Gunther Sosna Meinung

Provokant oder ehrlich: Der Terror des Gleichen macht uns krank

Genuss wird verboten, das Menschsein abgeschafft und das Subjekt zum Objekt degradiert. Es herrscht der Terror des Gleichen.

Byung-Chul Han spricht mir aus dem Herzen: Das System ist psychisch krank. Genuss wird verboten, das Menschsein abgeschafft und das Subjekt zum Objekt degradiert. Es herrscht der Terror des Gleichen. Trotzdem bleibt ein Aufstand aus. Digitale Schnuller trösten uns.

Der Philosoph Byung-Chul Han hat mich zu diesem Text motiviert. Ich schreibe aber nicht, weil ich seine Kritik am spätkapitalistischen Gesellschaftssystem, das die Menschen zur Funktionalität verdammt, teile. Sie ist treffend, sie ist berechtigt und sie ist sehr wichtig. Kritik ist eine Stütze der Entwicklung. Doch was entwickelt sich? Das Leblose ist es … der Terror des Gleichen!

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Die Technik erblüht, während das Menschsein verwelkt. Wir erleben eine Erosion von Vertrauen und Verantwortung. Liebe und Zuneigung werden ausgetauscht gegen Individualismus und Einsamkeit.

Schon die Kinder stehen im Wettbewerb. Ihre Begabungen und Talente werden unterdrückt und dem ökonomischen Bedarf an Arbeitskraft geopfert. Der Leistungsdruck in den Schulen, an den Universitäten und an den Plätzen der Arbeit vereinzelt die Menschen. Die Solidarität der Generationen ist längst aufgekündigt.

Der optimierte Arbeiter

Die nächste Stufe des ungezügelten Wettbewerbs wird durch die Umwandlung des Arbeiters in einen selbstausbeutenden Einzelunternehmer erreicht. Dieser optimierte Arbeitertyp kennt keine Gewerkschaft, lehnt den Klassenbegriff ab und reklamiert für sich, eben nicht Teil des digitalen Lumpenproletariats zu sein.

Die Umgebung wird optimiert und das Leben reduziert. Rauche nicht. Trinke nicht. Halt dich fit. Mach Sport und steigere deine Arbeitseffizienz. Finde Erfüllung im Job, aber nicht in der Familie oder in einer Beziehung. So steht am Ende jeder mit jedem im Wettbewerb und konkurriert sogar mit sich selbst. Von dort ist kein Widerstand zu befürchten.

Die Psyche des Menschen leidet Höllenqualen. In Deutschland erkranken jedes Jahr über 5 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Das ausgelutschte Arbeitsvolk hält sich in den OECD-Ländern mit Antidepressiva auf den Beinen. Der Verbrauch an Pillen explodiert.

Tausende ziehen einen Schlussstrich unter ihr Dasein. Sie springen aus dem Fenster, drehen den Gashahn auf oder bringen sich auf andere Art und Weise um, weil sie den Leistungsdruck nicht mehr aushalten oder weil das kapitalistische System sie als unbrauchbar ausgespuckt hat. Wer alt ist, taugt nicht mehr. Nicht nur in Südkorea bringen sich immer mehr ältere Menschen um.

Das Subjekt als Teil der Ungerechtigkeit

Wo findet sich Trost in dieser Trostlosigkeit? Sicher nicht in den substanzlosen digitalen Schnullern, wie Byung-Chul Han richtig erkennt. Die Digitalisierung, der Motor hinter der kapitalistischen Verwertungsgesellschaft, nutzt lediglich geschickt die menschliche Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Beachtung, um das Individuum aufzusaugen.

Es entstehen virtuelle Resonanzräume, die das trügerische Gefühl von Weite und Geborgenheit vermitteln und in denen jede Nichtigkeit für den Bruchteil von Sekunden Wichtigkeit erlangt, ohne jemals wichtig gewesen zu sein. Die Fähigkeit zur Kritik an der ungerechten gesellschaftlichen Ordnung wird endgültig gebrochen: Das Subjekt wird Teil der Ungerechtigkeit.

Die sozialen Netzwerke sind die Kerker der menschlichen Eigenheiten und Unverwechselbarkeiten, die im Fieberwahn der Beteiligung am Großen und Ganzen zur Schau gestellt werden: Selfie statt Spiegelbild und Beliebigkeit statt Charakter. Auffallen um jeden Preis, aber nicht anecken. Eine wertlose Transparenz.

In Agonie des Eros hat Han die Pathologie der narzisstischen und erschöpften Konsumgesellschaft skizziert und über den Terror des Gleichen geschrieben. Laslo Scholtze verfasste unter dem Titel Schneller, geiler, depressiver eine lesenswerte Kritik, die bei Han die fehlende Definition von Kapitalismus und Neoliberalismus, und vor allem die fehlende ökonomische Analyse als Schwachpunkte ausmacht. Wen zum Teufel soll das interessieren? Die Folgen sind sichtbar und schlimm.

Im Plattenbau der digitalen Tristesse

Das Subjekt lässt sich vom herrschenden System falten, bügelt sich selbst glatt und klatscht vor Begeisterung, wenn es als Objekt in die Ablage passt. Der Mensch wird zur Pfandflasche in seinem eigenen Regal. Beliebig etikettierbar und vor allem austauschbar: je nachdem woher der Wind weht.

Ich schätze Han dafür, dass er die Menschen über die Technik und die Ökonomie stellt. Dabei ist es eine banale Selbstverständlichkeit, sofern die Fähigkeit zur Empathie nicht durch Krankheit eingeschränkt ist oder von Gier und Habsucht kontrolliert wird. Sind wir unter Kontrolle?

Natürlich! Würde sonst das farbenfrohe Haus des Menschseins widerstandslos geräumt? Freiwillig wird der Mietvertrag im Plattenbau der digitalen Tristesse unterschrieben. Der angepasste Knecht lässt sich einreden, er könne es im System ganz nach oben schaffen, wenn er sich nur genug abrackert und vom Ballast befreit: Familie, Freundschaft, Standpunkte, Überzeugungen, Werte, Liebe, Genuss und Lust: Alles löst sich in Beliebigkeit auf.

Gehorsam wird gefolgt und der Akt der charakterlichen und seelischen Verstümmelung höchstselbst vollendet. Schauderhafter geht es kaum. Byung-Chul Han hat ausgesprochen, was ausgesprochen werden muss: Das ganze System ist psychisch krank. Es macht uns krank …

Nicht Charakter und Haltung definieren die Individualität, sondern das bevorzugte Modelabel und das Lieblingsdeodorant.

Der Terror des Gleichen ist die geschliffene Formel für eine moderne Gesellschaft im Spätkapitalismus in der sich der Mensch im Optimierungswahn freiwillig aller Ecken und Kanten beraubt. Nicht Charakter und Haltung definieren die Individualität, sondern das bevorzugte Modelabel und das Lieblingsdeodorant. Nebenbei werden Begriffe wie Schicht und Klassenkampf aus dem Sprachgebrauch getilgt. Sind wir alle eine Klasse? Niemals!

Digitalisierung verdeckt die Realität

Ökonomisch wird die Trennung durch die Eigentumsverhältnisse bestimmt. Wer die Produktionsmittel und Grund und Boden in seinen Händen hält, der ist in der Machtposition. Ihm gegenüber steht der Besitzlose. Wo sind da Gemeinsamkeit und Gleichheit? Die Digitalisierung führt sie künstlich herbei und verdeckt lediglich die Realität. Das ist eine Schattierung des Terrors des Gleichen gegen den Han bewusst oder unbewusst aufbegehrt.

Bei der Verleihung des Salzburger Landespreises für Zukunftsforschung platzte es nun wieder aus ihm heraus. Gerald Lehner skizziert in einem Beitrag für den ORF den Auftritt des Philosophen und bemerkt, dass es eine solche Dankesrede „in Europa bisher kaum gegeben haben“ dürfte. Die Salzburger analysieren schmeichelnd, dass Byung-Chul Han den Preis „unter Verweigerung der Einhaltung jeglicher Etikette annahm“.

Statt der erwarteten Verbeugung vor der Lehre und Forschung sprach Han über die Dummheit der Studenten und über die Idioten ohne Hausverstand im akademischen Bereich. Die politisch korrekte Gesellschaft, so gibt es Lehner wieder, sei laut Han leib- und lustfeindlich und Pornos im Internet die Ersatzsexualität.

Das Unterdeck der Belanglosigkeit

Vielleicht lag es an der fehlenden Beweihräucherung der Gegebenheiten, dass über die verbale Performance des Popstars der Philosophen nichts in den deutschen Medien zu lesen war. Vielleicht war auch der Preis zu unbedeutend. Den großen Bahnhof bekam Han jedenfalls nicht.

Möglicherweise gab es eine Meldung. Gut versteckt in einer Nachrichtenspalte. Diesem Hort der Wichtigkeiten, die besprochen werden müssten, aber im Unterdeck verschwinden, weil sie nicht ins Konzept der Belanglosigkeit passen. Kämen sie in Versalien auf die Titelseiten, würde sich nicht an den Symptomen abgemüht, sondern mit der Krankheit beschäftigt.

Über Byung-Chul Han: Han studierte in Freiburg und München Philosophie, katholische Theologie und deutschsprachige Literatur. Er promovierte 1994 und war als Privatdozent am philosophischen Seminar der Universität Basel tätig. Han lehrte Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und ist seit 2012 Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft der Universität der Künste Berlin. Byung-Chul Han forscht u.a. in den Breichen Ethik, Ästhetik, Phänomenologie sowie Sozial-, Kultur-, Religions- und Medienphilosophie. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Agonie des Eros, der Essayband Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken und Transparenzgesellschaft. Byung-Chul Han stammt aus Südkorea.

Foto: mopsografie (Flickr.com) – CC BY-ND 2.0 und pixel2014 (pixabay.com) – Creative Commons CC0

2 Kommentare

    1. Vielen Dank für den Kommentar. Wir haben leider keine Infos dazu finden können, möchten aber auf die Veranstaltungsseite der Universität der Künste Berlin hinweisen [ http://www.ziw.udk-berlin.de/de/weiterbildungsangebote/zertifikatskurse-seminare-workshops/uebersicht/ ]. Eventuell finden sich dort entsprechende Seminare und Vorlesungen von bzw. mit Byung Chul Han. Allerdings soll er in Salzburg angekündigt haben, dass er seine Professur aufgeben will.

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