Leben von Mindestsicherung: Tag 1 – Kein Spiel!

In der Europäischen Union sind 119 Millionen Menschen von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen oder bedroht. In Österreich waren es 2016 über 1,5 Millionen Menschen. Michael Wögerer von „Unsere Zeitung“ will auf ihre Situation aufmerksam machen. Er lebt einen Monat lang von 7,50 Euro am Tag. Es ist der Versuch einer Annäherung. Wir veröffentlichen sein Tagebuch.

1. Mai 2017, 22.15 Uhr – Verdammt! Wie soll ich anfangen? Tausend Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Womit soll ich beginnen?

Es wäre bestimmt angebracht, mich zuerst bei den vielen positiven Reaktionen auf meinen „Selbstversuch“ zu bedanken. Vielleicht soll ich aber auch gleich auf kritische Anmerkungen reagieren?

Wie schaffe ich es euch zu vermitteln, was ich in diesem Moment denke und fühle? Gerade heute, am “Tag der Arbeit”, mit diesem “Experiment” zu beginnen, war vermutlich eine ganz besonders blöde Idee.

Seit vielen Jahren ist der 1. Mai ein Tag, an dem ich gemeinsam mit Freundinnen und Freunden feiere, ein Tag, wo wir uns bewusst werden, dass der Reichtum dieser Gesellschaft nur deshalb existiert, weil es arbeitende Menschen gibt, die ihn erzeugen. Ein Feiertag, nicht „in Gottes Namen“, sondern weil er von uns erkämpft wurde. Kurzum: Ein guter Grund zum Feiern.

Doch Feiern kostet. Um 7 Uhr aufgestanden und ab 8 Uhr unterwegs, hab ich mich heute darum gekümmert, so vielen Menschen wie möglich eine 1.-Mai-Nummer der Tageszeitung „junge Welt“ in die Hand zu drücken. Die von zu Hause mitgenommene Termoskanne Schwarztee genügte zum Frühstück.

Mittags auf der Ringstraße in der Nähe des Parlaments treffe ich Nikolaus, er wusste bereits von meinem Selbstversuch und bestand darauf, mich auf ein „Mai-Bier“ einzuladen. Ich willige dankend ein.
Weil ich wusste, dass ich mit 7,50 Euro nicht weit komme, hab ich mir danach drei Wieselburger im “OK-Shop” am Schottentor besorgt, macht insgesamt 5,25 Euro. Meine Schwester schenkt mir eine Wurstsemmel, die ich irgendwann am Nachmittag verschlinge.

Eine gemütliche Runde hat sich versammelt, es wir geplaudert und getrunken. Zwischendurch mache ich mich auf dem Weg zum öffentlichen Brunnen und fülle meine Termoskanne mit frischem Wasser. Eine weitere Einladung zu einem Getränk nehme ich noch an, doch ich weiß, dass ohne die Ankündigung des Selbstversuches, die mittlerweile fast alle rundherum mitbekommen haben, niemand auf die Idee gekommen wäre, mich einzuladen.

Ich weiß, dass es besondere Menschen sind, die das getan haben, aber ich weiß auch, dass es nicht der Realität entspricht.

Zur Feier des Tages genehmige ich mir noch einen Cuba Libre um 3 Euro. Das Tageslimit ist um 0,75 Cent überzogen. Höchste Zeit heimzufahren.

Unter „normalen Umständen“ hätte mich zu diesem Zeitpunkt nichts in aller Welt dazu gebracht nach Hause zu fahren. Rund herum waren so viele Menschen, mit denen ich mich noch gerne unterhalten hätte.

Ich hatte genug Geld bei mir, um mich bei all jenen, die mich vorher eingeladen hatten, zu revanchieren. Ich hätte ein wenig schummeln können, vermutlich wäre es niemanden aufgefallen. Doch diese Möglichkeit haben jene, die tatsächlich mit 7,50 Euro am Tag oder sogar noch weniger auskommen müssen, nicht. Für sie ist das alles kein Spiel!

Und ich habe mir fest vorgenommen, dass es für mich in diesem Monat auch kein Spiel sein wird!
Hoch der 1. Mai!
Wien, Tag der Arbeit, 1.5.2017


Michael WögererMichael Wögerer ist ein österreichischer Journalist. Er arbeitet in Wien als Redaktionsassistent bei der Austria Presse Agentur (APA) und ist Mitbegründer von „Unsere Zeitung – die Demokratische“, einem Kooperationspartner von Neue Debatte.

Fragen, Anmerkungen, Lob und Tadel sowie Feedback zur Aktion, können als Kommentar unter dem Beitrag geschrieben oder an seine E-Mail michael.woegerer(at)gmail.com gesendet werden.


Foto: Pixabay – CC0 – Symbolbild

2 Thoughts

  1. lieber michael wögerer, schön, wenn du in einem freiwilligen selbstversuch deine erfahrungen sammelst – obwohl du den mir am wesentlichsten erscheinenden punkt ja bereits selbst in deinem einführungsartikel genannt hast: NUR EIN MONAT

    ich könnte dir ja als alleinerziehende mutter erzählen, was man so fühlt und denkt, wenn dieser zustand über 10 jahre anhält. das ganze leben ändert sich – die werte verschieben sich und es bleibt viel zeit zum nachdenken, die nicht vom arbeitsalltag aufgefressen oder gespeißt werden … und „not macht erfinderisch“

    darf man in österreich nicht legal containern? (im gegensatz zu d)
    ich habe eine zeit lang „schwarz“ gearbeitet – bin jedoch froh, dass dies nun unerwischt verjährt ist … und doch mir so eine „übergangszeit“ der gewöhnung verschafft habe … mit unter ständiger gefahr … die es klein zu halten galt …

    vor allem stieg in mir die wut auf real fehlende + sinnvolle + unprekäre arbeitsplätze und auf die politik, die diesen zustand als erfolg feierte – doch davon wollte ich mich nicht demütigen lassen! ich hatte KEINERLEI skrupel, mich gegen eine „kriminelle“ arbeits- und sozialpolitik mit den gleichen mitteln zu wehren …

    das schönste kompliment kam von meinem sohn „stimmst mutti, wir sind arm – aber ich merke das gar nicht“

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  2. Moi! Ist ja lieb, 7,5 am tag. Probiers mal mit 3 euro – in der woche ;)
    Ein paar survival tipps:
    1) lerne kochen. Rohzutaten sind billiger als feriges essen. Auf offenen märkten (meiselmarkt, brunnenmarkt, etc) bekommst du am abend, kurz bevor sie schließen, oft super schnäppchen, zb letztens 4 stk paprika um nur 10 cent. Manchmal schmeißen sie sachen weg, wenn man freundlich fragt kann man manchmal was gratis ergattern, bevor es im müll landet.
    2) sammle gutscheine und aktionspickerl. Die täglichen postwurfsendungen sind voll davon, man muss sich nur die zeit nehmen die durchzublättern (wenn man arbeitlos ist, hat man keine ausrede)
    3) Iss porridge! Ein halbes kg haferflocken kostet nicht mehr als 50 cent beim hofer, eine portion (ca ein halbes häferl mit einem halben, klein geschnittenem apfel (oder anderem obst) kurz aufkochen). Hält ca einen halben tag satt und ist gesund. Wenn du dir milch leisten kannst, kannst du die hälfte des wassers damit ersetzen, dann hast du mehr energie aus dem eiweiß.
    Ein halbes kg Haferflocken reicht mir meistens für ca 2 wochen, wenn ich nichts anderes zu essen hab.
    4) Lebensmittel halten länger als man glaubt. Lerne dich auf deine nase und deinen guten geschmack zu verlassen, nicht auf das ablaufdatum.
    5) finde obstbäume. Ja, es gibt sie, auch in wien auf öffentlichen plätzen, auf die gehwege überhängende äste in Kleingartensiedlungen, usw.
    Mit etwas Glück kannst du genug zusammenkratzen um sogar ein bissi marmelade einzukochen.
    6) wenn du die möglichkeit hast: friere sachen ein. Brot in Scheiben schneiden, einfrieren, immer nur eine einzelne scheibe rausnehmen, kurz in den toaster schmeißen, sofern du einen hast. Oder über nacht auftauen lassen.
    7) lerne kräuterkunde. Gerade jetzt wuchert der bärlauch in den parks und am stadtrand, brennesseln und andere kräuter. Sammle, wieviel du tragen kannst, iss was du essen kannst, den rest pürieren und in eiswürfelformen einfrieren, oder trocknen (für zb tee).
    8) schnorr dich durch. Nimm einladungen an, geh auf partys mit buffett und nimm dein tupper gschirrl mit.
    9) spare energie! Dreh den strom ab, wenn du mehr als 2 tage außer haus bist. Geräte nicht auf standby lassen, sondern ganz abdrehen (oder geräte auf willhaben los werden und statt fernschauen ein buch lesen. Notfalls auch bei kerzenschein, wenn du dir den strom nicht mehr leisten kannst.)
    Mit würden noch mehr sachen einfallen, aber i mog nimma :D
    Bin gespannt auf deine weiteren Berichte! Alles Gute!

    Gefällt 1 Person

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