Präsidentschaftswahl in Frankreich: Die alte Welt geht unter …

Wir müssen die Alternativen jetzt auf den Weg bringen, jetzt müssen wir den Kampf aufnehmen, damit der große Dampfer seine Richtung ändert und nicht in den Abgrund stürzt.

Die Franzosen wählen am Sonntag einen neuen Präsidenten. Es scheint egal zu sein, ob nun Marine Le Pen von der rechtsextremen Front National oder der Investmentbanker Emmanuel Macron (En Marche) gewinnt. Beide stehen für ein System, das viele Franzosen ablehnen. Marjorie Marramaque von Gazette Debout reflektiert auf den ersten Wahlgang. Sie beschreibt das politische Bewusstsein der Nichtwähler, den Tag der Abstimmung und warum sie ihre Stimme Jean-Luc Mélenchon gab.

Seitdem ich volljährig bin, gehe ich wählen, bei jeder Wahlrunde in allen Präsidentschaftswahlen, aber auch bei den Kommunal- und Parlamentswahlen. In den seltenen Fällen, in denen ich nicht selbst zur Wahl gehen konnte, habe ich es durch Bevollmächtigung getan.

Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass das Wahlrecht ein heiliges Recht ist, für das viele Menschen gestorben sind, und dass es meine Pflicht ist, diesen ihren Kampf für das Wahlrecht dadurch zu ehren, dass ich 15 Minuten meiner Zeit darauf verwende, bei mir um die Ecke ins Wahllokal zu gehen und einen Briefumschlag in die Urne zu legen. Das schien mir immer das Mindeste zu sein, was ich tun kann.

Aber Nuit Debout hat meine Sicht auf das politische System grundlegend verändert. Das Bild ist komplexer geworden. Ich habe dazugelernt und den Schleier gelüftet. Ich habe die alltägliche und ungeniert angewandte Gewalt entdeckt von dieser Regierungslinken, deren Sieg ich gefeiert hatte.

Ich habe gesehen, wie Vertreter aus allen politischen Lagern ohne Hemmung auf diese Bürgerbewegung gespuckt haben, die täglich aufs Neue die Kraft dafür gefunden hat weiter nach Alternativen zu diesem veralteten und sterilen System zu suchen. Und das alles zwischen Tränengasduschen und Knüppelattacken, die von unseren Steuergeldern bezahlt werden.

Ich habe den Mut des Widerstands gesehen, das Bedürfnis sich nützlich zu fühlen und gemeinsam ein anderes Modell zu aufzubauen und die Feuerkraft, die sich gegen uns richtete, um uns daran zu hindern. Es war also gut möglich, dass wir dabei waren etwas Nützliches zu tun …

Tief greifende Fehlfunktionen

Vor allem in meinen Interviews und täglichen Gesprächen mit außerordentlich unterschiedlichen Personen (alle Altersklassen, Nationalitäten, sozialen Klassen und politischen Zugehörigkeiten, Forschern, Aktivisten oder einfache gebildete Bürger) habe ich die Untiefen dieses Systems ausgelotet und seine Grenzen entdeckt, seine tief greifenden Fehlfunktionen, die offensichtlich kein Politiker jemals infrage stellen will und sich gar durch eine groß angelegte Kampagne der Schuldzuweisung an die Wähler davor schützen will, eben gerade im Namen der heiligen „demokratischen Pflicht-Recht“.

Ich habe herausgefunden, dass man sich hinter den Leichen derjenigen versteckt, die ihr Leben für unsere demokratischen Rechte gegeben haben, um zu verhindern, dass wir nun erneut Rechte einfordern können.

Ich habe verstanden, welch nützliche Rolle ein FN (Front National) spielt, den man groß werden lässt, um dann unermüdlich die Proteststimmen auf die zwei großen Rechts-links-Maschinen umzulenken, die wir von der Französischen Revolution geerbt haben, und die das Überleben des aktuellen Systems garantieren im Namen der Demokratie.

Ich habe auch das ausgeprägte politische Bewusstsein bei vielen Nichtwählern entdeckt, indem ich verstanden habe, dass die Wahlbeteiligung ein Verteidigungswall ist, der in Frankreich notwendige Debatten verhindert über die Stimmenthaltung, über das gefährliche Gewicht der Großparteien und zur vorgetäuschten Wahlfreiheit, die das implizit bedeutet. Zum ersten Mal wusste ich nicht mehr, ob meine Stimme nützlich oder schädlich sein würde.

Die alte Welt geht unter

Diese Wahlkampagne hat nun begonnen, mit Blasmusik. Die Überraschung war groß. Nachdem fast alle „diese linken Kinder, arbeitslosen Alkoholiker, Störenfriede“ – die wir waren -, beschimpft und verteufelt hatten, war meine Überraschung riesengroß als ich die Werte, deren Träger wir waren und die Projekte, die wir entwickelt hatten, nun überall in der Wahlkampagne auftauchen sah.

Im Übergang von populistischer Aneignung bis zum Ersatz für demokratischen Willen war Nuit Debout überall. Weniger als ein Jahr danach tauchen in der öffentlichen Debatte die Themen auf, die zuvor niemals auf nationaler Ebene angesprochen worden waren. Jetzt beginnt der große Hausputz: Nicolas Sarkozy, Alain Juppé, Manuel Valls, alle diese großen Figuren fallen, die alte Welt geht unter. Benoît Hamon gewinnt in den Vorwahlen der Linken.

Er begeht den Fehler, das Neue mit dem Alten aufbauen zu wollen, gerade so, als ob er die Stimmen der 11 % bekommen könnte, die noch zur Regierung halten und gleichzeitig derjenigen, die dagegen sind.

Wer ein weites Feld abräumen will, verliert dabei sein Gesicht. Das kommt ihm übrigens teuer zu stehen, denn das alte Lager verrät ihn. Das erinnert auf seltsame Weise an die Hartnäckigkeit des PS (Parti socialiste) als sie 2007 Ségolène Royal zu Fall brachten. Der PS ist tot. Endlich ist das Ende der großen Parteien in Sicht.

„Ich traute ihm nicht …“

Unser Kumpel Jean-Luc Mélenchon (La France insoumise; das aufsässige Frankreich) setzt sich plötzlich immer mehr in den Gesprächen durch, schon recht früh übrigens.

Enge, alte Freunde, mit denen ich Grundwerte teile, halten mir ständig die Bedeutung des politischen Projekts von Mélenchon vor Augen. Es ist wahr, dass er als Einziger nicht auf diese Bürgerbewegung geschossen hat, aber ehrlich gesagt, ist das nicht mein Ding.

Ich traue ihm nicht. Ich habe auch keine Argumente dafür. Die Intelligenz meiner Freunde treibt mich dazu, sein Wahlprogramm zu lesen und Punkt für Punkt durchzugehen. Ich vertiefe mich darin.

Nuit Debout (und Jacques Testart) haben mir den Unterschied zwischen einer Meinung (die man durch eigenes Nachdenken erhält) und einem Standpunkt (der von Zufälligkeiten, dem Wortfeld, den Medien, den Vorurteilen und der Bearbeitung durch andere abhängt) erklärt.

Ich schaue mir die zwei Stunden seines Wahlkampftauftritts an, ich lese sein Programm und ehrlich gesagt, bis auf 2 oder 3 Kleinigkeiten, finde ich das äusserst inspirierend. Ich finde dort sogar Ideen, von denen ich nicht mehr zu träumen wagte:

  • Sozialversicherungsschutz für Künstler und Freischaffende
  • Dauerhafte Rechte für Saisonarbeiter und Zeitarbeiter
  • Unabhängigkeit der MedienGründung einer internationalen Umweltorganisation Verfassungsartikel zum Recht auf körperliche Selbstbestimmung (am Lebensende und bei Abtreibung)
  • Entgeltgleichheit für Frauen und Männer
  • Schaffung einer öffentliche Stelle für Medikamentenausgabe
  • Einschränkung der Werbeplakatierung im öffentlichen Raum
  • Schutz der persönlichen Daten vor aggressivem Marketing
  • Werbeverbot in Kindersendungen
  • Gründung von Volkshochschulen mit freiem Zugang für alle
  • Neuorganisation der Einzugsgebiete von Schulen
  • Ausstieg aus dem Diesel
  • Keine Patentierung des Lebendigen
  • Kampf gegen die Privatisieurng der öffentlichen Güter (Luft, Wasser, Gesundheit, Lebendiges, Energie)
  • Neuschöpfung einer neuen Verbrechenskategorie, das ökologische Verbrechen
  • Verstaatlichung des Meeresenergie
  • Kampf gegen die industriell geplante Kurzlebigkeit der Konsumgüter
  • Verbot der genetisch veränderten Organismen und schädlichen Pestizide
  • Förderung der kurzen Wege und Kreisläufe
  • Schließung der industriell betriebenen Landwirtschaftsbetriebe
  • Schluß mit dem Projekt Notre Dame des Landes
  • Verbot der börsenbedingten Kündigungen
  • Erhebung der Gewinnsteuern von Unternehmen auf dem Territorium ihrer Wertschöpfung (Entstehungsprinzip statt Firmensitzprinzip)
  • Einführung der 4-Tage-Woche
  • Schaffung eines öffentlichen Bankensektors
  • Steuern auf finanzielle Transaktionen

Das ist ein schönes Programm. Ein unverhofftes Programm. Und eine Gelegenheit endlich den Fuß in die Türe zu bekommen. Manche werden sagen, dass es nicht zu verwirklichen ist. Ich möchte ihnen antworten, dass das bisher niemand ernsthaft versucht hat.

Will er wirklich?

Die Macht ändert niemals etwas, solange sie nicht zugunsten der Allgemeinheit eingesetzt wird. Ein echter Wille. Nach all diesen Wochen der Zweifel komme ich immer wieder zurück auf dieselbe Frage: Will dieser Typ wirklich die Türe öffnen für all die Veränderungen, die vorgeschlagen werden von den Bürgern, der Zivilgesellschaft, den NGOs, den Forschern und Universitätsangehörigen, den Soziologen, Ökonomen und Künstlern …

Will er es wirklich? Denn wenn die Antwort ja lautet, dann nichts wie los, dann muss man es versuchen, um es herauszufinden.

Mélenchon ist nicht perfekt, niemand ist perfekt, wir sind es auch nicht, aber mir scheint heute, dass er es ernsthaft versuchen will. Er will uns Zugang geben zum Parlament oder Senat durch den Haupteingang, und das ist doch etwas.

Er versucht uns die Gelegenheit zu geben, herauszufinden, ob diese andere Welt möglich ist, ohne über den Umweg der gewalttätigen Konfrontation zu gehen, die ich mir lieber nicht vorstellen möchte.

Er versucht es und ein Scheitern ist möglich, aber wir müssen es wissen, um die nächste Etappe in Angriff zu nehmen. Weil wir keine andere Möglichkeit in der nächsten Zeit haben.

Die Welt jetzt verändern

Wir haben schon das Datum überschritten, an dem wir hätten reagieren müssen, um überhaupt noch auf diesem Planeten leben zu können. Das scheint verrückt, aber es ist so. Das ist unsere Wirklichkeit, unsere Epoche, ob wir es wollen oder nicht.

Wir müssen die Alternativen jetzt auf den Weg bringen, jetzt müssen wir den Kampf aufnehmen, damit der große Dampfer seine Richtung ändert und nicht in den Abgrund stürzt. Und die Welt blickt gebannt auf uns.

Überall, in jedem Land, gibt es Kräfte, die für die gleichen Veränderungen kämpfen und die den Mut verlieren angesichts der ungeheuren Größe der zu bewältigenden Aufgaben. Auch sie geben manchmal auf und sagen sich, dass es vergebliche Mühe ist, dass es zu groß und zu gut geölt ist, um die Richtung zu ändern. Aber ich glaube das nicht. Ich glaube das nicht, weil ich im Kleinen gesehen habe, wie es funktioniert.

Niemand hat euch bislang zeigen können, was Nuit Debout wirklich war, nämlich eine Bewegung gegen die Reform des Arbeitsrechts, es war die Blockade der Raffinerien und der Workshop zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung, der Widerstand gegen Reklame und die neuen Stadtstrukturen, die von Archi Debout entworfen wurden, die Volksbildung und die Generalversammlung vor dem Parlament.

Der Kreislauf der Tugend

Ich hoffe, dass ihr dies eines Tages entdecken können werdet, aber lasst euch sagen, dass wir oft derart entmutigt, erschöpft, niedergeschlagen, übel mitgenommen waren, dass wir aufgeben wollten. Und dann ist plötzlich etwas passiert: eine Aktion in Toulouse oder Montpellier, ein Besuch von der US-amerikanischen Occupy Bewegung oder von der spanischen Bewegung der Indignados, jenen Nuit Debout, die am anderen Ende der Welt entstanden sind, die Taxifahrer und das Zugpersonal, das sich uns plötzlich anschloss, dann wurde uns bewusst, dass wir nicht alleine sind.

Das ist ein Kreislauf der Tugend, wie es Pierre Rabhi so treffend formuliert hat, es geht nur darum, unseren Anteil der Arbeit zu machen. Ich denke, dass wir heute die Gelegenheit dazu haben.

Ich glaube, dass es wichtig ist, diese Teilarbeit zu machen, denn diese Maßnahmen sind größtenteils unabdingbar für den Wandel, den wir brauchen, und wenn dieses Projekt nicht eine massenhafte Zustimmung findet, dann wird man uns 5 oder 10 Jahre lang nachsagen, dass dieser Vorschlag zur Wahl stand und die Bürger nichts davon wissen wollten. Und in 10 Jahre wird es dann zu spät sein. Vor allem, wenn Emmanuel Macron gewinnt.

Dies also sind die Gründe, warum ich nach etlichen Monaten des Überdenkens und der Analyse meiner Überzeugungen, meiner Kenntnisse unserer heutigen Welt und unserer Epoche, warum ich also trotz gewisser Vorbehalte heute für Mélenchon stimmen werde.

Aus diesem Grunde hoffe ich auch, dass ihr mir erlauben werdet, im zweiten Wahlgang am 7. Mai genauso zu wählen …

… Jean-Luc Mélenchon erreichte am 23. April 2017 beim ersten Wahlgang unter 11 Kandidaten den 4. Platz und verpasste somit den Einzug in die Stichwahl um das Amt des französischen Präsidenten. Ihm fehlten 1,8 Prozent der Stimmen.


Über die Autorin: Marjorie Marramaque ist eine französische Journalistin. Sie schreibt für unseren Kooperationspartner Gazette Debout.


Mit besonderem Dank an Dr. Susanne Hildebrandt für die deutsche Übersetzung.


Foto: doubichlou14 – flickr.com – CC BY-NC-ND 2.0

  1. ich kenne das französische wahlgesetz nicht.bis zum lesen dieses artikels dachte ich, es kann nur noch le pen ODER macron gewählt werden? sind auch alle anderen kandidaten noch wählbar??

    ansonsten finde ich die beschreibung der bewußtseinsveränderung sehr sehr schön und hoffnungsvoll …

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    1. Vielen Dank für den Kommentar. Ja, die Präsidentschaftswahl wird zwischen Macron und Le Pen entschieden. Die Autorin hat aber noch einmal auf den 1. Wahlgang reflektiert und ihre Gründe vorgestellt, warum sie Jean-Luc Mélenchon wählte, und um zu verdeutlichen, dass dessen Wahlprogramm eine Veränderung bedeutet hätte.

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  2. Nein, die sind alle nicht mehr wählbar! In der zweiten Runde, der sogenannten Stichwahl, Übermorgen, am kommenden Sonntag, den 7. Mai sind nur noch Marine Le Pen und Emmanuel Macron im Rennen, die Bestplatzierten des Ersten Wahlganges. Aber die politischen Bewegungen und Ideen der Anderen sind damit ja nicht aus der Welt. Der vermutliche neoliberale Wahlsieger und Freund der Finanzindustrie wird wohl Schwierigkeiten haben, eine Koalitionsregierung zu bilden, denn bei den Parlamentswahlen im kommenden Monat stehen den Alt-Parteien inklusive der Rechtsradikalen FRONT NATIONAL von Le Pen Organisationsstrukturen bis hinab ins kleinste und letzte Dorf zur Verfügung, während Macrons „Bewegung“ EN MARCHE bisher nicht über solche Strukturen verfügt. Derzeit wird über eine mögliche Koalition mit PS und LR spekuliert, was eine Art von französischer Variante der deutschen Großen Koalition wäre, allerdings mit einer dominanten FDP sozusagen :-((

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    1. Vielen Dank für den Kommentar und die Einschätzung. Ist die Variante, also das Macron zwar Präsident wird, aber durch die genannten Strukturen, die von Altparteien besetzt sind, die somit weiterhin am „Drücker“ bleiben, nicht der eigentliche Knackpunkt, und der Grund, warum (vor allem junge Menschen) keine tiefgreifende Änderung der politischen Richtung erwarten und sich daher abwenden?

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      1. Der Präsident hat in Frankreich beträchtliche Macht, regiert aber nicht selbst, sondern delegiert diese Aufgabe an einen Premierminister seines Vertrauens, der wiederum aus dem Parlament und den darin vertretenen Parteien seine Regierung bildet und dabei auf Mehrheiten achten muß, wenn er Gesetze verabschieden, wenn er handeln will. Wenn man Macron als Mann der Wirtschaft und des Geldes betrachtet, wofür praktisch alles spricht, dann würde damit das sowieso im Westen überall vorhanden Primat der Wirtschaft über die Politik erstmals offen institutional zum Ausdruck gebracht. Kollaborateure mit der Wirtschaft sind in ALLEN Parteien im Parlament im Übermaß vorhanden.
        Das Abwenden der Jugend von der Politik wäre ein schwerer, erhängnisvoller Fehler, den sie später ausbaden, bzw. „ausleben“ muß, denn die politischen Verhältnisse werden sich nicht von alleine auf wundersame Weise zu ihren Gunsten ändern. Das tun sie nie und nirgendwo auf der Welt ohne Druck der Basis…

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        1. Vielen Dank für die Erklärung. Diese Verschiebung der Macht, also die offene Dominanz der Wirtschaft und des Kapitals gegenüber den demokratischen Strukturen, wurde von Mathieu Brichard in seinem Beitrag über die strukturelle und offene Korruption in Frankreich teilweise dargelegt. Fast 50% der jungen Menschen, so war es bei Le Monde zu lesen, beteiligen sich nicht an der Wahl. Unter dem Aspekt, dass es so oder so ohnehin keine Änderung der Richtung gibt, scheint die Nichtwahl im Rahmen der Optionen der Demokratie sogar das einzige Mittel zu sein. Oder kann die Basis tatsächlich noch innerhalb der bestehenden Strukturen einen bedeutsamen Wirkungsgrad erzielen?

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          1. Ich kenne die Bevölkerungspyramide der Franzosen nicht, glaube aber, daß sie im Durchschnitt jünger sind als die Deutschen. Da hätten also 50% der unter 26-jährigen eine beträchtliche Macht um Druck und Veränderungen INNERHALB des Systems hin zu ihren Vorstellungen auszuüben. Es gibt eigentlich kein logisches und akzeptables Argument sich diesem Kampf zu verweigern, denke ich?

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            1. Die jungen Franzosen sind politisch interessiert und, wie Nuit Debout gezeigt hat, hoch engagiert sind. Aber eben außerhalb der bestehenden Systeme und Parteien. Das ist in ganz Europa zu beobachten. Die Parteien stehen für das Gestern. Die alte Garde lässt junge Leute nicht nach oben kommen, sondern nur dann, wenn sie sich charakterlich derartig verbogen haben, dass sie genau auf der identischen politischen und ideologischen Schiene fahren. Macron, der für jugendlichen Elan und Veränderung stehen soll, liefert die Blaupause des gewünschten „Verkäufer“-Typs. Doch so dumm sind die Menschen eben nicht, um nicht zu erkennen, dass er genau diese Art Kapitalbückling verkörpert, den niemand mehr braucht. Daher ist für mich nachvollziehbar, dass ein System, das die Ja-Sager und Mittelmäßigen hofiert und die Querdenker ignoriert und sich offen gegen sie stellt, keine Legitimation verdient hat.

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              1. Einverstanden, doch wird das System verschwinden, nur weil man ihm die kalte Schulter zeigt, es ablehnt, oder muß man am Ende eben doch aktiv zu Veränderungen beitragen? Die außerparlamentarischen Straßenbewegungen in Europa sind übrigens nicht „per se“ demokratischer als gewählte Parlamente und andere demokratische Institutionen. Da wird in anderer Form auch der eigene Vorteil gesucht. Ich habe dies in Spanien eine Weile näher verfolgt und in Frankreich nur nebenbei. Diese überwiegend, aber nicht nur, jungen Menschen auf den Straßen und Plätzen in Paris, Madrid oder anderswo werden letztlich genauso manipuliert, wie sie es durch die klassische Parteienpolitik werden, fürchte ich?

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  3. Was die Parteien, aber auch den organisatorichen Oberbau betrifft, so halte ich diese Strukturen aus dem 19. Jahrhundert für völlig ungeeignet, überhaupt irgendetwas zu verändern. Es sind, wenn man die jeweilige Aufgabe ausklammert, sondern sich lediglich den Aufbau anschaut, nichts weiter als Versorgungsnetze entstanden, auf die ohne Weiteres verzichtet werden kann, da sie keinen operativen Nutzen mehr haben. Neben den Parteien sind es zum Beispiele die Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen, Industrie- und Handelskammer usw. Was die kiritische Betrachtung der Straßenbewegungen angeht, so kann ich diese Bedenken teilen. Man kann dies ja auch sehr gut beobachten zum Beispiel bei Diem25. Aus der vermeintlichen Bewegung transformiert sich langsam eine „Partei“ heraus, die, sollte sie tatsächlich zur Partei werden und den Gang durch die Institutionen antreten, am Ende ähnlich entstellt sein dürfte, wie alle anderen Parteien es bereits sind. Ich diesen Strukturen kann ich keine Zukunftsperspektiven erkennen. Insofern denke ich, dass außerparlamentarische informelle Gruppierungen, sofern sie sich basisdemokratisch und in der Struktur und in der Verteilung von Aufgaben flexibel aufstellen, diese vermutlich ein Schritt sind, durch die vielleicht horizontale und gefestigte Strukturen entstehen können, die nicht substanziell auf die Erfüllung von Klintelerwartungen ausgelegt sind, sondern übergeordnete gesellschaftliche Themen verfolgen.

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  4. bitte korrigiert mich, wenn ich mit einem gedanken voll daneben liege.

    macron würde ich nie wählen! ich möchte keine geld- und wirtschaftsdiktatur in europa und wenn d und f da an einen sculterschluß bilden, erwarte ich in europa das schlimmste nach griechischem vorbild.

    wenn ich gar nicht wählen würde – wäre dann nicht das ergebnis = macron schon feststehend? würde sich die partei von melanchon im parlament dann wieder finden???

    und was wäre, wenn ich aus taktischen gründen le pen wählen würde und ihr damit möglicherweise zu einem knappen sieg von 50,01% verschaffen würde – jedoch eine große und lebendige opposition zu ihr damit im lande verschaffen könnte, an der sie niemals vorbeiregieren kann?

    aus deutscher erfahrung heraus finde ich die spürbar fehlende oppostion unerträglich – und die groko-dominanz als diktatur-beförderung – welche eine gefahr für lebendige demokratie darstellt, da kaum noch kritische andersdenker und ernsthafte dialoge respekt erwarten können.

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    1. ein nachsatz muß noch sein. ich habe wohl zuviel adorno gelesen und halte die wiederkehr der faschisten im köstum der demokraten für die größte gefahr und täuschungsmöglichkeit.

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    2. Vielen Dank für den Kommentar. Unser Gastautor Mathieu Aucouturier hatte in dem Beitrag „Die gestohlene Demokratie“ sehr anschaulich dargelegt, warum die Wahl zwar bedeutsam ist, aber nicht die eigentliche Problematik erfasst. Mathieu Aucouturier schreibt dazu: „Wir haben uns daran gewöhnt die politischen Systeme des Westens als „demokratisch“ zu bezeichnen, weil wir meinen, dass die Wahl der Regierenden die Souveränität des Volkes gewährleistet. Die zunehmende Missbilligung der politischen Klasse durch die Bevölkerung in diesen Ländern scheint die Grenzen eines solchen Systems aufzuzeigen.“

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      1. ja genau. und mein kommentar hat mich große überwindung gekostet, doch ich kann mir das freie denken einfach nicht verbieten – und habe es mal öffentlich gemacht, obwohl ich weiß, dass dies nicht mehr „normal“ ist – aber m.m.n. dringend notwendig.

        wenn adorno vor faschisten im kostüm von demokraten warnt – und dann diese „demokraten“ vor „faschisten“ wie le pen warnen – so ist es für meine gedanken höchste zeit BEIDE etiketten sehr genau unter die lupe zu nehmen und mir die INHALTE sehr sehr genau anzuschauen …

        ich hasse und rieche den faschismus, wo er wahrnehmbar wird – und weiß auch um den mißbrauch von begriffen und bin oft ganz verwirrt, wenn ich einen bekennden faschisten mit einem als demokrat getarnten faschisten in ihrer (verbalen) auseinandersetzung erlebe. andererseits wird der begiff „faschist“ inflationär eingesetzt und verharmlost ihn damit völlig – oft werden einfach menschen mit abweichender meinung als „faschist – rassist .- antisemit“ zu ihrer diffamierung etikettiert … und zwar zunehmend massenhaft und GLEICHZEITIG wird die „demokratie“ herbei gebombt …. welch wahnsinn – wo führt das hin, wenn nicht mal darüber geredet/gestritten wird?

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