Gunther Sosna Meinung

Rheumasalbe im Koffer – Die Revolution alter Männer

Die Welt brennt an allen Ecken. Aber es riecht nicht nach dem Rauch der Revolution, sondern nach Rheumasalbe.

Kriege, Umweltzerstörung, Massenarmut: Die Welt brennt an allen Ecken, die Unzufriedenheit ist groß. Die Jugend müsste es richten. Doch der Generation Y fehlt das Verständnis für den Klassenkampf. Der moderne Revoluzzer hat Gelenkschmerzen und riecht nach Rheumasalbe.

Donald Trump hat es geschafft. Der 70-jährige Unternehmer ist der 45. Präsident der USA. Barack Obama, der Hoffnungsträger der Minderheiten, der mit den abgehängten Milieus nichts gemeinsam hat, ist einer seiner Wegbereiter.

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Der smarte African American aus besseren Kreisen, der im Stil eines Vertreters für Versicherungen der gesellschaftlichen Schlacke des US-Kapitalismus eine faule Police namens Perspektive andrehte. Die versprochene Rendite blieb aus. Der Verkäufer machte den Schnitt: Friedensnobelpreis inbegriffen.

Damit sind der Rückzugspräsident Barack Obama, der jugendlich war und heute ziemlich alt aussieht, und sein Nachfolger an dieser Stelle abgehandelt. Reden wir über alte Männer, die eine kleine Revolution von links anzetteln, die lediglich den Geruch von Rheumasalbe verbreitet.

Soziales und ökologisches Facelifting

Nicht die unverbrauchten und hinter Bärten versteckten Milchgesichter der Generation Y dominieren die Schauplätze der Veränderung. Sie wissen zwar ganz genau, dass das System unbedingt ein radikales und vor allem soziales und ökologisches Facelifting benötigt.

Den Krankenschein stellen sie mit leichter Hand aus. Ihre Kritik und ihr Gejammer findet sich überall. Aber die Operation, die den Rechtspopulismus und den Faschismus eindämmen soll, die überlassen sie den ältesten Hasen, die sich auf der Wiese der politischen Linken finden lassen: Bernie Sanders (75), Jeremy Corbyn (67), Alexander Van der Bellen (72) und jetzt noch Christoph Butterwegge (65). Vier Namen und ein Programm: irgendwas mit sozialer Gerechtigkeit.

Sanders ist gescheitert, Corbyn kämpft, Alexander Van der Bellen steht heute im Feuer bei der Wahl des Bundespräsidenten in Österreich und Butterwegge passt nicht ins Bild. Er soll ja nur Deutschlands Bundespräsident werden. Das Amt ist allerdings schon verschachert, was den desolaten Zustand der Demokratie unterstreicht. Es ist die Symbolik, die bei Butterwegge zählt. Dietmar Bartsch kommt nicht die Reihe. Er drückt mit seinen 58 Jahren den Altersschnitt.

Neue Ideen und Utopien

Zurück zum Traum der Gerechtigkeit und zur sozialen Marktwirtschaft. Die war der Versuch, Wettbewerbswirtschaft und sozialen Fortschritt zu verbinden. Ein guter Ansatz, um die sozialen Verwerfungen eines ungehemmten Kapitalismus zu verhindern, der seinen Teil dazu beitrug, dass die Menschheit in zwei Weltkriege schlitterte.

Durch die Globalisierung und den Siegeszug der neoliberalen Strategie, der sich die politische Linke nicht kompromisslos entgegenstellte, wurde das Konzept abgelöst.

Die soziale Marktwirtschaft hat sich längst gewandelt in ein System des sozialen Kahlschlags und der Ausbeutung. Es führt zur Verelendung der Massen und in letzter Konsequenz zum Scheitern der Gesellschaften. Neue Ideen und Utopien sind daher gefragt. Doch wer soll sie umsetzen?

Junge Menschen sollen angeblich die treibende Kraft hinter großen Veränderungen sein. Das ist einer der gewaltigsten Irrtümer nicht nur des 21. Jahrhunderts. Mit dem intellektuellen Nachwuchs ist in problematischen Zeiten, die geprägt sind durch Kriege, Umweltzerstörung und Massenarmut kein Start zu machen.

Die heutige Systematik der Selbstoptimierungs- und Verwertungsgesellschaft hat sie zum politischen Fliegengewicht verkommen lassen. Sie sind zur Revolution nicht fähig.

Jetzt muss etwas passieren

Natürlich gibt es die Ausnahmen von der Regel. Ansonsten gilt: Gut ausgebildet, aber ökonomisch schwach auf der Brust. Politisch interessiert, aber nicht organisiert. Intellektuell, aber ohne Verbindung zu den abgehängten Milieus. Das muss und wird noch wachsen. Dazu gehören eine Neugestaltung der politischen Beteiligung und Parteistrukturen, die es jungen Menschen ermöglichen wichtige Positionen zu erreichen ohne sich im Parteifilz verbiegen zu müssen. Doch die Zeit rennt.

Zu schnell schreiten Gewalt, Krieg und die Zerstörung der Natur voran. Zu dynamisch entwickeln sich Hass und Nationalismus. Jetzt muss etwas passieren. Die Gruppe der Ü60 probt also den Aufstand. Diese alten Säcke, die schon den Rentenbescheid in der Hand halten, drücken den Gesellschaften ihren Stempel auf.

Ihr Aufstand ist dennoch wertlos, weil er keine Perspektive in sich trägt. Ein altes Konzept, entstanden als Märkte und Wirtschaft noch nicht derartig verzahnt und durch wenige Konzerne und Banken dominiert wurden, ist eine Notlösung, aber keine Lösung.

Nicht zu unrecht bemerkt Christoph Butterwegge einen Zerfall der Gesellschaft in Arm und Reich, was eine Gefahr für den Zusammenhalt darstellt, und fordert eine Beendigung der neoliberalen Austerität. Eine Epoche „der größeren sozialen Gleichheit und der Solidarität mit Armen und Benachteiligten“ soll folgen.

Ein toller Gedanke. Und wie soll das gehen? Durch den „Ausbau des Systems zu einer Sozialversicherung“. Tja, das ist alter Wein in neuen Schläuchen. Die solidarische Bürgerversicherung schmeckt gut, ist aber keine Innovation die einen gesellschaftlichen Wandel einleitet. Da muss in größeren Dimensionen gedacht werden.

Gegenmodelle und Umwälzung

Der Hebel gehört an die Wurzeln des Wirtschaftssystems. Eine emanzipatorische Aufklärung ist gefordert, die die Entfremdung und Ausbeutung in der Arbeitswelt nicht nur infrage stellt, sondern Gegenmodelle präsentiert. Die müssen nicht erfunden werden, sondern finden sich im Kapitalismus selbst.

Genossenschaften als Unternehmenskonstrukte zum Beispiel oder gemeinnützige Unternehmungen, deren Profite zwingend in die Gesellschaft fließen, aber nicht in die Taschen von Anteilseignern. Die Gründung zu erleichtern dürfte keine Mammutaufgabe sein.

Die von Christian Felber angeschobenen Überlegungen zur Gemeinwohlökonomie, gehören in eine moderne Agenda. Auch die Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen ist eine frische Idee, die man sich auf die Fahne schreiben kann.

Würden diese Ansätze Einzug in ein zukunftsweisendes Konzept finden und offensiv vertreten, könnten die alten Herrschaften ihre Revolution gleich an den Nagel hängen: Die Umwälzung der Verhältnisse käme (fast) von allein.

Foto: Gage Skidmore (flickr.com) – CC BY-SA 2.0

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