Noah Krügl Zeitgeschehen

Die Rolle Österreichs im internationalen Fußball

Noah Krügl von "Unsere Zeitung" beschreibt im Teil 2 seiner Serie den Weg des Fußballs vom Arbeitersport bis zur Professionalisierung.

Noah Krügl von „Unsere Zeitung“ beschreibt im Teil 2 seiner sechsteiligen Serie über die beliebteste Monarchie der Welt den Weg des Fußballs vom Arbeitersport bis zur Professionalisierung. Österreich spielte dabei eine zentrale Rolle.

Nachdem sich Fußball in England etablieren konnte und er durch Gastarbeiter seinen Weg zuerst in die kontinentaleuropäische Schweiz fand, konnte Fußball in Österreich – wie bereits in England rund 40 Jahre früher – erst nach der Erkämpfung des Achtstundentags 1919 zu dem Massensport werden, der jedes Wochenende Zehntausende in die Stadien führte und in den 1920er-Jahren die international anerkannte Wiener Schule hervorbrachte.

Zu dieser Zeit spielte Österreich in der weiteren Erfolgsgeschichte des Fußballs in zweierlei Hinsicht eine zentrale Rolle:

  • Zum einen wurden mit der Gründung der ersten professionellen Liga außerhalb Englands 1924 die Weichen für den über das Mutterland des Fußballs hinausgehenden Siegeszug des Profifußballs gestellt.
  • Zum anderen wurde mit der Initiierung des Mitopapokals der Vorläufer der heutigen Champions League etabliert, was das weltweite Profitum weiter vorantrieb.
Österreich (weiße Trikots) gegen Deutschland bei den Olympischen Sommerspielen 1912.
Österreich (weiße Trikots) gegen Deutschland bei den Olympischen Sommerspielen 1912. (Foto: Public Domain)

Dies ist umso bemerkenswerter, vergegenwärtigt man sich die historischen Gegebenheiten dieser Zeit: Im Zuge der republikanischen Bestrebungen des Ersten Weltkriegs, welche die Ausrufung der 1. Republik Österreich zur Folge hatten, kam es zu einer weitreichenden gesellschaftlichen Polarisierung im österreichischen Volk zwischen der traditionellen Sozialdemokratie und den bürgerlichen Strömungen der Christsozialen.

Diese Polarisierung machte sich auch im Österreichischen Fußball Verband (ÖFV) bemerkbar, welcher 1904 die Nachfolge der 1900 gegründeten Österreichischen Fußball-Union (ÖFU) antrat.

Von der Spaltung bis zum Titelkauf

So spaltete sich der Fußballverband 1925 in die zwei Interessenverbände der jeweiligen politischen Blöcke auf. Die Sozialdemokraten bündelten sich in der Freien Vereinigung, während die Christsozialen im Schutzverband aufgingen.

Waren die ideologischen Differenzen über die Auffassung des Fußballsports schon bei Einführung der Profiliga ein Jahr zuvor bereits heftig – die Freie Vereinigung plädierte für den 1906 in den Statuten des ÖFV festgelegten Amateurismus, der Schutzverband trat vehement für den Professionalismus ein -, so entluden sich diese Spannungen bei der Frage über die Teilnahme an der 1. Arbeiterolympiade in Frankfurt 1925 endgültig.

Während die Sozialdemokratie auf eine Teilnahme drängte, stemmten sich die Christsozialen konsequent gegen die Entsendung eines österreichischen Teams zu diesem proletarischen Schauspiel.

Die I. Internationale Arbeiterolympia fand 1925 in Frankfurt am Main statt.
Die I. Internationale Arbeiterolympia fand 1925 in Frankfurt am Main statt. (Foto: Willibald Krain; gemeinfrei)

Da sich der ÖFV also seit 1906 ausschließlich dem Amateursport verschrieben hatte, die bürgerlichen Kräfte eine Professionalisierung aber immer weiter vorantrieben, fassten die Mitglieder der Freien Vereinigung den Entschluss, geschlossen aus dem ÖFV auszutreten, um mit der 1926 konstituierten Freien Vereinigung der Amateur-Fußballvereine Österreichs (VAFÖ) einen eigenen Verband zu gründen, der sich ausschließlich dem Amateursport widmen und mit dem bürgerlichen Professionalismus brechen sollte.

Die Mitgliedschaft in einem bürgerlichen Profiverein wurde den Mitgliedern der damaligen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) durch die Beschlüsse des Linzer Programms 1926 zudem praktisch verboten, was die Mitgliederzahlen innerhalb der VAFÖ binnen kurzer Zeit stark erhöhte.

Da sich zu dieser Zeit der Großteil der Klubs als Amateurvereine verstand und somit in die VAFÖ übergingen, wurde diese zum legitimen Nachfolger des ÖFV im 1905 beigetretenen Weltverband der FIFA.

Die bürgerlichen Vereine reagierten darauf ihrerseits mit der Gründung des Allgemeinen Österreichischen Fußball-Bund (AÖFB) und stellten nun als reine Profiliga den Anspruch, der rechtlichen Nachfolger des ÖFV zu sein, was ihnen dadurch gelang, dass sie der VAFÖ die Mitgliedschaft in der FIFA und alle bisherigen Titel abkaufen mussten.

Die endgültige Trennung von Amateur- und Profisport war somit nicht nur ideologisch, sondern auch organisatorisch vollzogen. Die überaus erfolgreiche Auswahlmannschaft der Amateure wurde übrigens vor heimischem Publikum 1931 Turniersieger der 2. Arbeiterolympiade sowie 1933 Europameister der Arbeiterfußballer. Der österreichische Profifußball kam über einen dritten Platz bei der FIFA-WM 1954 und eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1936 nicht hinaus.

Über Amateure und Profis

Das zweite historisch relevante Erbe, das von Fußballösterreich in die Welt getragen wurde, fand 1927 vor dem Hintergrund oben skizzierter Verbandsstreitigkeiten statt.

Auf Initiative Hugo Meisls, Verbandskapitän, langjähriger ÖFV-Funktionär und österreichische Fußballlegende wurde das erste internationale Fußballturnier und Vorgängerbewerb der heutigen Champions League unter österreichischer Ägide organisiert.

Nachdem bereits John Gramlick, Mitbegründer des Vienna Cricket und Football-Club, 1897 den Challenge-Cup etablierte, welcher länderübergreifende Duelle zwischen Österreich und Ungarn zu Zeiten der Monarchie ermöglichte, griff Meisl die Idee eines internationalen Turniers nach dem Ersten Weltkrieg wieder auf.

Als Wegbereiter und stoischer Verfechter des Profifußballs in und um Österreich initiierte Meisl 1927 den Mitropapokal, bei dessen erster Austragung Mannschaften aus Österreich, Ungarn, Jugoslawien sowie der Tschechoslowakei teilnahmen und letztlich Rapid Wien im Finale auf Slavia Prag stieß. Das Hinspiel gewann Prag mit 6:2 zuhause. Im Rückspiel konnte Rapid vor 40.000 Zuschauern auf der Hohen Warte ein 2:1 erringen.

Nachdem 1936 bereits 20 Mannschaften am Mitropapokal teilnahmen und sich dieser als internationales Turnier etablieren konnte, musste der Cup 1940 im Zuge des Zweiten Weltkriegs abgebrochen werden.

Die Internationalisierung des Fußballs

Nach Kriegsende gab es vielerorts Bestrebungen, den Mitropapokal wieder auszutragen. 1951 gelang dies ein einziges Mal mit dem nun Zentropapokal genannten Bewerb.

1954 gründete sich die UEFA, ihres Zeichens gesamteuropäischer Fußballverband, und beschloss auf ihrer ersten Sitzung in Wien im Frühjahr 1955 die Wiedereinführung des Mitropapokals.

Nun durften allerdings nur mehr die Pokalsieger der Länder Österreich, Italien, Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien teilnehmen, wogegen es rasch Proteste u. a. aus Rumänien gab.

Mit der zeitgleichen Einführung des Europapokals der Landesmeister wurde das einst große Turnier zusätzlich in seiner internationalen Relevanz abgewertet. Als 1992 der Mitropapokal das letzte Mal ausgetragen wurde, nahmen lediglich noch vier Mannschaften teil, was letztlich auch das Ende dieses Turniers darstellte.

Der professionelle Fußballsport wurde durch die Entwicklungen rund um den Mitropapokal aber endgültig international.


Hier geht es zum Intro der Serie von Noah Krügl.

Hier geht es zum ersten Teil der Serie: Fußball als Massenphänomen

Hier geht es zum dritten Teil der Serie: Fußball in der Zeit des Faschismus

Hier geht es zum vierten Teil der Serie: Fußball, das Kapital und der Widerstand der Fans

Hier geht es zum fünften Teil der Serie: Ultras – Mehr als nur Fußballfans

Hier geht es zum sechsten Teil der Serie: Working Class Ballet: Football is for you and me …


Über den Autor: Noah Krügl ist politischer Aktivist, Fußballfan und Gründungsmitglied einer linken Ultragruppierung in Österreich. Er ist Autor von „Unsere Zeitung – Die Demokratische“, einem Kooperationspartner von Neue Debatte. Noah Krügl schreibt über Fußball, Politik und Fankultur. Teil 2 seiner Serie erschien erstmals auf „Unsere Zeitung – Die Demokratische“.


Fotos: Österreich (in weißen Dressen) gegen Deutschland bei den Olympischen Sommerspielen 1912 (Public Domain); Titelbild von Sasin Tipchai (pixabay.com) – Creative Commons CC0.

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