Über Positivismus und Berechenbarkeit in den Humanwissenschaften

Der letzte Rest an Black Box und Privatsphäre fällt der positivistischen Ausleuchtung zum Opfer. Dr. Christian Ferch schreibt über die Reduzierung des Menschen auf seine Berechenbarkeit.

Der Positivismus, welcher auf seinen Begründer Auguste Comte zurückgeht, ist eine Richtung in der Philosophie, die fordert, Erkenntnis auf die Interpretation von „positiven“ Befunden, Mathematik oder Logik zu beschränken, also solchen, die im Experiment unter vorab definierten Bedingungen einen erwarteten Nachweis erbringen.


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Ethisch ist das schon, zumindest wissenschaftsethisch, da nur das, was beobachtbar ist, fest, unerschütterlich und wissenschaftlich gelten darf, moralisch jedoch keineswegs, da Menschen dadurch erstens reduziert werden auf ihre äußeren, sichtbaren Handlungen, zweitens, weil eine derartige Herangehensweise Tür und Tor öffnet zu einer Berechenbarkeit von Mensch und Geist.

Dies verbietet sich dem geisteswissenschaftlichen Humanisten, der – vom Ethos der Phänomenologie angetrieben – immer eher beschreibt und spekuliert, als Menschen eben aus– und berechnet.

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang erlaubt sein sollte, ist die nach einer Begründung der Existenz von Kunst, beispielsweise in der Form von Literatur, Malerei oder Musik: Wenn nicht Menschen ein Innenleben besäßen, welches von Emotionen, Intuitionen, Kreativität geprägt ist, welche in künstlerischen Produkten ihren Ausdruck zu finden versucht, wie arm wäre unsere Welt?

Die Kunst ist wichtig

Die Kunst ist wichtig,
Manchmal flüchtig,
Manchmal richtig,
Den Einen macht sie manchmal süchtig,
Dem Andren ist sie wirklich nichtig:
„Realitäten, die sind wichtig!“
Doch wer so spricht, der macht mich giftig.

Der Fetisch der Berechenbarkeit, zur Ideologie entartet, scheint in unserer Zeit Bahn sich brechen zu wollen in die Seelen der naiv unbescholtenen Bürger. Noch der letzte Rest an Black Box und Privatsphäre fällt der positivistischen Ausleuchtung zum Opfer.


Dr. Christian Ferch ist ein Philosoph aus Berlin.Über den Autor: Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik.

Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Politisch engagiert sich Christian Ferch für die Partei DIE LINKE.


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Foto: sciencefreak (pixabay.com) – Creative Commons CC0

One thought

  1. Positivismus auf naiven Mechanizismus zu reduzieren, geht an der Sache vorbei. Man kann Positivist sein und kein mechanisches Weltbild haben. Auch nach dem Linguistic Turn ist Positivismus möglich – und eine sinnvolle Haltung. Wenn man Positivist ist, vertritt man schliesslich nur besonders deutlich den Primat der Empirie, keinesfalls jedoch muss man alles ablehnen, was (noch) nicht belegt werden kann. Im Gegenteil, es handelt sich bei dieser philosophischen Haltung um eine pragmatische Haltung: gut ist, was funktioniert.

    Auch der Positivismus hat sich weiter entwickelt.

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