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Leben mit Mindestsicherung: Tag 29 – Armut ist relativ

In welchem Land der Welt leben anteilig an der Bevölkerung die meisten 100-Jährigen? Genau! Im bettelarmen Kuba. Der Inselstaat ist im Vergleich zu Österreich oder Deutschland arm wie eine Kirchenmaus. Doch Armut ist relativ. Es geht um die Verteilung des Wohlstands. Michael Wögerer schreibt über Österreich, wo wenige alles und viele nichts haben.

“Warum die in vielen Medien als besonders ‘arm’ dargestellte Bevölkerung der karibischen Insel Kuba eine der höchsten Lebenserwartungen und den größten Anteil an über 100-Jährigen hat, das ist eine andere Geschichte, die ich euch bald mal erzählen möchte”, schrieb ich am Tag 11 meines in zwei Tagen zuendegehenden Selbstversuches 31 Tage Mindestsicherung.

In den letzten Jahren hatte ich viel mit Kuba-Reisenden zu tun. Nach meinem Studium in Havanna (Februar bis Juli 2007), 2011 bis 2015 als Vorsitzender der Österreichisch-Kubanische Gesellschaft (ÖKG) und auch danach durfte ich viele österreichische Kuba-Touristen beraten und nach ihrer Rückkehr über ihre Erlebnisse befragen. Sehr oft bekam ich dabei zu hören: “Kuba ist ein wunderschönes Land, aber die Menschen sind furchtbar arm.”

Im oberflächlichen Vergleich mit der/dem gewöhnlichen Österreicher/in mag dies durchaus stimmen. Der durchschnittliche Monatslohn eines kubanischen Arbeiters beträgt 625 Pesos (Moneda Nacional), umgerechnet etwa 28 Euro.

Aber die Lebensrealität auf der karibischen Insel ist ganz anders, als die in Österreich. Kuba ist zwar ein Entwicklungsland, doch verglichen insbesondere mit seinen Nachbarländern stellt sich die Situation völlig anders dar: Ein umfassendes und kostenloses Bildungs- und Gesundheitssystem, eine Arbeitslosenrate von rund 3 Prozent, günstige Grundnahrungsmittel, Eigentumswohnungen und kaum Kosten für Strom, Gas und Wasser.

In Kuba muss kein Mensch verhungern und allen steht ein Dach über dem Kopf zu, was von vielen anderen Ländern dieser Welt nicht behauptet werden kann. Im Human Development Index belegt Kuba weltweit den 44. Platz. Zum Vergleich: Kroatien (47.), Ungarn (43.), Österreich (21. Platz).

Ein zentraler Faktor aber, warum die Menschen in Kuba nicht so arm sind, wie es von Außen betrachtet erscheint, ist die gleichmäßige Verteilung des Reichtums. Obwohl es auch auf der sozialistischen Insel Menschen mit weniger und mehr Vermögen gibt, ist die Ungleichheit nicht so stark ausgeprägt wie etwa in Österreich.

1986 lag Kubas Gini-Koeffizient bei 0,24, stieg in Folge der Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf 0,38 (2000) und liegt Schätzungen zufolge derzeit bei unter 0,5.

Österreich gehört mit einem Gini-Koeffizienten von 0,8 zu den europäischen Ländern mit der ungleichsten Vermögensverteilung überhaupt. Wenige haben alles, viele nichts.

“Das reichste Prozent der Österreicher besitzt 37 Prozent des Gesamtvermögens – und die wohlhabendsten fünf Prozent kommen bereits auf 57,8 Prozent. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung bescheidet sich mit den übrigen 2,2 Prozent der materiellen Güter”, heißt es im ansonsten mit Agenda Austria-Propaganda zugepflasterten Artikel im Weekend Magazin vom letzten Wochenende (26./27. Mai).

Um die (relative) Armut in einem Land zu berechnen orientiert man sich am Mittel (Median) des Einkommenswerts der Bevölkerung. Armutsgrenzen liegen in der Regel bei 40, 50 oder 60 Prozent des Medians.

In Österreich waren 2016 über 1,5 Millionen Menschen oder 18 Prozent der österreichischen Bevölkerung armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, ihr Nettohaushaltseinkommen lag unter 60 Prozent des Medians aller Nettohaushaltseinkommen des Landes.

Auch wenn die meisten KubanerInnen nicht über den materiellen Reichtum verfügen, wie ein Großteil der ÖsterreicherInnen, sind sie relativ betrachtet nicht ärmer.

Wenn die Menschen in deiner Umgebung die selben Lebensbedingungen vorfinden, die sozialen Verhältnisse dementsprechend annähernd gleich sind, wird die eigene “Armut” nicht so wahrgenommen, wie wenn die Unterschiede groß sind. Das wirkt sich nicht zuletzt auch auf den Zusammenhalt in der Gesellschaft und die Psyche aus.

Bestimmt ist das auch ein Grund warum Kuba das Land ist, in dem es anteilig die meisten 100-Jährigen gibt. Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind es fünf Mal soviele wie in Japan, das lange Spitzenreiter war.

Die wunderbare Dokumentation „Cuba – Viva la vida“ (2013) begibt sich auf die Suche nach dem Rezept für ein langes Leben: Aufschluss geben unter anderem tanzbegeisterte betagte Damen in Seniorentreffs, spielwütige Rentnerbands, ein 80-jähriger Automechaniker, ein 89-jähriger Kokosbauer, eine 97-jährige Schriftstellerin, eine 97-jährige Sängerin und die damals mit 127 Jahren vermutlich älteste Frau der Welt. Eines zumindest haben sie alle gemeinsam: Die unbedingte Lust am Leben!

Angesichts der sozialen Leistungen, die das von einer jahrzehntelangen Wirtschafts- und Handelsblockade am Boden gehaltene Kuba, für seine Menschen bietet, stellt sich für uns abschließend eine wichtige Frage, die auch Karl Wolfgang in dem kürzlich erschienenen Buch “Kuba im Wandel” in den Raum stellt:

“Wenn ein materiell armes Land ohne große Ressourcen es schafft, sozialen Frieden und Sicherheit, Chancengleichheit, Zugang zu Bildung, medizinische Versorgung und Katastrophenschutz – sogar für andere Länder, wie mit Ärztebrigaden in Westafrika oder Haiti – zu gewährleisten, was wäre dann erst innerhalb der industrialisierten Länder des Nordens möglich?”

Diese und andere Fragen können wir gerne am kommenden Freitag (2.6) im Rahmen der Buchpräsentation: „Kuba im Wandel“ (19 Uhr, Nazim Hikmet Kultur Cafe – Wien) ausführlich diskutieren. Ich freue mich auf euer Kommen!

Heute, Montag, habe ich für Frühstück (1,25 Euro), Mittagessen (3,00 Euro), Zigaretten (4,70 Euro) und zwei Radler (1,34 Euro) am Donaukanal insgesamt 10,29 Euro ausgegeben. Für die letzten beiden Tage bleiben mir also noch 18,98 Euro übrig.


Die bisherigen Tagesnotizen:

31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

Tag 1 – Kein Spiel! (1.5.)

Tag 2 – Konsumgesellschaft (2.5.)

Tag 3 – Öffentlichkeit schaffen! (3.5.)

Tag 4 – Lebensrealitäten (4.5.)

Tag 5 – Freundschaft (5.5.)

Tag 6 – Netzwerke (6.5.)

Tag 7 – Kein Märchen (7.5.)

Tag 8 – Befreiung (8.5.)

Tag 9 – Nachhaltigkeit (9.5.)

Tag 10 – Durchatmen (10.5.)

Tag 11 – Lebenserwartung (11.5.)

Tag 12 – Exklusiv (12.5.)

Tag 13 – Soziale Hängematte (13.5.)

Tag 14 – Sigi, du fehlst! (14.5.)

Tag 15 – Halbzeit (15.5.)

Tag 16 – Beim Frisör (16.5.)

Tag 17 – Für Lisa (17.5.)

Tag 18 – Hunger auf Kultur (18.5.)

Tag 19 – Gratis-Essen für alle (19.5.)

Tag 20 – Wenn ich Sozialminister wäre (20.5.)

Tag 21 – Grundbedürfnisse (21.5.)

Tag 22 – Planung (22.5.)

Tag 23 – Helfen und reden (23.5.)

Tag 24 – Mobilität (24.5.)

Tag 25 – Hotel Mama (25.5.)

Tag 26 – Wien, Stadt der Gegensätze (26.5.)

Tag 27 – Selbstüberschätzung (27.5.)

Tag 28 – Gefährliche Drohung (28.5.)


Foto: Jorge Jimenez; pixabay.com; Creative Commons CC0

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