Rassismus im Alltag: „Ich hab ja nix gegen Schwule, aber …“ (Part 2)

Unsere Autorin entlarvt eine gesellschaftliche Wahrnehmungsstörung. Die Reduktion der Homosexualität auf Sex.

Unsere Autorin Alex entlarvt im zweiten Teil ihrer Beitragsserie eine substanzielle gesellschaftliche Wahrnehmungsstörung, die Vorurteile und Rassismus befeuert: Die Reduktion der Homosexualität auf Sex.

Das Heterosexuelle in ihm sieht einfach nicht, was hier falsch ist. Jemand, der sich und seine Umwelt als „genauso wie er selbst ist“ wahrnimmt, also in diesem Fall heterosexuell, der sieht nicht, welche Schwierigkeiten das Gegenteil beziehungsweise das „Andere“, was in der Minderheit ist, mit sich bringt.

Ein alltägliches Beispiel wäre für mich die Partnersuche: Nehmen wir an, ein heterosexueller Mann ist beim Einkauf und an der Kasse ergibt sich die Situation, dass ihm eine Frau, die vor ihm steht, gut gefällt.

Wenn er selbstbewusst genug ist oder durch einen Zufall ein Gespräch entsteht, dann fragt er mehr oder weniger direkt nach einem weiteren Treffen und die Frau geht darauf ein oder nicht. Der heterosexuelle Mann macht sich keine Gedanken darüber: „Okay, könnte sie vielleicht auch lesbisch sein?“ Er sieht diese Mauer nicht.

Ich als homosexuelle Frau habe immer die unsichtbare Barriere vor mir. Für mich steht diese Frage nach der sexuellen Orientierung der Frau, mir gegenüber an der Kasse, die mir gut gefällt, immer automatisch im Fokus, weil immer noch das große, große Vorurteil der homosexuellen Minderheit im Vordergrund unserer heterosexuell-dominanten Gesellschaft steht, was die Homosexualität insgesamt betrifft.

Mein Kumpel konnte nicht nachvollziehen, warum ich mich angegriffen gefühlt habe. „Es ist doch nicht schlimm. Verzichtest du eben eine Woche auf Sex und gut ist …“ Okay, so kann man das sehen.

Eine Woche kein Sex, aber was bedeutet diese Aussage wirklich? Sie besagt, ich soll eine Woche lang auf einen fundamentalen Teil meines Ichs verzichten. Einen riesigen Teil meines Ichs ignorieren. Das steckt in dieser Aussage!

Ein Mann und eine Frau haben doch nicht nur 24 Stunden Sex …

Und ein weiterer Punkt steckt für mich in solch einer Aussage: Zumindest habe ich das Gefühl (durch Gespräche und auch durch Filmmaterial, wo die Homosexualität in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt wird), dass Homosexualität rein auf den Sex zwischen zwei Frauen oder zwei Männern begrenzt wird.

In einigen Filmen oder Serien wird der Sex zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Menschen groß und breit dargestellt – aber was bedeutet Homosexualität denn noch? Genauso viel wie die Heterosexualität? Ein Mann und eine Frau haben doch nicht nur 24 Stunden Sex? Das bedeutet noch nicht „Beziehung“. Es ist eine Art von Beziehung; eine Art von „Zusammensein“.

Der heterosexuelle Mann macht sich keine Gedanken über Mauern.

Einige Heteros betreiben solch eine Zusammenkunft, keine Frage, und es ist auch nichts Schlechtes daran; obwohl ich bezweifle, dass sie 24 Stunden Sex pro Tag haben. Aber für mich ist der Sex nur ein mehr oder weniger kleiner Teil von etwas unglaublich Großem.

Die Beziehung besteht für mich aus Zärtlichkeit und Zuneigung. Das, was Heteros tagtäglich unbedenklich ausleben: Händchenhalten, Arm in Arm durch die Straßen gehen, auf der Parkbank kuscheln und den Sonnenuntergang genießen. Und solch ein Verhalten steht in einigen Ländern unter Strafe; sogar der Todesstrafe.

Er will dem Homosexuellen seine Sicht überstülpen.

Und durch die Beschränkung der Homosexualität auf Sex habe ich den Eindruck, dass der Heterosexuelle die Homosexualität als etwas Verzichtbares, nicht Wichtiges, ein T-Shirt, was man jederzeit im Schrank hängen lassen kann und nicht wie die Haut, das größte Organ des Menschen, die nicht auswechselbar oder verzichtbar ist, ansieht.

Er will dem Homosexuellen seine Sicht überstülpen. Das wäre so wie bei dem folgenden Gespräch, das sich in meinem Kopf gebildet hat:

Weißer: „Na, wo willst du mal hinreisen?“

Schwarzer: „Och ich würde gern mal da und da hin, aber dort wirst du als Schwarzer ziemlich schnell erschossen.“

Weißer: „Ach, dann mal dich doch einfach weiß an, dann fällste nicht so auf.“

An sich vielleicht eine einfach pragmatisch gemeinte Aussage, aber welchen bitteren Beigeschmack habe ich – und ich hoffe Sie auch! – noch mit dabei? Die bittere Pille, dass das in Ägypten ist und uns nichts angeht, solange wir uns dort nicht aufhalten, vielleicht?

„Kannst ja wieder hierher zurückkommen. Lebst ja in Deutschland. Hier in diesem aufgeschlossenen Land ist das ja schon lange kein Problem mehr.“ (Nur als kleine Randbemerkung: Das kursivgedruckte Wort steht hier für übertriebenen Sarkasmus!)

Ich lehne das Prinzip des Wegschauens ab.

Ja, durchaus richtig, das mit dem Zurückkommen, aber was ist mit den Menschen dort? Lesbische Frauen, die von Männern brutal vergewaltigt werden, nur um gezeigt zu bekommen, wie geil doch der Sex mit Männern ist!

Einfach gehen und nicht hingucken, nach dem Motto: Was ich nicht sehe, gibt’s nicht? Ich lehne das ab. Ich lehne das Prinzip des Wegschauens ab.

Ich lehne die Gewalt gegen lesbische Frauen ab! Ja, ich lehne die Gewalt ab!! Ich lehne Gewalt überhaupt als Mittel für egal welchen und jedweden Zweck ab!!!

Gewalt ist und darf nie, niemals ein Mittel für Frieden und Gleichheit und schon gar keines zum Schutz der Würde des Menschen sein.

Denn so etwas, solch eine Aussage ist einer der Gründe, warum sich Menschen nicht zur ihrer Homosexualität bekennen oder zu sich selbst stehen; zu egal welchem Charaktermerkmal. Angst haben und sich selbst seelisch verstümmeln.

Solche Aussagen, über die sich viele gar keine Gedanken machen. Über das was sie sagen, und wie sie es sagen. Solche Aussagen sind die Grundlage, warum immer noch in vielen Ländern die Todesstrafe auf etwas völlig biologisch-natürliches steht. Solche Aussagen lassen mir den Kamm schwellen und eine unglaubliche Wut auf die heterosexuell-dominante Gesellschaft entwickeln …

Homosexualität ist mehr als Sex.

Der dritte Teil erscheint am Samstag! Hier geht es zum ersten Teil von Rassismus im Alltag: „Ich hab ja nix gegen Schwule, aber …“ und hier zum dritten Teil der Beitragsserie.

Über die Autorin: Alex emi­g­rie­rte aus den schwäbisch-bayrischen Bergen in die Lüneburger Heide. Nach dem Abitur zog sie nach Hamburg, um ein Handwerk zu erlernen. Alex gibt sich dem Schreiben hin und der kreativen Malerei. Ihre Essays unterzieht sie dem Urteil der eifrigen Leserkultur. Sie ist 22 Jahre alt und lebt im Norden Deutschlands.

Fotos: Euripides, Misign und Kurious (alle pixabay.com) – Creative Commons Zero

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