Die natürliche Ausländerin

Roksalana ist eine politische Bloggerin und Journalistin. Sie lebt im Exil. Roksalana schreibt über die natürliche Ausländerin.

Roksalana ist eine politische Bloggerin und Journalistin. Sie lebte in Südossetien. Das ist im Kaukasus. Kritische Beiträge sind dort nicht willkommen. Sie ging ins Exil. In Deutschland fängt ihr neuer Weg mit der Sprache an. Roksalana lernt Deutsch und schreibt mit allen Fehlern der natürlichen Ausländerin.

Adaptation für politische Flüchtlinge in Deutschland ist ein langer Weg. Der Weg fängt mit der Sprache an. Deutsch ist eine komplizierte philosophische Sprache.

Selbst sie zu verstehen ist nicht so einfach. Sogar Menschen, die schon 3-4 Sprachen kennen, können trotzdem Pech haben mit der deutschen Sprache. Der zweite und schwerste Weg ist, auf Deutsch zu denken und auf Deutsch Humor zu benutzen. Dafür habe ich persönlich 2,5 Jahre gebraucht.

Man fühlt sich überhaupt ganz allein auf der Erde.

Noch schwerer war es für mich, auf Deutsch meine Gedanken zu schreiben. Ohne Schreiben fühle ich mich als toter Mensch. Dafür brauche ich noch etwa 5-6 Jahre, denke ich. Bevor jemand, der immer mit Schreiben beschäftigt war, das macht, ist diese Person nicht nur heimatlos, sondern „erdlos“ und hoffnungslos. Man fühlt sich überhaupt ganz allein auf der Erde. Ich habe zum Beispiel noch nicht verstanden, ob Humor in den Texten auf Deutsch „sichtbar“ ist.

Der schwerste Moment für mich war meine Einsamkeit, als ich kam. Ich kannte nur ein Paar Menschen. Frühe, meine letzte zwei Jahren in meiner Heimat, war ich auch einsam, da viele Freunde Angst hatten mit mir irgendwelche Beziehungen zu haben.

Der Mensch fühlt sich in einer fremden Umgebung sehr schnell einsam.

Aber in Deutschland kannte ich noch dazu keine Sprache und meine Einsamkeit hat wehgetan. Jetzt verstehe ich, warum die Obdachlosen so traurig sind: weil niemand sie umarmen oder fragen kann: „Wie war dein Tag heute?“

Deshalb finge ich an alles zu analysieren. Einfach habe über alle Themen gedacht, über alles, was ich gehört habe: über die Verhalten zwischen den Menschen. Ich habe zuerst die Menschen nach zwei Kategorien unterschieden ganz primitiv: nach den Ausländer und den Deutschen oder den Muttersprachlern.

Keine Angst! Ich bin dabei! Alles wird gut sein!

Ich fand die einige Traditionen der Gesellschaft und die Sprache interessant, die Verhalten zwischen den Ausländer und den Traditionen dieser Gesellschaft und ein bisschen über meine Gefühle dazu. Es gab ein Chaos in meinem Unbewusstseinsinhalt und dem Bewussteinsinhalt auch.

Die Traurigkeit des Charlie Chaplin erfasst die ohne Heimat sind.Ich kann meine Gedanken damit anfangen, dass ich dachte viel über das Verstehen der fremden Mentalität, die sehr spät kommt – manchmal überhaupt nicht. Manche Leute verstehen von Natur nicht, dass sie nun in einem anderem Land leben, in dem die Menschen ganz andere Gedanken, Prinzipen und Verhalten haben können.

Manchmal wollte ich viele traurige Menschen umarmen und sagen: „Keine Angst! Ich bin dabei! Alles wird gut sein!“. Manchmal wollte ich nicht sehen viele Menschen um mich herum, die so teilnahmslos denken, die keine großartige abenteuerliche Pläne haben: nur die Arbeit, Karriere und Sicherheit im privaten Leben.

Ich habe viele meiner Bekannten, die Migranten sind, gefragt, ob sie deutsche Freunde haben. Die meistens sagten „Nein„. Nur die Menschen, die deutsche Partner oder Partnerin haben, haben deutsche Freunde durch Kontakte der Partner.

Ich wollte diesen Kreis aufbrechen …

„In meiner Heimat rief ich nie vorher meine Freunde an, um sie zu informieren, dass ich kommen möchte. Deswegen möchte ich nicht eine „Terminfreundschaft“ haben…“, sagte mein Kursteilnehmer aus dem Iran.

Meine Bekannte und Freunde in Deutschland waren lange Zeit nur die Kursteilnehmer und die Deutschlehrer. Ich wollte aber sehr diesen Kreis aufbrechen, sonst würde ich 10-20 Jahre in diesen Kreis bleiben wie viele andere Migranten auch.

Einige Flüchtlinge, die sehr leiden, weil sie ihre Heimat verlassen haben, bleiben im Kopf in ihrer Heimat. Das heißt, dass sie vor allem Kontakt haben mit Menschen aus ihrer Heimat und dass sie fast immer in ihrer Muttersprache reden. Manchmal verstehen sie sogar nicht, dass sie irgendwo anders gelandet sind.

Weil sie uns nicht verstehen können!

Einmal sagte unser Deutschlehrer, dass wir deutsche Freunde haben sollten. „Ich lebe in Deutschland seit 6 Jahren, aber ich hatte nie deutsche Freunde und wahrscheinlich werde ich sie nie haben“, – sagte mein Kursteilnehmer aus der Türkei. „Warum denn?“, – fragte der Lehrer. „Weil sie uns nicht verstehen können!“, – antwortete der Kursteilnehmer.

Unser Deutschlehrer hat noch eine seltsame und interessante Sache uns erzählt: „In Deutschland benutzt man die Wörter „Hass“ und „Liebe“ fast nie. Zum Beispiel: man kann nicht so einfach sagen: „Ich hasse dich! Oder einfach sofort: „ich liebe dich!“.

Nach seiner Meinung, solche Definitionen sind zu stark für die Deutschen und besonders für die Norddeutschen. Aber genau diese zwei Wörter sind am häufigsten in Südländer benutzt. Wir waren einfach schockiert!

Die Freundschaft zwischen Deutschen und Ausländern sieht wie ein strategischer Plan aus.

Es ist eine Tatsache, dass es schwierig ist deutsche Freunde zu haben, obwohl ich selber viele Kontakte mit deutschen Freunden hatte. Die Freundschaft zwischen Deutschen und Ausländern sieht wie ein strategischer Plan aus. Deswegen ist es schwierig, Freundschaften zu schließen für Ausländer, die sich nicht gut in diesem strategischen Spiel auskennen und für die Muttersprachler, die nicht verstehen, dass sie einen Plan beherrschen, auch.

Aus meiner Erfahrung in meiner Heimat Kaukasus kann ich folgendes Beispiel nennen. Wenn eine Person im Kaukasus ein interessantes Buch gelesen oder einen spannenden Film gesehen hat, würde das normalerweise anderen Freunden erzählt werden.

In Deutschland sieht das ungefähr so aus: wenn eine Person ein interessantes Buch liest oder einen interessanten Film anschaut, dann tut sie das für sich selbst. Oder wenn man Unterstützung von Freunden braucht, kommen die deutschen Freunde nicht oder müssen von dem Termin eine Woche oder sogar einen Monat vorher informiert werden.

Ohne Termin kann man sich nicht mit engen Freunden treffen.

Die Kalender der Menschen in Deutschland sind total voll für das ganze Jahr. Sogar wenn man Probleme mit engen Freunden besprechen möchte, sollte man einen Termin nennen, damit man sich zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Platz treffen kann, um moralische Unterstützung zu bekommen.

Ein Satz muss nicht immer ein Ende finden, um den Gegenüber zu verstehen.

Ohne Termin kann man sich nicht mit engen Freunden treffen, weil die Menschen Sportklub, Schwimmbad, Tanzklub oder Einkauf am Wochenende haben. Im Alltag ist es ganz gefährlich, jemanden um einen Termin zu bitten.

Der Egoismus in Deutschland ist unbegrenzt. Dieses komplizierte Schema ist unverständlich für Migranten. Es ist für mich auch unklar, wo die Grenzen sind zwischen dem Respekt vor den Freunden und dem Egoismus meiner Freunde.

„Im Land, wo wir für alles eine freie Wahl haben, gibt es keine freie Wahl von Terminen für die Freunde“, sagte mir mein Landsmann. „Wenn die Menschen hier sterben, haben sie noch viele Termine nach dem Tod. Manchmal kann niemand diese Termine absagen“, sagte er.

Bei uns ist das Ende des Satzes nicht so wichtig …

Als ich das erste Mal angefangen habe, frei zu sprechen und zu verstehen, habe ich eine wichtige Sache verstanden, die in Russland nicht möglich ist. Die Menschen, die Deutsch sprechen, unterhalten sich nicht gleichzeitig, sondern nacheinander, weil die wichtigen Teile der Sätze manchmal am Ende sind.

Man soll also unbedingt bis Ende des Satzes warten, um die Bedeutung der Rede zu verstehen! Na, ja! Bei uns ist das Ende des Satzes nicht so wichtig…

Das erste Jahr war für mich sehr spannend, weil ich auf Deutsch reden frei und humorvoll reden wollte. Das zweite und dritte Jahr kann ich nicht beschreiben. Es gab die Stille, die ich nicht verstehen konnte.

Ich bin einfach Ausländerin überall.

Ich habe das erste Mal meine Mutter vermisst. Ich hab sie gesehen in jeder Frau, die älter als ich oder über 20 Jahre alt war. Jetzt ist das vierte Jahr angefangen und ich fühle mich weder als Bürgerin des Kaukasus noch als Bürgerin von Deutschland. Ich bin einfach Ausländerin überall. Diese kleine Geschichte war über meine Vergangenheit, ich habe allerding die Zukunft auch.

Hintergrund: Südossetien liegt im Kaukasus und sagte sich 1990 von Georgien los. Seit 2008 ist man wirtschaftlich und politisch von Russland abhängig. Die Unabhängigkeit Südossetiens wird allerdings von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt. Ausnahmen bilden Nicaragua, Venezuela und der Inselstaat Nauru. Russland erkennt Südossetien seit dem Georgien-Krieg 2008 an und nahm diplomatische Beziehungen auf.

Foto: Geralt, MarionVoltamax und Brigitte Werner (alle pixabay.com) – Creative Commons CC0

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