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Leben mit Mindestsicherung: Tag 26 – Wien, Stadt der Gegensätze

Wien ist eine schöne Stadt, aber sie ist auch eine Stadt der Gegensätze. Michael Wögerer schreibt über die Errungenschaften des Roten Wien und die Verschleierung sozialer Ungleichheit in der lebenswertesten Stadt der Welt.

“Wenn ich es morgen schaffe wieder relativ günstig nach Wien zurückzukommen, dann wird am Samstag ein wenig gefeiert”, hab ich in der gestrigen Tagesnotiz angekündigt. Tatsächlich hat es über eine Mitfahrbörse auf Facebook geklappt.

Lehramtsstudent Jakob klaubte meine Schwester Andrea und mich in Ybbs auf, wo uns unser lieber Papa zuvor hingebracht hatte. Statt über 15 Euro mit dem Zug, hab ich deshalb nur 5 Euro Spritgeld ausgegeben.

Zusätzlich zum Fahrtkostenbeitrag habe ich heute noch 6,90 Euro für Tabak und 4,18 Euro für Lebensmittel bezahlt. Für die restlichen 5 Tage bleiben mir also noch 49,72 Euro.

Da sich mein Selbstversuch 31 Tage Mindestsicherung langsam dem Ende zuneigt, will ich morgen alle, die kommen wollen , zu einem Picknick beim Südwindfest einladen. Ab 13 Uhr geht es los!

Nehmt euch eine Decke und – wenn ihr wollt – etwas zu essen und zu trinken mit. Zusätzlich hol ich am Vormittag vom Foodpoint – Dein Sozialmarkt ein paar Lebensmittel ab. Eine Spendenbox wird aufgestellt, wo ihr für den Verein START UP – Dein Start in ein neues Leben ein paar Euro dalassen könnt.

Wer will kann auch eine Gitarre, Zieharmoniker oder sonstige Musikinstrumente mitnehmen, damit die Gaudi perfekt wird. Es würde mich sehr freuen, wenn viele vorbeischauen. Alle Menschen sind herzlich willkommen! Egal wie viel er/sie hat oder woher er/sie kommt!

So sehr ich meine Eltern und mein kleines Dorf im Mostviertel, in dem ich aufgewachsen bin, liebe, fühlt sich die Stadt Wien, in der ich nun schon seit 15 Jahren die meiste Zeit meines Lebens verbringe, ebenso als Heimat an. Der Notwendigkeit hierherzukommen, um zu studieren und später zu arbeiten, hat sich die Freude hinzugesellt, hier meinen Lebensmittelpunkt zu haben.

Wien ist eine schöne Stadt, aber sie ist auch eine Stadt der Gegensätze. Kaum anderswo in Österreich wird einem der Unterschied zwischen Armut und Reichtum so bewusst, wie in der Bundeshauptstadt.

Die Schickeria im 1. Bezirk und Obdachlosigkeit quer über die Stadt verteilt, Bobo-Gegenden und Ghettos für ArbeiterInnen und Migranten, Prachtbauten und heruntergekommene Wohnsiedlungen, überlaufene Einkaufstempel und leerstehende Geschäfte.

“Dass hier vieles noch besser ist als in anderen vergleichbaren Städten, ist zu einem guten Teil auch die Errungenschaft des Roten Wien”, schreiben Christoph Altenburger und Martin Konecny auf Mosaik – Politik neu zusammensetzen.

“Es wurde erkämpft von den berühmten „Arbeiter_innen von Wien“. Aber auch diese Errungenschaften werden in Public-Private-Partnerships, Gentrifzierung und der repressiven Gestaltung des öffentlichen Raums zurückgebaut”, heißt es in ihrem Beitrag “Wiener Lebensqualität, so ein Schmäh!„.

Ich habe das dumpfe Gefühl, dass sich die Politik in dieser Stadt nicht mehr in erster Linie darum kümmert, die Ungleichheit zu bekämpfen, sondern sie bestmöglich zu verschleiern.

Solange fragwürdige Studien Wien als die “lebenswerteste Stadt der Welt” auszeichnen und das in den Medien unhinterfragt wiedergegeben wird, gibt es für “unsere Politiker” scheinbar keinen Anlass, jenen, die das schon lange nicht mehr so sehen, genau zuzuhören und ihre Lebenssituation nachhaltig zu verbessern.


Die bisherigen Tagesnotizen:

31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

Tag 1 – Kein Spiel! (1.5.)

Tag 2 – Konsumgesellschaft (2.5.)

Tag 3 – Öffentlichkeit schaffen! (3.5.)

Tag 4 – Lebensrealitäten (4.5.)

Tag 5 – Freundschaft (5.5.)

Tag 6 – Netzwerke (6.5.)

Tag 7 – Kein Märchen (7.5.)

Tag 8 – Befreiung (8.5.)

Tag 9 – Nachhaltigkeit (9.5.)

Tag 10 – Durchatmen (10.5.)

Tag 11 – Lebenserwartung (11.5.)

Tag 12 – Exklusiv (12.5.)

Tag 13 – Soziale Hängematte (13.5.)

Tag 14 – Sigi, du fehlst! (14.5.)

Tag 15 – Halbzeit (15.5.)

Tag 16 – Beim Frisör (16.5.)

Tag 17 – Für Lisa (17.5.)

Tag 18 – Hunger auf Kultur (18.5.)

Tag 19 – Gratis-Essen für alle (19.5.)

Tag 20 – Wenn ich Sozialminister wäre (20.5.)

Tag 21 – Grundbedürfnisse (21.5.)

Tag 22 – Planung (22.5.)

Tag 23 – Helfen und reden (23.5.)

Tag 24 – Mobilität (24.5.)

Tag 25 – Hotel Mama (25.5.)


Foto: Skyline Wien Untere Donau (Christoph Sammer/flickr.com; Lizenz: CC BY 2.0)

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