Über die Rationalität der demokratischen Wahlentscheidung

Auf welcher Grundlage treffen wir eine Wahlentscheidung? Denken wir nach oder handeln wir spontan? Kognitive Verzerrungen beeinflussen uns! Mathieu Aucouturier schreibt über die Wahlen in Frankreich, den Vater der Propaganda und die Preisgabe des Politischen.

In diesem Wahljahr schien mir die Frage interessant zu sein, welche Mechanismen uns dazu treiben eher diesen als jenen Kandidaten zu wählen; meine Absicht wäre es, den verbleibenden Freiheitsgrad zu vermessen bei einer Handlung, die auf den ersten Blick bei vollem Bewusstsein und in vollkommener Freiheit vollzogen wird.

Entgegen dem, was wir denken mögen, sind wir keine vernünftigen Wesen, sondern wir handeln vor allen Dingen in Reaktion auf Gefühle. Der Prozess, der uns im Nachhinein dazu bringt unsere Zwangshandlung in eine Vernunfthandlung umzudeuten, nennt man Rationalisierung.



Haben Sie niemals einen Spontankauf getätigt, um dann später die Vorteile aufzuzählen, die er Ihnen verschafft, so als wollten Sie sich davon überzeugen, dass Sie richtig gehandelt haben? Das genau ist der Prozess der Rationalisierung. Warum sollte es solch einen Mechanismus nicht auch bei Wahlen geben?

Es kommt übrigens gar nicht selten vor, dass Anhänger eines Kandidaten bei einer Wahl die angeblichen – denn sie kennen sie ja nicht wirklich – persönlichen Charakterzüge ihres Lieblingskandidaten loben; sie können nur über seine angebliche Ehrlichkeit, Integrität, Autorität, Fähigkeit zu regieren, etc. spekulieren.

Man kann sich also fragen, was uns erlaubt, diese oder jene gute/schlechte Eigenschaft einer Person zuzuschreiben, von der wir nur das wissen, was sie uns bereitwillig offenbart, häufig mit Unterstützung von einem spezialisierten (Werbe-)Kampagnenteam.

Es ist interessant, dass wir einer Person intellektuelle und moralische Qualitäten zuschreiben aufgrund ihres Äußeren (das Video berichtet von einer Studie, die zeigt, dass man umso besser bezahlt wird, je größer man ist).



Die Verknüpfung dieser beiden kognitiven Umwege ergibt einen interessanten Cocktail: Wir schreiben einer Person gute/schlechte Eigenschaften aufgrund ihres Äußeren zu und, weil wir uns selbst davon überzeugen wollen, dass wir Vernunftwesen sind, rationalisieren wir unser Urteil, indem wir im Nachhinein nach Argumenten suchen.

Der Vater der politischen Propaganda

Wenn wir uns der kognitiven Verzerrung bewusst geworden sind, bedeutet das noch nicht, dass wir vollkommen davor geschützt sind, aber die Wirkung wird abgeschwächt durch intensiveres Nachdenken.

In einem Zustand absoluter Freiheit würde jeder Bürger sich bei Wahlen dessen bewusst sein müssen, um die Wirkung der kognitiven Verzerrung abzumildern und die Rationalität der Wahlentscheidung zu erhöhen.

Aber anstatt dessen sind diese Verzerrungen in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Obendrein nutzen die Wahlkampfteams der Kandidaten – die ihrerseits Bescheid darüber wissen – diese aus, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und ihrem Kandidaten zum Sieg zu verhelfen.

Edward Bernays, der als Vater der politischen Propaganda und der Öffentlichkeitsarbeit gilt – und übrigens ein Neffe von Sigmund Freud ist – hat die Irrationalität des Volkes gut verstanden. Er hat insbesondere für die Zigarettenmarke Lucky Strike gearbeitet und die Zigarette bei den Frauen beliebt gemacht, die er mit der Frauenbewegung in Verbindung gebracht hat; er hat der Regierung von Woodrow Wilson dabei geholfen die öffentliche Meinung in den USA umzukehren beim Thema des militärischen Engagements der USA im Ersten Weltkrieg.

Diese Beispiele zeigen, wie sehr wir beeinflusst werden können, wenn es der Werbung gelingt, unser Verhalten mit den positiven Werten zu verbinden, die wir uns selbst zuschreiben. Diese Beispiele zeigen uns auch, wie eng die Verbindungen zwischen den kommerziellen Verkaufstrategien und Strategien der politischen Beeinflussung sind.

Unsere Politiker und Politikerinnen nehmen heute Methoden der Manipulation zu Hilfe, die häufig auf der Rhetorik beruhen, um ihre Ideen durchzusetzen oder öfter und schlichter, um sich selbst anzubieten.

Werte – Ein Allerweltswort als Mittel der Manipulation

Das schönste Beispiel für Manipulation bei politischen Reden kann man beobachten, gerade wenn man von „Werten“ spricht. Dieses Allerweltswort, das alles und nichts bedeutet, wird allenthalben von Politikern benutzt, die so die Bürger davon überzeugen wollen, dass sie etwas mit ihnen gemeinsam haben.

Wenn man von Werten spricht, sagt man nichts; und genau darum geht es: es geht darum nichts zu sagen, um nicht irgendjemanden zu beleidigen, es geht im Gegenteil darum, eine rein rhetorische Einheit zu schaffen. Und das funktioniert: Es ist leichter die Leute hinter Werten zu versammeln als hinter präzisen Maßnahmen …

Der Sinn der Worte ist eine häufig genutzte Waffe zur Manipulation der öffentlichen Meinung. Es gibt neben dem exakten Sinn eines Wortes – also das, was es beschreibt – auch seine Nebenbedeutungen. Die Verwendung der positiven/negativen Konnotation ist sehr verbreitet in der Politik.

Das Wort „Populismus1“ zum Beispiel, das eine sehr abwertende Bedeutung angenommen hat, dient in den Debatten dazu die Rede einer Person zu bezeichnen, die an das Volk appelliert, um es zu manipulieren; das allerdings ist ganz und gar nicht der ursprüngliche Sinn des Wortes.

In einem Interview auf France Inter (siehe unten) sagt François Ruffin2: „Dem Rechtspopulismus (…) muss man den Linkspopulismus gegenüberstellen“; er benutzt das Wort, weil er den wirklichen Sinn des Wortes kennt, er weiß, worauf in der politischen Debatte damit Bezug genommen wird. Und sofort wird er von der Reporterin Léa Salamé, die ihn interviewt, in Verbindung gebracht mit der Kandidatin, die normalerweise als populistisch bezeichnet wird, gerade so, als ob das Wort ihn, Ruffin, automatisch in dieselbe politische Schublade einordnen würde.

Der Einfluss der Medien

Die Medien spielen eine Rolle in der Konstruktion der politischen Debatte und somit in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung, die sie nicht immer beherrschen. Indem sie der Debatte einen Rahmen geben, sind sie der Garant für die „Anständigkeit“ der geäußerten Ideen. In einer Wahlkampfdebatte ordnen sie die Kandidaten in drei Kategorien ein.

  • In der ersten Kategorie, eigentlich die schändlichste, befinden sich die aussichtslosen Kandidaten. Alle Kommentatoren und politischen Interviewer zeigen ihnen gegenüber die größtmögliche Herablassung, ihnen wird die Redezeit nur aus Pflicht zugestanden, es werden ihnen Fragen gestellt, um dann die Antworten lächerlich zu machen.
  • In der zweiten Kategorie befinden sich die ernsthaften Kandidaten, die eine echte Chance haben gewählt zu werden, und für die man wählen soll (auf Kosten der ersten Kategorie), wenn man nicht will, dass ein Kandidat der dritten Kategorie auftaucht.
  • Das sind die gefährlichen Kandidaten, die als mögliche Sieger dargestellt werden, für die man aber vernünftigerweise nicht wählen soll.

Es gibt aber einen noch schleichenderen Einfluss der Medien auf die politische Debatte. Indem in den Monaten vor einer Wahlkampagne bestimmte Themen regelmäßig behandelt werden (Arbeitslosigkeit, innere Sicherheit, Immigration, …) werden die wichtigen Themen sozusagen definiert.

Auf diese Weise sind die Kandidaten gezwungen diese Themen zu behandeln, wenn sie auf die Erwartungen der Bürger eingehen wollen; es ist jedoch so, dass diese Themen künstlich geschaffen wurden durch die Hervorhebung der Medien zu bestimmten Themen, die nicht unbedingt politisch interessant sind.

Die Schaffung der politischen Themen funktioniert ein bisschen wie die Schaffung von Spekulationsblasen: ein Medienvertreter behandelt das Thema und die Struktur des Medienmarkts zwingt die anderen Vertreter sich ebenfalls des Themas anzunehmen; es entsteht also der Eindruck von Wichtigkeit, die Politiker folgen dem Trend, die Meinungsumfragen werden in Auftrag gegeben, die Medien geben die Formulierungen der Politiker wider und der Medien-Politik-Komplex dreht sich im Kreis; wenn dann diese Blase platzt, wie 20023, dann will niemand die Verantwortung für diese Katastrophe übernehmen.

Es ist aber nicht nur so, dass die Medienzunft die Themen behandelt, die dann Ideen verbreiten, die sie vorgeben zu bekämpfen. Wenn man die Mechanismen untersucht, die zu einem gefährlich hohen Umfrageergebnis für einen Kandidaten führen, der von den Medienleuten geächtet wird, dann stellt man fest, dass im Allgemeinen die Medien und die Eliten selbst die Ursache dafür sind, dass das Volk die Nase voll hat und dann „falsch“ wählt. Aber diese Eliten sind völlig von ihren lauteren Absichten überzeugt und von ihrer untadeligen Professionalität, dass sie lieber das dumme Volk dafür verantwortlich machen als sich selbst in Frage zu stellen.

Eine verfälschte politische Debatte

Wir haben also gesehen, dass wir keine Vernunftwesen sind; unsere Wahrnehmung ist verzerrt, was unser Verständnis von der Welt stört. Die Politikerinnen und Politiker nutzen unsere Schwäche mithilfe ihrer Pressesprecher aus, um uns zu manipulieren.

Die Medien sind zwar stolz auf ihre Rolle als Leitplanke, aber sie werden dieser Rolle nicht gerecht und verstärken das Phänomen noch, meist ohne es zu bemerken. Wir sind also weit davon entfernt, eine klare und objektive politische Entscheidung zu treffen.

Die Liste der genannten Manipulationen ist hier sicherlich nicht vollständig; mein Ziel war eher die Standardmeinung zu hinterfragen, dass wir als reine Vernunftwesen die Geschicke unseres Landes bestimmen. Jeder möge seine eigenen Schlüsse daraus ziehen; ich sage weder, dass „dieser oder jener Kandidat recht hat“ noch, dass „alle korrupt“ sind. Ich will nur vor den Manipulationen warnen, denen wir täglich ausgesetzt sind und die die politische Debatte verfälschen.

Alles, was zählt, ist die Verpackung.


PS: Am 24. Januar auf France Inter in der Sendung 5/7 gehört: „Nach der ersten Runde der parteiinternen Vorwahlen der Sozialisten sucht das Team von Manuel Valls4 nach Verantwortlichen. Man zeigt mal auf die Abgeordneten, die nicht genügend Werbung gemacht haben, mal ist der Wahlkampfleiter nicht professionell genug oder seine Mitarbeiter.“ Link: https://www.franceinter.fr/emissions/le-5-7 (ungefähr Minute 10:05).

Hat niemand daran gedacht, dass Manuel Valls selbst das Problem sein könnte? Seine Politik, die im Gegensatz zu dem steht, wofür seine Regierung gewählt worden war oder die Verachtung, die er dem Volk und dem Parlament gegenüber an den Tag gelegt hat, sind verantwortlich für diese Niederlage (eine durchaus harmlose Niederlage, nebenbei gesagt).

Diese Realitätsverweigerung ist der Spiegel einer ideologisch geschlossenen Sphäre, die der öffentlichen Kommunikation die Schlüsselrolle zuweist im Rahmen einer Wahlkampagne (oder gar die einzige Rolle), völlig losgelöst von den Ideen und den Taten. Alles, was zählt, ist die Verpackung. Ich halte das für die Preisgabe des Politischen durch jene, deren Beruf es eigentlich ist.


Der Beitrag von Mathieu Aucouturier erschien erstmals bei unserem französischen Kooperationspartner Gazette Debout. Mit besonderem Dank an Dr. Susanne Hildebrandt für die Übersetzung.


In den Sozialwissenschaften gibt es drei Ansätze zum Verständnis von politischem Populismus: als Ideologie, als Strategie, als Stil.Auch eine Gesamtheit dieser drei Elemente ist möglich. Populismus betont häufig den Gegensatz zwischen dem Volk und der Elite und nimmt dabei in Anspruch, auf der Seite des „einfachen Volkes“ zu stehen. Ausführliche Begriffserklärungen finden sich hier …

François Ruffin ist ein französischer Journalist und Regisseur. Er ist der Gründer und Herausgeber der Zeitung Fakir und schreibt für Le Monde diplomatique. Ruffin erhielt 2017 in der Kategorie Dokumentarfilm einen César für seinen ersten Film „Merci Patron!“ (dt.: Danke Chef!)

Bei der französischen Präsidentschaftswahl 2002 errang im ersten Wahlgang der Kandidat des Front National, Jean-Marie Le Pen, mehr Stimmen als der Premierminister Lionel Jospin und konnte somit am zweiten Wahlgang teilnahm. Als Reaktion gaben große Teile der linken Parteien eine Wahlempfehlung für Amtsinhaber Jacques Chirac aus. Dieser erhielt bei der Stichwahl 82,21 Prozent der Stimmen.

Manuel Carlos Valls ist ein Politiker der Parti Socialiste (PS). Er war seit 16. Mai 2012 Innenminister und vom 31. März 2014 bis zum 6. Dezember 2016 Premierminister der Französischen Republik. Um sich für die Präsidentschaftswahl 2017 als Kandidat der PS zu bewerben trat er Anfang Dezember 2016 als Premierminister zurück. In der Stichwahl unterlag Valls gegen Benoît Hamon.


Foto: Gazette Debout

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