Foto Peace von Thomas Hawk - flickr.com - CC BY-NC 2.0
Kehren Sie auf den Weg der Vernunft zurück. Gehen Sie in den Dialog, verhandeln Sie und sorgen Sie für Frieden in der Welt!

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

ich nehme die angehende Befreiung Aleppos zum Anlass, Ihnen zu schreiben. Seit 2011 ist nun diese Tragödie in Syrien im Gange. Sollte dieser Krieg nicht bald beendet werden, wird er dann im nächsten Jahr länger als der 2. Weltkrieg andauern.

Das Potenzial, einen weiteren Weltkrieg auszulösen, hat dieser Konflikt leider auch. Höchste Zeit also, im Interesse der Menschen in Syrien und der ganzen Welt, diesem Grauen ein Ende zu bereiten.

Frau Bundeskanzlerin, vor laufenden Kameras sagten Sie, es breche Ihr Herz angesichts der Zustände, die dort herrschen. Schon in der Vergangenheit war von Ihnen zu hören, dieser Konflikt sei nur politisch lösbar, aber andererseits weigern Sie sich strikt, mit dem gewählten und legitimen Staatsoberhaupt Syriens zu verhandeln.

Hinweis für Unterzeichner Offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel.Erlauben Sie mir die Frage nach Ihrer Motivation? Wer gibt Ihnen das Recht, den unter internationaler Aufsicht gewählten Präsidenten Syriens als Verhandlungspartner abzulehnen? Wenn dieser Konflikt nur politisch zu lösen ist, werden Sie wohl oder übel Präsident Assad als Verhandlungspartner akzeptieren müssen. Eine andere legitimierte Vertretung des syrischen Volkes ist mir nicht bekannt.

In Ihrer langjährigen Praxis haben Sie schon oft bewiesen, dass es geht: Sie sprechen mit dem saudischen Königshaus, welches über ein Land herrscht, in dem schon unzählige Menschen auf öffentlichen Plätzen geköpft, verstümmelt und verprügelt worden sind und immer noch werden.

Sie sprechen mit der chinesischen Führung, in deren Land die Menschenrechte massenhaft missachtet werden und Sie fühlen sich einem Land verpflichtet in dem Menschen in Zellen auf die Vollstreckung ihrer Todesurteile warten. Einem Land, in dem die Bürgerrechte nicht das Papier wert sind, auf dem sie stehen und dessen Ureinwohner nur knapp der völligen Vernichtung entkamen und deren Nachkommen teilweise bis heute in Reservaten dahinsiechen.

Nein Frau Bundeskanzlerin, Politik hin Diplomatie her, ich wage zu behaupten, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der Ihnen nicht abkauft, dass Ihr Herz bricht. Wäre es so, würden Sie den Menschen in Syrien zuliebe mit dem gewählten Präsidenten über Möglichkeiten des Friedens, und wie man seinem Volk helfen kann, sprechen.

Die westliche Wertegemeinschaft ist ohne Mandat der UNO in das Land eingefallen und hat ohne jegliche Legitimierung damit begonnen, Bomben abzuwerfen. Jetzt, da Aleppo befreit ist, dürfte es doch ein Leichtes sein – ohne zu fragen – die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen.

Was aber noch wichtiger wäre in der Zukunft: Halten wir uns endlich aus den Angelegenheiten anderer Länder heraus und hören damit auf überall auf der Welt westliche Maßstäbe anlegen zu wollen und unsere Vorstellungen von Demokratie mittels Bomben zu verbreiten. In Europa haben wir uns die Demokratie im Laufe von Jahrhunderten schließlich auch selbst erkämpft.

Kümmern wir uns doch besser darum, dass wir selbst die Menschenrechte einhalten, sie respektieren und dadurch jedem zeigen, dass wir tatsächlich hinter den christlichen Werten stehen, die immer wie eine Monstranz von uns umhergetragen wird: Du sollst nicht töten. Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Du sollst nicht trachten nach deines Nächsten Hab und Gut.

Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie einer Partei vorstehen, die ein „C“ für christlich in seinem Namen hat. Handelt Ihre Partei, und handeln Sie tatsächlich im Sinn dieser Gebote?

Wenn ich mir allein den Krieg in Syrien und die Rolle, die Deutschland darin spielt, ansehe, wenn ich mir die Abschiebungen der afghanischen Flüchtlinge in ihr vom Krieg zerrüttetes Land ansehe, und wenn ich sehe, wie Vorbereitungen getroffen werden, um junge deutsche Soldaten mit Panzern an die russische Grenze zu verlegen, dann muss ich mit Bedauern sagen: Nein, Sie und Ihre Partei und Ihr Koalitionspartner machen genau das Gegenteil von dem, was die christlichen Gebote vorgeben.

Als überzeugter Demokrat, friedliebender Mensch und Familienvater appelliere ich an Sie, auf den Weg Ihrer Vorgänger, bis einschließlich des Bundeskanzlers Helmut Kohl, auf den Weg zurückzukehren, den sie alle gegangen sind: Es ist der Weg des Verhandelns, der Weg des Dialogs.

Sie haben mehrfach einen Amtseid ablegen dürfen. Nach Art. 56 (und Art. 64) GG lautet er: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. (So wahr mir Gott helfe.)“

Nach meinem Empfinden halten Sie sich nicht an diesen Schwur. Allein dass Ihre Regierung die Aktivitäten auf dem US-Stützpunkt Ramstein duldet, hat schon unter zahlreichen Menschen für viel Kritik und Protest gesorgt. Die Tatsache, dass es Anzeigen gegeben hat, zuletzt einen Strafantrag von Hans-Christian Ströbele, die zahlreichen Demonstrationen vor dem Stützpunkt und viele weitere Aktionen mehr, untermauern mein Empfinden und das tausender Mitbürger.

Durch die Sanktionierung der Russischen Föderation und der Entsendung deutscher Soldaten an ihre Grenzen sowie die damit unter voller Kriegsbewaffnung durchgeführten Patrouillenflüge deutscher Eurofighter bringen Sie das gesamte deutsche Volk in Gefahr, jenes Volk, das Sie zu schützen geschworen haben.

Die wirtschaftlichen Sanktionen haben der EU und ganz besonders der deutschen Wirtschaft geschadet, genutzt haben Sie bisher niemandem. Das Einzige was sie bewirkt haben ist die Zerstörung der Jahrzehnte dauernden Arbeit Ihrer Vorgänger. Und was soll Ihrer Meinung passieren, wenn die Aufrechterhaltung der Sanktionen nichts bewirken?

Aus der Geschichte heraus kann man lernen, dass Sanktionen in den seltensten Fällen etwas zu einem guten Ende geführt haben. Irak, Iran, Syrien und Libyen sind über Jahre sanktioniert worden: Am Ende stand immer ein Krieg. Die einzige Ausnahme bleibt der Iran.

Wollen Sie einen Krieg gegen Russland riskieren? Haben Sie ausgeblendet, dass in Deutschland Nuklearwaffen der USA lagern und unser Land damit zu einem der ersten Ziele für russische Raketen wird?

Durch Ihr unverantwortliches Vorgehen machen Sie sich nicht nur Ihrem Volk gegenüber schuldig, sondern auch gegenüber all unseren direkten und indirekten Nachbarn. Sie als Physikerin dürften über die Wirkung von Nuklearwaffen am besten Bescheid wissen. Radioaktivität lässt sich nicht von durch Menschen geschaffene Grenzen aufhalten.

Frau Bundeskanzlerin, ich appelliere eindringlich an Sie. Kehren Sie auf den Weg der Vernunft zurück. Gehen Sie in den Dialog. Verhandeln Sie und sorgen Sie für Frieden in Syrien und der Welt!

Mit freundlichen Grüßen,

Jairo Gomez

Oberhausen, den 16. Dezember 2016

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Foto: Thomas Hawk (Flickr.com) – CC BY-NC 2.0

Seit 1967 lebt der im spanischen Granada geborene Bernardo Jairo Gomez Garcia in Deutschland. Sein Vater stammt aus Kolumbien, seine Mutter aus Spanien. Schon vor seinen Ausbildungen zum Trockenbaumonteur und Kfz-Lackierer entdeckte Gomez seine Leidenschaft für die Kunst. Er studierte an einer privaten Kunsthochschule Airbrushdesign und wechselte aus der Fabrikhalle ans Lehrerpult. Rund 14 Jahre war Gomez als Spanischlehrer in der Erwachsenenbildung tätig. Seine Interessen gelten der Politik, Geschichte, Literatur und Malerei. Für Neue Debatte schreibt Jairo Gomez über die politischen Entwicklungen in Spanien und Lateinamerika und wirft einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland und Europa.