Gesellschaft im Umbruch: Das Humankapital braucht Solidarität!

Psyche kaputt, Rückgrat gebrochen: Der Mensch geht als Humankapital in der Verwertungsgesellschaft zugrunde.

Psyche kaputt, Rückgrat gebrochen: Der Mensch geht als Humankapital in der Verwertungsgesellschaft zugrunde. Solidarität ist eine alte Medizin mit der er die Krankheit behandeln kann.

Das Benzin heutiger Wichtigkeit ist die Übertreibung. Also hinein mit dem populistischen Brennstoff in das Feuer der gesellschaftspolitischen Debatte. Es geht um das „Links sein“, den optimierten Selbstausbeuter und das kranke System.

Der Idealtyp des modernen westlichen Menschen sucht in der Verwertungsgesellschaft nach der Behaglichkeit einer kaum bezahlbaren Wohnung im Szeneviertel von Berlin, Wien oder Paris.

Er träumt vom einem mit Vegan-Food gefüllten Solarkühlschrank und gibt sich zufrieden mit einem präkeren Job in einem kreativen Start-up mit freundlichem Chef und miesem Gehalt.

Ein Projekt wie die Neue Debatte lebt von der Unterstützung der Crowd.Diesen Hafen der sozialen Unsicherheit steuert er Tag für Tag und bei Wind und Wetter in Dankbarkeit und ökologisch korrekt per Fahrrad an, um sich bei einer Tasse Bachblütentee in der unbezahlten Mittagspause mit gleich gestrickten Selbstausbeutern einzureden, er würde sich durch diese Krümel vom Gabentisch des Kapitals von den ökonomisch abgehängten Schichten, die als Zahlenwert in der Armutsstatistik verschwinden, signifikant unterscheiden.

Begünstigt wird sein Handeln durch eine irrationale Kultur der Verantwortungslosigkeit, die den Homo sapiens geschickt von jeder Schuld befreit hat, ihn durch Wettbewerb und Leistungsdruck isolierte und zum Befehlsempfänger degradierte, um ihn mit der Knute der Erwerbsarbeit zu einem devoten Ja-Sager zu optimieren, der unfähig ist, sich mit anderen Klassen zu solidarisieren, um gemeinsam für übergeordnete Ziele zu kämpfen.

Er lechzt nicht nach Leben, sondern strebt nach kargem Dasein. Seine Schaffenskraft nutzt er zur Deckung bescheidenster Ansprüche und befriedigt ohne Murren durch seine Maloche beständig und doch erfolglos die unstillbaren Gelüste der Besitzenden und fühlt sich gut dabei, weil er sagen darf: „Ich arbeite für … “ Für Google, Facebook, YouTube oder für was eigentlich? Man arbeitet für Menschen, die einen Namen haben und davon profitieren, dass für sie gearbeitet wird. Verkürzt betrachtet handelt es sich um ein klassisches Modell der Ausbeutung.


Die Abgrenzung zum Arbeiter

Die Besitzverhältnisse definieren den Unterschied. Diese banale Erkenntnis ist fundamental für eine politische Linke, die in logischer Konsequenz die herrschenden Verhältnisse als Problem ausmacht und überwinden will. Das nennt sich Klassenkampf.

Aber zu allem Überfluss tragen Ausbeuter und Ausgebeutete heute sogar die gleichen Klamotten, reden im Gleichklang von ökologischer Verantwortung und davon, dass die Welt so schön friedlich sein könnte, wenn man doch nur wollte. Wer will bei dieser Gleichschaltung von Optik und Gedanken noch einen Klassenunterschied ausmachen? Die sind doch gleich, oder … ? Sie sind nicht gleich!

Die neue Arbeiterschicht, ein aggressionsloses Lumpenproletariat mit iPhone, Laptop und intellektuellem Jargon auf den Lippen, angepinselt mit einer linkspolitischen Grundfarbe, die nur dem Namen nach Ähnlichkeit mit dem auf Widerstand gegen das Kapital ausgerichteten Original hat, geht in der Verwertungsgesellschaft auf und zieht eine scharfe Grenze zum mit Öl beschmierten und nach Schweiß riechenden Arbeiter im Blaumann, der sich seine Rechte durch Streiks, Werksbesetzungen, Demonstrationen und Straßenschlachten erkämpfte und dessen Knechtschaft an der Krankengeschichte abzulesen ist: Bandscheibenvorfall, kaputte Knie, Herzinfarkt.

Heute ist der Lohnabhängige nicht weniger durch das ausbeuterische System geschädigt wie sein archaisch anmutender Vorgänger, der sich in der Mittagspause noch mit Begeisterung und ohne über die Folgen für die eigene Gesundheit oder über das Leid der Tiere in den Schlachthöfen nachzudenken, ein Kotelett mit Fettrand und noch fettigeren Bratkartoffeln gönnte. Dieser Arbeitertyp verschwindet durch die fortschreitende Erleichterung der Arbeitsbedingungen, was aber am Prinzip der Ausbeutung nichts ändert.

Die kaputte Psyche des Humankapitals

Das gebrochene Rückgrat ist mittlerweile unsichtbar: Die Psyche des modernen Arbeiters ist völlig kaputt. Wer sich nicht mehr auf den Beinen halten kann, dem helfen bunte Pillen. Der Verbrauch an Psychopharmaka explodiert nicht nur in Deutschland.

Wenn nichts mehr geht, wirft sich hier und dort einer vor den Zug oder springt aus dem Fenster. Rien ne va plus … Auch dafür gibt es Statistiken. Ist die Selbstentleibung spektakulär genug, wird in den Medien die Grundsatzfrage gestellt: Wie wollen wir leben?

Die Wettbewerbsgesellschaft fordert ihren Tribut schon in der Sandkiste ein. Weltweit leiden bis zu 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter einer Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit, wie die Zerstörung der Seele verbal bekömmlich in Fachkreisen genannt wird.

Der Spiegel berichtete schon 2011 von einer alarmierenden Entwicklung: 160 Millionen Europäer litten demnach an einer psychischen Krankheit. Natürlich wurde sofort der böse Schaden für die Volkswirtschaften in Cent und Euro beschrieben, was eindrucksvoll bestätigt, dass das Subjekt zum Objekt abgewertet ist. Es geht ausschließlich um Geld und die Verwertung des Humankapitals.

Dass in Europa 119 Millionen Menschen in Armut oder an der Grenze zur Armut leben, wird selten im Zusammenhang gebracht, wenn es um die Erfolge der Wirtschaft geht. Wie sollte es auch vermittelbar sein, dass bei steigenden Gewinnen fast jeder Vierte in Armut und im psychischen Chaos kümmerlich dahinlebt. Schließlich hat doch jeder sein Glück selbst in der Hand, zumindest dann, wenn man an diese Lüge glaubt.


Gleichmacherei unterbindet Widerstand

Links sein bedeutet Gier nach Leben und Kampf gegen das kranke System. Das Große und Ganze gehört auf den Prüfstand. Lohnabhängige sind immer durch das Eigentum vom gesellschaftlichen Reichtum getrennt. Deshalb ist der Supermarkt auch voll, aber der Kühlschrank bei vielen Menschen auf dem Globus leer. Um das zu ändern, braucht es Zugriff auf Produkte und Dienstleistungen. Der wird durch Geld erreicht.

Allerdings entscheidet der Lohnabhängige nicht selbst darüber, was er bekommt, sondern die Kalkulation innerhalb eines Unternehmens gibt dies vor. Da das Überangebot an menschlicher Arbeitskraft den Wettbewerb der Lohnabhängigen untereinander befeuert, wird für immer weniger Geld immer mehr Leistung abverlangt. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, sind regelmäßig Kampfmaßnahmen erforderlich: Streiks.

Doch wer soll in einer Gesellschaft der Gleichmacherei gegen wen kämpfen? Arbeiter und Unternehmer stehen sich nicht unversöhnlich gegenüber. Durch die Auslagerung von Dienstleistungen auf Subunternehmen, die Verschiebung ganzer Abteilungen in Zeitarbeitsfirmen, die Segmentierung der Produktionsprozesse und nicht zuletzt durch die Zunahme des Solounternehmertums verwischen die Fronten immer mehr.

Streiks verkommen somit in Deutschland zu einer Ausnahmesituation. Zwischen 2006 und 2015 entfielen laut einer Auswertung des Institut der deutschen Wirtschaft Köln auf 1000 Arbeitnehmer im Schnitt sieben Streiktage. Das ist kein Widerstand gegen unhaltbare Zustände, sondern ein Kniefall vor dem System.

In Portugal sind es 18 Streiktage, in Finnland 44, die faulen Spanier bringen es auf 62 Tage, die refomunwilligen Franzosen auf 117 und in dem vermeintlich glücklichsten Land der Welt, in Dänemark, gab es 120 Streiktage. Wenn also beispielsweise eine Sahra Wagenknecht Mut zum Widerstand fordert, ist dieses Ansinnen gut begründet und ihr Team Sahra eine überfällige Notwendigkeit.

Nischenprobleme und Minderheitenegoismus

Die Lohnabhängigen, die sich besser als Einkommensabhängige bezeichnen müssten, schaffen es nicht, die ihnen zugespielte Karte der Konkurrenz abzulegen, sich für den gemeinsamen Kampf um Lohn und Arbeitsbedingungen zu solidarisieren und über Streiks hinaus den Klassenkampf weiterzuführen.

Die Struktur der Gewerkschaften, die nur Mitglieder vertreten, aber keine Notwendigkeit erkennen zum Beispiel für das Millionenheer der Hartz-IV-Empfänger einzutreten oder sich an die Seite der nichtorganisierten Freiberufler zu stellen und für ihre Ideen zu gewinnen, demaskiert eine schädliche Abgrenzung: Lediglich 15 Prozent der Arbeitnehmer sind überhaupt gewerkschaftlich organisiert. Die Gruppierung macht den Unterschied.

Das zeigt sich im Engagement für Nischenprobleme, die zwar zur großen Blase aufgepumpt werden, aber an den Verhältnissen nichts ändern. Es geht um Gendertoiletten, statt um ausreichende Klos für jedermann. Es geht um den Stopp des Kohleabbaus, aber nicht um die Frage, was der Kumpel zukünftig tun soll, damit er Einkommen erzielen kann, um seine Rechnungen zu bezahlen. Ökostrom soll die Lösung sein. Ob die alte Omi mit Minirente den bezahlen kann, spielt keine Rolle. Selbst der Mitarbeiter in einem Schlachthof, der das Leid der Tiere vor Augen hat und durch sein Tun mitverantwortet, sieht sich nur der Kritik ausgesetzt. Er wird von Tierschützern beschimpft, statt ihm zu helfen, auszusteigen aus dem System des Grauens. Das ist nicht links, sondern Minderheitenegoismus.


Auswege aus der Verwertungsgesellschaft

Was kann unter diesem Blickwinkel geschehen, um die Verhältnisse zu verändern? Ein Ausstieg aus dem System scheint kaum möglich, auch wenn einzelne Menschen es phasenweise schaffen. Müßiggänger reduzieren die Arbeit und gewinnen Leben. Andere trennen sich vom Geld, setzen auf eine Existenz als Selbstversorger und entkoppeln sich dadurch zu einem großen Teil vom Zwang der Erwerbsarbeit. Das sind Individuallösungen.

Streiks sind ein Mittel der Angestellten und Arbeitern, um Forderungen für eine größere Gemeinschaft durchzusetzen. Sie beseitigen aber letztlich nur punktuelle Schwierigkeiten der Erwerbsarbeiter und werden in der Wirkung durch Kompromisse, die bei Verhandlungen eingegangen werden müssen, ohnehin abgeschwächt. Eine große Umwältzung bleibt somit aus.

Der Hebel gehört angesetzt an den Wurzeln des ausbeuterischen Wirtschaftssystems. Das dauert länger, wirkt aber viel grundsätzlicher. Eine emanzipatorische Aufklärung ist gefordert, die die Entfremdung und Ausbeutung in der Arbeitswelt nicht nur infrage stellt, sondern unternehmerische Gegenmodelle präsentiert und realisiert. Die müssen weder erfunden, noch im Think Tank erdacht oder am Runden Tisch entworfen werden. Sie sind ein natürliches Spurenelement im Unternehmertum: Selten anzutreffen, aber vorhanden.

Solidarität, Teamwork und gemeinsamer Besitz sind entscheidend für Veränderung.

Der Zusammenschluss vieler zur Gründung von Unternehmungen, die sich dem Gemeinwohl verschreiben oder in der juristischen Person der gemeinnützigen Genossenschaft vereinen, ist ein Ansatz, der den unternehmerischen Wettbewerb – der durchaus seine Berechtigung hat -, nicht aufgeben muss, aber das Streben nach Profit für die Taschen der Anteilseigner aufgibt und in ein Streben nach gesellschaftlichen Nutzen wandelt. Solidarität, Teamwork und gemeinsamer Besitz sind dabei entscheidend und Toleranz, Anerkennung und Zuspruch elementar. Ein Start-up das nicht mindestens gemeinnützig ist oder gar nur einem Gesellschafter gehört, ist also keine Option der Veränderung, sondern lediglich Teil des alten Systems.

Die von Christian Felber angeschobenen Überlegungen zur Gemeinwohlökonomie sind ein Impuls für neue Unternehmensmodelle. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist ebenfalls eine Überlegung wert, wenn in einer zunehmend automatisierten Arbeitswelt Teilhabe für alle möglich sein soll, auch für diejenigen, die nicht mehr am Arbeitsmarkt gebraucht werden, für die sich aber mit ziemlicher Sicherheit lohnende Aufgaben in der ehrenamtlichen Tätigkeit finden lassen.

Die Finanzierungsfrage stellt sich nicht: Geld gibt es wie Dreck auf der Straße. Sie wäre hinfällig, würden Profite für die Gesellschaft erwirtschaft und nicht ausschließlich für das Eigenwohl einer kleinen Schar gieriger Charaktere.

Regional- und Kommunale Komplementärwährungen wie der Lindentaler in Deutschland, der Bristol Pound in Großbritannien, der Sardex in Sardinien oder der Banco Palmas in Brasilien retten nicht die Welt, aber vielleicht Teile der lokalen Wirtschaft, die dem Preis- und Wettbewerbsdruck nicht standhalten kann, der durch das kannibalistische Momentum der Globalisierung bis in die kleinste Einheit getragen wird. Aus diesem System gilt es auszubrechen. Schließen sich genug Menschen und Unternehmen an, bildet sich die Gestalt, die Morphologie einer Währung heraus und das Vorhaben kann gelingen.

Allein die ökonomische Basis muss gegeben sein, um der Irrationalität der Verwertungsgesellschaft zu entkommen, damit sich das von Verantwortung und Selbstwert befreite Objekt zu einem ethisch und moralisch verantwortlichen Subjekt transformieren kann.

Die Umwälzung der Verhältnisse geschieht dabei nicht durch Gleichmacherei, sondern durch die Aufhebung der Besitzlosigkeit. Die Besitzenden stehen dagegen. Dadurch wird das „Links sein“ zu einem anhaltenden Kampf.

Es bedarf zur Veränderung daher weit mehr als einer linkspolitischen Haltung oder der Mitgliedschaft in einer Partei. Wer verändern will, der muss die Veränderung und Solidarität vorleben, selbst auf die Gefahr hin, dass er durch sein azyklisches Handeln in der Verwertungsgesellschaft an der Aufgabe zerbricht – moralisch kann er nicht scheitern.

Du kannst Neue Debatte mit einem Trinkgeld unterstützen.

Foto:  Reimund Bertrams (Das WortGewand) und Skeeze – Pixabay – Creative Commons CC0.

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