Christian Ferch Philosophie

Nur für Verrückte – Über die Pathologie der Normalität und den Sand im Getriebe der Wirtschaft

Dr. Christian Ferch schreibt über die Pathologie der Normalität und Persönlichkeiten als Sand im Getriebe der Wirtschaft.

„Die Kranken, das sind die Gesunden. Und die Gesunden, das sind in Wirklichkeit die Kranken.“ Dr. Christian Ferch schreibt über Erich Fromms Pathologie der Normalität und über Persönlichkeiten: den Sand im Getriebe der Wirtschaft.

„Nur für Verrückte“, überschrieb Hermann Hesse einst Harry Hallers Aufzeichnungen im „Steppenwolf“1. En passant hinweisend auf die Behandlung des Themas einer „Verrücktheit“ durch so bedeutende Künstler wie Michael Jackson, Sade Adu, Freddie Mercury und Huey Louis and the News (Hip to be square), soll an diesem Ort erwähnt sein die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft, welche gar im Grundgesetz (Art. 5) als ein Grundrecht festgeschrieben ist  …



„Die Kranken, das sind die Gesunden. Und die Gesunden, das sind in Wirklichkeit die Kranken“ … lautet die provokante These des Buches Die Pathologie der Normalität von Erich Fromm2.

Anhand von Phänomenen wie Anpassung, Konformität an eine nur allzu gut funktionierende Gesellschaft und Entfremdung stellt der Autor heraus, inwiefern verschiedene Individuen die Frage der menschlichen Existenz beziehungsweise nach dem Sinn ihres Lebens zu beantworten versuchen.

Dabei kommt er zu Einsichten, welche einerseits die holzschnittartige Trennung zwischen Gesundheit und Krankheit eines Individuums ins Wanken zu bringen vermögen, andererseits als grundsätzliche Gesellschaftskritik gelesen werden können.

„Der Wahnsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes …“

In seinem Buch Der Wahnsinn der Normalität schlägt Arno Gruen3 in die gleiche gesellschafts- und kulturkritische Kerbe: Er analysiert bestimmte Formen des „Realismus“ als destruktiv und krank, auch wenn sie hinter der Maske der Menschenfreundlichkeit agieren.

Die Thematik abschließend, sei noch ein Philosoph zitiert:

Der Wahnsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.

Friedrich Nietzsche (aus: Jenseits von Gut und Böse4)

In den Grauzonen zwischen Universität, Individualität und dem doch recht ungesicherten sozialen Status eines Studenten oder Doktoranden, gilt es, Haltung und Gesicht zu wahren, und nötigenfalls die Gesellschaft daran zu erinnern, dass geistige Arbeit eben auch Arbeit ist …

Persönlichkeiten als Sand im Getriebe

Zu der [neu entflammten] Debatte um den Bachelor seien an diesem Ort ein paar Bemerkungen gemacht: Gesucht sind von der Wirtschaft junge Absolventen mit Fachkompetenz, die in einem möglichst kurzem Studium erworben sein sollen, weniger jedoch Persönlichkeiten, welche eventuell zu „Sand im Getriebe“ eines Wirtschaftsunternehmens mutieren könnten. Dass jedoch das Eine ohne das Andere kaum zu haben ist, wird von „der Wirtschaft“ gerne übersehen.

Hier scheinen Einmischung und Wunschdenken die Wirtschaft dazu zu verleiten, ein möglichst kurzes Studium mit einer möglichst hohen Qualifikation von den dann dadurch offensichtlich überbeanspruchten Studenten zu fordern:

  • „Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach dem Vollkommenen, ihren Sinn in sich selbst.“ (H. Hesse, Eine Bibliothek der Weltliteratur, 1929) …
  • „Wir müssen nicht hinten beginnen, bei den Regierungsreformen und politischen Methoden, sondern wir müssen vorn anfangen, beim Bau der Persönlichkeit, wenn wir wieder Geister und Männer haben wollen, die uns Zukunft verbürgen.“ (H. Hesse, Zarathustras Wiederkehr, 1919)

Mögen die hier niedergelegten Zeilen dazu beitragen, geistig Tätigen die ihnen gebührende Anerkennung zukommen zu lassen, und den Leser inspirativ wie mental zu berühren …


Der Steppenwolf, auf der einen Seite eine Gesellschaftskritik, auf der anderen eine Persönlichkeitsanalyse, ist ein 1927 erschienener Roman von Hermann Hesse (1877 – 1962). Das Werk trägt autobiografische Züge. Hesse erhielt 1946 den Nobelpreises für Literatur.

Erich Fromm (1900 – 1980) gehört zu den wichtigsten Denkern des 20. Jahrhunderst. Früh kritisierte der Philosoph und Sozialpsychologe die Situation des Menschen im modernen Kapitalismus. Der Mensch lebe dort zwar im Wohlstand, doch das Problem sei die Entfremdung des Menschen gegenüber sich selbst, seinen Handlungen und seiner Umwelt.

Der Psychologe Arno Gruen (1923 – 2015) veröffentlichte schon Ende der 1960er Jahre Aufsätze, die sich mit der Autonomie und mit der Entwicklung des Selbst befassten. Der Widerspruch zwischen Autonomie und Identifikation in der Entwicklung von Identität ist dabei von zentraler Bedeutung.

Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft ist ein Werk von Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900). Es erschien 1886 und ist eine Kritik an überkommener Moralvorstellungen, in der der Zusammenhang von Moral und Herrschaft herausgearbeitet wird.


Dr. Christian Ferch ist Philosoph. Er lebt in Berlin.

Über den Autor: Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik.

Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Politisch engagiert sich Christian Ferch für die Partei DIE LINKE.


Foto: Kira Hoffmann (pixabay.com) – Creative Commons CC0

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