freihandelsverträge eine Sperrklinkenklausel haben, dann merkt man schnell: Selbst wenn man einsehen würde, dass Freihandelsabkommen XY Fehler wären, man kommt nie wieder raus. Es gibt nur zwei Optionen: Völkerrecht brechen oder mit allen Freihandelspartnern, was je nach Abkommen bis zu 80 sein können, einstimmig beschließen, dass man das entsprechende Abkommen beendet.

Das Negativprinzip. Anstatt zu verhandeln, wo man bereit ist, Deregulierungsmaßnahmen zuzulassen, betont man, wo man nicht bereit ist, derartige Maßnahmen zuzulassen. Folge: Übersieht man gewisse Sektoren, dann hat man Pech gehabt. Wirtschaftsbereiche, die erst noch entstehen, sind automatisch dereguliert.

Das totgeglaubte ACTA-Abkommen wurde als Teil von CETA wiederbelebt.

Die EU verhandelt derzeit mehrere Freihandelsabkommen gleichzeitig. Selbst wenn die Bevölkerung eines oder zwei zu Fall bringt, kommen genügend andere durch. Noch schlimmer; was von den Menschen erfolgreich abgelehnt wurde, wird einfach ins nächste Freihandelsabkommen gepackt. Das totgeglaubte ACTA-Abkommen (Anm.: Mit dem Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen ACTA sollten internationale Standards im Kampf gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen etabliert werden. Es wurde 2012 im Europäischen Parlament abgelehnt.) wurde als Teil von CETA wiederbelebt.

Dann das Absenken der Standards. Es gilt in der Praxis der jeweils niedrigere Standard, denn man erkennt die Standards der jeweiligen Vertragspartner an und damit automatisch auch die niedrigeren. Errungenschaften wie das Vorsorgeprinzip (Anm.: Das Vorsorgeprinzip ist ein wesentlicher Bestandteil der aktuellen Umweltpolitik und Gesundheitspolitik in Europa. Besteht eine Gefahr für die Umwelt gebietet es die Gefahrenabwehr, deren Eintritt zu verhindern.) sind damit in Gefahr.

Abseits dieser und vieler weiterer Gefahren halte ich den Einsatz der Bundesregierung für diese Abkommen für schwer bedenklich. Hier wird ganz klar Politik für die Konzerne und den Geldadel gemacht und zulasten der normalen Bürger.

In einem Beitrag haben Sie die Ausbeutung der Menschen durch Nahrungsmittelkonzerne kritisiert und zum Boykott des größten Lebensmittelherstellers der Welt aufgerufen. Glauben Sie, dass die Menschen solchen Aufrufen folgen oder ist das gar nicht möglich, weil die Marktdominanz des Herstellers derartig gewaltig ist, dass man den Konsum seiner Produkte überhaupt nicht vermeiden kann?

Die Resonanz auf diesen Aufruf war überwältigend und ich denke, dass einige Menschen weniger Nestle Produkte kaufen werden. Nestle ist zwar ein großer Konzern mit vielen Produkten, aber nur einer von vielen. Würde der Boykottaufruf auch Unilever, Mars und weitere einschließen, dann wäre das hingegen anders, weil die Ausweichmöglichkeiten fehlen.

Natürlich ist es gelinde gesagt suboptimal, wenn man statt Nestle nun ein Produkt bei Unilever kauft, aber irgendwo muss man anfangen. Wenn Nestle die Lektion lernen sollte, kann man ja zum nächsten Übeltäter gehen und diesen boykottieren. Da neben mir auch einige andere alternative Medien diesen Boykottaufruf mittragen, kann man davon ausgehen, dass diese Aktion insgesamt zwischen 500.000 bis eine Million Menschen erreicht haben sollte. Das ist doch schon mal ein guter Anfang!

Kritik zu äußern ist immer einfacher, als konkrete Lösungen anzubieten. Wenn man Sie fragen würde, was wir morgen ändern sollen, damit zum Beispiel der Krieg in Syrien beendet wird, was würden Sie antworten?

Puh, ich arbeite immer wieder Lösungsvorschläge aus und veröffentliche auch diese. Aber diese Frage ist schon heftig, denn ein realistischer und dauerhafter Lösungsansatz ist möglicherweise utopisch. Wie ich schon mehrfach gezeigt habe, geht es in Syrien einerseits um eine katarische Gaspipeline und andererseits um die Achse USA-Europa-Golf Staaten versus Syrien-Russland-Iran. Ferner China.

Syrien wurde und wird von außen zersetzt. Die meisten syrischen Oppositionsbewegungen, bis hin zur radikal-islamischen Al-Nusra-Front, werden von der westlichen Achse unterstützt: militärisch, logistisch aber auch finanziell.

Die Grundlagen für die Radikalisierung entfernt: Ausbeutung, Gewalt und Ungerechtigkeit.

Dann gibt es noch den islamischen Staat, der sein eigenes Spielchen treibt und trotz aller Gebietsverluste noch jahrzehntelang ein Thema bleiben könnte. Es sei an den Guerillakrieg in Afghanistan, an Vietnam und Irak erinnert.

Der islamische Staat könnte wohl nur dadurch besiegt werden in dem man die Grundlagen für die Radikalisierung entfernt: Ausbeutung, Gewalt und Ungerechtigkeit.

Dass die USA mit den Drohnenangriffen aufhören, die zahlreichen unschuldigen Muslimen das Leben kosten, oder dass sie Israel zu einem vernünftigen Umgang mit Palästina zwingen und idealerweise den Nahen Osten wiederaufbauen und sich zu guter Letzt ernsthaft für die Gräuel entschuldigen, halte ich kurz- und mittelfristig für ausgeschlossen. Das Problem IS ist meiner Meinung nach nur in der Theorie lösbar, nicht unter der derartigen Realpolitik. Abseits des IS ist eine Lösung auch schwierig, aber deutlich realistischer.

Die Russen werden ihren Verbündeten nicht der westlichen Achse überlassen.

Sollte Assad die Rebellengruppen besiegen können, könnte der Stellvertreterkrieg enden. Wenn keine nennenswerte Zahl an Widerständlern mehr da ist, dann kann man da auch keine große Unterstützung mehr leisten. Ich persönlich glaube, dass die Lösung zwischen den Achsen eine militärische sein wird. Die Russen werden ihren Verbündeten nicht der westlichen Achse überlassen und Assad, aber auch der Iran haben ebenfalls kein Interesse daran, dass Syrien der westlichen Achse zufällt.

Während die Russen und die Iraner wohl durchaus fähig sind, ihre personellen Einsätze zu erhöhen, stellt sich die Frage, ob selbiges für den IS und die Widerstandsgruppen gilt. Im Moment sehe ich den Vorteil leicht auf Seiten der russisch-syrisch-iranischen Achse. Das die Türkei oder die USA Assad oder die Russen angreifen halte ich für nahezu ausgeschlossen, da die Gefahr eines dritten Weltkrieges in solch einem Fall extrem hoch wäre.

Und die Lösung?

In Syrien geht es um weit mehr als um einen Bürgerkrieg. Es ist ein Stellvertreterkrieg. Wünschenswert wären humanistische Lösungen, fernab der Realpolitik. Aber wenn man die rosarote Brille absetzt, wird man erkennen müssen, dass die Lösung militärisch durch die Auslöschung der Widerstandsgruppen in Syrien stattfinden wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Titelfoto: cocoparisienne (pixabay.com) – Creative Commons CC0 und von Benjamin Garherr (Privatbilder, Facebookblog Gegen den StromHomepage und YouTube-Channel).

One thought

  1. super! leider traf der fall des angriffs auf assad nun tatsächlich ein. gegen die geldgeber ist wohl auch ein einzelner milliardär im chefsessel der kriegsmaschine nicht ‚unabhängig‘ genug. :/

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