Für die Proletarisierung des Fußballs!

Noah Krügl ist Autor von „Unsere Zeitung“, begeisterter Fußballfan und Gründungsmitglied einer linken Ultragruppierung in Österreich. Er skizziert in einer sechsteiligen Serie den kometenhaften Aufstieg und die dunklen Seiten der beliebtesten Monarchie der Welt: Fußball!

Nun schreiben wir also seit Kurzem das Jahr 2017, was dazu führt, dass wir alle über kurz oder lang auf ein Thema gestoßen werden, um das die wenigsten herumkommen: Fußball.

Hunderttausende werden wieder in die ausverkauften Stadien strömen während weitere Millionen diese Spektakel vor dem Bildschirm, in Bars oder Fanzonen verfolgen, um sich dort aus Trauer in den Armen zu liegen oder vor Freude zu weinen. Und manche, um den Fußball als Vorwand für gewalttätige Ausschreitungen zu nutzen.

Doch was zeichnet Fußball aus? Wie ist seine Begeisterungsfähigkeit zu erklären? Warum zieht er Menschen in nahezu allen Regionen der Erde in seinen Bann?

Wie lässt sich erklären, dass sich Fans mit einem Verein „identifizieren“? Warum finden außerhalb der Stadien regelmäßiger gewalttätige Ausschreitungen statt als beispielsweise am Rande eines Skirennens?

Ist Gewalt vielleicht gar Teil des Fußballs? Welchen Einfluss hat die Politik auf den Fußball, welchen die Fans auf die Politik? Und ist Fußball überhaupt politisch?

Diese Fragen sollen mit der folgenden 6-teiligen Serie beleuchtet werden, um den Leserinnen und Lesern die geschichtliche Entwicklung des Fußballs, seinen politischen Kontext und aktuelle Entwicklungen bei den Vereinen und ihren Fans näherzubringen.

Vorzeigebetriebe, Big Business und Mindeslohn

Fußballspieler aus einem Wandbild in Tepantitla bei Teotihuacán.
Fußballspieler aus einem Wandbild in Tepantitla bei Teotihuacán im 6. Jh. (Foto: Daniel Lobo, CC BY 2.0)

Während rund um die kapitalistischen „Vorzeigebetriebe“ UEFA und FIFA – also jene zwei Fußballverbände, in denen das „Big Business“ stattfindet – der Offensichtlichkeit von Korruption, Bestechung und Postenschacher innerhalb dieser Eignerverbände in den vergangenen Jahren mittlerweile auch juristisch nachgegangen wird, in den sogenannten Topligen (England, Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich) Spielergehälter und Ablösesummen bezahlt werden, die Lohnabhängige eventuell von einem reichen Onkel aus Amerika erben, aber ganz sicher nicht in einem Leben erarbeiten können und in manchen Profiligen Eintrittspreise verlangt werden, die (am Beispiel Chelsea FC; Tageskarte) das achtfache des gesetzlichen Mindestlohns ausmachen können, reißt die Begeisterung für den Fußballsport an sich in immer breiteren Teilen der Bevölkerung(en) nicht ab.

Immer mehr pilgern Woche für Woche zu den Bolzplätzen aller Welt, verfolgen Meisterschaft, Cup und Turniere von zu Hause aus, im Beisl oder beim Public Viewing. Sie unterstützen ihren Klub neben aber auch abseits des Rasens, indem sie Fangesänge und Choreografien konzipieren oder schlicht die neuesten Merchandisewaren kaufen.

Hierbei sind allerdings zwei Entwicklungen zu beobachten, die den Fußball seit einiger Zeit immer intensiver und wahrnehmbarer prägen und sich als „Kommerzialisierung“ auf der einen Seite und als „Proletarisierung“ auf der anderen beschreiben lassen können.

Massenphänomen, Kapital und Widerstand

Um diese beiden Entwicklungen sowie ihre politische Relevanz im heutigen Fußballdiskurs zu erörtern, wird im ersten Teil dieser Serie mit einem geschichtlichen Abriss ein Blick auf die Entstehung des Fußballs als Massenphänomen geworfen.

Spiel Österreich gegen Ungarn im April 1913 - Gemeinfrei
Aufnahme vom Spiel Österreich gegen Ungarn im April 1913 (Foto: Gemeinfrei)

Im zweiten Teil soll die ganz und gar nicht unbedeutende Rolle Österreichs für den internationalen Durchbruch des Profifußballs näher begutachtet werden.

Im dritten Teil wird der Scheinwerfer auf die Entwicklungen des Fußballs in der Epoche des Austrofaschismus und des Zweiten Weltkriegs gerichtet, wobei sich auch hier ein intensiver Blick auf Österreich aufdrängt.

Der vierte Teil Das Kapital und der Widerstand der Fans nimmt die Entwicklung des Fußballsports und dessen spätestens seit den 1980er-Jahren immer intensiver wahrnehmbare „Kommerzialisierung“ des Sports, die dadurch entstehenden spannungsbeladenen Wechselwirkungen zwischen Fankurven, Verein und Verband sowie alternative Vereinskonzepte unter die Lupe.

Im fünften Teil soll Das Phänomen Ultra und die Entstehungsgeschichte dieser weit über den Fußball hinaus bekannten Subkultur gesondert beleuchtet werden, die heutzutage oft jene Rolle übernimmt, welche früher Jugendzentren hatten.

Im letzten Teil Perspektiven möchte ich versuchen, die weiteren Tendenzen des heutigen Fußballs und seine daraus resultierenden, möglichen Entwicklungen zu skizzieren.

Die beliebte Monarchie

Da Fußball ein derartig großes Feld – sowohl historisch, politisch, kulturell als auch medial – darstellt, kann selbstverständlich keine Garantie auf Vollständigkeit gegeben werden; dies würde den Rahmen sprengen.

Ich hoffe aber, rudimentäre Einblicke in die wohl beliebteste „Monarchie“ weltweit zu ermöglichen: König Fußball.


Hier geht es zum ersten Teil der Serie: Für die Proletarisierung des Fußballs

Hier geht es zum zweiten Teil der Serie: Die Rolle Österreichs im internationalen Fußball

Hier geht es zum dritten Teil der Serie: Fußball in der Zeit des Faschismus

Hier geht es zum vierten Teil der Serie: Fußball, das Kapital und der Widerstand der Fans

Hier geht es zum fünften Teil der Serie: Ultras – Mehr als nur Fußballfans

Hier geht es zum sechsten Teil der Serie: Working Class Ballet: Football is for you and me …


Über den Autor: Noah Krügl ist politischer Aktivist, Fußballfan und Gründungsmitglied einer linken Ultragruppierung in Österreich. Er ist Autor von „Unsere Zeitung – Die Demokratische“, einem Kooperationspartner von Neue Debatte. Noah Krügl schreibt über Fußball, Politik und Fankultur. Seine Serie erschien erstmals auf „Unsere Zeitung – Die Demokratische“.


Fotos: Fußballspieler aus einem Wandbild in Tepantitla bei Teotihuacán – ca. 6. Jh. (Daniel Lobo, Lizenz: CC BY 2.0); Aufnahme vom Spiel Österreich – Ungarn im April 1913 (gemeinfrei) und Titelbild von Pexels (pixabay.com) – Creative Commons CC0.

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