Jürgen Habermas und die postsäkulare Gesellschaft

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas warf 2001 den Begriff der postsäkularen Gesellschaft in die Debatte ein. Seither hat der Begriff eine rasante Verbreitung und inflationäre Nutzung erlebt. Dr. Christian Weilmeier erklärt den Begriff.

Gerade in Zeiten, in denen über eine Wiederkehr der Religionen diskutiert wird, findet sich häufig der Begriff postsäkulare Gesellschaft in der Debatte wieder.

Der Soziologe Jürgen Habermas hat ihn 2001 in einer Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels eingeführt. Seitdem wandert er durch die Gazetten.

Die säkulare Gesellschaft hat sich von der Religion emanzipiert. Jetzt könnte man denken, dass die postsäkulare Gesellschaft zum Beispiel die Religionen komplett überwindet und diese keine Bedeutung mehr hätten. Dem ist aber nicht so. Es gibt keine Gesellschaft, in der nicht beide Seiten, die säkulare und religiöse, vertreten sind, lediglich die Gemengelage ist unterschiedlich.

Nach Habermas bezieht sich die postsäkulare Gesellschaft viel mehr auf beispielsweise Werte, moralische Normen und Strukturzusammenhänge, die ursprünglich aus den Religionen hervorgegangen sind, angepasst wurden und deren sich die Gesellschaft nun bedient.

Habermas führte schon in seiner Schrift “Eine Art Schadensabwicklung. Kleine Politische Schriften VI (Frankfurt 1987)” das Jüngste Gericht als Beispiel an. Das ist natürlich besonders griffig. Jeder einzelne Mensch, das Individuum muss vor seinen Richter treten, aber nicht der Staat, ein Clan oder eine Gruppe.

Diese Grundidee, dass das Individuum im Mittelpunkt steht, wurde in die moderne Gesellschaft übernommen und findet sich heute zum Beispiel im Sinne des Schutzes des Einzelnen wieder.

Habermas liefert mit der postsäkularen Gesellschaft einen Ansatz, der die Diskussion und Debatte zwischen säkularen, also nicht religiösen, und religiösen Gruppen ermöglichen soll, statt, so wie wir es immer häufiger beobachten können, nur aufeinanderzuprallen.

Beide Seiten sollen ihre Argumente so vortragen, dass die jeweils andere Seite sie verstehen kann und von beiden Seiten wird erwartet, sich die Argumente anzuhören und sie nicht einfach zu ignorieren. Dies ist konkret in der ethisch-moralischen Diskussion über Gentechnik durchaus bedeutsam.

Vielfach wurde der Begriff also missverstanden. Deshalb erkläre ich im Video, was Jürgen Habermas ursprünglich mit der postsäkularen Gesellschaft meinte und was das für das Verhältnis von religiösem und säkularem Teil der Gesellschaft bedeutet.



Redaktioneller Hinweis: Noch mehr Philosophie und Erklärungen von Dr. Christian Weilmeier gibt es auf seinem YouTube-Channel.


Foto: Sasin Tipchai (pixabay.com) – Creative Commons CC0.

Philosoph, Journalist, Blogger bei

Dr. Christian Weilmeier studierte Philosophie und Kommunikationswissenschaft in München und promovierte über die politische Philosophie im Roman „Eumeswil“ von Ernst Jünger. Im Anschluss arbeitete Christian Weilmeier für den Verein Mehr Demokratie e.V. als Pressesprecher. In diesem Rahmen war er auch an der Vorbereitung und Durchführung mehrerer landesweiter Volksentscheide in Bayern beteiligt. Danach organisierte er als Mitinhaber der Gesellschaft für Bürgergutachten über Jahre Bürgerbeteiligungsverfahren im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung. Dazu gehörte auch die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse und deren Zusammenfassung in Bürgergutachten. Zur Zeit konzentriert er sich auf die Publizistik. Christian Weilmeier betreibt u.a. einen Blog, eine Homepage und einen Philosophie-Channel auf YouTube, und stellt sich auch auf seinem Kanal auf Facebook der Diskussion über Themen der Philosophie und der Politik. Immer wieder steht er als Interviewpartner für verschiedenste Medien zur Verfügung wie zum Beispiel für die WELT, B.Z. Berlin, Jolie oder die Deutsche Presse-Agentur.

1 thought on “Jürgen Habermas und die postsäkulare Gesellschaft

  1. Ja, der alte Habermas hat sich auf die “post- ….” – Erklärungen spezialisiert, wie die “Postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie”. Praktische Vorschläge hat er keine – braucht er auch nicht, als Professor. So erklärt er uns nur, wie das Haar in die Suppe gelangt.

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