Ultras – Mehr als nur Fußballfans

Im fünften Teil seine Serie über die Geschichte des Fußballs beleuchtet Noah Krügl von „Unsere Zeitung“ das Herzstück des Ballsports: Die Fans und die Subkultur der Ultras. Er führt uns vom heißen Herbst in Italien bis zur Tragödie von Hillsborough.

Nachdem im vorigen Teil ein intensiver Blick auf zwei herausragende Beispiele der immer weiter voranschreitenden Kommerzialisierung des einstigen Volkssports sowie auf den selbst organisierten Widerstand jener Menschen gerichtet wurde, die die Seele des Fußballs ausmachen – die singenden Fans der Kurven –, soll im vorletzten Teil dieser Serie noch ein gesondertes Augenmerk auf ein Phänomen gerichtet werden, welches über das individuelle Engagement einzelner (oder vieler) hinausragt und sich zu einer eigenständigen Subkultur entwickelte.

Historisch korrekt eingeordnet und in chronologischer Richtigkeit hätte dieser Artikel bereits vor jenem über den Widerstand der Fans erscheinen müssen.

Das folgende Kapitel soll eines der komplexesten Phänomene der jüngeren Fußballgeschichte beleuchten, welches seine Wurzeln im Italien der 1960er-Jahre schlug und heute, rund 50 Jahre später, in einer sozialen Gruppe ihren vorläufigen Höhepunkt fand, die besser organisiert ist, als so manche politische Partei, immer höheren Zuspruch bei Jugendlichen findet und durch ihr teilweise als militant wahrgenommenes Auftreten Exekutivbeamte, Verfassungsschutz und Legislative gleichermaßen die Haare raufen lässt: Ultras!

Ultras als Antwort auf Perspektivlosigkeit und soziale Ausgrenzung

Während die finanziellen Ressourcen für öffentliche Jugendzentren und die damit einhergehende kostengünstige Freizeitgestaltung immer deutlicher reduziert werden, politische Parteien meist nur im Zuge von bürgerlichen Wahlen ihr Interesse für die tatsächlichen Probleme und Ängste der Jugend wie Orientierungs- und Arbeitslosigkeit entdecken und die Entfremdung der mehrheitlich aus der Arbeiterklasse entstammenden jugendlichen Fußballfans gegenüber einer für sie stets perspektivloser werdenden Gesellschaft immer stärker zunimmt, spricht dieses äußerst heterogene Phänomen Tausende junge Menschen an.

Ultragruppierungen mutieren dabei zu einem Ersatz für Jugendtreffs und -zentren, die sich dadurch von anderen Institutionen unterscheiden, da sie die Einbindung jedes einzelnen Mitglieds fordern, um die kollektiv beschlossenen Ziele zu erreichen: eine schönere und aufwendigere Choreografie als jene der gegnerischen Ultras, eine farbliche Hegemonie der Vereinsfarben im Stadion und dessen Umfeld oder das auch gewaltsame Entwenden gegnerischer Fan-Utensilien als Trophäen.


Choreografie der Fans von Olympique Marseille im Stade Vélodrome am 31. Spieltag der Saison 2014/15.
Choreografie der Fans von Olympique Marseille im Stade Vélodrome am 31. Spieltag der Saison 2014/15 in der Ligue 1 (Foto Hombrey, CC BY-SA 4.0)

Gleichzeitig liefern regelmäßige Treffen oder die selbstständige Organisierung oft karitativer Aktionen eine Motivation und Anerkennung, die viele Jugendliche im Alltag nicht verspüren.

Im Kreise ihrer Gruppe wird ihnen jene Ernsthaftigkeit und Wertschätzung entgegnet, welche sie in ihrem Lehrbetrieb, ihrer Schule oder auch in vielen Familien oft nicht erfahren.

In der Gruppe ist es egal, ob du Schüler, Lehrling, Student oder arbeitslos bist. Das solidarische Miteinander im Dienste der Sache steht im Vordergrund und lässt gesellschaftliche Konventionen zumindest im Kosmos dieses Phänomens ins Hintertreffen rücken.

So prekär auch immer die individuellen Umstände durch die kapitalistisch bedingte soziale Exklusion sein mögen – im Stadion spielen diese eine untergeordnete Rolle. In der Kurve steht die Solidarität im Vordergrund.

Das gemeinsame Planen und Agieren, die Aufopferung für sowie die Fokussierung auf die Sache ist hier stets entscheidender, als der gesellschaftliche Status eines Mitglieds.

Ultras stellen ihre eigenen Befindlichkeiten unter jene des Kollektivs, sie verfolgen eine gemeinsame Ideologie, haben Grundsatzerklärungen und schreiben Flugblätter. Ultras agieren wie politische Organisationen und erreichen dabei eine Attraktivität, von der viele Parteijugenden nur träumen können.

Der heiße Herbst in Italien 1969

Entstanden ist diese Bewegung im Italien der 1960er-Jahre vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen jener Zeit.

Potere operaio: Demonstration Italien. Gemeinfrei
Potere operaio: Demonstration Italien. (Foto: Gemeinfrei)

Der „miracolo economico“ der Nachkriegsjahre ging zu Ende, die Löhne stagnierten, Mietpreise explodierten förmlich und zahlreiche in den Wunderjahren gut ausgebildete junge Menschen waren plötzlich mit Arbeitslosigkeit konfrontiert oder mussten in den Fabriken Tätigkeiten fern ihrer Ausbildung verrichten.

Mit den Studierten gelangten verstärkt radikale und systemkritische Gedanken durch die Werkstore und auch die Gewerkschaft konnte zu dieser Zeit massiv an Mitgliedern gewinnen.

Als auch mit der vermeintlichen Öffnung der seit über 20 Jahren regierenden Democrazia Cristiana nach Links keine Verbesserung der Lebensumstände eintrat, kulminierten die seit 1967 immer wieder aufkeimenden Streiks und Proteste letztlich im „Heißen Herbst“ 1969, als durch die Leitung der beiden aus dieser Bewegung hervorgegangenen Organisationen Lotta Continua und Potere Operaio binnen weniger Monate insgesamt bis zu 20 Millionen Menschen auf die Straßen gingen und vor allem die Industriebetriebe Norditaliens (FIAT, Pirelli, etc.) bestreikten.


Eine Demonstration von Lotta continua 1973. Gemeinfrei
Demonstration von Lotta continua 1973. (Foto: Gemeinfrei)

Dieser Protest wurde durch die Arbeiterschaft zu jener Zeit auch in die Stadien gebracht. Diese dienten einerseits als basisdemokratische Bühne für ihre politische Propaganda, andererseits wurden sich durch die sich nun zu Gruppen organisierenden Fans, die curvas, die Stadien angeeignet und als teilautonome Bereiche des gesellschaftlichen Raums verstanden.

Mit den Protestierenden fanden auch die bereits von Demonstrationen bekannten Ausdrucksformen ihren Eingang in die Stadien: Trommeln, Transparente, bengalische Feuer, Fahnen und gemeinsam gerufene Parolen lösten den situationsbezogenen Support ab und eine sich kritischer mit dem Fußballbusiness auseinandersetzende Masse zog auf den Tribünen ein.

Der Untergang der italienischen Fankultur

Waren die ersten organisierten Fangruppen also großteils dem linken beziehungsweise kommunistischen Lager zuzuordnen, erkannten auch rechte Strömungen schnell dieses schier unendliche Potenzial der Agitationsmöglichkeit in den italienischen Stadien.

Bereits seit Jahrzehnten bestehende fußballerische Rivalitäten wurden so auch politisch aufgeladen und so entstanden politisch motivierte Fanzusammenhänge, die, wie am Beispiel AS Livorno (Brigate Autonome Livornesi), kommunistisch oder, am Beispiel Lazio Rom (Irriducibili), neofaschistisch und rechtsextrem geprägt waren.

Die Fronten verhärteten sich und die seit Anbeginn den Fußball begleitende Gewalt erreichte durch immer öfter auch mit Schlagringen und Messern bewaffnete Ultras ein neues Ausmaß, sodass auch bald die ersten Toten beklagt werden mussten.

Diese immer weiter voranschreitenden Gewaltexzesse führten durch immer mehr Verletzte, Haus- und Stadionverbote oder Gefängnisstrafen letztlich zum Untergang der italienischen Fankultur ab den beginnenden 1990er-Jahren, die zwischen den 60er- und 80er-Jahren das Vorbild vieler Fans weltweit darstellte.

Die Geburt des Hooliganismus

Im englischen Fußball hingegen kann der Tod der einst sehenswerten Fankultur an einem Namen festgemacht werden: Margaret Thatcher.

Margaret Thatcher bei einem Truppenbesuch auf Bermuda am 12. April 1990. Gemeinfrei.
Die britische Premierministerin Margaret Thatcher bei einem Truppenbesuch auf Bermuda im April 1990. (Foto: Gemeinfrei)

Die „Eiserne Lady“ galt aufgrund ihrer neoliberalen Überzeugung seit je her als Arbeiterfeindin und stellte dies eindrücklich unter Beweis, als sie erst die staatliche (Bergwerks-)Industrie privatisierte, Massenarbeitslosigkeit die Folge war und sie den daraus resultierenden Bergarbeiterstreik erst blutig niederschlagen lassen wollte und ihn später u.a. durch unreflektierte Berichterstattung der britischen Medien aussitzen konnte.

Dies führte zu einer Radikalisierung unter den Bergarbeitern, welche diese – ähnlich den Studierten in Italien – auch in die Stadien trugen. Auch hier nahmen die Gewaltexzesse stetig zu und der berüchtigte englische Hooliganismus war geboren.

Frustriert von schlechten Jobaussichten und einer miserablen Zukunftsperspektive entlud sich die Wut der jungen und politisch desillusionierten Arbeiter, welche die Mehrheit der Zuschauerzahlen in den Stadien stellte, nun im Stadion oder der sogenannten „Dritten Halbzeit“, was den Behörden durch ihre mangelnde Durchgriffsfähigkeit immer saurer aufstieß.

Die Katastrophen von Bradford, Brüssel und Hillsborough

Als im Mai 1985 binnen zweier Wochen zwei Katastrophen die Fußballwelt verstummen ließen, bei welchen in Bradford 56 Menschen durch einen Stadionbrand starben und beim Meistercup-Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion durch eine Massenpanik 39 Menschen ihr Leben lassen mussten, fühlte sich Thatcher in ihrer Arbeiter- und Fußballfeindlichkeit bestätigt.

Sie unterstützte die Fünf-Jahres-Sperre für englische Klubs in europäischen Bewerben und erließ das „membership scheme“, bei welchem Eintrittskarten nur mehr personengebunden zu erhalten waren. Weiters wurden die Ticketpreise drastisch erhöht, um so die schlecht verdienenden oder arbeitslosen, und somit frustrierten, Arbeiter aus den Stadien zu drängen.


Banner anläßlich des 20ten Jahrestags der Hillsborough Tragödie. Fot: Linksfuss, CC BY-SA 3.0
Ein Banner anläßlich des 20ten Jahrestags der Tragödie von Hillsborough. (Foto: Linksfuss, CC BY-SA 3.0)

Als am 15. April 1989 beim FA-Cup-Finale zwischen Nottingham Forest und dem Liverpool FC im Sheffielder Hillsborough Stadium ein weiteres Mal eine Massenpanik ausbrach und 96 Liverpool-Fans im Stadion starben, wurde daraufhin unter tatkräftiger Hilfe des britischen Revolverblatts Sun eine Hetz- und Lügenkampagne lanciert, welche den Fans die Schuld für diese Katastrophen in die Schuhe zu schieben versuchte und sie der Leichenfledderei bezichtigte.

Der darauf folgende Taylor-Report kam zum Schluss, dass nur sogenannte all-seater, also Stadien ohne Stehplätze, derartige Tragödien verhindern könnten.

Die Ticketpreise schossen ein weiteres Mal in die Höhe und die personengebundene Sitzplatzvergabe schreckte immer mehr Fans davon ab, ihre persönlichen Daten herzugeben, um ihren Sport live zu betrachten.

Die Verdrängung der Arbeiterklasse

Die Publikumsstruktur veränderte sich daraufhin dramatisch und anstatt der einkommensschwachen Bevölkerungsschichten kamen nun vorrangig Besserverdiener in die Stadien, welche sich einerseits die Ticketpreise leisten konnten und andererseits vor dem Hooliganismusvorwurf gefeit waren.

Mit den Fans ging allerdings auch die Stimmung aus den Stadien verloren, was durch zusätzliche Verbote weiter verstärkt wurde: Alkohol und Zigaretten sind in den meisten Stadien mittlerweile ebenso verboten, wie Fahnen, Transparente oder das schlichte Stehen in der Kurve (wobei hier Ausnahmen existieren).

Der Fußball wurde von der kostengünstigen Freizeitbeschäftigung zur teuren Konsumware, welche fortan nur mehr dem zahlungswilligen und auch zahlungskräftigen Zuschauer zur Unterhaltung dienen soll. Die Arbeiterklasse und ihre Strukturen wurde so systematisch aus den Stadien gedrängt – ihre Organisationsform blieb bestehen.

Erst 23 Jahre später, im September 2012, wurde durch eine Untersuchungskommission geklärt, dass für die Hillsborough-Tragödie nicht die Fans, sondern der Veranstalter, die Behörden und deren unterlassene Hilfeleistung der Auslöser waren.

Die Polizei als Feindbild

Die massiven Repressionen gegen Fußballfans, welche in den 80er-Jahren ihren Ursprung in England und Italien hatten, sorgten dafür, dass sich für viele Ultras im Laufe der Jahre ein neues Feindbild auftat: die Polizei.

Fanden Reibereien ursprünglich (meist im Einverständnis) zwischen zwei Fanlagern statt, fokussierten sich diese seit den späten 90er- und frühen 2000er-Jahren verstärkt auf die Exekutive, welche mit immer repressiveren Maßnahmen gegen Fans und Ultras vorging.

So stiegen beispielsweise in Deutschland, jene Liga mit dem höchsten Zuschauerschnitt Europas, zwar kontinuierlich die Anzeigen gegen Fans, während die Zahl der als gewaltbereit eingeschätzten Fans in derselben Zeitspanne allerdings gleich blieb.

So rückten politische Kurven und Fanverbände in den Hintergrund und erlebnisorientierte Ultras, welche unter dem Deckmantel „Keine Politik im Stadion“ vornehmlich Konfrontationen mit Polizei und rivalisierenden Fans suchen, folgten.

Rechtsextreme in den Stadien

Fußballanhänger Ultras im Hapoel Tel Aviv Werner100359 CC BY-SA 3.0
Transparent von Ultras im Stadion Hapoel Tel Aviv. (Foto: Werner100359, CC BY-SA 3.0)

Dieses Zurückdrängen politischer Kurven führte auch dazu, dass verstärkt Rechtsextreme in die Stadien drängten und diese als Rekrutierungsbasis verstanden. Die „Keine Politik“-Direktive spielte ihnen dabei insofern in die Hände, als dadurch linke Fußballfans mundtot gemacht werden, die mittlerweile bei zahlreichen Vereinen den Bruchteil der Fans stellen. Hier muss die politische Linke aktiv werden, um Fußball nicht den Rechteb zu überlassen.

Auf der anderen Seite wird gerade unter dem Mantra „Keine Politik“ oftmals Politik gemacht. So setzen sich Fans für fangerechte Spielzeiten ein und zeigen ihren Unmut mit bestimmten Entscheidungen des Vereins mittels Boykott oder Protest.

Hier ist das Potenzial, an dem die Linke ansetzen muss – den Widerstand zu bündeln und ihn in die richtige Richtung zu lenken. Gegen die Kommerzialisierung und für die Proletarisierung des Sports!


Hier geht es zum Intro der Serie von Noah Krügl.

Hier geht es zum ersten Teil der Serie: Fußball als Massenphänomen

Hier geht es zum zweiten Teil der Serie: Die Rolle Österreichs im internationalen Fußball

Hier geht es zum dritten Teil der Serie: Fußball in der Zeit des Faschismus

Hier geht es zum vierten Teil der Serie: Fußball, das Kapital und der Widerstand der Fans

Hier geht es zum sechsten Teil der Serie: Working Class Ballet: Football is for you and me …


Über den Autor: Noah Krügl ist politischer Aktivist, Fußballfan und Gründungsmitglied einer linken Ultragruppierung in Österreich. Er ist Autor von „Unsere Zeitung – Die Demokratische“, einem Kooperationspartner von Neue Debatte. Noah Krügl schreibt über Fußball, Politik und Fankultur. Teil 5 seiner Serie erschien erstmals auf Unsere Zeitung – Die Demokratische.


Fotos: Demonstration von Lotta continua 1973, Demonstration von Potere Operaio und Thatcher bei einem Truppenbesuch auf Bermuda im April 1990 (alle gemeinfrei); Linksfuss (Banner anläßlich des 20ten Jahrestags der Hillsborough Tragödie) und Werner100359 (Ultras Hapoel Tel Aviv) – beide CC BY-SA 3.0; Choreografie der Fans von Olympique Marseille im Stade Vélodrome, 31. Spieltag der Ligue 1 2014/15 (Hombrey, CC BY-SA 4.0) und Titelbild von Unsere Zeitung (Guardia Rossa).

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