Unzeitgemäße Betrachtungen: Denken ist Luxus und Mündigkeit unerwünscht

Kraftvolle Pöbeleien, Gewalt ausübende Pressemeldungen und Denken als unnötiger Luxus: Dr. Christian Ferch schreibt über kritische Theorie und ein armes reiches Deutschland.

In einer Zeit, in der es von Schubladendenken sowie vorschnellen Denunziationen nur so wimmelt, scheint es nicht unangebracht, einige Bemerkungen zu den Inhalten der kritischen Theorie zu verlieren.

„Der Positivismus hat gesiegt“, tönte es einst recht verzweifelt aus meinem Geiste. Nun, ohne die unleugbaren Fortschritte auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, angestoßen durch die methodologischen Inspirationen eines Herrn Descartes1, sollte immerhin nicht unbemerkt bleiben, welchen Schaden in humanistischen Bereichen eine derartige Herangehensweise anzurichten imstande ist.

Gerade das Telos2, Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit eben nicht nur in technischen, sondern auch in so menschlichen Bereichen wie Psychologie, Soziologie und in Dingen wie Identität und Persönlichkeit anzustreben, scheint menschenverachtend, und der finsteren Vision eines George Orwell (1984) nahezukommen.

In jenen Zeiten, in denen ein schriftlich festgehaltener Gedanke noch mehr Gewicht und Geltung besaß, als eine kraftvoll bis chauvinistisch zu nennende Pöbelei, schien es eine wohlfeile Angelegenheit, sich Zeit zum Denken und Schreiben zu nehmen.

Heutiger Tage indes begegnet dem wissenschaftlich orientierten Denker eine schöne neue Welt, in der eine als kapitalistischer Utilitarismus einzustufende Philosophie ihren Weg sich bahnt.

Herrschaft, dies unter anderem ein zentrales Thema in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer3 und Adorno4, besteht demnach in der Möglichkeit der Schläge, welche ein Einer einem Anderen austeilen darf.

Schlagzeilen – und hier sei auf die genaue, Konnotationen des Begriffs berücksichtigende Wortanalyse hingewiesen – fallen in genau diese hier zu beschreibende militaristische Kategorie: Der Ansturm, der nicht nur rein äußerlich Gewalt ausübenden Pressemeldungen, inflationiert konsumorientiert.

Mündigkeit – in all ihren philosophischen, emotionalen und kreativen Facetten – scheint unerwünscht, da eben unpraktikabel. Denken, welches einst Freiheit und Fortschritt erst ermöglichte, ist zu einem unnötigen Luxus entartet.

Armes reiches Deutschland.


Dr. Christian Ferch ist Philosoph. Er lebt in Berlin.

Über den Autor: Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik.

Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin.

Politisch engagiert sich Christian Ferch für die Partei DIE LINKE.


René Descartes (1596 – 1650) war ein französischer Philosoph und Naturwissenschaftler. Er gilt als der Begründer des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus

Das altgriechische Wort Telos (τέλος) bezeichnet in der Philosophie und Rhetorik das Ziel oder den Endzweck.

Max Horkheimer (1895 – 1973) war ein deutscher Sozialphilosoph und führender Kopf der Frankfurter Schule. Er formuliert eine fundamentale Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, die er als eine von politischen und ökonomischen Gegensätzen, ideologischen Widersprüchen und sozialen Ungerechtigkeiten zerrissene Gesellschaftsformation kennzeichnet.

Theodor W. Adorno (1903 – 1969) war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist. Adornos Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer Ideologie richtet sich gegen die verwaltete Welt und die Kulturindustrie. Beiden wohne die Tendenz zur Liquidation des Individuums und alles Abweichenden inne. Im Rahmen des verordneten Konsums und der organisierten Ausfüllung der arbeitsfreien Zeit durch Kulturindustrie, Begeisterung für Technik und Sport erfolge eine restlose Erfassung der Menschen bis in ihr Innenleben hinein.


Foto: Jonny Lindner (Pixabay.com) –  Creative Commons CC0

5 Thoughts

  1. Ist das Denken wirklich zum Luxus entartet und früher alles besser? Ist es nicht viel mehr so, daß früher wie heute das Denken einer Bildungselite vorbehalten war.Inzwischen aber hat der Fortschritt das allgemeine Bildungsniveu angehoben. Wer früher die Herrschaftsparolen vor der Kanzel kniend hören mußte, kann sie heute für wenig Geld am Kiosk kaufen und selber lesen. Zu beklagen wäre dann nicht, daß die allgemeinheit nicht mehr denkt, sondern daß sie noch nicht denkt, obwohl sie – seit verhältnismäßig kurzer Zeit – alle Mittel dazu in Händen hält.

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    1. Ich gebe zu, einen ein wenig finster und zynisch daherkommenden Artikel geschrieben zu haben. Ich wünsche mir nur halt eine Diskussionskultur, welche von vorschnellen Schubladendiagnosen, Chauvinismen sowie Pöbeleien und Schuldzuweisungen absieht. Natürlich ist es jedem selbst überlassen, ob er kritisch denken, oder eben im Kapitalismus funktionieren will. Manchmal beneide ich (sogar) den Arbeiter, der glücklich und zufrieden als Rädchen der Produktionsmaschinerie zu funktionieren weiß, da Denken auch schon mal zur Qual werden kann… –
      Dank für den Kommentar!

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      1. An der Zeitanalyse habe ich nichts auszusetzen. Mir ging es nur um die Frage nach „nicht mehr“ oder eher „noch nicht“. Aber das ist vielleicht unsere deutsche, fortschrittsorientierte, aber pessimistische Handwerkskultur, die der Thematisierung des zu behebenden Mangels viel Platz einräumt. Welcher Lehrer oder Betriebsleiter beginnt den Arbeitstag schon mit einer Lobrede, wieviel gutes wir doch bisher erreicht haben…?

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  2. Es gibt leider in den schnellen Kulturen von facebook und twitter und ähnlichen die Erziehung zum schnellen Urteil, das nur ein Vorurteil sein kann, denn viele bisher als mit-denkende Mitmenschen eingeschätzte Accounts geraten plötzlich in die dummen „Merkel-muss-weg“ & ähnliche Fake-Nachrichten und Phrasen gegen „kriminelle“ Geflüchtete, und dann kommt die Frage des „Entfolgen“, denn eine logische Auseinandersetzung ist in diesen Medien mühsam oder unmöglich.

    Schnell als Putin-Freund und Troll abgetan wer die leeren Nachrichten von CIA & FBI etc. in der ARD hinterfragt, macht keine Laune zur Auseinandersetzung.

    Aufklärung und kritisches Denken scheinen in andere Kulturen weiter gewandert: In Griechenland und Spanien, in den südamerikanischen Ländern ist der Bedarf und die Zeit der kritischen positiven Auseinandersetzungen mit möglichen Gemeinschafts-, Umwelt- und Demokratie- und Wirtschafts-Systemen näher gerückt, während wir hierzulande viele Stellvertreter-Strukturen von attac und gegen TTIP etc. und den Parteien pflegen, deren wir in allerlei Anteilen überdrüssig sind.

    Aufklärung ist leider in unserer Kultur ein Fremdwort geblieben, inzwischen oft auf Sexual-Aufklärung reduziert: Auch Brightness und Enlightment scheinen nicht so gängig wie „Bewusstseinsbildung“, die Übersetzung der Freire-consciousness, die mir als Con-science noch lieber wäre …

    Die Aufklärung und den Dialog immer wieder neu erzählen: In den Schulen haben wir ja immer nur gefälschten Dialoge der rhetorischen Fragen gelernt, anstatt offene Fragen auszuhalten und als Forschungsaufgabe zu genießen. Das kann eine Aufgabe guter Gruppen und Moderationen werden.

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    1. Hallo, Herr Lesch,
      Danke erst einmal für Ihren Kommentar.
      Ja, Aufklärung und Mündigkeit wären in heutiger Zeit sehr wünschenswert in unserer Demokratie. –
      In meinem Nebenfach, der Religionswissenschaft, lernte ich einst, das es nicht um gute Antworten, sondern um gute Fragen geht, welche Offenheiten und Perspektiven erst eröffnen. Die Kunst der Aporetik scheint dabei eine gehörige Rolle einzunehmen.

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