Die innere Leere – Ein Essay über die Schattenseiten der Moderne

„Wie viel Verstand brauchen wir, um zu verstehen und zu verändern“, fragt sich unsere Gastautorin Phoebe und schreibt über die Schattenseiten der Moderne. Ein Essay über Narzissmus, innere Leere und ein neues Bewusstsein.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir versuchen uns durch erstklassige Managementsysteme effizient und im besten Falle gleichzeitig effektiv zu strukturieren.

In einer Zeit, in der wir eher aus einem voller schädlicher Stoffe hergestellten Smartphone unser eigenes Leben betrachten, digitalisieren und bei gut genug ausgeprägtem Narzissmus und einhergehender innerer Leere wie auch Stumpfsinnigkeit, diese nach außen, hübsch verpackt inklusive Glücklichkeitsgütesiegel, offen zur Schau tragen.

In der Hoffnung, dass doch die anderen da draußen, die möglicherweise die gleichen Symptome der inneren Verrohung aufweisen, uns doch ein Quäntchen Beifall für unsere Individualität, unser aufregendes Leben, unseren Einfallsreichtum, unsere herausragenden Leistungen zukommen lassen.

Die Regungslosigkeit des Selbst

Unsere knöchernen Finger streifen mechanisch gesteuert wie fremd geführt über ein quadratisches Stück Plastik. 50 Nachrichten in der What’s-App-Gruppe, 10 verpasste Anrufe in Abwesenheit, der E-Mail-Eingang unseres Mailprogramms quillt förmlich über. Was tun?

Reagieren in der Endlosschleife oder lieber resignieren und sich von der Informationswelle hinfort tragen lassen? Schwarz oder weiß? In der Hoffnung durch die eigene Regungslosigkeit nichts zu verpassen. Keine von uns zu treffende Entscheidung auszulassen.

Und wir befinden uns tatsächlich im 21. Jahrhundert. Ein rückwärtsgerichteter Fortschritt. Wir schreiten immer mehr einem undefinierbaren Abgrund entgegen.

Für wen veranstalten wir diesen Zirkus?

Phoebe (Gastautorin)

Wir nehmen guten Gewissens in Kauf, dass es uns gut geht, anderen dafür aber nicht. Oder geht es uns in Wirklichkeit gar nicht so gut?

Ein Hoch auf die Polarität.

Mir kann es nur gut gehen, wenn es anderen Menschen auf dieser Welt schlechter geht: Mir Menschen aus Schwellenländern unter den widrigsten Arbeitsbedingungen mein Smartphone, mein Leben zusammenschustern.

Ob diese Menschen überhaupt wissen, in welcher Selbstgefälligkeit und unersättlichen Gier wir leben und dennoch das Glück volle Bandbreite Tag für Tag verpassen? Lügen wir uns nicht selber an? Für wen veranstalten wir diesen Zirkus? Schämen wir uns denn gar nicht für diese Seite der Menschlichkeit?

Wir zählen, messen, sortieren ein, dokumentieren, bewerten und analysieren – aber die richtigen Schlüsse aus unseren Erkenntnissen ziehen, ja … machen wir das denn auch?

Leider, oder Gott sei Dank, müssen wir Verzicht üben. Verzichten auf etwas lieb gewonnenes, wenn wir uns für etwas anderes entscheiden. Was im ersten Moment, ohne eine zu vorschnell getätigte Verurteilung, gar nicht schlimm sein muss.

Aber da ist etwas in uns, was uns davon abhält, zu wählen und gleichzeitig zu verzichten. Etwas fallen zu lassen. Loszulassen. Einen Teil von unserem selbst definierten Ich, aufzugeben.

Ist es die Gier? Ist es die Angst? Ist es die Unsicherheit, die unseren Körper lähmt? Oder ist es die Bequemlichkeit, die uns in dem routinemäßigen, goldenen Käfig gefangen hält. Werden wir gefangen gehalten oder lassen wir uns breitwillig gefangen nehmen?

Unser Verstand entwickelt Fäulnisgerüche

Phoebe (Gastautorin)

Hallo?! Niemand, außer uns selber, schreibt uns vor, wie wir zu leben haben! Es ist unser eigenes Diktat. Zumindest liegt es in unserer eigenen Hand, was wir aus unserem Klumpen Leben machen. Wir legen uns dafür lieber selber lahm. Vergessen, wie viel Spielraum wir haben.

Richtig! Wir dürfen jeden Tag neu wählen. Vielleicht liegt aber genau in dieser Freiheit, die wir vielleicht vergessen haben, die Krux. Wir wissen nicht wohin und vor allem wie? Und was ist überhaupt diese Freiheit?

Was fehlt uns? An welcher Stelle sind wir selber, sind wir als Gesellschaft falsch abgebogen? Wo ist er, dieser Herr Verstand? Oder ist es eine Frau? Immer diese Geschlechterfrage und Klassifizierungen.

Unser Verstand entwickelt Fäulnisgerüche, während wir weiter suchen. Nach Antworten. Nach dem Glück, der großen Liebe, dem Sinn des Lebens, dem großen Fang, der Sinnlichkeit, der Macht, unserem eigenen Mount-Everest-Erlebnis … unserem Zuhause.

Und auf dieser Suche nehmen wir so viel Unsagbares in Kauf. Verleumden uns selber. Unsere wahren Werte, falls wir die überhaupt schon kennenlernen durften. Ordnen uns dem System unter, weil wir unsere Familie, deren und unsere eigene Existenz zu sichern versuchen.

Nichts scheint mir sichrer als das nie Gewisse,
nichts sonnenklarer als die schwarze Nacht.

François Villon (1431 – 1463), franz. Dichter

Doch was ist schon sicher, außer die vorhersehbare Unsicherheit? All dieses Spektakel, weil wir müssen, weil wir nicht anders können, weil wir dazu angehalten werden, weil das Rad sich weiterdreht, weil, weil, weil … weil wir unseren Verstand nicht lassen, um für Probleme in angemessener Zeit einen Lösungsprozess unter Anwendung der eigenen kreativen Schöpfungskraft loszutreten.

Und ohne ein Umdenken, ohne den Verzicht zu üben, werden wir unsere Wachstumsblase zum Platzen bringen. Und wer wird dann die Scherben aufsammeln können? Werden wir von unserem Wissen, von unserer Handlungsfähigkeit, von unserer emotionalen Verfassung noch die nötige Energie aufbringen können, um überhaupt etwas zu unternehmen?

Werden wir dann noch Kontrolle üben können? Werden wir dann noch all die uns zur Verfügung stehenden Informationen sachgemäß aufbereitet und sortiert bekommen, um uns neu zu erfinden? Neu zu definieren? Um ein neues Bewusstsein für eine Ganzheit und nicht Getrenntheit zu entwickeln?


Foto: Pixabay.com – Creative Commons CC0.

3 Thoughts

  1. Zeit, Geist und Freiheit… –
    …, so denke ich, bekommt man nicht geschenkt, sondern muss man sich nehmen oder erarbeiten.

    180. Die gute Zeit der freien Geister –
    Die freien Geister nehmen sich auch vor der Wissenschaft noch ihre Freiheiten – und einstweilen giebt man sie ihnen auch, – so lange die Kirche noch steht! – In so fern haben sie jetzt ihre gute Zeit.

    Friedrich Nietzsche,
    Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch

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  2. Sinn, Unsinn und Surreales… –

    »Der Sinn, und dieser Satz steht fest, ist stets der Unsinn, den man lässt.«, beginnt Odo Marquard seine differenzierten Ausführungen zu dem Begriff »Sinn«. Es folgt eine differenziertere Betrachtung in Sachen Sinn, welche hier kurz wiedergegeben werden soll:
    Es gibt da

    a) den sinnlichkeitsbezüglichen Sinnbegriff: Sinn hat, wer merkt (im Unterschied zu dem, der nicht merkt, weil ihm zuständige Sinne fehlen, oder weil er – und sei es denkend durch Abstraktionsorgien – nur spinnt) und also: Sinn hat, wer – durch Merken – genießen oder leiden kann.

    b) den verständlichkeitsbezüglichen Sinnbegriff: Sinn hat, was verständlich ist.

    c) den emphatische Sinnbegriff: Sinn hat, was sich – gegebenenfalls absolut – lohnt (was wichtig ist, erfüllt, zufrieden, glücklich macht und nicht verzweifeln lässt, emphatisch – als ihr Wert und Zweck – bezogen auf das Menschenleben, die Geschichte, die Welt).
    Gerade bei der Frage nach Wert und Zweck – und eben dies in einer kapitalistischen Konsumgesellschaft – drängen sich Fragen auf:

    Wie sinnvoll ist Kunst?
    Ist Surrealismus Kunst?
    Ist Surrealität Unsinn?

    Diesen Fragen sich annähernd stellend, ruft der Autor an diesem Ort apologetisch zu weitergehenden, auch die Gesellschaft und den ihr innewohnenden Zeitgeist betreffenden Reflexionen auf… –

    Herzliche Grüße,

    Dr. Christian Ferch

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