Über den Durst der Namenlosen und die Tänze der Regenmacher

„Selbst in dem sagenhaften Atlantis brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang, die Ersaufenden nach ihren Sklaven“, schrieb Bertolt Brecht 1935. Ein Essay über Fragen eines lesenden Arbeiters und über die brennende Sonne der sozialen Ungleichheit.

In jedem Winkel der politischen Gesellschaft lauern selbst ernannte Gurus, Alleskönner und Großsprecher, manche mit Parteibuch unter dem Arm, andere mit Glaubensformeln auf den Lippen oder mit gefakten Wahrheiten bewaffnet, die für sich in Anspruch nehmen, in der komplexesten Epoche der Menschheitsgeschichte, zu wissen, wo es lang geht: Es sind Regenmacher!

Zugegeben, nicht jeder, der den Regen für alle will, ist ein Scharlatan. Die meisten sind es doch – die Sache ist heilig, das Kapital ist noch heiliger.

Ihnen gegenüber steht die wachsende Schar derer, die den Regen herbeisehnen, obgleich sie ahnen oder schon wissen, dass es doch schon lange regnet, und die dabei verstehen, dass jeder Tropfen wertvoll ist – für dich, für mich, für uns alle.

Tropfen um Tropfen – mit der Ausnahme von der Regel füllen sich keine Fässer, keine Flüsse und keine Ozeane: die Regenmacher tanzen weiter.

Diese Supermänner und Superfrauen, im gesellschaftlichen System bedeutsam wie Erbsen im Pichelsteiner Eintopf – jederzeit austauschbar oder verzichtbar –, sie wissen angeblich, wie die Arbeitslosigkeit beseitigt wird, wie die ökologische Zerstörung aufgehalten werden kann, wie die Armut verschwindet, die Bildung erblüht und überhaupt wissen sie, wie du, ich und wir morgen leben wollen – in der komplexesten Epoche der Menschheitsgeschichte.

Die Regenmacher kennen keine trockene Kehle. Der Kompromiss ist ihre stärkste Panzerung, verhindert dieser doch jede Verbindlichkeit: da ist nichts, was nicht verhandelbar wäre.

Krieg oder Frieden, Menschenrechte oder Folterkeller, Völlerei oder Hungersnot – alles wird zur Ware. Der Konjunktiv vermeidet die Forderung: Jede Hintertür, Scheunentore der Beliebigkeitskathedrale, bleibt geöffnet – sperrangelweit.

Machen wir es kurz: Diese Gurus, Alleskönner und Großsprecher verkaufen noch nicht einmal Träume. Sie halten nichts in den Händen, was es zu greifen lohnt.

Ihre Worte sind vergiftete Feigen, die jede gewichtige Frage zu den Ungerechtigkeiten auf der Welt mit einem Schleier aus Belanglosigkeiten umgeben, um das Nachdenken über das System der gegenseitigen Ausbeutung und das Nachfragen der Fragenden nach der Rolle der herrschenden Eliten auszuschalten.

Diese selbst ernannten Gurus, Alleskönner und Großsprecher, die den Beweis schuldig bleiben, ob sie alleine überhaupt einen Nagel in die Wand schlagen können, sie verändern nichts, sondern streben mit ihrem Regentanz aus Worten nach dem, was schon Könige und Kaiser begehrten: Macht und Privilegien für sich und ihre Entourage und den Kniefall namenloser Untertanen, die die Kastanien aus dem Feuer holen im Schweiße ihres Angesichts oder im schlimmsten Fall mit ihrem Leben.

Jede Veränderung bedarf des Einsatzes der Masse. Nur wenn sich die Namenlosen bewegen, wenn sie auf den Reisfeldern Asiens, in den Minen Afrikas, in den Produktionshallen Europas und in den Schlachthöfen Amerikas schwitzen, wenn sie in den Kriegen leiden und wenn sie sich auf den Killing Fields unter der Regie der Regenmacher gegenseitig den Schädel spalten, dann verändert sich die Welt im Sinne der neuen Könige und Kaiser.

Doch selbst wenn sich die Namenlosen von den Regenmachern abwenden und die friedlichste Entwicklung aller Zeiten eingeläutet würde, so ist für die Namenlosen in den Geschichtsbüchern kaum Platz neben den Gurus, Alleskönnern und Großsprechern – die Herren der Regenmacher lassen die Bücher schreiben. Die Frage nach dem Besitzrecht wird nicht gestellt.

Diese Lebenswelt ist für die Masse eine Welt der brennenden Sonne, der völligen Austrocknung des Landes, in dem man bald nicht mehr leben kann.

Wo ist das Wasser, das Lebenselixier geblieben?

Es regnet an Berghängen ab, wo die Eliten hinter den Quellen Staudämme und Stauseen angelegt haben, an deren Ufern ihre Villen und Paläste stehen und alles Wasser für ihre abgekapselte, blühende, bewässerte Welt da oben verbraucht wird.

Brecht, Bertolt Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0

Bertolt Brecht schrieb 1935 das Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300, Jörg Kolbe, CC-BY-SA 3.0)

Der Job der Regenmacher ist es, dafür zu sorgen, dass die Wasserverteilung so bleibt. Und so blicken sie vor den Massen mit verdrehten Augen gen Himmel und bitten Gott um Regenwolken, obwohl sie wissen, dass sich die Luftfeuchtigkeit einen Dreck um ihr Gewese kümmert.

Sie führen lächerliche Regentänze auf und tun so, als ob sich die Physik und das Klima beschwören lassen. Hauptsache, die austrocknende und verdurstende Bevölkerung setzt ihre letzte Hoffnung in sie.

Aber dann haben ein paar Bertolt Brechts1 Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ gefunden und überall verteilt und vorgelesen.

Da ist es den Elenden in dem verkarsteten Land wie Schuppen von den Augen gefallen: Sie selber haben doch die Staudämme und die Villen oben in den Bergen gebaut!

Sie brauchen gar keinen Regen und keine Regenmacher!

Sie müssen nur ihre selbst gebauten Staudämme in Besitz nehmen und das Wasser wieder gezielt in die Ebene leiten und alles schön bewässern!

Und da sie wussten, wie die Staudämme funktionierten und aufgebaut waren, eroberten sie diese ratzfatz, regulierten die Stauseen, schmissen die Eliten aus den Palästen und machten aus den Villen Ferienwohnungen und Kinderheime für alle.

Die Regenmacher und die Ex-Eliten aber mussten kräftig bei der Bewässerung und Kultivierung des verkarsteten Landes mit anpacken. Jawohl! So läuft das!

Dieses magische, wahre Gedicht von Bertolt Brecht soll nun auch hier zum angewandten Weiterdenken anregen:

Fragen eines lesenden Arbeiters

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon

Wer baute es so viele Male auf?
In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die
Maurer?
Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?

Über wen triumphierten die Cäsaren?
Hatte das vielbesungene Byzanz nur Paläste für seine Bewohner?
Selbst in dem sagenhaften Atlantis brüllten in der Nacht, wo das Meer es
verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte
sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg.
Wer siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.

Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte. So viele Fragen.

Bertholt Brecht, 1935

Fotos: Aaron Bauer (Titelfoto/Symbolbild) Proteste bei Occupy Wall Street 2011 unter CC BY 2.0 sowie von Bundesarchiv (Bertolt Brecht 1954), Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link.


Quellen und Anmerkungen

[1] Bertolt Brecht (1898 – 1956) war einer der einflussreichsten deutschen Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Er ist Begründer des epischen Theaters. Brecht stand auf der „Schwarzen Liste“ der Nationalsozialisten. Seine Bücher wurden am 10. Mai 1933 von den Nazis verbrannt und seine Werken anschließend verboten. Das Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ schrieb Brecht 1935 im Exil in Dänemark – im gleichen Jahr war ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden. „Fragen eines lesenden Arbeiters“ wurde 1936 erstmals veröffentlicht und ist Bestandteil der Sammlung Svendborger Gedichte. Brechts Werke werden noch heute weltweit aufgeführt.


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