Das Staubkorn der Galaxis und seine überflüssigen Götter

Ohne Ausnahme hat alles Existierende seine Geschichte. Es entsteht irgendwann, entwickelt sich, durchläuft seinen Zyklus und findet schließlich sein Ende. Alle unsere wissenschaftlichen Einsichten haben zu diesem Paradigma über Erkenntnis geführt.

Das gilt tatsächlich für alles und jedes, den einzelnen Menschen, eine Gesellschaft und ihren Staat, genauso wie für die gesamte Menschheit, den Planeten, das Sonnensystem oder irgendwelches Leben im All.

Das bedeutet wiederum, dass man jedes Phänomen gleich welcher Art nur verstehen kann, wenn man es erstens in seinem zeitlichen Existenzzyklus und zweitens in seiner räumlichen Einbindung in größeren Zusammenhängen, Systemen und Netzwerken zu betrachten sucht. Also kurz: man versteht etwas nur durch seinen Lebenslauf in seiner raumzeitlichen Geschichte.

Religionen – Beweis für die Unreife der Menschheit

Wir wissen heute, dass es nichts außerhalb dieser Welt des Existierenden gibt, von den jede Sicherheit nehmenden Unbestimmtheiten der subatomaren Welt der Quantenphysik bis hin zur alle Vorstellungen sprengenden Welt der Astrophysik.

In dieses gewaltige Kontinuum und Spektrum reiht sich klein und bescheiden unser Planet ein, und noch viel kleiner und bescheidender die menschliche Population auf diesem Staubkorn der Galaxis.

Die menschliche Population lebt auf einem Staubkorn der Galaxis.
Die Erde und das Sonnensystem sind Teil der Milchstraße (Galaxis). Ihr Durchmesser beträgt etwa 120.000 Lichtjahre. In ihr befinden sich bis zu 300 Milliarden Sterne.

Die Menschheit muss diese Kröte möglichst früher als später schlucken: Es ist kein Platz mehr für einen fantasierten, überirdischen Beobachter jenseits und oberhalb des Horizontes einer in das Ganze des Existierenden eingebetteten Menschheit.

Schöpfungsmythen, Geister, Götter und die Weltreligionen sind nur ein Ausdruck von entwicklungsgeschichtlicher Unreife. Das trifft aber auch noch auf die alte kartesisch-newtonsche, mechanistische, deterministische Weltvorstellung aus den Kindertagen moderner Wissenschaft zu.

Auch die als von außen in Gang gesetztes Uhrwerk, als eine Apparatur von ineinandergreifender Mechanik vorgestellte Welt war noch ein Ausdruck von scheinrationaler Hilflosigkeit und der jahrtausendealten Unfähigkeit der Menschheit, mit ihrer kleinen Existenz umzugehen.

Das Weltbild von überflüssigen Göttern befreien

Alle diese Weltvorstellungen operieren mit einem den Anfang der Welt schaffenden und das Gesamtsystem von außen in Gang setzenden Demiurgen (Anm.: Schöpfergott).

Die Menschen hatten über Jahrtausende clevere reale Herren über sich, die auf diesem menschlichen Seelenklavier zu ihrem eigenen Nutzen zu spielen verstanden, das heißt den einfachen Menschen einredeten, dass ihre leibhaftigen Herren die Inkarnationen und Beauftragten der Überirdischen, der Allmächtigen im Himmel waren und man sich folglich nicht gegen sie auflehnen könne, ohne gegen die große, kosmische Götterordnung zu verstoßen.

Das funktioniert auch heute noch, wenn Päpste oder Imame, Patriarchen oder Dalai Lamas ihr verlogenes Gutmenschen-Getue an den Mann/die Frau bringen. Es wird höchste Zeit, dass das heute an Profil gewinnende wissenschaftliche Weltbild auch seelisch und emotional verkraftet und in die Lebenswirklichkeit integriert wird.

Die kürzlich stattgefundene Begegnung zwischen dem britischen Astrophysiker Stephen Hawking und Papst Franziskus hat in diesem Zusammenhang regelrecht Symbolcharakter.

Hawking teilte dem Papst per Sprachcomputer mit:

Man kann nicht beweisen, dass Gott nicht existiert (…) Aber die Wissenschaft macht Gott überflüssig.

Für das Entstehen des Universums sei kein Gott als Erklärung nötig. Noch 1980 hatte der ehemalige Papst Johannes Paul II das wissenschaftliche Establishment ermahnt, nicht den Augenblick der Schöpfung zu studieren, denn er sei heilig.

Hawking bemerkte scherzhaft: „I was glad not to be thrown into an inquisition“ und stellte ungerührt klar: „Big Bang didn’t need God“, das Universum brauche keinen Gott als Ursprung.

Der britische Astrophysiker Stephen Hawking vertritt die These, dass sich das Universum allein durch das Gesetz der Schwerkraft spontan selbst aus dem Nichts geschaffen hat.
Der britische Astrophysiker Stephen Hawking vertritt die These, dass sich das Universum allein durch das Gesetz der Schwerkraft spontan selbst aus dem Nichts geschaffen hat. Einen göttlichen Schöpfungsakt schließt er aus. (Foto: NASA/Paul E. Alers)

Für die Kirche ist Hawking ein „Gottesbezweifler“, der sich „gegen Gott stelle“: eine völlig unpassende und dümmliche Kennzeichnung für diesen großen Denker. Nein, Hawking wird auch den netten Herrn Franziskus nicht überzeugen können.

Jeder hat eine Weltanschauung im Kopf

Menschen können die Natur und Gesellschaft nicht unbefangen wie ein neugeborenes Kind untersuchen. Sie wären keine Menschen, hätten sie nicht immer eine vorgefertigte Weltanschauung im Kopf, würden sie nicht alles durch eine ideologische Brille sehen, mit der sie alle ihre Einschätzungen und Erklärungen vorfiltern.

Es geht nicht anderes, auch wenn dem Einzelnen das nicht bewusst sein mag und er meint, er brauche keine Weltanschauung oder keine – was nur ein Fremdwort für das gleiche ist – Ideologie; oder wenn Priester und ihre religiöse Herde an die ewige Wahrheit und unergründliche Weisheit von irgendwelchen Propheten, Halb- und Ganzgöttern oder Gurus glauben, oder der Wissenschaftler faustisch von der absoluten Wahrheit träumt und sich mit Gottesbeweisen abmüht.

Alles Gerede über angeblich objektives und alternativloses Wissen oder Politik ist höchst unernst, eingeschlossen der Glaube an die Klassiker des Marxismus-Leninismus.

Und so steht am Anfang unserer historischen Betrachtungen, gewissenmaßen als ein Leitmotiv, dass wir uns bezüglich historischer Erkenntnis und abgeleiteter Zukunftsperspektiven immer um drei zentrale Aspekte zu kümmern haben:

  • Erstens geht es immer um die faktische Richtigkeit aller benutzten Argumente und Tatsachen.
  • Zweitens ist die ideologische Plattform des die Geschichte Untersuchenden und Darstellenden offenzulegen.
  • Und drittens spielt im Diskurs über Geschichte und Politik natürlich ebenso die Weltanschauung des Zuhörers/Lesers eine Rolle, geht es doch darum, was durch seinen ideologischen Filter hindurch bei ihm selber ankommt.

Was der einzelne Mensch denkt und glaubt, ist eine Sache. In Geschichte und Gesellschaft spielen jedoch gemeinsame Überzeugungen von Gemeinschaften und Klassen die entscheidende Rolle. Darum soll es im zweiten Teil der Serie gehen.

Hier geht es zum zweiten Teil: Weltanschauungen und der Kampf ums Dasein.

Hier geht es zum dritten Teil: Staatenbildung, Zivilisation und das Recht des Stärkeren

Hier geht es zum vierten Teil: Der Epochenumbruch in der Menschheitsgeschichte

Du kannst Neue Debatte mit einem Trinkgeld unterstützen.

Informationen über Dr. Reinhard Paulsen findest du auf seiner Autorenseite.

Fotos: Astrophysiker Dr. Stephen Hawking (NASA Paul / E. Alers) – CC BY-NC-ND 4.0 sowie PixsaSsale und Mendin (beide pixabay.com) –  Creative Commons CC0.

5 Thoughts

  1. Da ich keine Zeit, keine Lust und kein Talent habe, das alles nachzurechnen, muß ich das dem Herrn Hawking einfach glauben. So wie alle Menschen zu allen Zeiten das glauben mußten, was ihre gebildete Elite ihnen vorrechnete. Die Hohepriester waren Wissenschaftler. Die Wissenschaftler sind Hohepriester. So war es und so wird es immer sein.

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    1. Vielen Dank für den Kommentar. Mit der umfassenden Thematik der Deutungshoheit und des Glaubes an gebildete Eliten als Vordenker [resp. Vorrechner], wird sich in der Rubrik Kompass noch ausführlich beschäftigt werden. Hawking selbst bringt ja sehr viele interessante Überlegungen in die neue Debatte um die Sicht auf das Große und Ganze ein (wir glauben ihm nicht, sondern nehmen es als gut begründete Wissensmeinung hin), die bisherige Konzepte infrage stellen. Doch selbst wenn seine Überlegungen richtig sein sollten, und alles aus sich selbst entstanden ist, bleibt die Frage offen, welche Ursächlichkeit sich hinter der Entstehung verbirgt. Was ist der Kern?!

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      1. Wir müssten uns schon auf Begrifflichkeiten einigen. Ich denke eben, alles nicht selber gewußte ist Glauben. Egal ob Einhörner, den Wert eines Stück Papiers oder die Entfernung zum Mond. Das liegt in unsere Natur, ist nützlich, wo es die Wissensverwertung arbeitsteilig rationalisiert. Und lässt sich immer zu politischen Intrigen und Verführung einsetzen. Was dem Assyrischen Priester seine Sonnenfinsternis, ist dem Churchill seine Statistik. Ferner glaube ich, sich in Gottesexistenz zu verbeißen, ist keine sehr effektive Kirchenkritik. Wer daran rührt, begibt sich auf ihr sumpfiges Terrain des übersinnlichen. Ein Wissenschaftler sollte diesseits bleiben und sich fragen, wie konnte sich eine solche Organisation über mehrere Tausend Jahre halten? Ist wirklich die Gottesgeschichte allein stabilisierend oder sind es nicht eher Verwaltungsbürokratie, Netzwerke und Zugriff auf die neuesten Techniken, sei es Baukunst, Massenpsychologie, Wirtschaft etc. Es wäre zu erörtern, ob Gott da nur Zierde ist, wie die Bärenfellmütze der englischen Palastwache, oder doch der Kleber, der das ganze zusammen hält, sozusagen die Corporate identity.

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        1. Vielen Dank für den erneuten Kommentar. Übersinnliches möchten wir nicht betreten und die Kritik an der Religion auch nicht verfolgen im Sinne einer Deutungshoheit über den Glauben im allgemeinen oder gemünzt auf bestimmte Glaubensgemeinschaften oder Göttlichkeiten. Wir bleiben mit den Füßen auf der Erde. Der zweite Teil der Serie ist nun online unter http://wp.me/p6rdsT-6Jj verfügbar und geht den nächsten Schritt in der Betrachtung der Zivilisationsentwicklung: Weltanschauungen und der Kampf ums Dasein.

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  2. Als mich meine Kinder (7 und 8) fragten, ob wir den Weihnachtsmann bzw. Christkind eine SMS schicken könnten, weil Briefe schreiben vielleicht gar nicht mehr so sicher ist wie eine SMS, antworte ich mit einen, ja warum nicht.

    Ich wurde nach der Nummer gefragt und ich sagte, probier doch mal die 24120000 aus. Wir riefen gleich mal an. Dieser Service war für uns nicht erreichbar. Dann suchte ich im Internet nach Jahreszahlen für die letzten vier Stellen. Da erlebte ich eine Überraschung. Diese zeitlichen Dimensionen einzelner Gotteshäuser wichen so stark ab, da frage ich mich, warum eigentlich so viele Menschen an die Kirche glauben und diese Feste feiern. Die Kinder haben dann doch einen Brief geschrieben, weil es beim Nikolaus funktionierte.

    Hätte mich gefreut, wenn die Kirche für meine Kinder das Telefon abgenommen hätte. Auf das Gespräch hätte ich mich übrigens auch gefreut.

    Trotzdem frohe Weihnachten

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