Auf Leben und Tod: Schreiben in der digitalen Gesellschaft

Stefan Heimann ist ein begeisterter Schreiber. Doch einer seiner liebsten Freunde ist schwer an Digitalisierung erkrankt. Heimann sitzt am Sterbebett des Journalismus und begleitet ihn bis zur Auferstehung von den Toten.

Da haben wir nun also ein dickes Brett vor uns: „Schreiben in der digitalen Gesellschaft“. Ich als Schreiber und Sie als Leser. Womit wir auch schon bei den wichtigsten Akteuren wären. Darf ich Sie duzen? Nein, lassen wir das: Das Verhältnis zwischen Schreibern und Lesern digitaler Texte ist nun mal unpersönlich, so oder so.

Über das Schreiben in der digitalen Gesellschaft wurde schon viel gesagt und ich will Sie nicht langweilen. Ich darf es auch gar nicht: Leser digitaler Texte sind schließlich scheu und schnell weg. Jeder Vierte nimmt sich weniger als vier Sekunden Zeit für eine Website!

Gut, zu denen gehören Sie offenbar nicht – schön, dass Sie noch da sind. Aber so langsam muss ich liefern, das sehe ich ein. Also: Ich verspreche Ihnen nicht weniger als den Tod und die Unsterblichkeit! Und bevor Sie sich jetzt Sorgen oder Hoffnungen machen: Es geht um Tod und Unsterblichkeit von uns, den Schreibern in der digitalen Gesellschaft.

Jetzt wird es interessant

So, Zwischenüberschrift und neuer Absatz – lange Textblöcke sind ja nichts für Sie. Die Einführung ist nun erledigt und die journalistischen W-Fragen beantwortet: Wer? Sie und ich. Wo? Hier im Netz. Was? Tod und Unsterblichkeit. Das müssen wir nun konkreter kriegen.
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Denn wahrscheinlich denken Sie beim Tod der Schreiber in der digitalen Gesellschaft an sowas wie das Sterben der Tageszeitungen als Konsequenz davon, dass alle kostenlos im Internet lesen. Wie Sie ja auch gerade.

Aber nein, keine Sorge: Über das Zeitungssterben ist schon genug gesagt. Als ich Ihnen Tod und Unsterblichkeit versprochen hatte, habe ich an zwei ziemlich neue und sehr interessante Aspekte gedacht. Also, ich fand sie jedenfalls interessant. Und so läuft das halt hier: Wenn man im Internet Geld verdienen will, muss man ganz genau analysieren, welcher Content bei den User am besten rankt. Aber wenn man eh nix kriegt, schreibt man halt, was einen selbst interessiert.

Nun kommt der Tod …

Um Sie weiter bei Laune zu halten, versuche ich es nun mit Storytelling – das mögen Sie schließlich. Also: Es ist 9 Uhr und Torsten fährt seinen Rechner hoch. Die kleine Sekretärin kommt vorbei und möchte ein bisschen plaudern. Torsten mag sie – aber er ist halt ein Schreiber und beherrscht mündliche Livekommunikation nicht so gut.

„Um 10 haben Sie einen Termin beim Chef“, sagt sie noch, dann ist sie wieder weg. Und Torsten runzelt die Stirn: Ein Termin beim Chef ist auf jeden Fall unangenehm. Zumal der Chef so ein richtiger Chef ist. Kahlköpfig, dick, verschwitzt, cholerisch. Und unsensibel: „Sie sind entlassen. Die ganze Finanz-Redaktion wird aufgelöst. Die Redakteure werden durch eine Software ersetzt.“

Die Geschichte wird Ihnen zu unrealistisch? Nur Fließbandarbeiter und so können durch Technik ersetzt werden, und nicht jemand wie unser Finanz-Redakteur Torsten? Aber so etwas Ähnliches mögen Redakteure in den USA bereits erlebt haben, zum Bespiel in der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Ja, das ist ein großer Laden. Und der arbeitet inzwischen mit einem Textgenerierungsprogramm, das Zahlen, Statistiken und Faktenbausteine automatisch zu Fließtexten ausformuliert. Roboterjournalismus nennt man das.

Okay, denken Sie nun vielleicht, aber viel mehr können solche Programme doch sicherlich nicht. Doch, können sie: Eventuell haben Sie ja schon von Tay gehört, dem selbstlernenden Chat-Bot, der Anfang 2016 selbstständig bei Twitter getextet hat. Und der innerhalb kürzester Zeit völlig enthemmt rassistische Tweets in die Welt gesetzt hat. Wie ein Mensch also. Sie sehen: Software kann heute schon ziemlich viel von dem übernehmen, was noch überwiegend Menschen tippen.

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Eine Prognose dazu aus der Neue-Debatte-Redaktion: Das Berufsbild des Journalisten wird sich damit nicht nur wandeln, sondern Stück für Stück ganz verschwinden. Ich selbst bin mir da nicht so sicher. Ich weiß es einfach nicht. Nun wundern Sie sich vielleicht: Wie, weiß er nicht? Hat er denn nicht weiter recherchiert? Nein, habe ich nicht. Sie bezahlen mich ja nicht dafür. So ist das halt im Netz.

… und dann die Unsterblichkeit

Sind Sie enttäuscht, dass Torsten gar nicht gestorben ist, sondern nur sein Beruf und der auch nur vielleicht? Keine Sorge: Es geht Torsten nun weiter an den Kragen: Nach dem Gespräch beim Chef meldet er sich bei der kleinen Sekretärin krank und geht nach Hause.

Er lebt allein aber er hat ein nettes kleines Apartment, sagen wir: in Prenzlauer Berg. Dort sitzt er nun, natürlich am Computer. Und er tippt Mails und Posts und Tweets und Wiki-Artikel und Foreneinträge und Kommentare. Stundenlang, Tagelang, Wochenlang, Monatelang. Warum macht er das? Er ist ein Schreiberling, er kann nicht anders.

Das Schreiben im Internet gibt ihm und auch vielen, vielen anderen Menschen das Gefühl von Bestätigung und Berechtigung. Torsten ist trotz seiner Arbeitslosigkeit so beschäftigt, dass er nicht auf seine Ernährung achtet und auch keinen Sport betreibt. Das viele Sitzen gibt ihm den Rest: Torsten stirbt zwei Jahr später an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. So.

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Viele richtige Freunde hatte Torsten nicht und eine Freundin sowieso nicht. Und Internetleser vergessen schnell. Aber: Das Internet vergisst nichts, das ist ja bekannt. Und so wird Torsten zur idealen Versuchsperson für ein kleines Start-Up vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Dort haben zwei Informatik-Absolventen ein Programm entwickelt, durch das nun alle Texte von Torsten gejagt werden. Dann folgen noch ein paar kleine Hacks – und schon ist Torsten virtuell auferstanden.

Torsten und kann nun weiter auf Facebook posten und auf Twitter twittern und Mails beantworten und so weiter. Seine digitalen Freunde merken nicht, dass Torsten längst unter der Erde liegt – es klingt ja alles genau wie Torsten. Und selbst die kleine Sekretärin, eine Facebook-Freundin von Torsten, chattet nichts ahnend weiter mit Torstens Account.

Bevor Sie mir nun wieder mit unrealistisch kommen: Professor Hossein Rahnama forscht am MIT an genau so einer virtuellen Auferstehung. Damit zum Beispiel der verstorbene Opa seinem geliebten Enkel weit über den Tod hinaus gut gemeinte Ratschläge geben kann. Auferstehen geht aber nur bei Menschen, die genug ihrer Persönlichkeit hinterlassen haben. Am besten in Form digitaler Texte.

Also dann!

Ui, der Artikel ist lang geworden – ein dickes Brett, hatte ich ja gesagt. Aber vielleicht konnten Sie es genießen, dass der Text noch von einem echten Redakteur handgetippt wurde. Und schließlich bin auch ich nur ein Schreiberling wie Torsten und muss sehen, wo ich bleibe. Ich meine, nach meinem Tod und so.

Aber natürlich haben Sie recht: Der Text ist eigentlich viel zu lang fürs Netz. Schön, dass Sie dabei geblieben sind – das ist nicht selbstverständlich hier. Nun sind wir doch in ein persönliches Verhältnis geschlittert. Das ist unprofessionell für einen Online-Redakteur, ich weiß. Trotzdem, ganz ehrlich: Finde ich gut, dass sie das alles hier gelesen haben.

Und da wir eh schon überzogen haben, können wir uns auch noch ordentlich verabschieden: Also, machen Sie es gut! Vielleicht denken Sie ja an mich und Torsten, wenn Sie in ein paar Jahren einen automatisch generierten Text eines längst verstorbenen Autors lesen. Und drucken Sie diesen Artikel bitte nicht aus, denn das ist nicht gut für unsere Umwelt.

Stefan Heimann ist Journalist in Berlin und unterstützt Neue Debatte als Autor.Über den Autor: Stefan Heimann kommt aus dem Ruhrgebiet. Er wurde 1979 in Dortmund geboren und hat in Aachen und Berlin Elektrotechnik und Philosophie studiert. Als Redakteur einer gemeinnützigen Kommunikationsagentur schreibt er über Energie, Umwelt und Klimaschutz und kümmert sich um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Darüber hinaus unterstützt Stefan Heimann verschiedene Initiativen und Organisationen redaktionell. Er lebt mit seiner Familie in Potsdam. Mehr über Stefan Heimann ist auf seiner Homepage www.stefanheimann.de im Netz zu finden.

Fotos v.o.n.u.: Gianclaudio Spena (Titelbild / pixabay.com) – CC0 Public Domain sowie Marlies Schwarzin und Dieter Schütz (beide pixelio.de) und Wokandapix (pixabay.com) – CC0 Public Domain.

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3 Thoughts

  1. Ein gelungerner Text von Stefan Heimann, da ich mich in weiten Teilen mit Torsten identifizieren kann. So bin ich selbst ein Schreiberling, der die mündliche Kommunikation nicht beherrscht. Obwohl ich kein Journalist bin, sondern ein ehemaliger Kraftfahrer, habe ich mich der Schriftstellerei zugewendet.. Die Grundkenntnisse des Schreibens habe ich bereits vor 15 Jahren erlernt. Dabei habe ich auch schon früh erkannt, das ein Schriftsteller jede Begebenheit zum schreiben nutzen sollte, ja sogar muss. Dazu zählt auch die Notwendigkeit des digitalen Schreibens.
    Allerdings sehr ich es eher skeptisch, wenn Prof. Hossein Rahnama am MIT in Boston an einer virtuellen Auferstehung eines Autors arbeitet. Als Autor bestehe ich auf die Urheberrechte meiner Texte. Diese können durch ein virtuelles Ich nicht gewährleistet werden.

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    1. Vielen Dank für den Kommentar. Bei der „virtuellen Auferstehung“ geht es auch um das gestalten von Texten und Beiträgen aus Bruchstücken vormaliger Texte und auch die „Kopie“ des Schreibstils. Insbesondere im Onlinemarketing kommen seit Jahren bereits Textspinner zum Einsatz, die aus einem vorhandenen Text einen völlig neuen „erschaffen“. Dadurch wird der Text individualisiert und das Urheberrecht ausgehebelt.

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      1. Vielen Dank für die Antwort. Gerade der hinweis wie Urheberrechte ausgehebelt werden zeigt mir, dass ich bisher richtig gehandelt habe. Seid 1996 befasse ich mich mit EfA. EfA heißt „Energie für alle“ und ist die kostenlose Energieversorgung und Energienutzung für fast Jedermann. Durch EfA wird Energie als Haushalts- und Industriestrom, als auch für Heizung kostenlos. Durch AfE, das auf der gleichen Technologie basiert, wird auch die Mobilität auf Land, Wasser und in der Luft kostenlos. Die einzige Ausnahme, EfA und AfE dürfen nicht für militärische Zwecke genutzt werden.
        Mit EfA wird die Energieversorgung der Menschheit für alle Zeiten gesichert sein. Das liegt darin begründet, dass bei EfA die Energie nicht durch die bisher verwendeten Energieträger, bestehend aus fossilen Brennstoffen, regenerativen Energien oder Atomkraft, erzeugt wird. Die Energie wird duch einen vierten, bisher ungenannten, Energieträger erzeugt. Die Energieerzeugung, Energieversorung und Nutzung wird auch ohne jeglichen CO2 Ausstoß erfolgen. Von daher ist EfA und AfE auch ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz.
        Zur Zeit arbeite ich an einem Buch, mit dem Arbeitstitel „Projekt EfA“. In diesem Buch wird unter anderem die Technologie von EfA beschrieben. Desweiteren gilt Projekt EfA auch als Geschäftsmodel eines globalen Imperiums. Im Gegensatz zur neoliberalen Marktwirtschaft wird EfA ein Wirtschaftsmodel, das auf einer neuen, demokratischen Wirtschaftsordnung basiert. Diese Energie der Zukunft ist keine Kriegserklärung, sondern vielmehr eine bereits gewonnene Schlacht gegen das neoliberale Wirtschaftssystem. Das Motto lautet: „Nehmen wir dem Neoliberalismus die Energie“.
        In verschiedenen Kommentaren habe ich bereits auf EfA hingewiesen. Allerdings habe ich es peinlichst vermieden, etwas über die Funktionsweise oder den verwendeten Energieträger zu schreiben. Im Internet oder auf Computer wird man darüber nichts finden. EfA ist eines der bestgehütesten Geheimnisse der heutigen Zeit, und wird erst veröffentlicht, sobald ich die Urheberrechte über EfA, AfE und Projekt EfA erworben habe.

        Mit freundlichen Grüßen

        Reiner Stock

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