„Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt“

Die Sammelabschiebungen nach Afghanistan haben begonnen. Die ersten Afghanen wurden von Frankfurt nach Kabul ausgeflogen. Damit hat Deutschland den moralischen Offenbarungseid geleistet.

Abschiebungen in ein Land, in dem lebensgefährliche Zustände herrschen, sind die Bankrotterklärung der viel zitierten westlichen Werte. Sie sind auf Plunder- und Ramschniveau abgestürzt. En passant wird der Deutsche noch mit sprachlichen Feinheiten zum schützenswerteren Menschen erklärt und der Afghane in einen Fleischwolf geschickt.

In Afghanistan gebe es auch sichere Gebiete, hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) oft genug betont. Dabei vermittelte de Maizière selbst einen glaubhafteren Eindruck von der Sicherheitslage als er Anfang des Jahres ausstaffiert mit Helm und schusssicherer Weste die Hauptstadt Kabul besuchte.

Am gleichen Tag, Thomas de Maizière befand sich gerade beim Dinner in der deutschen Botschaft, sprengte sich wenige Kilometer entfernt ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss zahlreiche Menschen mit in den Tod. Der Innenminister blieb bei seiner aberwitzigen Behauptung.

Beim Innenministertreffen der EU im November hatte Thomas de Maizière sein Ziel, die Zahl der Flüchtling aus Afghanistan zu reduzieren, nochmals verdeutlicht. Dazu gehört auch das Mittel der Abschiebung von Afghanen, die nach rechtlicher Prüfung kein Anrecht auf Asyl haben. Das wäre sogar nachvollziehbar, würde die Rückführung eben nicht in ein Herkunftsland erfolgen in dem Leib und Leben per se bedroht sind.


Das Auswärtige Amt bringt es auf den Punkt: Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt.

Wer dennoch reist, muss sich der Gefährdung durch terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte bewusst sein. Auch bei von professionellen Reiseveranstaltern organisierte Einzel- oder Gruppenreisen besteht unverminderte Gefahr, Opfer einer Gewalttat zu werden.

Diese landesspezifischen Sicherheitshinweise für Afghanistan sind auf der Homepage des Auswärtigen Amts veröffentlicht worden. Da steht außerdem:

In ganz Afghanistan besteht ein hohes Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Gewaltverbrechens zu werden. Landesweit kann es zu Attentaten, Überfällen, Entführungen und andere Gewaltverbrechen kommen.

Wer also in Erwägung zieht in das Land der Warlords, Taliban und sonstiger Mörderbanden zu reisen, das sich seit der Saurrevolution 1978 praktisch ohne Unterbrechung im Krieg oder Bürgerkrieg befindet, der begibt sich in Lebensgefahr.

Der Umstand von Gewalt und Tod direkt oder indirekt bedroht zu sein, völlig egal, wo man sich in Afghanistan aufhält, wird mehr gekünstelt als glaubhaft vom Auswärtigen Amt abgemildert:

Nach dem Ende der internationalen militärischen Unterstützungsmission ISAF haben die afghanischen Sicherheitskräfte landesweit die Sicherheitsverantwortung übernommen, sehen sich jedoch einer starken Insurgenz gegenüber und haben die Lage nicht überall unter Kontrolle.

„… nicht überall unter Kontrolle“ ist eine semantische Schamlosigkeit, die den trügerischen Eindruck von Ordnung und Sicherheit zu vermitteln sucht, die es in Afghanistan nicht gibt. Wie eine Nebelbank wirkt der nicht erklärte Begriff Insurgenz: Gemeint sind Aufständische.

Seit Beginn der Nato-Mission „Resolute Support“, bei der afghanische Sicherheitskräfte unter anderem militärisch ausgebildet und beraten werden, und an der sich die Bundeswehr beteiligt, hat sich die Sicherheitslage verschlechtert.

Brigadegeneral André Bodemann, der seit November 2016 das Train, Advise and Assist Command (TAAC) North der Resolute Support Mission in Mazar-e Sharif als Kommandeur anführt, spricht von einem Kriegsgebiet. Die afghanischen Sicherheitskräfte, mittlerweile auf rund 350.000 Mann angewachsen, würden sich in einer Patt-Situation mit den islamistischen Taliban befinden.

Das Auswärtige Amt betont nicht unbegründet in seiner Reisewarnung:

Allen Deutschen vor Ort wird zu größtmöglicher Vorsicht geraten.

Allen Deutschen? Und was ist mit den Afghanen? Oder kann eine Bombe, die auf einem Marktplatz gezündet oder mit einem Auto in eine Menschenmenge manövriert wird, die Nationalitäten seiner Opfer unterscheiden? Wohl kaum … Alle Menschen in Afghanistan sind in Gefahr.


Die Schrecken des Krieges

Der Blogger Thomas Wiegold, der auf Augengeradeaus.net über Verteidigungs- und Sicherheitspolitik berichtet, schreibt:

Die Einschätzung der Sicherheitslage im Land, die die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium regelmäßig dem Bundestag übermitteln, gilt offensichtlich nicht für die Afghanen selbst.

Was als Bedrohung im Land registriert würde, schreibt Wiegold, gelte offiziell nur für westliche Staatsangehörige, internationale und nationale Sicherheitskräfte sowie Angehörige der staatlichen Administration.

Die Aussage lässt Spielraum für Interpretationen. Eine könnte lauten: Wird irgendwo in den Bergen oder abseits der internationalen Aufmerksamkeit ein Afghane von den Taliban gemeuchelt oder beim Tritt auf eine Sprengfalle zerfetzt, stellt das keine Bedrohung dar.


Abschiebung in einen Fleischwolf

Der Krieg macht vor nichts halt und trifft vor allem Zivilisten. Der gewaltsame Tod ereilt die Menschen beim Gebet, beim Studieren oder beim Wasser holen. Das steht in einem Bericht der UN-Mission in Afghanistan (UNAMA), der im Juli 2016 veröffentlicht wurde. In der ersten Jahreshälfte 2016 starben rund 1600 Zivilisten durch Gewalt, fast 3600 wurden verletzt. Mindestens 1,2 Menschen leben als Binnenflüchtlinge oder sind sind aus Afghanistan geflohen.

Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Tadamichi Yamamoto, sagte, der Bericht muss als Aufruf an alle Konfliktparteien dienen, alles zu tun, „um die Zivilbevölkerung vor den Schrecken des Krieges zu verschonen“.

Ein berechtigter Appell, der bisher kaum Wirkung gezeigt hat. Nach dem dritten Quartal zählte die UNAMA 2562 Tote und 5835 Verletzte. Afghanistan bleibt ein Fleischwolf: Und diese Faschiermaschine beschickt Deutschland nun mit frischen Menschen.

Foto: Erika Wittlieb (pixabay.com) – Creative Commons CC0.

Wie ist Deine Meinung zum Thema? Schreibe einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s