Die Würfel sind gefallen: Im Gespräch mit Gaby Weber über Rubikon.news

Die Publizistin Gaby Weber war 1978 Mitbegründerin der taz. Jetzt macht sie bei dem neuen Online-Magazin Rubikon.news mit. Warum? Die Medienlandschaft hat sich negativ verändert: Zu viel Kommerz, zu viel Werbung und vor allem eine ungesunde Nähe der Journalisten und Medien zu Parteien und Politikern.

Gunther Sosna: Gaby, du lebst in Argentinien, bist Publizistin und Dokumentarfilmerin und verdienst dein Geld als Journalistin seit 1978 vor allem im Hörfunk. Jetzt bist Du bei einem neuen Medienprojekt im Internet dabei. Rubikon.news ist auf den ersten Blick dem kritischen Journalismus zuzuordnen. Sind die Medien in Deutschland so unkritisch, dass Angebote wie Rubikon.news gebraucht werden?

Gaby Weber von Rubikon.news
Gaby Weber (Foto: Rubikon.news)

Gaby Weber: Ich muss vorwegschicken, dass ich nur meine persönliche Meinung darlegen kann, aber nicht für alle spreche, die sich bei Rubikon.news engagieren.

Außerdem stehen wir erst am Anfang und müssen abwarten, wie sich der Rubikon entwickelt. Was ich aber auf deine Frage konkret antworten kann, ist, dass laut seriöser Meinungsumfragen[1] mehr als die Hälfte der Bundesbürger davon überzeugt ist, dass die Medien unkritisch und inhaltlich schlecht sind. Dem stellen wir Rubikon.news als alternatives Onlineangebot entgegen.

Hättet ihr nicht eine gedruckte Zeitung machen können? Du hast ja Erfahrung darin, immerhin gehörtest du Ende der 1970er-Jahre in West-Berlin zu den Gründungsmitgliedern der taz.

Die taz ist ein Kapitel für sich. Lass uns darüber später sprechen. Klar ist, dass der Start eines Mediums im Internet heute natürlich viel leichter fällt, weil die Grundkosten deutlich geringer sind. Du brauchst keine Druckerei, keinen Vertrieb im eigentlichen Sinne und bist ziemlich schnell für die Öffentlichkeit sichtbar.

Aber vor allem muss der Journalismus zur Kenntnis nehmen, dass der technische Fortschritt das Verhalten der Nutzer völlig verändert hat. Sie sind nicht nur besser informiert, sondern recherchieren im Internet gezielt nach Informationen. Da ist es nur logisch, dass wir mit Rubikon auch im Netz sind, wo uns die Leser finden können.

Früher sah das völlig anders aus. Man hat vielleicht die Aufmacher und ein paar Berichte in ein oder zwei Tageszeitungen gelesen und um 20 Uhr die Tagesschau eingeschaltet, deren Sprecher etwas mitgeteilt haben, was als Wahrheit akzeptiert wurde. Heute werden rund um die Uhr Nachrichten und Informationen verbreitet, deren Wahrheitsgehalt sehr schnell überprüft werden kann. Und dieser Entwicklung muss der Journalismus folgen.

Wir müssen die Leser ernst nehmen und uns selbst überprüfbar machen, und wenn wir Mist gebaut haben, dies auch klar darlegen. Das tun die sogenannten „Qualitätsmedien“ nicht, die machen einfach weiter, als hätte es diesen technologischen Fortschritt und damit eine neue Qualität nicht gegeben.

Aber alle großen Medien haben doch Onlineangebote?

Ja, aber das sagt nichts über die inhaltliche Qualität aus. Die wird nach meiner Einschätzung immer schlechter, weil an den falschen Stellen gespart wird. Beim Fernsehen sparen auch die großen Sender an den Recherchekosten für Reportagen und die Sendeplätze werden gestrichen. 

Deshalb werden auch so viele seichte Beiträge gebracht, die nur an der Oberfläche kratzen. Es kann sich sicher kaum jemand vorstellen, wie die sozialen Verhältnisse in Argentinien sind, wenn man das nicht sieht und erlebt. Ich selbst bin in Buenos Aires und kann auch nur einen Ausschnitt des Landes und einen Teil der Lebensverhältnisse beschreiben, aber die haben mit dem, was in deutschen Zeitungen steht, recht wenig zu tun.

Wenn hier ein Arzt 70 Stunden die Woche im Krankenhaus arbeitet und dafür 1200 Euro bekommt und ein anderer, der Getränkekisten ausfährt, 3000 Euro, nur weil er in der politisch passenden Gewerkschaft Mitglied ist, dann sind das Lebenswirklichkeiten. Wenn die Distanz also nicht überwunden wird, und dafür braucht man Journalisten, die vor Ort sind, wird es sehr schwer, die Realitäten abzubilden.

Es fehlt dem Journalismus also am lieben Geld?

Natürlich nicht. Geld ist genug da. Über den Rundfunkbeitrag werden jährlich über acht Milliarden Euro eingenommen, aber es wird nicht in recherchierende Leute investiert, die mal nachschauen, ob das, was über Agenturen, Pressebüros oder offizielle Stellen verbreitet wird, tatsächlich stimmt. Die Kosten spart man sich, weil es einfacher ist und viel billiger Agenturmeldungen oder irgendwelche völlig bedeutungslosen Berichte oder eben Pressemitteilungen zu verarbeiten.

Das ist in Argentinien nicht anders als in Deutschland. Der Clarín, eine überregionale argentinische Zeitung, war immer politisch konservativ, aber früher mal richtig gut. Da hat man starke Reportagen gefunden und recherchierte Beiträge. Heute sind da unzählige Agenturmeldungen drin und seichte Unterhaltung. Man kauft den Clarín nur noch aus Gewohnheit, wegen des Fußballs oder schaut mal eben online drüber. Ich als Mediennutzerin will aber auf keinen Fall dem Mainstream folgen, nur weil es bequem ist, sondern ich will Berichte und Reportagen, die so nah wie möglich am Geschehen sind.

Das hat ja auch mit dem Gebrauchswert zu tun. Wenn du Geld für eine Zeitung ausgibst, willst du etwas davon haben, zumindest gute Informationen und Meinungsvielfalt. Jetzt ist alles Einheitsbrei.

Das werden die Verantwortlichen doch wissen?

Klar, aber die sitzen sehr fettarschig in ihren Sesseln und habe keine Veranlassung und keinen Zwang, die für sie günstigen Gegebenheiten zu ändern. Warum auch. Die obersten Etagen verdienen mehr als die Bundeskanzlerin und die ziehen eben ihren Stiefel durch, damit das auch so bleibt. Das behindert jede Reform. Und sie scheuen sich nicht, auch bewusst falsche Inhalte zu verbreiten.

Ich habe in meinem Film „Desinformation“ dem NDR nachgewiesen, welchen Unsinn sie in dem Dokudrama „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ über den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann[2] verbreiten und dessen angebliche Entführung aus Argentinien durch israelische Agenten 1960. Ich habe die Fakten in meinem Film vorgestellt. Das hat die Verantwortlichen nicht interessiert. Das Dokudrama, diese softe Romeo und Julia Lügengeschichte, wird immer noch gezeigt.



Was wäre zu tun?

Wir bräuchten eine völlig neue Verteilung der vorhandenen Mittel, um die Qualität zu steigern. Es ist ein Drama, das es kein neues Mediengesetz gibt und wir, ihr oder viele andere gute Medien deshalb von diesen Geldern nichts abbekommen.

Welche Konsequenzen hat das aktuell für die Arbeit bei Rubikon?

Wir sind ja eine gemeinnützige Unternehmung und darauf angewiesen, dass den Menschen unsere Arbeit und Leistung etwas wert ist. Deshalb sind Spenden und jede Art der Unterstützung wichtig. Am besten sind Daueraufträge, damit wir Planungssicherheit bekommen, denn wir möchten schließlich irgendwann auch ein paar Leute für ihre Arbeit bezahlen können. Crowdfunding ist sicherlich auch eine Option, die wir vielleicht versuchen werden, wenn wir bekannter sind. Zurzeit betreiben wir Selbstausbeutung, weil uns die Sache wichtig ist. Das ist kein Dauerzustand, das kann sich jeder denken, weil auch Journalisten ökonomische Verpflichtungen haben.

Wie seid ihr eigentlich auf den Name Rubikon.news gekommen. Der Rubikon ist ja ein Fluss in Italien und hat mit Medien nichts zu tun?

Der Name ist uns bei einem Gespräch am Frankfurter Flughafen eingefallen. Wir hatten uns über die politische Linke in Europa unterhalten, die abgesichert in den Parlamenten sitzt und deshalb keine Risiken eingeht. Im römischen Bürgerkrieg hat Caesar seine Truppen über den Rubikon geführt, ist dann in Richtung Rom marschiert und hat damit dem Senat den Krieg erklärt. Weil es für ihn kein Zurück mehr gab, sagte er „alea iacta est“, die Würfel sind gefallen. Das ist bei uns auch so. Wir wollen keine Denkverbote.

Es gibt kein Zurück?

Wir haben ja erst angefangen und deshalb gibt es keinen Grund, über ein Zurück nachzudenken.

Über die sozialen Netzwerke wurde Rubikon.news recht schnell verbreitet. Wie sind die ersten Reaktionen der Leserschaft auf das Medium und die Beiträge ausgefallen? Wie ist das Feedback?

Die ersten Reaktionen sind sehr positiv ausgefallen, aber das ist eine Momentaufnahme. Noch ist es wirklich viel zu früh, um das genau einzuordnen. Die redaktionelle Arbeit steht noch am Anfang, aber wir sind nicht kopflos. Bei Jens Wernicke, der von den Nachdenkseiten kommt, laufen die Fäden zusammen. Wir wollen natürlich feste Ressorts haben und deutliche Strukturen, aber jetzt wird noch viel improvisiert. Da ist jeder sehr frei, indem, was er macht.

Wir haben noch keine genauen Abläufe, keine klaren Aufgabenverteilungen und müssen uns als Team auch erst einmal finden. Ich zum Beispiel kenne einige Leute, die dabei sind, aber noch lange nicht alle. Es gibt ein südamerikanisches Sprichwort, das gut zur Situation passt: „Während der Fahrt ruckeln sich die Kürbisse selbst in die richtige Position.“ Auf dieser Fahrt sind wir jetzt.

In der Selbstdarstellung von Rubikon.news steht: „Im Rubikon sammelt sich die kritische Masse, die erforderlich ist, um tatsächliche Veränderungen herbeizuführen.“ Welche kritische Masse ist gemeint und welche Änderungen werden angestrebt?

Es gibt unglaublich viele Widersprüche in Deutschland. Man kann sehen, hören und lesen, dass sehr viele Menschen genervt, unzufrieden oder wütend über die Verhältnisse sind. Auf der politischen Ebene macht sich das durch die Erfolge der AfD bemerkbar. Komischerweise profitiert die Linke nicht von der Unzufriedenheit, obwohl die Menschen etwas Neues wollen. In der Medienlandschaft wollen die Leute auch neue Impulse. Da will der Rubikon ansetzen.

Lass uns kurz über die taz sprechen. Du warst Ende der 1970er-Jahre Mitgründerin, hast dann für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk gearbeitet, auch für den Stern und konntest die Entwicklung der Medienlandschaft aus verschiedenen Blickwinkeln beobachten. Welche wesentlichen Veränderungen sind in dieser Zeit eingetreten?

Die Kommerzialisierung, die massive Zunahme der Werbung und vor allem die ungesunde Nähe der Journalisten und Medien zu Parteien und Politikern, mit denen sie sympathisieren. Ich denke, dadurch hat die taz Glaubwürdigkeit verloren, durch ihre Nähe zu den Grünen. Ich bin auch für die Menschenrechte und gegen Korruption, aber nicht Mitglied der Linken oder der Grünen und kehre deren Dreck nicht unter den Teppich. Das meine ich.

Die junge Welt, die ja im Bereich Antifa viele wichtige Infos verbreitet, liegt völlig daneben, was die Berichterstattung über die sogenannten populistischen Regierungen Lateinamerikas angeht, Fakten werden unter den Tisch gekehrt und Parteimeinung verbreitet.

Sie führen ihren Lesern eine falsche Realität vor die Augen, eine Realität, die sie sich wünschen, die aber nicht vorhanden ist. Das hat ebenfalls mit gutem Journalismus nichts zu tun. Ich würde mir, das ist meine private Meinung, Redakteure und Beiräte und Autoren wünschen, die keiner Partei angehören und keiner Parteilogik unterliegen, also keinen Seilschaften verpflichtet sind.

Und von diesen Seilschaften wenden sich die Menschen ab. Wie konnte das passieren?

Die Kräfte haben sich ineinander verdreht und die bürgerliche Gesellschaft und die Unternehmen haben sich dabei total verhoben. Medien sind zu Unternehmen geworden, die nur noch nach Gewinn streben und politische Verbindlichkeiten bedienen. Dafür werfen sie die journalistische Unabhängigkeit über Bord.

Das Fernsehen war schon immer irgendwie Propaganda, weil der Einfluss der Politik über die Rundfunkräte viel zu groß gewesen ist und die Zeitungen haben Schritt für Schritt nachgezogen. Aber so einfältig sind die Menschen nicht. Die haben das gemerkt, sind, was Informationen angeht, anspruchsvoller geworden und suchen nach anderen Informationen. Die kann man beim Rubikon finden, weil wir eben keine Parteizeitung sind.

Mit zum Beispiel Krautreporter, Correctiv oder Perspective Daily gibt es journalistische Projekte, die sich als unabhängige und kritische Medien verstehen. Doch auch sie stehen am Ende des Tages im kalten Schatten der großen Medienhäuser. Wie will Rubikon.news aus diesem Schatten heraustreten?

Das entscheiden die Leser. Wenn sie unser Angebot als gut, wichtig und nützlich ansehen, werden sie uns aus diesem Schatten tragen, wenn der dann noch vorhanden sein sollte. Ob Spiegel, Stern, taz oder Süddeutsche, überall sinken die Auflagen teilweise rapide und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Ich meine, der Rubikon erscheint zum richtigen Zeitpunkt.

Rubikon.news führt in seinem Beirat zahlreiche System- und Gesellschaftskritiker auf wie zum Beispiel den Schweizer Friedensforscher Daniele Ganser, den Kognitionswissenschaftler Rainer Mausfeld von der Universität Kiel, den Liedermacher Konstantin Wecker, den Verleger Hannes Hofbauer aus Österreich oder die Soziologin Mag Wompel von LabourNet Germany. Bestimmt der Beirat, wo es bei Rubikon.news redaktionell lang geht oder wer gibt künftig die Richtung vor?

Langfristig soll der Beirat für die Sicherung der Qualität sorgen und dem Rubikon eine Richtung geben. Wie ich aber schon sagte, müssen wir uns noch finden. Im Moment ist es einfach gut, dass viele Leute, deren Wege sich zufällig gekreuzt haben, dabei sind, um gemeinsam etwas zu bewegen

Ein führender Kopf ist für den Außenstehenden so nicht auszumachen. Aber wie bekommt man die Beteiligten unter einen Hut, wenn irgendwie keiner wirklich Chef ist, oder verbindet alle die Kritik am System, sodass nur noch wichtig ist, bestehende Verhältnisse zu kritisieren?

Auf keinen Fall. Es geht uns darum, der Propaganda, und so muss man das einfach nennen, wenn Fakten verdreht, weggelassen oder unvollständig präsentiert werden und mit der wir alle Tag für Tag konfrontiert sind, obgleich uns unsere Beobachtungen, Erfahrungen und die Logik etwas ganz anderes sagt, etwas entgegenstellen. Aber Kritik allein macht ja keinen Journalismus. Es geht um Genauigkeit bei der Recherche und darum, den Finger in die Wunden der Mächtigen zu legen, aber dabei eben nicht parteiisch zu werden, nur weil einem diese Haltung in den Kram passt. Es stimmt aber schon, dass es keinen richtigen Chef gibt. Jens Wernicke, ich hatte es schon gesagt, organisiert und hat die Fäden in der Hand. Der Rest wird sich finden, wenn wir etwas länger zusammenarbeiten und jeder jeden kennt. Dann bringen sich die Kürbisse in Position.

Rubikon.news ist zwar ein gemeinnütziges Unternehmen, aber es unterliegt auch kaufmännischen Zwängen. Gibt es bestimmte Ziel- und Zeitvorgaben, die erfüllt werden müssen, damit sich Rubikon.news am Markt behaupten kann oder spielen diese Aspekte keine bedeutende Rolle?

Solche Ziel- oder Zeitvorgaben haben wir nicht.

Jeder muss Geld verdienen. Das gilt auch für Journalisten. Werbung scheint daher als Einnahmequelle doch unvermeidlich oder muss sich gerade der kritische Journalismus diesem Mechanismus freiwillig entziehen?

Du musst vor allem Werbung und Journalismus eindeutig und unmissverständlich voneinander trennen. Das ist in kommerziellen Medien nicht mehr der Fall. Ob man unbedingt komplett auf Werbung verzichten muss, würde ich nicht unbedingt bejahen, weil es genug Firmen gibt, die auch etwas für die Gesellschaft leisten wollen, und Werbung schalten. Dagegen ist die Zahl der Abonnenten sicher wichtiger, weil erst durch sie Planungssicherheit entsteht. Wenn sie langfristig zum Beispiel mit einem Jahresabo dabei sind, weiß man, was im Monat rein kommt und kann disponieren.

Im Moment arbeiten um die 20 Leute, Journalisten und Techniker, ehrenamtlich im Projekt. Das ist uns wichtig und, jaja, es gibt die Zwänge des Marktes, aber wir sind die Akteure und organisieren uns, weil wir das Projekt für wichtig halten. Wir sind keine passiven Untertanen, die sich von den „Marktzwängen“ organisieren und dominieren lassen.

Journalismus und Werbung gehen heute ja üblicherweise Hand in Hand. Der Onlinejournalismus zeigt das sehr deutlich. Redaktionelle Inhalte und Werbung sind teilweise kaum zu unterscheiden. Erleben wir bei den Großverlagen gerade die Verschmelzung beider Bereiche zu einem einzigen Verkaufsmechanismus?

Das ist bestimmt so, wobei ich glaube, dass diese Verschmelzung bei den Printmedien noch viel stärker ist. Redaktionelle Berichte und PR-Texte sind praktisch nicht zu unterscheiden. Da wird den Lesern die sprichwörtliche Mogelpackung untergeschoben. Und beim Fernsehen ist Product Placement auch keine Seltenheit. Aber auch diese neuen Rechercheverbünde sind eine merkwürdige Veranstaltung, wenn am Ende die gleiche Story in allen Medien erscheint. Wo bleibt da die Vielfalt?

Auf der Jagd nach Klicks fallen die letzten Hemmungen. Jede Kleinigkeit wird zum Weltthema aufgepumpt und jede Schrecklichkeit als Eilmeldung verbreitet. Kann und muss man diese Art der Berichterstattung noch ernst nehmen oder ist der heutige Mainstreamjournalismus mehr als kurzweiliges Entertainment zu verstehen?

Ja, aber daran tragen die Leser, und das muss man sagen, eine Mitschuld, weil Journalismus nicht umsonst sein kann. Wer sich eine Tageszeitung kauft, der muss das mit dem Bewusstsein tun, das eine Leistung bezahlt wurde. Durch die Inhalte im Internet, die freizugänglich sind, ist bei vielen der Eindruck entstanden, dass der Journalismus umsonst wäre. Das ist er aber nicht. Du zahlst mit Aufmerksamkeit oder deinen Daten. Wenn man sich das bewusst macht, wird jeder ein paar Euro freiwillig für ein gutes journalistisches Produkt ausgeben.

Kann man sagen, dass der kritische Journalismus im 21. Jahrhundert vor allem ein Journalismus sein wird, der sich von allen bestehenden Strukturen wie zum Beispiel dem Presserat, den Journalistenverbänden und den Verlagen lösen wird?

Wir haben zu diesen Institutionen keine Nähe, also stellt sich die Frage nicht.

Versucht Rubikon.news auch die Position eines Vorreiters für diesen neuen Journalismus einzunehmen?

Natürlich gehören wir auch zu den Vorreitern einer neuen journalistischen Entwicklung, die gerade erst richtig anfängt und noch lange nicht abgeschlossen ist. Das wird dauern. Aber diese Entwicklung, die die Meinungsmonopole schon jetzt auflöst, die ist nicht aufzuhalten. Alea iacta est, die Würfel sind gefallen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Gaby Weber (Aufnahme von Frank C. Müller; CC BY SA 3.0)
Gaby Weber (Foto: Frank C. Müller; CC BY SA 3.0).

Über Gabriele „Gaby“ Weber: Die Publizistin mit dem Schwerpunkt deutsch-lateinamerikanische Beziehungen wurde 1954 in Stuttgart geboren und studierte an der Freien Universität Berlin Romanistik und Publizistik. Sie gehörte 1978 in West-Berlin zu den Gründungsmitgliedern der taz.

1982 wurde Gaby Weber am Lateinamerika-Institut promoviert. Sie ging nach Südamerika und berichtete etwa ab Mitte der 1980er-Jahre als freie Korrespondentin aus Montevideo (Uruguay) und von 2002 an aus Buenos Aires. Weber arbeitet hauptsächlich für den Rundfunk und veröffentlichte mehrere Reportagen und Recherchen zur Geschichte von Nachrichtendiensten. Außerdem verfasste sie zahlreiche Bücher, die teilweise auf ihrer Homepage www.gabyweber.com heruntergeladen werden können.

In ihrem 2012 erschienenen Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“ vertritt Gaby Weber die Position, dass die Entführung des Nazi-Verbechers Adolf Eichmann im Mai 1960 nach Israel lediglich vom Bekanntwerden geheimer unterirdischer Atomtests der USA in Argentinien ablenken sollte.

Sven Felix Kellerhoff schrieb in einem Beitrag für die WELT, dass „man an diesem Buch beinahe mustergültig nachvollziehen kann, wie Verschwörungstheorien funktionieren“. Bernhard Taureck kam in seiner Buchkritik für den SWR zu einer völlig anderen Bewertung: „Die offizielle Version des Eichmann-Geschehens wird noch immer vom Geheimdienst bestimmt. Die von der Autorin gesichteten Dokumente ergeben das vorläufige Mosaik einer andersartigen Historie. Was wirklich geschah, weiß allerdings auch sie nicht definitiv. Begründete Vermutungen liefert sie in jedem Fall.“

2015 wurde Gaby Weber beim Alternativen Medienpreis in der Sparte Audio für „Rechtsweg ausgeschlossen? Mercedes-Benz Argentina – ein Präzedenzfall“ ausgezeichnet.

Sie gehört zum Gründungsteam und der Redaktion von Rubikon.news. Herausgegeben wird Rubikon von der „Initiative zur Demokratisierung der Meinungsbildung gGmbH“ in Mainz.


Eine Studie der EU-Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass zwar zwei Drittel der befragten EU-Bürger zustimmen, dass ihre nationalen Medien vielfältige Ansichten und Meinungen bieten, aber auch nur 38 Prozent zustimmen, dass „ihre nationalen Medien Informationen bieten, die frei von politischem oder wirtschaftlichem Druck sind“. Und nur eine Minderheit von 35 Prozent glaubt, dass „die nationalen öffentlich-rechtlichen Medien frei von politischem Druck sind“. Befragt wurden 27.768 EU-Bürger in allen 28 EU-Mitgliedstaaten zwischen September und Oktober 2016. 

Adolf Eichman während seines Prozesses in Israel 1961 Foto Israel Government Press Office gemeinfrei
Adolf Eichmann

Otto Adolf Eichmann (1906 – 1962) war während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges in Berlin Leiter des für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden im vom Deutschen Reich besetzten Europa zuständigen Eichmannreferats des Reichssicherheitshauptamtes. Nach offiziellen Quellen wurde Eichmann im Mai 1960 von israelischen Agenten in Argentinien entführt und nach Israel gebracht. Dort machte man ihm den Prozess und verurteilte ihn zum Tode. Eichmann wurde in Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 hingerichtet.


Fotos: Gaby Weber (2) Aufnahme von Frank C. Müller; CC BY SA 3.0 und von Rubikon.news; Adolf Eichman während seines Prozesses in Israel 1961 (Foto: Israel Government Press Office; gemeinfrei).

6 Thoughts

  1. bleibt euch mutig selbst treu bei den mühen der ebenen und vergeßt nie, dass ihr nicht für geld schreibt, sondern für ANDERE werte …

    …nur das ist die evolution des geistes der aufklärung – laßt euch von solidarität der leser tragen >>> und „bettelt“ nicht um deren geld … seid selbst vorbild – stellt keine bedingungen für eure taten >>> schenkt freiwliig und laßt euch beschenken … lebt eure überzeugungen selbst oder spart euch die kraft für ewig altes lavieren auf immer neuen „märkten“ – aber viel besser: gestaltet sie NEU und FAIR = das ist die zukunft, der ein weg bereitet werden sollte :-)))

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      1. freut mich sehr, dass ihr meine worte genauso konstruktiv interpretiert habt, wie sie gemeint waren:-))) UND auch schon ganz praktisch darauf vorbereitet seid … genau davon habe ich schon oft „geträumt“ (denn viele von euch „kenne“ ich ja schon jahrelang sehr gut) … und JA:-))) … wer, wenn nicht ihr??? :-)) … meine „supervison“ bekommt ihr kostenlos als kritische begleitung (von außen) geschenkt.

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  2. „Außerdem stehen wir erst am Anfang und müssen abwarten, wie sich der Rubikon entwickelt. “

    Da kann ich den ersten Tag mit Rubikon schildern und die Erkenntnis, alle Foren die ich bisher mit meinen Beiträgen beschickt habe, haben es eine Weile mit mir ausgehalten, selbst die Ultrakonservative „FAZ“. Hier bei Rubikon wurde schon am ersten Tag ca. 80% meiner Beiträge gelöscht und das obschon ich mich durchaus zu benehmen weiß. Da war nicht ein böses Wort dabei, ich habe nur Artikel und Zuschriften aus meiner Sicht kommentiert.
    Zensur ist kein guter Rat für eine Publikation die anders, besser sein will als andere. Ich bin sehr enttäuscht über diese Art „Entwicklung“.

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  3. Das war ein interessantes Interview und Gaby Weber hat mich mit ihrer Arbeit zum Thema Desinformation sehr beeindruckt.

    Nichts desto trotz fiel mir auch Herr Werner Thunerts Kommentar auf, der mich äußerst skeptisch werden ließ.
    Wir müssen uns der einen entscheidenden Frage stellen. Wohin wollen alternative Medien wie Rubikon und Co?
    Was leitet sie an und ist es allein der imaginäre Informationsauftrag der sie antreibt. Was ist der nächste Schritt und gibt es überhaupt einen solchen.
    Will man überhaupt einen klügeren und informierteren Konsumenten oder nennen wir sie Kunden bzw. Leser. Was ist wenn jene Leser sich plötzlich in einer Interessengruppe für den Frieden organisieren wollen und in einen Kommentarbereich einen Link ihrer Discordseite einfügen um sich einmal mit Gleichgesinnten besprechen zu können? Ist dies noch im Sinne alternativer Medien? Wäre das löschen kritischer Ansichten und möglicherweise auch Links nicht eine Art seine eigene Arbeit zu konterkarieren? Der Arbeit des hochgeschätzten David Goeßmann zugrunde liegend sind auch alternative Netzwerke abhängig vom System. Scoops werden zwar auf alternativen Wegen generiert, doch auch hier etablieren sich rasant bewährte Strukturen. Sind alternative Medien letztenendes nicht einfach nur der Versuch das freigewordene Kapital der Protestkunden jener alten „Lügenpresse“ einzufangen?
    Was denkt man hier bei Neue Debatte darüber?

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    1. Vielen Dank für den Kommentar und die Fragen, die ich versuchen werde aus meiner Position, also für die Neue Debatte so genau wie möglich zu beantworten. Wie die Neue Debatte entstanden ist, kann auf unser Crowdfundingseite oder auf „Über uns“ genauer nachgelesen werden. Wenn die Entwicklung der neuen Webseite abgeschlossen ist, wird eine umfängliche Präsentation verfügbar sein, aus der alle Details hervorgehen.

      Diese lasse ich jetzt aus und komme zu den Ausgangsfragen: Wohin wollen alternative Medien …? und „Was leitet sie an und ist es allein der imaginäre Informationsauftrag, der sie antreibt“, die die letzte Frage „Sind alternative Medien letzten Endes nicht einfach nur der Versuch das freigewordene Kapital der Protestkunden jener alten „Lügenpresse“ einzufangen?“ nicht ausklammern sollte. Ein paar Grundbetrachtungen scheinen mir dafür wichtig.

      Die Medien haben sich in den letzten 40 Jahren, aber insbesondere seit den 1990ern deutlich verändert, und das wurde in dem Interview mit Gaby Weber angesprochen, und sich dahin gehend entwickelt, dass kommerzielle Interessen die journalistische Arbeit noch viel stärker dominieren, als es in der Vergangenheit eh schon immer gewesen ist und entsprechend eine Nähe insbesondere zu Politiker/Parteien, aber auch Organisationen, Unternehmen etc. gesucht wird. Das liegt nicht zuletzt an der Finanzierung durch Werbung: Jeder Klick auf ein Werbebanner, jede Einblendung einer Werbebotschaft, jedes Werbevideo ist bares Geld wert. Es entbrennt ein Kampf um den Nutzer – weil er das Geld resp. die Einnahme darstellt.

      Dazu kommt die unglaubliche Beschleunigung der Informationsbereitstellung und -verbreitung durch das Internet und die schiere Masse an Informationen. Diese Kombination führt zu zwei Effekten, die jeder beobachten kann:

      1.) Einzelereignisse und Informationssplitter erhalten kurzzeitig eine gewaltige Dimension der Wichtigkeit ohne diesen Anspruch erfüllen zu müssen.
      2.) Das Einzelereignis überdauert nicht, sondern es verschwindet so schnell, wie es aufgetaucht ist.

      Als Beispiel sei auf Katastrophen hingewiesen, die als Eilmeldung Verbreitung finden, ohne das diese aber im ersten Moment einen informativen Mehrwert enthalten. Dieser wird oft künstlich hergestellt – zum Beispiel in dem über „Live-Ticker“ auf die vermutete Zahl der Opfer, eventuelle Spekulationen über Terroranschläge oder die Schadenshöhe hingewiesen wird. Die wirklichen Fakten stehen aber erst viel später zur Verfügung. Der Konjunktiv mobilisiert die Aufmerksamkeit. Kurzfristig wird sie erzeugt bzw. auf ein Einzelereignis gelenkt. Binnen kürzester Zeit wird dieses Ereignis unter der Masse weiterer Einzelereignisse begraben. Eine Fokussierung ist kaum möglich, außer der Nutzer zwingt sich selbst dazu (bzw. entzieht sich) oder das jeweilige Medium versucht (so wie oben skizziert) die Aufmerksamkeit „künstlich“ am Leben zu erhalten. Der Psychologe und Netzwerkforscher Peter Kruse sprach sehr treffend von einer „Erregung“ der Netze, die sich aufschaukeln können. Und dieses Aufschaukeln ist unkontrollierbar.

      Die Neue Debatte verzichtet auf Werbung und hat daher in diesem Bereich keine Motivationsgrundlage, um das Aufschaukeln im Sinne kurzfristiger Effekte zu nutzen. Die Neue Debatte versteht sich auch nicht als Protestmedium, auch wenn sehr viele Beiträge kritische Töne anschlagen. Diese können aber kurzfristig keine Leser „anlocken“ und somit auch keinen Protest bündeln, wie jeder zum einen aus der Vielschichtigkeit der Themen, aber vor allem aus der inhaltlichen Tiefe vieler Beiträge ableiten kann, die es so in der Medienlandschaft kaum bzw. nicht mehr gibt. Die Neue Debatte sucht den Dialog und versucht Dialog herzustellen und kann daher keine Kurzfristigkeit wollen.

      Aus dieser inhaltlichen Tiefe, die die Bereitschaft zur Aueinandersetzung mit einem Thema voraussetzt und somit der Leserschaft die wichtigste Ressource überhaupt abverlangt, nämlich Zeit, ergibt sich, dass zumindest die Neue Debatte versucht, allen Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu bieten hier – auf Neue Debatte – „klüger und informierter“ zu werden. Und dazu gehört die Abbildung eines weitgefächerten Weltbildes, dass sich auf Neue Debatte zum Beispiel durch Autorinnen und Autoren aus mittlerweile einem Dutzend Ländern zeigt.

      Natürlich braucht die Neue Debatte die Leserschaft und deren Unterstützung (hier kann man mehr erfahren: https://neue-debatte.com/unterstuetzen/), aber nicht ausschließlich als Medienkonsumenten, sondern als aktiven Teil des Mediums: Als Autor, Korrektor, Übersetzer, Trinkgeldgeber, Kritiker oder als Kommunikator, der die Beiträge teilt und die Neue Debatte als Medium bekannt macht oder als Gönner, Geldgeber, Videoreporter etc. etc. Die Liste ist endlos. Und hier fängt ein wesentlicher Unterschied in der Betrachtung an: Ich sehe den Journalismus in einer Phase der Emanzipation, die ihn dahin zurückführt, wo er beheimatet ist: an der Basis der Gesellschaft. Journalismus bietet dabei die Möglichkeit, alle Menschen zu erreichen – es gibt in der Kommunikation keine Grenzen mehr – und diese, egal wo sie herkommen, auch in einem gemeinsamen Projekt zu vereinen – den auch diese Grenzen existieren nicht mehr.

      „Was ist wenn jene Leser sich plötzlich in einer Interessengruppe für den Frieden organisieren wollen und in einen Kommentarbereich einen Link ihrer Discordseite einfügen um sich einmal mit Gleichgesinnten besprechen zu können?“

      Die Frage kann ich nicht beantworten, weil ich nicht weiß, in welchem Zusammenhang kommentiert und verlinkt wird. Man muss immer sehen, dass es einen Unterschied macht, ob ein Link im Zusammenhang mit einem konkreten Thema gesetzt wird oder eben nur im klassischen Sinne als Spam.

      „Wäre das löschen kritischer Ansichten und möglicherweise auch Links nicht eine Art seine eigene Arbeit zu konterkarieren?“

      Kritische Ansichten gehören zur Diskussion dazu. Aber letztlich macht der Ton die Musik und Argumente müssen auf den virtuellen Tisch. Kritisieren um des Kritisierens willen bringt niemanden weiter, das scheint mir keine spezielle Frage des Mediums zu sein. Es gibt natürlich Unterschiede (die sich wieder aus der Kommerzialisierung ergeben): Wie aus unserer Netiquette (https://neue-debatte.com/netiquette/) ersichtlich, sind Links zu anderen Internetangeboten ausdrücklich erwünscht, sofern die dortigen Inhalte der thematischen Auseinandersetzung dienlich sind und nicht gegen geltendes Recht verstoßen. Viele Medien wollen aber keine Links nicht, weil sie vielleicht Angst haben, den Leser an die „Konkurrenz zu verlieren“. Diese Ängste habe ich nicht.

      „Was ist der nächste Schritt und gibt es überhaupt einen solchen.“

      Nun, für die Neue Debatte schon. Es werden große Ziele mit kleinen Schritten verfolgt, zu denen u.a. die Gründung einer gemeinnützigen Unternehmung gehört, langfristig die Realisierung einer Genossenschaft und die Präsenz auf allen Kontinenten. Eine Audiosektion, eine Videoproduktion usw. usw. (die Aufgabenfelder sind unbegrenzt) und dabei kann uns jeder unterstützen. Wie ich eingangs schrieb, finden sich viele weitere Informationen auf unserer Crowdfundingseite oder auch hier: https://neue-debatte.com/unterstuetzen/

      Das war jetzt sehr viel Text. Ich hoffe, die Fragen sind ausreichend beantwortet.

      Herzliche Grüße, Gunther Sosna

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