Leben von Mindestsicherung: Tag 7 – Kein Märchen

Michael Wögerer (Unsere Zeitung) hat die erste Woche seines Selbstversuchs hinter sich. Er lebt in Wien freiwillig von Mindestsicherung, um auf die Situation von Menschen aufmerksam zu machen, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen oder bedroht sind. Kira gehört dazu. Michael Wögerer hat sie getroffen und schreibt in seinem Tagebuch über die Begegnung.

Die erste Woche meines Selbstversuchs 31 Tage Mindestsicherung ist geschafft und der heutige Tag war ein ganz besonderer. An diesem Sonntagnachmittag durfte ich Kira* zu Hause besuchen.

Bei Tee und Tiramisu erzählte sie mir ihre Geschichte. Kira ist Anfang 40, hat 3 Kinder und lebt mit Ausnahme der Karenzzeiten seit 24 Jahren von Sozialhilfe beziehungsweise Mindestsicherung.

Ihre Wohnung ist stilvoll eingerichtet, man erkennt sofort, dass sie eine künstlerische Ader hat. Die Möbel hat sie sich großteils über Facebook-Gruppen wie share & care – wien gratis besorgen können.

Um Geld zu sparen, kocht sie für sich und ihren 7-jährigen Sohn alles selbst, meist größere Portionen, von denen sie einen Teil einfriert. Sie achtet dabei besonders auf gesunde und biologische Nahrung und meint, dass dies auch für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben, machbar ist.

Auch Kleidung kauft sie lieber im Secondhandshop, bevor sie auf Waren zurückgreift, die durch die Ausbeutung von TextilarbeiterInnen – zum Teil auch von Kindern – in ärmeren Ländern hierzulande billig verkauft werden können.

Kira ist eine bemerkenswerte Frau, die trotz der vielen Hindernisse, die ihr das Leben in den Weg gelegt hat, nicht verzweifelt ist. Seit sie als Teenager von ihren Eltern auf die Straße gesetzt wurde, war sie auf sich allein gestellt.

Sie erzählt mir von den Männern, die ihre Situation ausnutzten, Gewalt in der Ehe, Scheidung in jungen Jahren, ihrer Zeit als Prostituierte, von Drogenproblemen und Existenzängsten. Aber auch, wie sie nach acht Monaten den Sprung aus dem Milieu geschafft hat.

Ohne gute Freunde, auf die sie zählen kann, wäre sie nicht mehr am Leben, meint Kira. Von „Vater Staat“ wäre sie am liebsten unabhängig. Vom AMS (Arbeitsmarktservice Österreich[1]) erhält sie pro Jahr lediglich ein Jobangebot, interessante Qualifizierungskurse bekommt sie nicht.

Jedes Jahr muss sie neu um Mindestsicherung ansuchen und dabei oft bis zu 12 Wochen auf die Auszahlungen warten.

Sie erzählt mir vom Besuch eines Exekutors, der mit einem Kredithai verbandelt war, und der möglichen Aussicht auf den Privatkonkurs, damit sie sich endlich von ihren Schulden befreien und einen normalen Job annehmen kann, wo nicht gleich der Lohn gepfändet wird.

Kürzlich wurde ihr teures „Spezialkonto“ gesperrt und die Auszahlung von Kindergeld und Alimenten verweigert.

Auch der Mobilpass für die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien ist mit monatlich 17 Euro gar nicht so billig und auch hier muss man oft mit langen Wartezeiten rechnen.

Außerdem empfindet Kira die Fahrscheinkontrollen, bei der sie sich als Mindestsicherungsbezieherin ausweisen muss, regelmäßig als Erniedrigung.

Über drei Stunden habe ich heute bei Kira verbracht. Sie hat mir viel von ihrem Leben erzählt, wo ich als wohlbehütet aufgewachsener Mensch immer wieder schlucken musste. Aber wir haben auch viel gelacht und uns über unsere Ideen ausgetauscht.

Kira will übrigens ein Buch schreiben und wir haben vereinbart, dass ich ihr ein wenig dabei helfe.

Liebe Kira, auch wenn mein Selbstversuch nicht die Welt verändern wird, so hat er doch bereits am 7. Tag zumindest meine Welt verändert. Deine Lebensfreude ist ansteckend und ich bin sehr froh, Dich heute kennengelernt zu haben. Und vergiss nicht: „Behalte immer mehr Träume in Deiner Seele, als die Wirklichkeit zerstören kann.“

Alles Liebe! Michael

PS.: Heute hab ich lediglich 2,50 Euro ausgegeben, und zwar für einen Lottoschein. Ich weiß natürlich, dass das rausgeschmissenes Geld ist, aber es sind 6 Millionen Euro im Topf!

Damit würden sich nicht nur viele meiner Ideen verwirklichen lassen. Noch 24 Tage um 199,11 Euro.

*Name geändert.

Die bisherigen Tagesnotizen:

31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

Tag 1 – Kein Spiel! (1.5.)

Tag 2 – Konsumgesellschaft (2.5.)

Tag 3 – Öffentlichkeit schaffen! (3.5.)

Tag 4 – Lebensrealitäten (4.5.)

Tag 5 – Freundschaft (5.5.)

Tag 6 – Netzwerke (6.5.)


Michael Wögerer Unsere ZeitungMichael Wögerer ist ein österreichischer Journalist. Er arbeitet in Wien als Redaktionsassistent bei der Austria Presse Agentur (APA) und ist Mitbegründer von „Unsere Zeitung – die Demokratische“, einem Kooperationspartner von Neue Debatte.

Fragen, Anmerkungen, Lob und Tadel sowie Feedback zur Aktion, können als Kommentar unter dem Beitrag geschrieben oder an seine E-Mail michael.woegerer(at)gmail.com gesendet werden.


Der Arbeitsmarktservice (AMS) ist ein Dienstleistungsunternehmen am Arbeitsmarkt in Österreich. Es erfüllt die Funktionen eines öffentlich-rechtlichen Arbeitsamts.


Titelbild: Formular für den Antrag auf Mindestsicherung

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