Alex Ross Kultur

Rassismus im Alltag: „Ich hab ja nix gegen Schwule, aber …“ (Part 3)

Einseitigkeit in der Perspektive ist bequem, aber auch Nährboden für Wut und Hass. Dialog ist das einzig taugliche Gegenmittel.

Im dritten Teil ihrer Beitragsserie skizziert unsere Autorin Alex den Mangel an Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzudenken. Die Einseitigkeit in der Perspektive ist bequem, aber auch Nährboden für Wut und Hass. Dialog ist das einzig taugliche Gegenmittel.

Da sind die Anfänge von Unbehagen und Selbsthass. Von Wut und Fremdenhass. Und schließlich von Krieg und Verderben.

Der Nährboden, das Nährmedium. Vergangenes Beispiel: Adolf Hitler. Aktuelles Beispiel: Der Islamische Staat.

Sie kennen den Hinweis bereits, dennoch wiederhole ich meine kleine Randbemerkung: Das Kursivgedruckte steht hier für übertriebenen Sarkasmus!

„Aber das sind ja die Terroristen, die mit uns feinen Bürgern aus dem feinen Westen nix zu tun haben. Die Wilden; keine Ahnung von Moral und Ethik; von Richtig und Falsch. Wir sind die Unschuldigen. Dass Männer, Kinder und Frauen sich dem anschließen, um zu töten und zu zerstören, hat nichts mit uns feinen Menschen zu tun. Wie wir mit unseren Mitmenschen und der Welt umgehen. Schon gar nicht mit unseren Vorstellungen von Konsum.“

Meinen Sie das hat nichts mit uns zu tun? Mit dem, wie wir mit uns reden. Wie wir uns unsere Unaufmerksamkeit schenken und wie wir über uns denken.

Sich in andere Menschen hineinzudenken

Aus solch einer Annahme der Mehrheit, dass alle so sind, wie sie selbst, entsteht die Unfähigkeit zu reflektieren. Aus dieser Unfähigkeit entsteht die Unfähigkeit, sich in andere Menschen hineinzudenken und hineinzuversetzen.

Aus dieser Unfähigkeit entsteht ein Mangel an Toleranz. Aus diesem Mangel entstehen Wut und Hass. Und aus Wut und Hass entstehen Krieg und Verderben. Kann! Wohlbemerkt: Es kann! Es passiert nicht zwangsläufig, sonst hätten wir weit mehr Menschen, die Massenmorde anstreben.

Ja, es bedarf schon weit mehr, um einen Menschen auf das Niveau zu bringen, auf das sich Adolf Hitler begeben hat. Aber es bedarf im Grunde nur ein paar weniger Zufälle. Begebenheiten, Begegnungen, die die Glut zum Brennen bringen. Dann wird es sehr schwer, das Feuer zu bekämpfen. Vor allem, wenn keine oder nur eine unbeholfene freiwillige Feuerwehr in Form eines positiven Gegenpols vorhanden ist.

Was ist das Problem mit mir selbst?

Was für ein Netz aus Lügen und Halbwahrheiten, und nur weil wir zu sehr mit dem Anderen beschäftigt sind, als mit uns selbst. Weil wir uns selbst allein nicht aushalten. Lieber gucke ich den anderen schief an, als mich an meine eigene Nase zu fassen und mich zu fragen, was das eigentliche Problem mit mir selbst ist.

Allerdings muss ich zugeben, so wie ich mir es wünsche, habe ich auf die Aussage meines Gesprächspartners über die Ägyptenreise leider nicht reagiert. Ich habe mich zwar gewehrt und Protest geäußert; dass das gerade eine Scheißaussage gewesen ist. Aber auf die Vehemenz der Verletzung meiner, gerade mit Füßen getretenen, Menschenwürde habe ich nicht angemessen reagiert.

Ich habe den Anderen nicht zurechtgewiesen. Ihn nicht richtig konkret darauf aufmerksam gemacht, was gerade gesagt worden ist und was es bedeutet. Auch weil ich noch nicht weiß wie. Wie hätte ich das auf eine erwachsene Weise lösen können? Ohne Anklage oder den Nährboden für neue schlechte Gefühle zu säen?

Ich finde, wir sollten langsam wieder anfangen zu lernen miteinander zu reden, aufeinander zu zugehen und vor allem die Vergangenheit ruhen zu lassen. Vergangenheit ist geschehen, ja daran kann man nichts mehr ändern.

Es muss für Gerechtigkeit gesorgt werden

Ja, es gab Wut und Tod. Verletzte und Blut. Gebrochene Herzen auf allen Seiten. Und es muss auch für Gerechtigkeit gesorgt werden, aber nicht in Form von Gewalt und Rache. Nicht in Form von: Auge um Auge! Sondern in Form von Bewusst machen, was passiert ist und was derjenige getan hat: egal in welchem Fall. Da müssen einige etwas zugeben. Ihre Fehler einräumen und dafür die Verantwortung übernehmen.

Aber die anderen müssen auch ihren Teil dazu beitragen. Es den anderen dann nicht mehr vorhalten. Es den anderen nicht mehr unter die Nase reiben. Und vielleicht dann auch lernen zu vergeben, verzeihen. Das ist eines der höchsten Güter der Menschen. Versenkt das doch nicht, bitte!

Der Aufwand lohnt sich

Man kann sich entscheiden, nicht darin zu versacken. Man kann sich entscheiden, nicht mehr zurückzuschauen. Nach vorn zu sehen und anzufangen zu verzeihen. Und ich weiß, dass das möglich ist. Mein Herz kann das! Und damit auch jedes andere menschlich schlagende Herz. Mein Herz will nicht in der Vergangenheit verharren.

Und ja, das ist ein unglaublicher Kraftaufwand. Etwas zu ändern, etwas einzugestehen und zuzugeben, aber auch etwas einzufordern. Aber der Frieden in der menschlichen Seele, in jeder menschlichen Seele, ist diesen Aufwand doch wert, oder?

Hier geht es zum ersten Teil von Rassismus im Alltag: „Ich hab ja nix gegen Schwule, aber …“ und hier zum zweiten Teil der Beitragsserie.

Über die Autorin: Alex emi­g­rie­rte aus den schwäbisch-bayrischen Bergen in die Lüneburger Heide. Nach dem Abitur zog sie nach Hamburg, um ein Handwerk zu erlernen. Alex gibt sich dem Schreiben hin und der kreativen Malerei. Ihre Essays unterzieht sie dem Urteil der eifrigen Leserkultur. Sie ist 22 Jahre alt und lebt im Norden Deutschlands.

Foto: Wikimedialmages (pixabay.com) – Creative Commons Zero

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