Staatenbildung, Zivilisation und das Recht des Stärkeren

Auf die Bronzezeit folgte der revolutionäre Sprung in das Zeitalter der Staaten bildenden Zivilisation. Die Gesellschaft wurde im Inneren durch das Recht des Stärkeren verändert: das Wolfsgesetz.

Hatte man die Chance oder wurde von Not getrieben, holte man sich von anderen Gemeinschaften, was man brauchte: Vorräte, Frauen, Äcker, Jagdgebiete, Arbeitssklaven.

Arbeitsteilung, Produktivitätssteigerung und Sesshaftwerdung ermöglichten schließlich Überschussproduktion und Vorratswirtschaft. Es konnte also nicht mehr nur von fremden Gemeinschaften etwas geholt werden.

Staatenbildung und Zivilisation

Innerhalb der produzierenden, sich organisierenden Lebensgemeinschaften gab es nun ein Mehrprodukt zu verteilen: erarbeitete Überschüsse über das absolut Lebensnotwendige hinaus.

Es wurde objektiv möglich, Gruppen von Menschen zu bevorrechtigen, die selbst nicht mehr an der gemeinsamen Produktion teilnehmen mussten und sich mit anderen Gemeinschaftsaufgaben beschäftigen konnten.

Diese gesellschaftlichen Chancen konnten theoretisch auf zwei verschiedene Arten wahrgenommen werden:

  • (A.) durch auf kulturelle und zivilisatorische Aufgaben ausgeweitete Arbeitsteilung. Das Mehrprodukt, dieser entscheidende Freiheitsgrad der Menschheit, konnte auf Basis alter egalitärer Gerechtigkeit verteilt und für alle nutzbar gemacht werden oder
  • (B.) das Wolfsgesetz des Rechts des Stärkeren konnte Einzug in die inneren Verhältnisse der naturrechtlichen Lebensgemeinschaft halten und die Gesellschaft in Arbeiter und Nichtarbeiter, Reiche und Arme, Herrschende und Beherrschte, Privilegierte und Benachteiligte spalten.

Wir wissen heute, dass die Menschheit überall und zu jeder Zeit den zweiten Weg der Benutzung des Mehrproduktes gegangen ist, dass sie offensichtlich gesetzmäßig nicht anders konnte.

Gewalt und Glauben

Überall entstanden kleine, aristokratische Herrenschichten, die ein kulturell verfeinertes Leben auf dem Rücken der arbeitenden unteren Bevölkerung erlangten: die als gesellschaftliche Parasiten dem Volk als ihrem Wirt also im Nacken saßen.

Ihre Macht beruhte auf zwei Säulen: zum einen auf der waffenmäßigen Gewaltausübung, auf rein physischem Zwang. Das wurde der Herrscher- und Königspalast, mit seiner hierarchischen Organisation einer aristokratischen Krieger- und Samuraikaste.

Zum anderen der Tempel, die subtilere, infamere und mächtige Säule von Religion und Glauben, mit der man die Seelen der unteren Schichten beherrschte und die Produzenten in die emotionale Unterwürfigkeit zwang.

Die Ausformung dieser gesellschaftlichen Zustände nennen wir Staat.

Staaten waren zwar in der Geschichte immer die Organisierung des gesellschaftlichen Zusammenspiels, der Verwaltung des komplizierten, arbeitsteiligen Gesamtprozesses – aber nie als neutrale, gerechte Schiedsrichter. Sie verfolgten immer das Ziel, die Produktion und Ablieferung des Mehrproduktes für die herrschenden gesellschaftlichen Parasiten, das heißt die Ausbeutung der gesellschaftlichen Wirte, zu garantieren und abzusichern.

Klassen und Klassenkampf in der Geschichte …

Wir sprechen damit zugleich von der Entstehung ökonomischer und gesellschaftlicher Klassen: von gesellschaftlich zusammengehörenden Gruppen gleicher Funktionalität, die antagonistische Interessen trennte.

Die herrschenden Klassen waren über ihren Staat in dem Bestreben vereint, ihr privilegiertes Drohnendasein abzusichern. Es galt, die produzierenden Menschen zur Ablieferung des Mehrproduktes zu zwingen und dafür zu sorgen, dass die überwältigende Mehrheit ihre Ausbeutung nicht begriff. Sie sollten diese im Sinne früherer naturrechtlicher Egalität zutiefst ungerechten Zustände für normal und gottgegeben halten und sich in ihr Los fügen.

Demgegenüber standen die ausgebeuteten und geknechteten riesigen Mehrheiten, die trotz aller gegenteiligen, ideologisch-religiösen Beeinflussungen die Ungerechtigkeit der ökonomischen Ausbeutung und der Anmaßungen der Herren und ihres Staates wenn schon nicht verstanden, so doch tagtäglich darunter zu leiden hatten und sich immer wieder mit ihren oft bescheidenen Mitteln meist aus tiefster Verzweiflung heraus wehrten.

Die gesamte Geschichte der Zivilisation, der Staaten und der gesellschaftlichen Klassen ist eine einzige Kette von mehr oder weniger offenen, teilweise brutalsten Kämpfen zwischen Oben und Unten, ausbeutenden Herrenmenschen und ihren Institutionen und den geknechteten, oft um das blanke Überleben kämpfenden Volksmassen.

Wir bezeichnen das als Klassenkampf, in dem das Schicksal der herrschenden gesellschaftlichen Parasiten oft am seidenen Faden hing und in denen diese am Ende immer wieder mit gnadenloser Härte und abgrundtiefem Hass siegreich mit dem rebellischen Volk abrechneten. Die Waffen waren nämlich ungleich verteilt und die Vorteile meist aufseiten der herrschenden Klassen.

Wenn Karl Marx klarstellte, dass die herrschende Ideologie immer die Ideologie der Herrschenden war und ist, so bringt er damit zum Ausdruck, dass fast alles, was uns an Wissen aus der Vergangenheit überliefert worden ist, aus der Feder der Schreiber, Dichter, Philosophen, Historiker, Religionsführer, etc. – also aus den Reihen dieser herrschenden Klassen stammt.

Natürlich haben diese in der Regel die Weltsicht und Interessenlage ihrer eigenen Klasse beziehungsweise ihrer Auftraggeber einseitig und parteiisch überliefert. Die unteren Klassen hatten zwar immer wieder Führer und Denker an ihrer Seite, wie zum Beispiel den Apostel Paulus, einen Thomas Münzer oder Karl Marx, aber nie eine wirkliche Lobby in der offiziellen Geschichtsschreibung.

… und in der heutigen Welt

Wir können uns nur dann ein halbwegs realistisches Bild von den wahren Zuständen in den vergangenen menschlichen Gesellschaften machen, wenn wir zwischen den Zeilen der schriftlichen Quellen lesen.

Das können wir aber wiederum nur, wenn wir selbst realistische Erfahrungen mit den Staaten und den herrschenden Klassen gesammelt und den uns auch heute noch von oben untergejubelten Beschönigungen vom Staat und Gesellschaft auch in den Quellen der Vergangenheit mit entsprechendem Misstrauen begegnen.

Wenn es heutzutage verpönt ist, von herrschenden Klassen und gar von Klassenkampf zu sprechen und Ausbeutung als ideologisches Schimpfwort gilt, so beweist das nur, dass unsere heutige Gesellschaft und ihr Staat in der langen Tradition ausbeuterischer Klassengesellschaften steht und immer noch versucht werden muss, den breiten Volksschichten ein X für ein U vorzumachen.

Wofür ist die Beschäftigung mit der Geschichte, genauer gesagt die Klärung der Geschichte aus der Sicht von unten überhaupt wichtig?

Es wurde am Anfang ausgeführt, dass man nichts verstehen kann, außer man betrachtet es in seiner Entwicklung von Entstehung, Lebenszyklus und Vergehen, was natürlich auch für die menschliche Gesellschaft auf dem Planeten Erde gilt. Die großen Fragen, die sich dabei stellen sind:

  • In welchem weltgeschichtlichen Entwicklungsstadium stehen wir?
  • Entwickeln wir uns noch oder ist die Menschheit mit ihrer Geschichte am Ende?

Offensichtlich treibt die Welt heute ökonomisch, ressourcenmäßig, staatspolitisch, klimatisch, bevölkerungspolitisch und so weiter auf einen Abgrund apokalyptischen Ausmaßes zu.

Wir müssen konstatieren, dass wir inmitten eines gewaltigen historischen Umbruchs stehen, in dem die gesamte fünf Jahrtausende alte Welt der Klassengesellschaft und der Klassenstaaten auseinanderbricht.

Alles, was diese Welt ausmachte, von den frühen Stadtstaaten und Gottkönigtümern an Nil, Indus, Ganges und Jangtsekiang bis zur heutigen Weltwirtschaft und dem System scheinparlamentarischer Oligarchien nach westlichem Muster bricht auseinander.

Im vierten Teil klären wir die Frage nach dem dramatischen und gefährlichen Ende dieser Epoche der Menschheitsgeschichte und nach den Zukunftsperspektiven des Globus.


Weitere Teile der Serie

Hier geht es zum ersten Teil: Das Staubkorn der Galaxis und seine überflüssigen Götter.

Hier geht es zum zweiten Teil: Weltanschauungen und der Kampf ums Dasein.

Hier geht es zum vierten Teil: Der Epochenumbruch in der Menschheitsgeschichte


Foto: Jonny Lindner (pixabay.com) – Creative Commons CC0

Historiker

Reinhard Paulsen studierte in den Jahren 1967-1974 Geschichte an der Universität in Kiel und schloss das Studium mit dem Grad eines Magister Artium ab. Danach verließ er das akademische Intellektuellenmilieu und absolvierte eine Schlosserlehre.

Reinhard Paulsen arbeitete als Betriebsschlosser in einer Aluminiumhütte und wechselte 1977 zu einem weltweit tätigen Konzern der Chemischen Industrie, in dem er 35 Jahre bis zu seinem Ruhestand 2012 angestellt war. Seine Arbeit umfasste Schlosser-, Techniker- und Ingenieursarbeit und Tätigkeiten in der Qualitätssicherung und im Reklamationswesen. In all diesen Jahren war Paulsen basisgewerkschaftlich engagiert: sei es als Vertrauensmann, als Betriebsrat oder in der gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung, wobei er persönlich kritische Distanz zum Gewerkschaftsmanagement hielt.

2002 kehrte er nach 28 Jahren und parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit an die Universität zurück. Er arbeitete ab 2006 an der Universität Hamburg (Fakultät für Geisteswissenschaften) an einem Promotionsprojekt zu hamburgischer und europäischer Schifffahrt im Mittelalter sowie deutscher Forschungsvergangenheit, das er 2014 mit dem Grad eines Dr. phil. in mittelalterlicher Geschichte abschloss. 2013 und 2014 nahm er Lehraufträge in mittelalterlicher Geschichte an der Universität Hamburg wahr.

4 Comments

  • Sehr schöne Zusammenfassung. Und bestätigt alle Vorurteile, die man als marxignorierender konservativer Westdeutscher gegenüber historischem Materialismus so pflegt. Provokant vorallem die sehr wertende Bezeichnung Parasit. Aber genauer betrachtet, eine schöne Arbeitsthese. Ich fände interessant, wie viel oder wenig ein organisierender Eckensteher die Produktivität tatsächlich beeinflusst. Also die Frage, ab wieviel Leuten, die auf einer Baustelle arbeiten, brauche ich jemanden, der nur dafür da ist, den anderen zu sagen, wo sie hin sollen. Und wieviel Lohn hätte der dann verdient und wie soll man das bemessen? Oder kriegt der offiziell gar nichts, weil er sowieso weiß, wie er kostenlos Baumaterial für ein eigenes Haus abzweigen kann…?
    Die Frage ist: Sind Wissensmonopole ein notwendiges Übel, das wir abmildern müssen? Oder können wir das Herrschaftswissen vollständig kollektivieren?

  • Ist die große Zahl von Menschen bewußt zu guten Untertanen erzogen worden. Nicht einmal die Ausbeutung der Erde und die großen Naturkatastrophen kann ein Aufbäumen hervorrufen. Wir verhalten uns wie die Osterinsulaner, die auch ihren letzten Baum gefällt haben, um ihre Steinskulpturen aufstellen zu können.

  • Ja mit hilfe der gesamten machtlosen Männer hätten Kaiser und Könige keine Schance gehabt andere Länder auszurauben und zu unterwerfen. Die Männer haben sich für einen Krieg hergegeben für einen Menschen den sie persönlich gar nicht kannten haben in seinem Namen getötet vergewaltigt und viele sind dabei selbst getötet worden. Wo heute die Kriegstreiber selbst in Sicherheit sind und davon am meisten profitieren geben sich die Männer immer noch her für die zu morden und selbst getötet zu werden und was haben sie davon dass sie nachher wenn sie es überleben traumatisiert sind für den Rest ihres Lebens?Sind vielleicht die Frauen die Motivation dieser seit jahrtausenden alten kriegerischen Geschichte gewesen der Lohn für ihren Einsatz? Nicht zu begreifen!! Denn auch in Friedenszeiten werden und würden Frauen vergewaltigt und das ohne (ausser seit kurzer Zeit) jemals bestraft worden zu sein. Eine weltweites Phänomen!! Unbegreiflich wie eine stillschweigende Verschwörung!!!

    • ANMERKUNG ADMIN: Hinweise zur Einordnung. An jedem Krieg haben sich Frauen beteiligt, ob als Krankenschwestern, die die Männer wieder „fit für den Krieg“ machten, als Flakhelferinnen zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg, als Teil des Tross als Marketenderinnen im Dreißigjährigen Krieg oder auf politischer Bühne wie beispielsweise Margaret Thatcher im Rahmen des Falkland Krieges. Gewalt allgemein und Vergewaltigung als spezielles Phänomen des Krieges oder gezielt als Kriegswaffe eingesetzt, trifft zudem auch Männer beziehungsweise männliche Kinder. Und diese Gewalt wird auch von Frauen verübt, wie der Fall Lynndie England zeigt. Die US-Soldatin wurde wegen ihrer Beteiligung am Folterskandal im Abu-Ghoreib-Gefängnis in Bagdad verurteilt. Erinnert sei auch an die Einbindung von Frauen als KZ-Aufseherinnen in die Mordmaschine der Nationalsozialisten.

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