Widerspruch oder nicht? Bemerkungen zur Dialektik Hegels

Die Grenzen des Verstandes sind eng gesteckt. Dr. Christian Ferch schreibt über die Vernunft.

Die Grenzen des Verstandes sind eng gesteckt. Um sie zu überwinden und weit über die Logik hinauszudenken, hat sich der Philosoph Dr. Christian Ferch die Spekulation zur Brust genommen. Denn die Erkenntnismöglichkeiten der Vernunft sind weiter gesteckt, als die des Verstandes.

Das Wort „Spekulation“ kommt von lateinisch speculari, und bedeutet erspähen, auskundschaften, und meinte einst die höchste dem Menschen mögliche Erkenntnisweise.

Diese etymologischen1 Erwägungen als Ausgangspunkt wählend, eröffnen sich ungeahnte Perspektiven für ein Denken, welches eben nicht bei den engen Grenzen der Logik innehält.


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In diesem Zusammenhang weiterhin in Rechnung zu stellen ist die Unterscheidung von Verstand und Vernunft, wobei der Verstand gerade noch logische, widerspruchsfreie Sachverhalte zu erfassen imstande ist, während der Erkenntnishorizont der Vernunft weiter gespannt ist: Sie macht auch vor dem Erfassen von Widersprüchen und Paradoxien nicht Halt, akzeptiert Wahrheiten, die sich gegenseitig widersprechen.

Philosophische Redlichkeit

Dies eben ist hegelsche Dialektik: Die Identität von Identischen und Nichtidentischem denken können, um eine Sache in ihrer komplexen Totalität denkend zu beschreiben, ohne dabei etwas an philosophischer Redlichkeit, welche dem ethischen Prinzip der Adäquatheit in der Beschreibung von Wirklichkeiten folgt, einzubüßen.

Eine solche Art des Denkens rückt die Dialektik Hegels2 bemerkenswerterweise in die Nähe der morgenländischen Philosophie, welche – in Anbetracht paradoxer Wahrheiten – der Komplexität und Widersprüchlichkeit von Welt philosophisch Tribut zu zollen weiß.

Nicht umsonst ist von der Weisheit des Fernen Ostens die Rede, wenn die westliche, aristotelische Logik bei der adäquaten Beschreibung von Welt versagt.

Der erweiterte Blickwinkel

Der kritische Rationalismus eines Karl Popper3, welcher das Prinzip der Widerspruchsfreiheit postuliert, bildet zwar ein geschlossenes logisches System, stößt allerdings bei der Erfassung von Entitäten wie Wahrheit, Absolutem sowie Totalität an seine hausgemachten Grenzen.

Anders da Hegel: Sein durch Spekulation und Dialektik erweiterter Blickwinkel lässt es zu, die Widersprüchlichkeiten einer Totalität zu akzeptieren und auszuhalten, eben über das eng umrissene Feld der Logik hinauszudenken.


Dr. Christian Ferch ist ein Philosoph aus Berlin.Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik.

Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Politisch engagiert sich Christian Ferch für die Partei DIE LINKE.


Die Etymologie befasst sich mit der Herkunft und Geschichte der Wörter.


Dialektik ist die Lehre von den Gegensätzen in den Dingen beziehungsweise in den Begriffen sowie die Auffindung und Aufhebung dieser Gegensätze. Einer These – aus bestehenden Auffassungen oder Überlieferungen – wird ein Aufzeigen von Problemen und Widersprüchen als Antithese gegenübergestellt, woraus sich eine Lösung oder ein neues Verständnis als Synthese ergibt. In der Dialektik von Georg Hegel ist die sich ständig wandelnde Welt geprägt vom Kampf der Gegensätze und einem ewigen Widerspruch der Polaritäten. Imn diesem Gegensatz zeigt sich eine tieferliegende, verborgene Einheit – ein Zusammengehören des Verschiedenen.


Der Philosoph Karl Raimund Popper (1902 – 1994) begründete mit seinen Arbeiten zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, zur Sozial- und Geschichtsphilosophie und zur politischen Philosophie die philosophische Denkrichtung des kritischen Rationalismus. Dieser setzt sich mit der Frage auseinander, wie wissenschaftliche, gesellschaftliche oder alltägliche Problemstellungen undogmatisch, planmäßig und vernünftig analysiert und geklärt werden können. Dabei wird versucht einen Ausweg aus der Wahl zwischen Wissenschaftsgläubigkeit auf der einen Seite, und auf der anderen Seite der Auffassung, dass Wahrheit vom Blickwinkel abhängig und Wissen der Willkür ausgesetzt ist, wenn Beweise unmöglich sind, zu finden.


Foto: Adam (pixabay.com) – Creative Commons CC0

  1. Franz Maria Arwee 5. März 2017 um 0:18

    Dialektik oder Glaube als Grund des Niedergangs
    Das Gegenteil des Nichts ist nicht das Ganze, es ist das absolute Einzelne, der Teil. Das Nichts, kann nicht da sein.
    Existiert das Ganze, hat dieses kein Gegenteil.
    Logik als Kunst des Folgerns ist formal nicht zu verstehen…

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