Leben mit Mindestsicherung: Tag 17 – Für Lisa

Wie es der Zufall so will, wurde mir heute überraschenderweise eine besondere Aufgabe zu teil. Ich durfte meine 7-jährige Nichte Lisa von der Schule abholen. Ihre Eltern sind beide berufstätig und die Omas und Opas hatten keine Zeit.

Zum Glück musste ich heute erst später in die Arbeit und so konnte Onkel Michael erstmals einspringen.

Lisa kommt die Stiegen herunter, sieht mich und winkt mir zu. Sie verabschiedet sich mit einer herzlichen Umarmung von ihrer Freundin und wir machen uns auf den Heimweg. Dabei erzählt sie mir, dass sie heute Deutsch, Englisch und Mathematik hatte, wobei sie – genauso wie ihr Onkel – Rechnen nicht so prickelnd findet.

Wir fahren gemeinsam zum Kutschkermarkt und essen Pizza. Mein Bruder hat angekündigt, dass er uns einlädt, weil er weiß, dass ich im Moment mit sehr wenig Geld auskommen muss. Ich versuche Lisa zu erklären, dass ich derzeit für Essen & Co. durchschnittlich 7,50 Euro am Tag zur Verfügung habe. Für sie ist das allerdings einfach eine Zahl, mit der sie nichts anfangen kann.

Nach Bezahlung der Rechnung versuch ich es ein wenig plakativer. “Schau Lisa, ich habe gerade 30 Euro für unser gemeinsames Essen bezahlt. Mit diesem Geld muss der Onkel im Moment ganze vier Tage leben.” Doch auch dieses “Zahlenspiel” zeigt nicht den erwünschten Wow-Effekt.

Neben der Pizzeria in der Kutschkergasse befindet sich auch ein italienischer Eissalon. Die Sonne scheint, viele Menschen sitzen draußen und genießen ihr Gelati. Wenn schon der Papa das Essen bezahlt, dann sorgt der Onkel für die Nachspeise, denke ich mir (eine Kugel um 1,30 Euro – das war früher auch mal billiger, oder?). Lisa ist einverstanden, dass wir uns jeder trotz der großen Auswahl nur eine Sorte Eis gönnen. Mhmmm, das schmeckt gut!

Für einen kurzen Moment vergesse ich, dass ich gerade mehr als 1/3 meines Tagesbudgets ausgegeben habe. Da kommt auch schon Lisas Papa und holt die kleine Dame ab. Ich bin sehr froh, dass sie in einem Umfeld aufwachsen kann, in dem ihr an materiellen Dingen nichts fehlt. Leider ist das nicht überall der Fall. Denn auch in Österreich gibt es Kinderarmut.

“Arme und armutsgefährdete Kinder gibt es in allen Regionen Österreichs, in Familien mit einem oder zwei Elternteilen, in berufstätigen Familien. Sie leben mit und unter uns – auch wenn wir sie oft nicht sehen”, schrieb Manuela Wade (Volkshilfe Österreich) im April 2016 auf Mosaik – Politik neu zusammensetzen.

Konkret waren in Österreich im vorigen Jahr 120.000 Kinder und Jugendliche arm oder mehrfach ausgegrenzt.

Wenn Lisa etwas größer ist, werde ich es nochmals versuchen ihr diese Dinge zu erklären. “Kannst du dich noch erinnern, als wir Pizza essen waren und ich dich auf ein Eis eingeladen habe und von diesen komischen 7,50 Euro am Tag sprach?”, werde ich sie dann fragen.

Ich bin überzeugt, dass Lisa irgendwann verstehen wird, wie ungerecht es ist, dass es Kinder gibt, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben sie auf eine Pizza oder ein Eis einzuladen.

Und sie wird auch begreifen, warum ihr Onkel damals im Mai 2017, als er sie zum ersten Mal von der Schule abgeholt hat, diese verrückte Aktion gemacht hat.

Meine heutigen Ausgaben belaufen sich auf exakt 12 Euro – Gelati für Lisa und mich um 2,60 Euro und 2 Schachteln Zigaretten (9,40 Euro) – Wuzzeln war mir heute zu mühsam. Noch 110,28 Euro für 14 Tage.


Michael Wögerer Unsere ZeitungMichael Wögerer ist ein österreichischer Journalist. Er arbeitet in Wien als Redaktionsassistent bei der Austria Presse Agentur (APA) und ist Mitbegründer von „Unsere Zeitung – die Demokratische“, einem Kooperationspartner von Neue Debatte.

Fragen, Anmerkungen, Lob und Tadel sowie Feedback zur Aktion, können als Kommentar unter dem Beitrag geschrieben oder an seine E-Mail michael.woegerer(at)gmail.com gesendet werden.


Die bisherigen Tagesnotizen:

31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

Tag 1 – Kein Spiel! (1.5.)

Tag 2 – Konsumgesellschaft (2.5.)

Tag 3 – Öffentlichkeit schaffen! (3.5.)

Tag 4 – Lebensrealitäten (4.5.)

Tag 5 – Freundschaft (5.5.)

Tag 6 – Netzwerke (6.5.)

Tag 7 – Kein Märchen (7.5.)

Tag 8 – Befreiung (8.5.)

Tag 9 – Nachhaltigkeit (9.5.)

Tag 10 – Durchatmen (10.5.)

Tag 11 – Lebenserwartung (11.5.)

Tag 12 – Exklusiv (12.5.)

Tag 13 – Soziale Hängematte (13.5.)

Tag 14 – Sigi, du fehlst! (14.5.)

Tag 15 – Halbzeit (15.5.)

Tag 16 – Beim Frisör (16.5.)


Fotos: Icecream and water (Suzette – www.suzette.nu; Lizenz: CC BY 2.0)

16 Thoughts

  1. Hallo Michael,
    ich möchte dich ermuntern, dein Experiment der Authentizität zu liebe zu verlängern.
    ich finde es ja gut, dass du das empörende „Thema“ in die Öffentlichkeit tragen möchtest und ich hoffe sehr, dass dir dies ausreichend gelingt.
    So ganz ernst nehmen kann ich dein tun aber nicht. Deine bisher kritische Analyse gefällt mir hingegen sehr.
    Einen Monat H4 ist meines Erachtens nichts weiter als Urlaub auf Staatskosten. Jedem „echten“ Harzer entlockt dies ein müdes grinsen. Ab etwa einem Jahr bist du kein Novize mehr. Die „Kosten“ für dein Experiment sind marginal und darum gehts es mir nicht. Würde dein Experiment ein halbes Jahr oder länger dauern, dann würde der Charakter von Ferien doch schwinden und es würden sich Aspekte auftun, mit denen du bisher nicht gerechnet hast.
    Das liegt nicht nur an der ständig knappen Kohle, sondern zb. auch zu einem erheblichen Teil an der empathielosen, Menschenverachtenden und (Grund-)gesetzlosen Strukturierung des Jobcenters und aller Beteiligten.
    Du müsstest ja bald eine Einladung vom Amt bekommen, bei der du deinem Sachbearbeiter aber wohl dein Experiment offenbaren wirst und bist dann fein raus.
    Es gibt ja auch hier für jeden die theoretische Möglichkeit, widerstand zu leisten oder eben nicht. Leistest du Widerstand, so hast du dich hoffentlich mindestens mit dem Grundgesetz auseinander gesetzt und beginnst mit der Verweigerung, die „Eingliederungsvereinbarung“ (Entmündigung) zu unterschreiben.
    Man wird dir unter Drohungen eine Unterschrift abzwingen wollen. Funktioniert das nicht, wird dies einfach per „Verwaltungsakt“ erledigt. Entmündigt bist du dann zumindest quasi. Eine „Sperre“ gibt’s dafür noch nicht, allerdings wirst du bald aufgefordert, an wirklich unsäglich nutzlosen „Maßnahmen“ teilzunehmen oder bekommst dir völlig Branchenfremde und obendrein miese oder würdelose Jobangebote. Mitmachen oder Widerstand, das ist jetzt die Frage.
    Das augenscheinlich bequemste in diesem Fall ist der gelbe Zettel, stellt aber sicher keine Dauerlösung dar. Es empfiehlt sich prinzipiell auch hier das Grundgesetz heranzuziehen, was allerdings und empörender Weise ganz sicher zu keiner befriedigenden Lösung führen wird. Lehnst du hartnäckig ab, gibts dann einfach 10% weniger Geld. Den Gang vor Gericht kannst du dir in diesem Fall meist sparen.
    Ab dann ist H4 sicher kein „Spaß“ mehr. Ohne Sanktion ist es ja auch schon kein echter Spaß, aber mit Sanktion von nur 10 Prozent geht es ums Überleben. Ab 30 Prozent gehts dann ums nackte. Bei noch mehr empfehlen sich Bücher von Rüdiger Nehberg alias Sir Vival.
    Das wichtigste ist, die Miete korrekt zu bezahlen, egal was der Kühlschrank dazu sagt. Lebst du nicht in einer Sozialwohnung, wird es eng. Geht jetzt noch der Kühlschrank oder die Waschmaschine kaputt, guckst du so dumm aus der Wäsche wie nie zuvor. An Kino oder irgendwo Bierchen trinken denkst du da schon lange nicht mehr. Im Gegenzug denken deine Freunde immer weniger an dich. Dafür vergisst dein Stromanbieter und andere Versorger oder Gläubiger dich nicht.
    Das alles lässt einen demütig werden und man bekommt eine neue Sichtweise auf Staat, Gesellschaft und das Leben an sich. Das kann sehr erhellend und reinigend wirken, wenn man Verstand und einen starken Charakter besitzt. Ohne wirkt es wohl eher fatal und endet möglicherweise in Jogginghose vor der Trinkhalle, oder so.
    Die Ausgrenzung und Stigmatisierung sind bei weitem das schlimmste an der Gesamtsituation. Dazu musst du keinen Jogginganzug tragen, es ergeben sich viele Begebenheiten, bei denen du an deine „Stellung“ erinnert wirst. Mit Verständnis für deine Situation brauchst nicht rechnen, vor allem nicht, wenn du auch noch kritisch eingestellt bist. Ich beobachte, dass niemand der in Arbeit ist, die Harz 4 Situation auch nur im Ansatz kritisiert oder gar nachempfinden kann. Niemand muss in diesem Land hungern, ist eine nicht bekannte Lüge, so wie die offiziellen Angaben zur Zahl der Arbeitslosen auch. „Wer Arbeit will, der findet auch welche“ ist eine Weisheit einer anderen Generation, deren Wahrheitsgehalt nicht mehr zeitgemäß ist.
    Leider ist den meisten Leuten das alles und auch leider das Grundgesetz nicht nur völlig fremd, sondern wirklich egal und deswegen wird sich an H4 sobald nichts ändern. Auch wenn man ihnen darüber berichtet, es ist ihnen egal. Fehlende emphatische Solidarität verhindert eine Veränderung. Wie man über H4ler zu denken hat, wissen wir doch. Woher eigentlich?
    Die Lösung für das H4 Problem darf man auch gerne im „Bedingungslosen Grundeinkommen“ suchen. Früher oder später wird man sich in der Welt der stetig steigenden Automatisierung und der damit einhergehenden Freistellung von Arbeitern Gedanken darüber machen müssen. (die Betonung liegt auf „müssen“). Auch eine drastische Arbeitszeitverkürzung und einer gerechten Verteilung von Arbeit, Zeit und Geld wären denkbar.
    Ich denke nicht, das dies die uns bekannten Politiker umsetzen werden, aber sehr lange wird es nicht mehr brauchen. Erleben werde ich das wohl nicht mehr. Wahrscheinlich bricht vorher das Finanzsystem komplett zusammen oder die Nato provoziert ihren Krieg gegen Putinland, bis zur totalen Eskalation. Man denkt bereits darüber nach, Harzer zur Bundeswehr zu zwingen.
    Ich wünsche dir einen schönen Urlaub und alles gute.

    ps:

    DDR damals= Billiglohnland mit 13Mio. Arbeitern.
    BRD heute= 13Mio. Arbeitslose und präker Beschäftige.(inoffiziell)

    Bei genauer Betrachtung sind die Jobcenter und die Zeitarbeitsfirmen Sklavenhändler und staatlich legitimierte Zuhälter. Menschenhandel und Zuhälterei sind jedoch nach wie vor verboten.
    Von Sachen wie „unantastbarer Würde“ oder „recht auf freie Berufswahl“ will ich garnicht erst anfangen, das lässt sich nachlesen

    Gefällt 1 Person

      1. lebst du nur experimentell sparsam – wie viele studenten, freiberufler und schüler? oder hast du hast du auch mit bestie jobcenter und ihren instrumenten zu tun?

        Gefällt mir

  2. übrigens: hättest du Lisa schlicht erklärt, das du kein Geld hast weil du arm bist, hätte sie dich wohl besser verstanden. Um das zu verstehen, muss man nicht rechnen können.

    Gefällt mir

  3. Außerdem solltest du deinem Sachbearbeiter nicht erzählen, dass dein Bruder und Freunde dich „durchfüttern“. Sowas wird schnell mal hochgerechnet und als Einkommen/sonsige Zuwendungen/Sozialbetrug gewertet. Abzüge und Rückzahlung möglich.

    Gefällt mir

        1. Volker Pispers – Kapitalismus Erklärung, leicht verständlich
          ab Min.8.30 wird das mit den 13Mio. DDR Billiglöhnern erwähnt.
          Das mit den 0,03% ist auch von ihm, finde ich aber heute nicht mehr.

          Gefällt mir

Wie ist Deine Meinung zum Thema? Schreibe einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s