Gunther Sosna Zeitgeschehen

Ausnahmezustand: „… und plötzlich war ich eine Terroristin!“

Die Türkei im Ausnahmezustand. Eine deutsche Studentin wird am Flughafen Ankara verhaftet. Sie wird als zur Terroristin beschimpft und abgeschoben. Ihr Verbrechen: Sie saß im falschen Bus!

Eine deutsche Studentin reiste vor wenigen Tagen in die Türkei. Am Flughafen von Ankara wurde sie bei der Passkontrolle von Sicherheitskräften festgehalten, verhört, als Terroristin beschimpft und abgeschoben. Ihr Verbrechen? Sie saß im falschen Bus!

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Am 10. Oktober 2015 ereignete sich bei einer Friedensdemonstration am Hauptbahnhof von Ankara ein Bombenanschlag. Es gab über 100 Tote und unzählige Verletzte.

Sabina K.(*) war unter den Demonstranten. Ihr passierte nichts, aber sie erinnert sich bis heute an den Anschlag, als wäre er gestern gewesen. „Das war ein unglaublicher Schock. Die Explosionen. Die Panik. Die Schreie. Die Menschen rannten durcheinander. Es war einfach schrecklich.“

Die heute 31-jährige Studentin lebte zu diesem Zeitpunkt in der Türkei. Sie machte ein Praktikum bei der Organisation Halkevleri, die sich für ein Recht auf Bildung einsetzt, und unterrichtete Kinder.

Ein paar Monate nach dem Anschlag führte sie ihr Studium der Sozialen Arbeit in Berlin weiter. In Österreich macht sie heute ihren Master in Sozialpolitik. Ein harmloses Fach. Es geht um die Wirtschaftsordnung in Europa, grundsätzliche ökonomische Fragen, aber „auch um die Schutzrechte von Migranten und den Rechtsstaat“.

Ein Flug ohne besondere Vorkommnisse

Die Erinnerungen an den Bombeanschlag nahm Sabina K. immer mit. Jetzt wollte sie erneut die türkische Hauptstadt besuchen, um an einer Gedenkfeier für die Toten des 10. Oktober teilzunehmen. Am Freitag fuhr sie zum Münchner Flughafen. Von dort ging es mit dem Linienflug  LH1784 nach Ankara.

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Mit dem Linienflug LH1784 nach Ankara. (Foto: NEUE DEBATTE)

Unzählige Male war sie schon in der Türkei. Es gab nie Schwierigkeiten. „Selbst mein Praktikum bei Halkevleri, die politisch sicher links stehen und oft Kritik an der Regierung üben, wurde von den Behörden ganz offiziell genehmigt“. Deshalb erwartete sie auch bei ihrer neuerlichen Einreise keine Probleme.

Es war ein Flug ohne besondere Vorkommnisse. Einchecken, in den Flieger steigen, abheben und gut 3,5 Stunden später am Zielort landen. Aussteigen und weiter zur Passkontrolle. “ … und plötzlich war ich eine Terroristin!“

Los, mitkommen!

Ohne Hinweis auf einen konkreten Grund wird die zierliche Frau von Sicherheitskräften umringt und in einen Verhörraum abgeführt. „Ich war total verunsichert und dachte mir spontan, es könnte besser sein, wenn ich nur Englisch spreche.“

Sabina K. ist in Ostberlin geboren, begann aber bereits im ersten Semester mit dem Lernen der türkischen Sprache. Sie verstand also jedes Wort der Beamten und blieb bei ihrer Taktik. „Englisch konnten die nicht.“ Eine Dolmetscherin musste kommen, dann ging das Verhör los.

Ein Beamter baute sich vor ihr auf, fragte nach dem Namen und dem Grund der Reise. Sabina K. antwortete, sie wäre Touristin aus Deutschland und wollte weiter nach Kapadokya in Zentralanatolien. Bis dahin war das Gespräch bestimmt, aber friedlich.

Das Handgepäck wird durchsucht. Es wird nichts gefunden. „Ich hatte kein Handy dabei und auch keinen Laptop“, sagt sie. Ihr Stimme ist angenehm leise. Kein lautes Wort. „Da war nichts, wo man Verbindungsdaten, Telefonnummern oder Dokumente hätte finden können.“ Was wurde überhaupt gesucht? „Ich habe keine Ahnung.“

Du bist eine Terroristin!

Dann wird es hektisch. „Sie haben mich gefragt, ob ich die PKK kenne.“ Natürlich ist die in Deutschland verbotene Arbeiterpartei Kurdistans für die Studentin keine unbekannte Größen. „Ich habe natürlich gesagt, dass ich die PKK kenne, weil über die auch in den deutschen Medien oft genug berichtet wird“, sagt sie. Auch vom Gründer der PKK, Abdullah Öcalan hat die Studentin gehört. „Ja, natürlich.“

Immer wieder schaut ein Sicherheitsmann in seinen Computer. Er fragt nach den Vornamen der Eltern. „Die habe ich ihm gesagt.“ Dann will der Beamte wissen, ob  Sabina K. schon einmal in Diyarbakir gewesen ist.

Die hauptsächlich von Kurden bewohnte Stadt im Südosten der Türkei, die im Sommer 2015 ihre Selbstverwaltung erklärte, ist Brennpunkt von Kämpfen zwischen dem türkischen Militär und der PKK. „Ja, da bin ich während meines Praktikums gewesen.“

Der falsche Bus

Der Ton wird schärfer. „Ob ich 2015 an den G20-Protesten in Antalya teilgenommen habe, wollte der Mann wissen.“ Das Bild wird klarer. Ja, sie war in einem Bus, der „damals von Ankara nach Antalya fuhr“. Zweimal wurde der Bus von der Polizei gestoppt. Die Ausweise wurden eingesammelt und die Personalien festgehalten. „Das ich in dem Bus war, habe ich nicht abgestritten.“

Wie aus dem Nichts wird die Stimmung feindselig. „Ein paar Augenblicke später hat er mich richtig angefahren und wollte wissen, ob ich für die PKK arbeiten würde.“ Arbeitest du für die? „Nein. Ich habe mit ihnen nichts zu tun.“

Die Verteidigungsrede versinkt in einer Tirade aus Beleidigungen und Unterstellungen. „Du bist eine Terroristin. Du bist von der PKK. Du bist eine Terroristin. Du bist eine Terroristin. Dieser eine Beamte hat mir das wieder und wieder an den Kopf geworfen“, sagt Sabina K. „Ich weiß nicht, was der von mir wollte.“

Die Abschiebung

Das Verhör dauert eine gefühlte Ewigkeit. „Du stellst eine Gefährdung der Sicherheit des Landes dar“, hat der Beamte gesagt. „Ich würde jetzt abgeschoben werden und werde außerdem mit einem lebenslangen Einreiseverbot in die Türkei belegt.“

Wie kann das sein?! Wurde sie über ihre Rechte aufgeklärt? „Nein.“ Ein Telefonat mit einem Anwalt oder mit der Deutschen Botschaft sei ihr ebenfalls verweigert worden. Ein Anruf bei der Familie? „Nein.“

Der nach dem Putschversuch verhängte Ausnahmezustand in der Türkei, der erst kürzlich von der Regierung um Präsident Recep Tayyip Erdogan bis Mitte Januar 2017 verlängert wurde, gibt den Sicherheitskräften das Recht in die Hand und damit absolute Macht.

Eine Frau, die sie später bewacht, erlaubt Sabina K. eine Short Message zu verschicken. „Die habe ich an einen Freund gesendet, damit er weiß, dass es mir gut geht und ich nach Hause komme.“

Der letzte Akt

Die Studentin kommt in einen Abschiebungsraum. Tisch, Stühle, ein Sofa, ein paar Decken, Papier, Schreiber und eine Überwachungskamera an der Wand. Fast 20 Stunden muss sie warten, auf den nächsten Flieger nach Deutschland.

„Ja, sie haben mir etwas zu Essen gegeben und haben mich nicht mehr beschimpft.“ Die Nacht ist unruhig. Sie kritzelt herum, macht Zeichnungen. „Ich habe kein Auge zubekommen“, sagt sie. „Man hat ja schon oft von der Misshandlung von Gefangenen und von Vergewaltigungen gehört.“ Ihr passiert nichts.

Aufstehen. Sachen greifen. Schnell, schnell zum Flieger. Aufatmen im Flugzeug. Die Besatzung ist offensichtlich informiert über den weiblichen Gast, dem Terrorismus unterstellt wird. Aber alle sind völlig entspannt.

„Mein Eindruck war, dass die das nicht für voll genommen haben.“ Das erklärt vielleicht, warum ein Mitglied der Crew ihr gleich nach dem Einstieg ihren Pass aushändigte und das Schriftstück übergab, dass Sabina K. untersagt, jemals wieder in die Türkei einzureisen. Aber dort leben Freunde und viele Familienangehörige.

Der Kampf ums Recht

Nicht nur deshalb will sie sich auflehnen. „Ob ich mich gegen die Art der Behandlung und vor allem die vielen gemeinen Unterstellungen wehren kann, weiß ich nicht“, sagt sie, „aber nach meinen persönlichen Erfahrungen, und wenn man die Medien verfolgt, dann fragt man sich, auf wen diese Unterstellung besser passt.“ Mit ihrem Anwalt hat sie sich schon beraten. Sabina K.: „Ich habe niemandem etwas getan und werde mich wehren.“

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Ihren Pass und den Bescheid über das Einreiseverbot bekam Sabina K. noch im Flugzeug von einem Mitglied der Crew ausgehändigt. (Foto: NEUE DEBATTE)

*Hinweis: Name wird von der Redaktion aus Rücksichtnahme auf die Betroffene nicht ausgeschrieben.

Titelbild: Unsplash (pixabay.com) – Creative Commons Zero

Fotos: NEUE DEBATTE

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