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Leben mit Mindestsicherung: Tag 10 – Durchatmen

Der Abwasch stapelt sich, die Wäsche hängt trocken am Wäscheständer und die Sorgen begleiten den Schlaf. Michael Wögerer macht sich Gedanken über das Leben mit Mindestsicherung und warum das Durchatmen so wichtig wäre.

Der Abwasch stapelt sich, die Wäsche hängt trocken am Wäscheständer und die Sorgen begleiten den Schlaf. Michael Wögerer macht sich Gedanken über das Leben mit Mindestsicherung und warum das Durchatmen so wichtig wäre.

Immer wieder spüre ich, wie wichtig es wäre in schwierigen Situationen tief durchzuatmen, sich die Zeit zu nehmen nachzudenken, nicht sofort zu reagieren, eine Nacht darüber zu schlafen und danach Schritt für Schritt die Lösung der Probleme anzugehen.

Ganz unabhängig von meinem Selbstversuch „31 Tage Mindestsicherung“ war heute ein anstrengender Tag. Nicht so sehr, weil der Stress von außen gekommen ist, sondern weil ich ihn mir selbst verursacht hab.

Heute wollte ich mal wieder alle Bäume auf einmal ausreißen. Meinen Frühdienst ordentlich erledigen, alle wichtigen E-Mails beantworten, meine Wohnung auf Vordermann bringen, alte und neue Projekte vorwärts bringen und am Besten auch noch Zeit haben für einen ausgiebigen Spaziergang.

Bestimmt hab ich vieles erledigt, doch in diesem Moment – kurz vor dem Schlafengehen – fühlt es sich so an, als ob ich gar nichts weitergebracht habe.

Das Geschirr stapelt sich in der Abwasch, die Wäsche hängt trocken am Wäscheständer und könnte längst im Kasten verstaut sein, noch immer befinden sich 16 Nachrichten in meinem Posteingang, die irgendwann beantwortet werden sollen.

So geht es vielen von uns, weil es besonders in der heutigen Zeit schwer geworden ist, den Überblick zu bewahren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Seit 10 Tagen lebe ich nun von durchschnittlich 7,50 Euro am Tag und will damit ein klein wenig nachempfinden, wie es Menschen geht, die in Österreich von Mindestsicherung leben.

Dabei habe ich aber bisher ausgeblendet, dass sich diese Menschen nicht in einen Topf werfen lassen. Es gibt nicht den typischen Mindestsicherungsbezieher oder die typische Mindestsicherungsbezieherin. Ihre Lebenssituationen sind verdammt unterschiedlich.

Eine alleinerziehende Frau, die sich und ihre beiden Kinder durchbringen muss, hat andere Sorgen, als der 35-jährige Arbeitslose im Single-Haushalt. Der eine ist unglücklich verliebt, während die andere froh ist, dass sie endlich von ihrem Ex-Mann Ruhe hat.

Sie alle haben ihr persönlichen Sorgen, wie jeder von uns. Doch hinzu kommt eben der tägliche Gedanke, mit dem wenigen Geld, das man hat, über die Runden zu kommen. Da gibt es kein Durchatmen – egal wie es einem sonst so geht, es heißt weiterkämpfen.

Mit den persönlichen Sorgen ist jede/r auf sich alleine gestellt, aber dafür, dass jeder Mensch zumindest finanziell nicht jeden Tag verzweifelt ins Bett gehen muss, dafür gäbe es Lösungen.

Meine heutigen Ausgaben belaufen sich auf insgesamt 5,61 für Lebensmittel, für die restlichen 21 Tage bleiben mir 179 Euro und 1 Cent. Auch darüber werd ich jetzt mal eine Nacht schlafen.

 


Michael Wögerer Unsere ZeitungMichael Wögerer ist ein österreichischer Journalist. Er arbeitet in Wien als Redaktionsassistent bei der Austria Presse Agentur (APA) und ist Mitbegründer von „Unsere Zeitung – die Demokratische“, einem Kooperationspartner von Neue Debatte.

Fragen, Anmerkungen, Lob und Tadel sowie Feedback zur Aktion, können als Kommentar unter dem Beitrag geschrieben oder an seine E-Mail michael.woegerer(at)gmail.com gesendet werden.


Die bisherigen Tagesnotizen:

31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

Tag 1 – Kein Spiel! (1.5.)

Tag 2 – Konsumgesellschaft (2.5.)

Tag 3 – Öffentlichkeit schaffen! (3.5.)

Tag 4 – Lebensrealitäten (4.5.)

Tag 5 – Freundschaft (5.5.)

Tag 6 – Netzwerke (6.5.)

Tag 7 – Kein Märchen (7.5.)

Tag 8 – Befreiung (8.5.)

Tag 9 – Nachhaltigkeit (9.5.)


Foto: Parth Shah; Pixabay; Creative Commons CC0.

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