Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein. Oder doch nicht?

War es in Zeiten der Aufklärung noch ein produktiver Geist, welcher zu Neuem aufzurufen imstande war, so war Ende der 1960er-Jahre noch Raum für reflektierende Reflexion und Kritik.

In was für einer Gesellschaft zu leben erstrebenswert ist, damit beschäftigt sich Dr. Christian Ferch in seinem Essay. Er reflektiert auf das Menschenbild, einen produktiven Geist und auf Faust.

Möchte man ernstlich den Versuch unternehmen, trotz des in unserer Zeit vorherrschendem Kapitalismus und dessen brutaler Funktionalität und Ergebnisorientiertheit anthropologische Studien zu treiben, kommt man um Theorien wie die Psychoanalyse1 und den Marxismus2 nicht herum.

Diese beiden Ansätze, welche hauptsächlich die Inspirationsquellen der kritischen Theorie der Frankfurter Schule bilden, ist es einmal mehr um den Menschen als um Profit und Kapital gelegen.

Aus der Perspektive einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik erscheint der psychoanalytische Ansatz als Politikum: Nicht Passivität auf Seiten des Patienten einerseits, Herrschaft seitens Therapeuten andererseits ist sein Ziel, sondern vielmehr eine durch Kooperation von Therapeut und Klient sich entfaltende Autonomie des Klienten, anstelle einer Unterwerfung unter das Menschenbild des angeblich „Gesunden“ – des Therapeuten.

Selbst wenn ein durch den Kapitalismus forciertes finanzielles „Auskommen“, eine als Schein sich erweisende Autarkie zum Ziel als wohlfeiles existentialistisches Argument uns erscheint, sollte keinesfalls aus dem Blick geraten, in was für einer Gesellschaft und Gesellschaftsform zu leben erstrebenswert ist und sich für den authentischen Menschen lohnt: War es in Zeiten der Aufklärung und der Romantik (Goethe und Schiller) noch ein produktiver Geist, welcher zu Neuem aufzurufen imstande war, so war Ende der 1960er-Jahre immerhin noch für – zwar destruktive – aber wenigstens reflektierende Reflexion und Kritik Raum …

Und heute? Armes reiches Deutschland!

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)
Osterspaziergang, aus: Faust I.

Dr. Christian Ferch ist Philosoph. Er lebt in Berlin.

Über den Autor: Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik.

Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Politisch engagiert sich Christian Ferch für die Partei DIE LINKE.


[1] Die Psychoanalyse wurde um 1890 von dem Neurologen Sigmund Freud begründet und ist eine psychologische Theorie und psychotherapeutische Behandlungsform. Der Begriff setzt sich aus den griechischen Worten psyche (Seele) und analysis (Zerlegung) zusammen und bedeutet etwa Enträtselung der Seele.

[2] Der Marxismus ist eine Gesellschaftslehre, die die existierende Klassengesellschaft überwinden will, damit an ihre Stelle eine klassenlose Gesellschaft tritt. Der Marxismus wurden im 19. Jahrhundert von Karl Marx und Friedrich Engels begründet.


Foto: Andreas (pixabay.com) – Creative Commons CC0


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