Sahra Wagenknecht bei einer Rede in Essen. Sie mobilisiert mit dem Team Sahra die enttäuschten Bürger.
Sahra Wagenknecht im Gespräch. "Was würde Rot-Rot-Grün bringen, wenn auch DIE LINKE dann die gegenwärtige Politik des Sozial- und Demokratieabbaus mitträgt? Dazu werden wir als Linke nicht gebraucht."

Die Medien bewegt ein Streitgespräch zwischen AfD-Frontfrau Frauke Petry und Sahra Wagenknecht (DIE LINKE). Unter den Tisch fällt fast unbemerkt, dass Wagenknecht über das Internet einen neuen Widerstand mobilisiert. Gunther Sosna hat für Neue Debatte nachgefragt, was sie mit dem Team Sahra vor hat.

Gunther Sosna: Frau Wagenknecht, Sie haben die Menschen über Facebook eingeladen, sich dem Team Sahra anzuschließen und Sie zu unterstützen. Ist das Team Sarah als Beginn des Wahlkampfes Ihrer Partei für die Bundestagswahl 2017 zu verstehen oder handelt es sich um Ihren persönlichen Versuch, eine Art zivilgesellschaftlicher Bürgerbewegung zu initiieren?

Sahra Wagenknecht: Mich haben – vor allem über die sozialen Netzwerke – immer wieder Anfragen von Menschen erreicht, die mich gerne unterstützen möchten, um die auch aus ihrer Sicht unsoziale Politik der Großen Koalition des Staatsversagens zu ändern.

Mit dem Team Sahra möchte ich auf diese Anfragen eingehen und eine Möglichkeit zur Beteiligung bieten. Dazu sind wöchentliche Aktions-News geplant, in denen ich über aktuelle Entwicklungen informiere und Vorschläge mache für Aufklärung im Freundes- und Bekanntenkreis sowie in sozialen Netzwerken.

Es geht mir nicht um die Gründung einer neuen Organisation.

Ich denke und hoffe, dass es mit diesen Aktions-News  durchaus gelingen kann, dass Aufklärung für friedliche und soziale Alternativen in diesem Land gestärkt wird – und auf diese Weise mehr Mut zu Widerstand entsteht.

Eingeleitet haben Sie die Aufforderung mit den Sätzen „Alternativen zur Großen Koalition des Staatsversagens sind möglich. Gemeinsam können wir den Sozialabbau-Parteien und ihrer Politik gegen die Mehrheit der Bevölkerung Einhalt gebieten“. Welche Alternative bieten Sie an, wenn es nicht eine Koalition zwischen SPD, Grünen und der Partei Die Linke ist?

Bei Alternativen geht es mir immer um eine andere Politik – nicht bloß um eine andere Koalition. Was würde Rot-Rot-Grün bringen, wenn auch DIE LINKE dann die gegenwärtige Politik des Sozial- und Demokratieabbaus mitträgt? Dazu werden wir als Linke nicht gebraucht.

Was wir anbieten, sind inhaltliche Alternativen. Wenn die SPD sich wieder auf sozialdemokratische Werte zurückbesinnt, dann gibt es eine Chance, diese gemeinsam umzusetzen.

Sie haben auch geschrieben, dass gesellschaftlicher Druck aufgebaut werden soll, für „eine Wiederherstellung des Sozialstaates und eine friedliche Außenpolitik“. Wie soll dieser Druck konkret gestaltet sein? Was sollen die Menschen tun?

Ich erlebe immer wieder, dass sehr viele Menschen resignieren, weil sie von „denen da oben“, die permanent gegen ihre Interessen verstoßen und Wahlversprechen nicht einhalten, gar nichts mehr erwarten.

Wir leben leider eher in einer Lobbykratie, als in einer Demokratie.

Sie glauben nicht mehr daran, dass Alternativen möglich sind. Diesen Menschen möchte ich gerne wieder Mut machen, sich zu wehren. Das klappt nur, wenn Aufklärung stattfindet und wenn sie spüren, dass sie nicht allein sind.

Auf der Webseite von Team Sahra kritisieren Sie die „Dirigenten des großen Kapitals“, die dem Land vorschreiben, welche Prioritäten es setzt und stellen fest, dass das nichts mit Demokratie zu tun hat. Wenn wir keine Demokratie haben, was haben wir dann und wie sollte die Demokratie gestalten sein?

Wir leben leider eher in einer „Lobbykratie“, als in einer Demokratie. In einer tatsächlichen Demokratie wäre es so, dass Politik im Interesse der großen Mehrheit der Bevölkerung gemacht wird. Dann hätten wir keine schlechten und prekären Jobs, keine Armutsrenten und wohl auch keine sicherheitsgefährdenden Kriegseinsätze und Waffenexporte. Merkel und Gabriel lassen sich aber stattdessen von den Lobbyisten der Superreichen und Konzerne ihre Politik vorschreiben. Damit muss Schluss sein.

Ist das Team Sahra das deutsche Gegenstück der von Yanis Varoufakis gegründeten Bewegung DiEM25, die anfänglich sehr viele Menschen motiviert hat sich zu engagieren?

Ich habe mich für den Aufruf zum Team Sahra nicht an anderen Initiativen oder Bewegungen orientiert.

Eine abschließende Frage. Es gibt in Deutschland unzählige Bürgerbewegungen und -initiativen, die sich gegen Militarismus, Ausbeutung und den globalen Raubtierkapitalismus stellen. Warum sollte man sich ausgerechnet dem Team Sahra anschließen.

Es geht mir nicht um die Gründung einer neuen Organisation. Es geht mir um ein Angebot zur Beteiligung für Menschen, die möchten, dass sich die Politik in diesem Land endlich in Richtung mehr sozialer Gerechtigkeit verändert.

Vielen Dank.


Sahra Wagenknecht will mit dem Team Sahra mehr politischen Widerstand gegen die Lobbykratie mobilisieren.

Sahra Wagenknecht war von 2004 bis 2009 Mandatsträgerin im Europäischen Parlament und gehört seitdem als Abgeordnete dem Deutschen Bundestag an. Sie war u.a. Mitglied der Leitung der Kommunistischen Plattform und von 2010 bis 2014 eine der stellvertretenden Parteivorsitzenden der Partei DIE LINKE. Seit Oktober 2015 ist sie zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende.

Wagenknecht hat in den 1990er-Jahren Philosophie und Neuere Deutsche Literatur studiert (M.A.) und zudem 2012 in Wirtschaftswissenschaften promoviert. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher (u.a. Kapitalismus im Koma; Freiheit statt Kapitalismus; Reichtum ohne Gier) und verheiratet mit dem Politiker Oskar Lafontaine.


Fotos: Titelbild DIE LINKE Nordrhein-Westfalen (flickr.comCC BY-SA 2.0) und Sahra Wagenknecht (Trialon Berlin).

Gunther Sosna studierte Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaften in Kiel und Hamburg, und arbeitete im Bereich Kommunikation, Werbung und als Journalist für Tageszeitungen und Magazine. Er lebte über zehn Jahre im europäischen Ausland und war international in der Pressearbeit und Werbung tätig. Er ist Initiator von Neue Debatte. Regelmäßig schreibt er über soziologische Themen, Militarisierung und gesellschaftlichen Wandel. Außerdem führt er Interviews mit Aktivisten, Politikern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus allen Milieus und sozialen Schichten zu aktuellen Fragestellungen.