Niemanden vergessen – auch nicht das moderne Proletariat …

Petros ist Generalsekretär der britischen Basisgewerkschaft United Voices of the World (UVW Union). Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Venezuela lernte er in der lateinamerikanischen Community Londons die miserablen Bedingungen der Jobs migrantischer Arbeiterinnen und Arbeiter kennen. Um daran etwas zu ändern, gründete er die UVW.

Am 25. März 2017 wurde die Arbeit der UVW im Centro Sociale in Hamburg im Rahmen einer Veranstaltung der Hamburger Gewerkschaftslinken vorgestellt. Im Anschluß daran beantwortete Petros dem Schattenblick einige Fragen zur Situation der britischen Arbeiterklasse und ihrer gewerkschaftlichen Vertretung.

Schattenblick (SB): Petros, gibt es einen Grund dafür, daß die UVW insbesondere Arbeiterinnen und Arbeiter in prekären Dienstleistungsjobs vertritt?


Petros ist Generalsekretär der britischen Basisgewerkschaft United Voices of the World (UVW Union). Foto: Schattenblick
Petros ist Generalsekretär der britischen Basisgewerkschaft United Voices of the World (Foto: Schattenblick).

Petros: Wir haben mit der Organisation und Repräsentation von Reinigungskräften begonnen, und so stellen Cleaner in wachsender Zahl und an immer mehr Arbeitsplätzen den Großteil unserer Basis dar. Aber wir sind durchaus daran interessiert, andere Arbeiterinnen und Arbeiter für uns zu gewinnen. So stoßen immer wieder kleinere Belegschaften zu uns, sogar die Kellner und das Küchenpersonal von Harrods.

Wir haben auch Mitglieder aus gering entlohnten Verwaltungsjobs, einige Sicherheitsleute, einige Gepäckträger. Wir würden auch gerne mehr Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem Einzelhandel, der den geringsten gewerkschaftlichen Organisationsgrad aufweist, bei uns sehen. Schlußendlich geht es uns darum, Arbeitskämpfe zu organisieren. Wer uns aus diesem Grund beitritt, ist auf jeden Fall willkommen. Wir begrüßen aber auch, wenn sie sich für eine andere Gewerkschaft entscheiden.

SB: Wie läßt sich unter den Bedingungen einer Arbeiterklasse, die weit stärker als früher fragmentiert ist, und einem großen Dienstleistungssektor mit schlecht entlohnten Jobs, in dem die einzelnen Arbeitskräfte gegeneinander ausgespielt werden, überhaupt Widerstand organisieren?

Petros: Eine Antwort darauf wäre sicherlich viel Geld wert. Wenn man in diese Arbeitssektoren einbrechen und die dort arbeitenden Menschen dazu ermutigen könnte, aufzustehen und Widerstand zu leisten, dann veränderte das die gesamte Situation. In der Praxis gibt es viele Dinge, die zu tun wären und die wir nicht tun. Zuerst einmal geht es darum, Risiken einzugehen, was wir nicht genügend tun. Das betrifft nicht nur die Frage, ob man in einer spezifischen Kampagne obsiegt, sondern auch finanzielle Risiken, denn man benötigt Geld und Ressourcen, um bestimmte Belegschaften und Sektoren gewerkschaftlich zu organisieren.

Ich denke, Gewerkschaften müssen sich damit auseinandersetzen, daß Arbeiterinnen und Arbeiter mehr als nur das sind. Sie sind auch Mitglieder bestimmter Communities und haben andere Interessen als diejenigen, die ihren Job betreffen. Zwar ist der Arbeitsplatz der Dreh- und Angelpunkt, um den ihr Leben größtenteils rotiert und der den stärksten Einfluß auf sie ausübt. Aber die Gewerkschaften nehmen die Diversität der Interessen, der Zugehörigkeiten, Identitäten und Gruppen, die die Menschen haben, letztendlich nicht genügend wahr.

Um Menschen zum Beitritt in Gewerkschaften zu bewegen, sollten diese sich nicht darauf beschränken, die Interessen der Menschen am Arbeitsplatz zu vertreten, sondern sich in Organisationen verwandeln, die auch die Interessen der Menschen auf sozialer, kultureller und politischer Ebene weiterentwickeln. Sie sollten endlich damit beginnen, eine aktivere und partizipatorischere Rolle im Leben der Menschen zu spielen. Es müßte auch Beispiele dafür geben, woran sich die Arbeiterinnen und Arbeiter orientieren können. Warum sollten sich Arbeiterinnen und Arbeiter, die unterbezahlt sind, ihre Rechnungen nicht begleichen können, besonders verletzlich sind, Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes haben und es bevorzugen, ausgebeutet zu werden, aber dafür ein Dach über dem Kopf zu haben, überhaupt gewerkschaftlich organisieren?

Der Schritt in eine Gewerkschaft ist eine große Entscheidung. Obwohl das Gesetz Arbeiterinnen und Arbeiter davor schützt, wegen der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft schikaniert oder entlassen zu werden, entscheiden sich viele Unternehmen offensichtlich, dieses Gesetz zu mißachten und Arbeiterinnen und Arbeiter anzugreifen.

Es mangelt an Vertrauen. Von daher brauchen wir Vorbilder, an denen man sich orientieren kann, und die Gewerkschaften müssen die Möglichkeit schaffen, daß derartige Vorbilder überhaupt entstehen. Wenn du heute Menschen fragst, die bei einem großen Einzelhandelsunternehmen angestellt sind, warum sie sich nicht organisieren und kämpfen, dann beantworten sie dies in der Regel mit der Frage, wer so etwas schon einmal versucht habe. Wen könnt ihr uns zeigen, der das schon getan hat? Und ehrlich gesagt, gibt es tatsächlich keine Beispiele dafür!

Man muß eine Gruppe von Arbeiterinnen und Arbeitern davon überzeugen, daß es möglicherweise etwas zu erstreiten und zu gewinnen gibt, aber das geht nur auf der Basis von Glauben und Vertrauen. Wie soll man dieses Vertrauen, diese Energie und Zuversicht schaffen?

Das ist wirklich sehr schwierig. Ich denke, Gewerkschaften sollten Beispiele im Kleinen schaffen, die die Menschen sich anschauen und auf die sie sich beziehen können. Wenn der Organisationsgrad erst einmal in größeren Unternehmensketten und ökonomisch wichtigeren Arbeitssektoren zunimmt, dann hätten die Arbeiterinnen und Arbeiter tatsächlich einen Anhaltspunkt dafür, sich für entsprechende Schritte zu entscheiden und ihren Kampf voranzubringen.

Es sollte überhaupt mehr Spaß machen. Gewerkschaften haben viele Möglichkeiten, sie verfügen über viele Menschen, und das ist eine perfekte Gelegenheit, mehr Spaß bei Aktionen und Events zu haben. Warum nicht einiges ihrer Zeit, ihrer materiellen Möglichkeiten und menschlichen Mobilisierungsfähigkeit in die Schaffung sozial und kulturell interessanter Aktivitäten stecken? Ich weiß nicht, warum sie das im Großen und Ganzen nicht tun.

Außerdem müssen sie viel konfrontativer werden. Die Bedingungen und sozialen Beziehungen der Arbeitswelt sind so fürchterlich und inakzeptabel, daß zumindest in bestimmten Bereichen der Lohnarbeit in weit größerem Ausmaß die Auseinandersetzung gesucht und eine Haltung der Kompromißlosigkeit entwickelt werden muß.

SB: Die großen Gewerkschaften der Bundesrepublik sind vor allem sozialpartnerschaftlich aktiv, wollen also insbesondere den sozialen Frieden sichern, was eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ausschließt. Sind die großen Gewerkschaften im Vereinigten Königreich (UK) ähnlich aufgestellt?

Petros: Ja, das ist tatsächlich so. Das Konzept der Sozialpartnerschaft wird verfolgt, aber das Organisationskonzept wurde von den britischen Gewerkschaften kaum in Anspruch genommen. Sozialpartnerschaft ist typisch für Universitäten und den öffentlichen Dienst. Im privatwirtschaftlichen Bereich gibt es nur wenige Gewerkschaften wie etwa die Usdaw, bei der die Arbeiterschaft der größten Supermarktkette in UK, Tesco, organisiert ist. Sie haben unglaubliche 150.000 Mitglieder nur bei Tesco und, ich glaube, eine halbe Million im ganzen UK. Zudem werden sie von dem Unternehmen anerkannt.

Von den Arbeiterinnen und Arbeitern der größten Supermarktkette des Landes, die Mitglieder einer solchen Gewerkschaft sind, würde man erwarten, daß sie zumindest angemessene Löhne erhalten. Das ist nicht der Fall. Es gibt keine Mindestlöhne, und das Personal wird wie Dreck behandelt, daher fragt man sich nach der Existenzberechtigung dieser Gewerkschaft. Vielleicht schützt sie Arbeiterinnen und Arbeiter vor den extremsten Auswüchsen an Ausbeutung und Unterdrückung, aber die größte Gewerkschaftszulassung im UK ist ein Sweetheart Deal.

Leider gilt das gleiche für die Universitäten. Zudem ist das Sozialpartnerschaftsmodell sehr elitär. Das gutverdienende, aus hochspezialisierten Profis bestehende Segment der lohnabhängig Beschäftigten stimmt ihm möglicherweise zu, weil sie ohnehin über gute Gehälter und Arbeitsbedingungen verfügen. Sie wollen eher nicht in einen Arbeitskampf, sondern im Rahmen des Partnerschaftsmodells lediglich in einen Dialog mit ihrem Chef eintreten, um kleinere Meinungsverschiedenheiten zu klären. Aber es ist ein sehr elitäres Modell, denn der am schlechtesten entlohnte und gestellte Teil der Arbeiterschaft kann davon niemals profitieren.

Es gibt so viel Veränderungsbedarf und so viele Gründe zu kämpfen, daß sie niemals zu einer Übereinkunft gelangen, die den Zielen gerecht wird, für die sie sich organisieren und kämpfen.

SB: Gibt es Widersprüche innerhalb der Arbeiterklasse, etwa zwischen den noch gutbezahlten Facharbeitern in der Industrie und den Cleanern, die ihr vertretet?

Petros: Definitiv. Die Arbeiterklasse dehnt sich in vielerlei Hinsicht aus und weist immer mehr verschiedene soziale Schichten auf. Sie war wohl niemals ein homogener Block, denn es gab immer große Ungleichheit innerhalb der Arbeiterklasse, und das gilt heute mehr denn je. Im UK leben fünf Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter unterhalb eines existenzsichernden Lohnniveaus, was etwa auf der Höhe des Mindestlohns oder etwas darüber liegt. Diesen Arbeiterinnen und Arbeitern wird zwar das gesetzliche Minimum an Urlaub, Krankengeld und Pension zugestanden, aber der Lohn ist so gering, daß er vorne und hinten nicht reicht. Ihnen kann von einem Moment auf den anderen gekündigt werden, und sie verdienen gewiß nicht genug, um etwas zu sparen, sich eine schöne Wohnung zu mieten oder die kulturellen Angebote der Hauptstadt zu genießen.

Ich meine, daß sie von der Gewerkschaftsbewegung und allgemeinen politischen Aktivitäten ausgeschlossen sind. Innerhalb der Arbeiterklasse teilt sich das dann auch in sogenannte sichere und sogenannte unsichere Arbeitsverhältnisse auf. Die Gewerkschaftsbewegung hat diese Spaltung niemals wirklich anerkannt.

SB: Wie verhält sich die bourgeoise oder neofeudale Klasse im Alltag gegenüber den bei der UVW organisierten Cleanern? Was weißt du davon, wie sie sich auf die Menschen bezieht, die ihre Umgebung sauberhalten?

Petros: Ganz allgemein gesprochen werden die Cleaner einfach nicht wahrgenommen. Sie haben häufig als Einzelpersonen oder kollektiv versucht, sich zu beschweren, aber ihre Beschwerden verpuffen wirkungslos. Das ist ein wesentlicher Grund, der UVW beizutreten und sich dabei unterstützen zu lassen, wenn sie etwas mit ihren Vorgesetzten klären müssen.

Unsere Mitglieder sind, so würden wir es sagen, im Grunde genommen unsichtbar, und wenn nicht, dann werden sie ignoriert, was wahrscheinlich noch schlimmer ist. Sie werden regelrecht mißachtet. Wer ignoriert wird, wird mißachtet. Viele unserer Mitglieder sind in schlechter psychologischer Verfassung. Dafür gibt es viele Gründe, aber wir als Gewerkschaft haben eine gegenseitige Unterstützungsgruppe eingerichtet. Wir wollen einen offenen und ehrlichen Dialog zwischen unseren Mitgliedern in Gang bringen. Es geht darum, das Gespräch über die psychologischen Probleme zu erleichtern, an denen einige von uns leiden.

Die Art und Weise, wie sie behandelt werden, ist wirklich erniedrigend. Die ihnen gegenüber an den Tag gelegte Verachtung ist in extremen Fällen richtig inhuman. Die offenkundige Geringschätzung hinterläßt psychologische Narben. Manchmal müssen sie Monat um Monat dafür kämpfen, überhaupt ihr Grundeinkommen zu erhalten, um ihre Miete bezahlen zu können. Sie wollen nicht einmal höhere Löhne oder Sonderzulagen, sondern nur für die Arbeit, die sie verrichtet haben, bezahlt werden.

Wenn man Monat für Monat oder sogar jahrein, jahraus unter diesen schlechten Bedingungen arbeitet, kommt man in einen psychologisch sehr instabilen Zustand.

Vieles, was wir tun, dreht sich darum, unseren Mitgliedern dabei zu helfen, mit diesen Problemen, die an der Basis jeder gewerkschaftlichen Organisation und Initiative anerkannt werden sollten, fertig zu werden. Es geht auch darum, die psychologischen Folgen der Arbeitsbedingungen unter diesen besonders unsicheren Jobverhältnissen anzuerkennen und auf gewerkschaftlicher Ebene zu thematisieren.

Aber zurück zur Frage. Die Ungleichheit in London ist extrem. Im Auktionshaus Sotheby’s und im Kaufhaus Harrods ist die Elite der Elite zugange. Menschen, die Hunderte Millionen Pfund schwer sind, so daß man leicht in einen performativen und theatralischen Zustand verfällt, weil man kaum glauben kann, daß das die Wirklichkeit ist. Das trifft auch auf die London School of Economics (LSE) zu, eine ausgesprochene Eliteuniversität, in der viel Geld und Macht konzentriert sind.

Viele Demonstrationen an diesen Orten sind betont dramatisch. Die Proteste, die direkte Aktion und die Kämpfe müssen angemessen vollzogen werden. Die Emotionen schaukeln sich in diesen elitären Bauwerken mit diesen elitären Institutionen, die von elitären Leuten betrieben werden, sehr leicht hoch und konfrontieren die Bosse und Unterdrücker auf symbolische wie physische Weise.

Das ist einer der Gründe, warum die Menschen sich an UVW-Demos so gerne beteiligen und sich gut dabei fühlen. Wir verkörpern in gewisser Weise die größte gesellschaftliche Ungleichheit.

Betrachtet man auf der einen Seite unsere Forderungen und auf der anderen Seite die Institutionen, an die sie gerichtet sind, ist es einfach grotesk. Die Situation ist fast lächerlich zu nennen, weil sie an eine Karikatur der schlimmsten Ungleichheiten der Gesellschaft grenzt. Für mich persönlich ist es dann sehr einfach, all die Wut und den Zorn zu spüren, derer es bedarf, um erfolgreich zu kämpfen.

SB: Petros, vielen Dank für dieses Gespräch.


Quelle: ©2017 by Online-Zeitung Schattenblick, www.schattenblick.de
Mit Dank an die Redaktion des Schattenblick für das Recht zur Übernahme und Verbreitung.


Foto: Online-Zeitung Schattenblick; Titelbild (Symbolfoto): Joe Plette (flickr.com) CC BY-NC 2.0

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