Revolution und Revolte – Gedanken zum Widerstand

Weltweit wird massive Kritik am neoliberalen Herrschaftssystem und den sozialen Verwerfungen geübt. Auch in Europa. Doch eine Revolution blieb bisher aus. Byung-Chul Han schrieb, dass sich (aktuell) keine Masse formen lässt, die zu einer Revolution fähig wäre. Der Philosoph Christian Ferch erkennt dennoch einen Zeitgeist, der das Menschsein eliminiert und bekämpft gehört. Als Ausweg bleibt deshalb die Revolte!

Gedanken und Handlungen der Revolte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der abendländischen Kultur – das beschreibt und erörtert Albert Camus in seinen Essays »Der Mensch in der Revolte«.

Von den Söhnen Kains über Nietzsche bis hin zu revoltierenden Formen in Kunst und Literatur reicht die Spanne der einer absurden Erfahrung entsprungenen Lebensäußerungen.

Doch war das schon Revolution? – Nein, eben nicht. Es war nur Revolte. Revolte gegen eine Welt, in der den Protagonisten ein menschliches Leben unmöglich erschien.

Warum dann aber keine Revolution? – Nun, eben weil genau darin eine gehörige Maßlosigkeit läge, aus seinen Mitmenschen Mitstreiter machen zu wollen, denen man dann dieselben Motive, die man bei sich selbst antrifft, unterstellt.

Indessen nützt es ja nichts, das Große zu wollen und zu scheitern, dann aber im Kleinen und für sich nichts zu erreichen. Luftschlösser und Größenwahn haben noch keinem gedient. Doch das scheint nicht das eigentliche Problem in heutigen Tagen.

Es ist an der Zeit, gegen einen Zeitgeist zu revoltieren, der den Individuen Ideale wie Selbstoptimierung, Makellosigkeit und Scheinherrschaft durch Selbstmanagement einzuhauchen versucht.

Es ist die Rede vom neoliberalen Zeitgeist, welcher nicht mehr zu unterdrücken scheint, sondern mit Freiheit und Konsum lockt und überredet.

Der Makel, ein Mensch zu sein, lässt sich so widerstandslos eliminieren, allerdings auf Kosten des genuin menschlichen, immer noch mit Fehlern, Ecken und Kanten behafteten Seins.

Diese absolute Konkurrenz erhöht zwar die Produktivität enorm, aber sie zerstört Solidarität und Gemeinsinn. Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse formen.

Prof. Byung-Chul Han

Schon 1988 konstatierte Erich Fromm in seinem Buch Die Furcht vor der Freiheit das Verschwinden von offenen und daher angreifbaren Autoritäten:

Anstelle der offenen Autorität regiert jetzt die anonyme Autorität. Sie tarnt sich als gesunder Menschenverstand, als Wissenschaft, als psychische Gesundheit, als Normalität oder als öffentliche Meinung. Sie verlangt nichts als das, was »selbstverständlich« ist. Sie scheint keinerlei Druck auszuüben, sondern nur sanft überreden zu wollen. […], wir haben es mit subtiler Suggestion zu tun, […]. Es ist, als ob ein unsichtbarer Feind auf uns schießen würde.

Eine Revolution gegen den neoliberalen Zeitgeist ginge ins Leere.

Was bleibt, ist die Revolte.


Dr. Christian Ferch ist ein Philosoph aus Berlin.Über den Autor: Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik.

Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Politisch engagiert sich Christian Ferch für die Partei DIE LINKE.


Foto: Romerito Pontes – flickr.com – CC BY 2.0


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