Leben von Mindestsicherung: Tag 4 – Lebensrealitäten

Michael Wögerer (Unsere Zeitung) setzt seine Tagebuchaufzeichnungen fort. Er lebt in Wien von 7,50 Euro am Tag, um auf die Situation von Menschen aufmerksam zu machen, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen oder bedroht sind. Er beschreibt die Reaktionen auf das Projekt und die Lebensrealitäten der Menschen.

Die Reaktionen auf meinen am 1. Mai gestarteten Selbstversuch – 31 Tage Mindestsicherung sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von „Respekt! Das würde ich nie schaffen!“ bis „Lol, € 7,50 wären der pure Luxus für mich!“. Jede dieser Reaktionen sind wichtig, zeigen sie doch die unterschiedlichen Lebensrealitäten in unserer Gesellschaft auf.

Auf der einen Seite sind jene, die bisher noch nie damit konfrontiert waren zu wenig Geld für die lebenswichtigen Dinge zu haben. Wenn sie Hunger haben, kaufen sie sie sich etwas, wenn sie Lust auf einen Kaffee mit der Freundin haben, gehen sie einfach ins Café. Die meisten von ihnen leben nicht im Luxus, aber – zumindest was das Geld betrifft – weitgehend sorgenfrei.

Auf der anderen Seite sind jene, die selbst in einer prekären Situation leben oder gelebt haben. Sie wissen, was es heißt viel länger als nur einen Monat mit sehr wenig Geld über die Runden zu kommen.

Manche von ihnen reagieren deshalb durchaus kritisch auf meinen „Probemonat“, und das völlig zurecht, weil es eine Simulation ist, ein Experiment und – wie ich auch zu Beginn geschrieben habe – will ich mir keinesfalls anmaßen „meine temporäre Situation auch nur ansatzweise mit der von tatsächlich Betroffenen zu vergleichen“.

Aber durch diesen Versuch habe ich die Chance von der einen Lebensrealität ein wenig in die andere einzutauchen und ich hoffe, dass ihr mir dabei helft. In den verbleibenden 27 Tagen will ich viele Menschen kennenlernen, die mir von ihrer Situation berichten.

Ich will mir dafür Zeit nehmen, die Hintergründe erfahren. Die Gespräche werden absolut vertraulich sein. Ihr bestimmt, was ich in meinen Notizen darüber schreiben darf und was nicht. (Kontaktaufnahme und Feedback gerne auch via E-Mail: michael.woegerer(a t)gmail.com).

Eine besondere Reaktion kam gestern von Elfie Resch, die mir einen bewegenden Text zum Thema geschickt hat, den ich euch ans Herz legen möchte: Versteckt im Überfluss.

Ganz besonders freuen mich natürlich auch die vielen Tipps (Rezepte, Veranstaltungen und Initiativen), die ihr gepostet habt!

Jetzt hab ich fast darauf vergessen euch noch zu sagen, wie viel Geld ich heute ausgegeben hab. Zum Glück nur 40 Cent für einen Salat und ein Salzstangerl zu Mittag in der APA-Kantine. Zu Hause hab ich mir dann wieder Kleinigkeiten gekocht und viel Tee getrunken.

Das Wochenende steht bevor und am Samstag will ich mir das Frühstücksbuffet im Nazim Hikmet Kultur Cafe – Wien leisten. Das kostet zwar „nur“ 8 Euro aber dafür muss ich ein wenig sparen.

Morgen steht ein spannender Tag bevor! Wie er gelaufen ist, erfährt ihr wie gewohnt abends auf diesem Sender :-)

Die bisherigen Tagesnotizen:

31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

Tag 1 – Kein Spiel! (1.5.)

Tag 2 – Konsumgesellschaft (2.5.)

Tag 3 – Öffentlichkeit schaffen! (3.5.)


Michael Wögerer ist ein österreichischer Journalist. Er arbeitet in Wien als Redaktionsassistent bei der Austria Presse Agentur (APA) und ist Mitbegründer von „Unsere Zeitung – die Demokratische“, einem Kooperationspartner von Neue Debatte.

Fragen, Anmerkungen, Lob und Tadel sowie Feedback zur Aktion, können als Kommentar unter dem Beitrag geschrieben oder an seine E-Mail michael.woegerer(at)gmail.com gesendet werden.


Titelbild: By No machine-readable author provided. Mapilu assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 3.0, Link. Hinweis: Die Aufnahme wurde Ostern 2003 erstellt. Die Häuser stehen zu diesem Zeitpunkt an der Küste von Brighton und verdeutlichen den Gegensatz von Arm und Reich.

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