Der feine Unterschied zwischen Moral und Ethik

Der Philosoph Dr. Christian Weilmeier erklärt den Unterschied zwischen Moral und Ethik.

Im Schulunterricht, in Diskussionen und öffentlichen Debatten tauchen immer wieder die Begriffe Moral und Ethik auf. Doch was ist das eigentlich? Wo liegen genau die Unterschiede?

Ethik und Moral werden meist verwendet, als meinten sie dasselbe, weil beide Begrifflichkeiten zum gleichen Ergebnis führen können. Aber es gibt wichtige Unterschiede.


Das muss man schreiben dürfen!

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Im üblichen Sinne bezeichnet Moral die konkreten Verhaltensregeln, die im Leben zwischen den Menschen Gültigkeit besitzen. Dazu gehören Gesetze, Normen und Handlungsvorschriften, auf die sich die Gesellschaft verständigt hat. Erlaubnisse und Verbote stehen sich dabei gegenüber.

Ethik ist die Wissenschaft von der Moral

Dagegen ist die Ethik das Nachdenken über die Moral selbst, und vor allem über die Begründung von Moral und über die unterschiedlichen Systeme der Moral. Man könnte auch sagen: Ethik ist die Wissenschaft von der Moral. Die Frage nach dem Warum steht im Mittelpunkt.

In meinem Video gebe ich allen, die schon immer wissen wollten, wovon bei Ethik und Moral die Rede ist, eine kurze und knappe Antwort.

Foto: Lucia Parrillo (pixabay.com) – Creative Commons CC0

  1. Es spricht der sophistische Tyrann zum Idealisten: Danken wir der Moral, daß wir uns einbilden können, das Recht sei mehr als der Wille dessen, der ihn durchsetzen kann. Dann weint der Idealist aber der Ethiker eilt herbeit und tröstet ihn. Nicht bloß Deckmantel des Herrscherwillens bist du, sondern vielmehr wertvolles Werkzeug und Hebelarm, daß der Herrscher nicht allzuviel rohe Kraft verschwenden muß beim Durchsetzen…

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    1. Vielen Dank für den Kommentar und den Hinweis auf Tyrannei und Herrschaft. Wir werden uns beiden Begriffen noch ausführlich widmen.

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      1. Es ging mir weniger um Herrschaft, als um die Frage nach dem Sinn einer Ethik falls Moral keine weitere Begründung als Willkür hätte.

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        1. Eine gute Frage. Ich meine, wenn Willkür und Herrschaft Hand in Hand gehen, und nur derjenige Willkür ausüben kann, der herrscht, desto wichtiger wird die Ethik, da die kritische Betrachtung der Moral – als Basis der Willkür – den Gegenpol, und damit in letzter Konsequenz den Widerstand, zu Herrschaft und Willkür abbildet.

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          1. Der Tyrannei begegnen, in dem man ihre Widersprüche entlarvt. Ob das Recht und die ihm zugrundeliegende Moral logisch und widerspruchsfrei sein muß und kann, wäre dann wieder eine Frage ethischer Erörterungen…

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  2. Jürgen Avenwedde 25. Oktober 2017 um 23:28

    Meine einfachen Spontanen Gedanken dazu ….
    1) Warum Widerspruchsfrei? Alle komplexen Systeme erlauben entweder rekursive Reflexion und sind daher in sich selbst widersprüchlich oder trivial. Es ist unvollkommen seine eigene Unzulänglichkeit nicht beweisen zu können. (in Anlehnung an den Mathematiker Gödel)
    2) Moral ist zweifellos auf der Basis von Einfluss und Deutungshoheit definiert und daher das Ergebnis der Eliten.
    Ethik als Metaebene bewertender Moral ist aber den Menschen angeboren und daher weit weniger leicht zu manipulieren, möchte ich spekulieren. Dazu folgende Gedanken:
    2a) Ich behaupte die selbstkritische Reflexion des Menschen sich in der Wechselwirkung zu seiner Umgebung zu betrachten in Verbindung mit der zwangsläufig vorhandenen Erkenntnis den „anderen“ als seinesgleichen zu erkennen, führt quasi genügend intensiv betrieben automatisch dazu, sich in die Lage des anderen hinein zu denken – mit genügender selbstkritischer Grundhaltung auch Empathie zu entwickeln.
    2b) Aus dieser empathischen Empfindung wächst bei weiterer kritischer Reflexion das Empfinden von Hilfsbedürftigkeit des „anderen seinesgleichen“ – auch als negatives Gefühl im Betrachter, welches dieser zu vermeiden trachtet. Daraus als meist einfachste Lösung das anbieten von Hilfe.
    2c) In der selbstkritischen Betrachtung dieser „sozialen“ Sichtweise in der Gruppe wird der Vergleich von Empathie und Bedürftigkeit zu einem abwägenden Gerechtigkeitssinn erwachsen, so die kritische Selbstreflexion nur genügend intensiv weiter betrieben wird.

    Das kann man so weiter Denken bis das der Mensch aufgrund seiner intellektuellen selbstkritischen Reflexionsfähigkeiten zwangsläufig zu einem Empathischen, Sozialen, Gerechten, Freiheits- und Friedensliebenden Lebewesen wird, solange es die „seinesgleichen“ als „wir “ und nicht als die „anderen“ betrachtet. (Das ist der Trick mit der Ausgrenzung, )

    Was ist von dieser Vorstellung zu halten?
    Ethik nicht nur als bewertendes Instrument der Moral zu definieren, sondern als dem Menschen angeborene Eigenschaft, die nicht widerspruchsfrei in jedem Detail zu definieren ist und damit der Okkupation der Eliten überreicht wird, sondern als freier Gedanke des Humanismus und des ständigen Hinterfragens.

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  3. Leider werden im Sprachgebrauch der gut 80 Millionen Deutschen die Begriffe Ethik und Moral völlig anders verstanden und verwendet als in der Philosophie. Beispiel: Ein Versicherungsbetrug, überhaupt jeder Betrug, ist unethisch. Hingegen: Das Angebot eines Mannes an seine hübsche Sekretärin, dass sie eine Gehaltserhöhung bekommt, wenn sie dafür mit ihm ins Bett hüft, ist unmoralisch (es wäre ja nichts Strafbares damit verbunden).
    Ethisches Handeln bedeutet, dass man freiwillig (!) die (Kantschen) Menscherechte respektiert – aus eigener Überzeugung, nicht etwa aus Zwang oder Angst vor Strafe.
    Und noch etwas: man kann, erstens, ethisch handeln, etwa ein gefundenes, wohl gefülltes Portemonnaie zum Fundbüro bringen, oder auch, zweitens, unethisch – das wäre etwa der Versicherungsbetrug. Es gibt aber noch eine dritte Kategorie: Man findet sie bei allen, die schlicht fremden Regeln folgen, etwa Glaubensvorschriften: Wer nicht stiehlt, weil er das Gebot der Bibel befolgt, macht nichts unethisches, aber seine Handlung erfolgt nicht aus eigener ethischer Überzeugung, er ist einfach gehorsam: Dass seine Handlung ethisch scheint, ist Zufall: Er handelt nicht-ethisch. Sein Gehorsam kann auch anders aussehen: Einem Moslem, der einem von Islam abgefallenen den Kopf abschlägt (so fordert es der Koran), stellt sich die Frage nach ethischer Haltung gar nicht. Abraham, der von Gott aufgefordert wurde, seinen geliebten ersten Sohn auf dem Altar zu schlachten, dachte gar nicht daran, dem Befehl Gottes zu widersprechen und schwang schon den Mörderdolch. Das heißt überspitzt: Ausschließlich nichtgläubige Menschen handeln nach ethischen Prinzipien (wenngleich nicht alle) – der große Rest der Menschheit befolgt einfach nur Befehle.
    Das wurde übrigens bei Versuchen an Schulen eindrucksvoll bestätigt.

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    1. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar und die interessante Überspitzung. Dazu zwei Nachfragen: Müsste bei der Einschätzung, dass lediglich nichtgläubige Menschen überhaupt ethisch handeln können, zwischen der Rolle und Funktion von Religionen (und ihrer weltlichen Vertreter, die die Deutungshoheit reklamieren) und einem nicht an „organisierter“ Religion gekoppelten Glauben (also im Sinne von Naturreligion) an eine alles erschaffende und beherrschende „Schöpferkraft“ unterschieden werden? Und könnten Sie eventuell einen Link oder einen Verweise zu den genannten Versuchen an Schulen anreichen. Das wäre sicher hilfreich für Leserinnen und Leser, die diese Überlegung genauer betrachten wollen.

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  4. Ihre Trennung zwischen Gläubigen und religiösen Menschen ist zweifellos gerechtfertigt, ich hatte diesen Unterschied leider unterschlagen.
    Religionen, überwiegend in historischer Frühzeit entstanden bzw. (Islam) auf früheren Religionen aufbauend, muss man zu Gute halten, dass sie ethische/moralische Forderungen in Form von Glaubensgeboten einführten: Ein gewaltiger Fortschritt in Zeiten der Stammes- oder Familienclans, als alle moralischen Normen alleine gegenüber Mitgliedern der eigenen Familie oder Gruppe galten, alles außerhalb aber gleichsam Freiwild war, nicht als gleichwertiger Mensch betrachtet wurde. Wir finden diese Trennung ja noch heute zwischen Muslimen und den ungläubigen „Kafir“, zwischen Talmud-Juden und den „Gojim“ (Tieren auf zwei Beinen, wie Netanjahu wörtlich sagte), zwischen den hohen Kasten der Hindus und den „Unberührbaren“ etc.
    Dass religiöse Menschen das anders sehen, ist wohl klar: Ich habe sehr liebe, katholische Freunde, die völlig überrascht und ganz ungläubig waren, als ich ihnen erklärte, dass die ethischen Regeln, die in den 10 Geboten enthalten sind, keineswegs von Moses erstmals dem Menschen gebracht wurden, sondern seit Jahrtausenden bekannt und verbreitet waren und in Babylon und Sumer gleichfalls galten.
    Und, ja: Wer an einen Schöpfer glaubt, ohne an die Vorschriften von Religionsregeln gefesselt zu sein, wird wohl so moralisch bzw. ethisch sein und handeln wie die Nicht-Gläubigen – es sei denn, sein Gottesbild verlangt etwas anderes von ihm.
    Bezüglich der Schulversuche: Nein, ich habe mir den Link auf die entsprechenden Veröffentlichungen nicht gemerkt. Deshalb in Kürze:
    An US-amerikanischen Schulen wurden – in wiederholten, statistisch sorgfältigen durchgeführten Studien – Schülern unterschiedlich schweres Fehlverhalten von Mitschülern zur Beurteilung vorgelegt. Untersucht wurde die Bereitschaft, Verständnis für diese Mitschüler zu haben, ihre Fehler sogar zu verzeihen, und das Maß an Strafe, das die Schüler für die Verfehlung ihrer Klassenkameraden für richtig hielten. Es zeigte sich in allen Versuchen dasselbe Bild:
    Kinder aus atheistischen Haushalten zeigten das deutlich größte Verständnis für die Vergehen der Mitschüler, sie waren am ehesten bereit, zu verzeihen, und sie setzten regelmäßig das Strafmaß am niedrigsten an.
    Spürbare Unterschiede gab es zudem zwischen christlich und islamisch erzogenen Kindern: Kinder als islamischen Familien zeigten nochmals deutlich weniger Toleranz oder Bereitschaft zum Verzeihen als christliche Schüler und forderten regelmäßig die mit Abstand härtesten Strafen.

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