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Leben mit Mindestsicherung: Tag 30 – Euer Wort

Michael Wögerer erhielt als Reaktion auf seinen Selbstversuch "31 Tage Mindestsicherung" unzählige Mails und Nachrichten. Seine Tagebucheinträge wurden vielfach kommentiert. Darunter sind viele positive Stimmen, kritische Anmerkungen und auch negative Meinungen. Michael Wögerer hat einige ausgewählt - die Leserschaft hat das Wort.

Vorletzter Tag meines Selbstversuches 31 Tage Mindestsicherung, vorletzte Tagesnotiz. Und die gehört ausschließlich euch. Ich habe mir nochmals alle Kommentare zu meinem „Experiment“ durchgesehen und mir ein paar herausgepickt

„Ich finde es sehr wichtig, dass du das Thema Armut in Österreich so an die Öffentlichkeit schaffst und nicht nur darüber schreibst.“ (Sabina, auf Facebook, Tag 3)

„Ich leb schon seit einiger Zeit unter der Mindestsicherung mit erhöhten Gesundheitsausgaben, muss auch auf Kosten meiner Gesundheit sparen, ohne Soma könnte ich nicht überleben, dumpstern kann ich aus gesundheitl. Gründen nicht! Ich find das total blöd solche Selbstversuche/arm spielen! Fühl mich da verarscht!“ (Birgit, auf Facebook, zu Lebensmittelbestand, Tag 1)

„natürlich könnte man das kritisieren, immerhin ist es ja ein experiment vor einem recht abgesicherten hintergrund. ähnlich einem dschungelcamp: irgendwann kommt man schon wieder raus. und ein bisschen sozialporno ist es ja auch. aber andererseits: es ist aufmerksamkeit generiert für ein tagtägliches reales problem von sehr vielen, die damit im schatten stehen. und wer weiß, vielleicht wächst ja die eine oder andere weitere konkrete tat draus.“ (Risto, auf Facebook, Tag 1)

„1 Monat lang ist das nicht schwer, es ist ja ein absehbares Ende in Sicht. Auch gibt es keinen psychischen Druck, ob man wieder Arbeit bekommt, es jemals wieder besser wird. Oder wie die anstehende Heizungsabrechnung bezahlt werden kann oder gar wie man für unerwartete Kosten wie einen kaputten Herd spart und und und.“ (Karin, auf Facebook, zu Lebensmittelbestand, Tag 1)

„Ich liebe dein Experiment. Finde es grossartig, dass du diese Arbeit auf dich nimmst. Man muss informieren, ja. Danke, Michael, Du verdienst ein Fest, nachdem es beendet ist. Wollte noch sagen, typischerweise ist dies eine Sache, die man nur am eigenen Leib erfahren kann, den Hunger. Und der ist oft weiblich, weil eben weniger alles…weniger Kontakte, weniger Geld. Das hast du so gut gezeigt, ohne billigen Sentimentalismus.“ (Isabel, auf Facebook, Tag 9)

„Dein Versuch in allen Ehren, aber darum geht es doch nicht. Du wirst dir in den 31 Tagen keine neue Kleidung oder Schuhe kaufen müssen, vermutlich wird dir auch nicht die Waschmaschine eingehen und auch die Lust auf Kino und ein neues Buch wird sich in Grenzen halten. Mit EUR 7,50 pro Tag kommt man schon über die Runden, geht es nur um Nahrung und Zigaretten. Aber darum geht es einfach nicht auf Dauer. Der Versuch wäre toll, handelte es sich um sechs Monate, da geht es dann ans Eingemachte.“ (Ilse, auf Facebook, zur Ankündigung 31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

„wenigstens musst du kein Kind für 200 Euro im Monat mit ernähren das ist die Summe für ein Kind die man als Mindestsicherungs Bezieher bekommt die Alimente des Kindes werden natürlich einberechnet und wenn die höher als 200 sind bekommst du keine Förderung fürs Kind …. 31 Tage bedeutet das du nie neu einreichen wirst wo klar ist das du auf jeden Fall ein paar Wochen ohne Bezug da stehst trotz laufender Kosten wie Hort Kindergarten Miete und Lebenserhalt das sind dann die jährlichen Schikane Wochen und zum Glück suchst du auch gerade keine neue Wohnung was doppelt schwer wäre ….empfehle Food Sharing . tolles Projekt viel Erfahrungswerte wünsche ich dir“ (Claudia, auf Facebook, zu Lebensmittelbestand, Tag 1)

„mich freut, dass der versuch hier aufmerksamkeit bekommt. ich würde euch gerne auffordern beim nächsten einkauf einmal zu schauen was „alte frauen“ so in den einkaufskorb legen. die altersarmut von frauen bleibt meist unbemerkt. und um in den sozialmarkt zu gehen sind sie oft nicht mehr in der lage.“ (Elfie, auf Facebook. Tag 4)
„Das Experiment bzw das, was du draus machst und drüber schreibst wird immer spannender!“ (Thomas, auf Facebook, Tag 9)

„Gute Aktion, ich kenn das, vielleicht nicht ganz so schlimm, aber wenn man für zwei Kinder Alimente zahlt, im Sozialberreich arbeitet ca. 1700 verdient, aber Fixkosten von ca. 1400 inkl. Alimente hat bleibt auch nicht viel über außer Urlaubs und Weihnachtsgeld.“ (Heinz, auf Facebook, zu „Toast Hawai“, Tag 9)

„Es gibt viele Leute die aufgrund ihrer Langzeitarbeitslosigkeit auch nur noch sehr wenig soziale Kontakte haben.Wo man nicht auf Bier/Kaffee oder essen eingeladen wird. Lass mal dein Handy Zuhause und guck dir 2 Tage an wie es sich anfühlt ohne Freunde/Bekannte Familie. Würde mich Interessieren.“ (Sabrina, auf Facebook, Tag 22)

„lieber michael wögerer, schön, wenn du in einem freiwilligen selbstversuch deine erfahrungen sammelst – obwohl du den mir am wesentlichsten erscheinenden punkt ja bereits selbst in deinem einführungsartikel genannt hast: NUR EIN MONAT ich könnte dir ja als alleinerziehende mutter erzählen, was man so fühlt und denkt, wenn dieser zustand über 10 jahre anhält. das ganze leben ändert sich – die werte verschieben sich und es bleibt viel zeit zum nachdenken, die nicht vom arbeitsalltag aufgefressen oder gespeißt werden … und „not macht erfinderisch“ […] das schönste kompliment kam von meinem sohn: ‘stimmts mutti, wir sind arm – aber ich merke das gar nicht’” (marie, ungekürzter Kommentar auf neue-debatte.de, Tag 1)

“Hallo Michael, ich möchte dich ermuntern, dein Experiment der Authentizität zu liebe zu verlängern. ich finde es ja gut, dass du das empörende „Thema“ in die Öffentlichkeit tragen möchtest und ich hoffe sehr, dass dir dies ausreichend gelingt. So ganz ernst nehmen kann ich dein tun aber nicht. Deine bisher kritische Analyse gefällt mir hingegen sehr.[…] (maxzmart, ungekürzter Kommentar auf neue-debatte.de; Tag 17)

„Die soziale Isolation, die mit Armut einhergeht, ist fast so schlimm wie die ökonomische Armut. Dagegen, lieber Michael, bin ich überzeugt, können wir etwas tun! Bei uns selbst und in unserem Umfeld. Wir leben doch in der Illusion, alles haben zu können – in Wahrheit MÜSSEN WIR ES HABEN. Gefühlte Armut ist relativ. Schaffst du es aus irgendeinem Grund nicht mehr, an das, was als allgemeines „MUST HAVE“ definiert ist, ranzukommen (oder eine Frisur zu haben, die ein NO GO ist :-D ) -, gehörst du zu den „Loosern“. Was wäre also, wenn sich immer mehr Menschen freiwillig mit diesen „Loosern“ solidarisch erklären würden, indem sie ihre Ansprüche „downgraden“? Konsumfreien, öffentlichen Raum zurückerobern, …. Ein positives „Geiz ist geil“ sozusagen. Würde das nicht viel von diesem verdammten sozialen Druck nehmen? Wenn alle zu den „Loosern“ gehören, gibt es keine „Looser“ mehr, …. (Inge, auf Facebook, Tag 9)

„ich persönlich finde die ganze idee oder besser gesagt aktion von dir spannend und wertvoll. mit mindestsicherung ist man total gefickt, weil man nichts dazu verdienen darf und wenn man es tut, wird es 1:1 abgezogen. man darf also erfahrung sammeln, aber kein geld. die jobs heutzutage sind sehr unterdurchschnittlich bezahlt, weswegen viele nicht einsehen, warum sie einen arschloch-job machen sollen, wenn sie dann eh das selbe geld haben. also nix. die wohnungen sind teuer, das essen ist teuer und das gehalt wenig. ziemlich demotivierend. es gäbe unendlich viele punkte, die es daran zu diskuttieren gäbe, gibt, immerhin ist von der mindestsicherung leben ziemlich verbreitet geworden. eine art trend, der sehr uncool ist und neben dem finanziellen abstieg jede menge psychische belastungen mit sich bringt, wie angebunden sein, zeit haben aber wenig tun können, wie du ja auch schön geschildert hast mit friseur, fahrtkosten, mahlzeiten etc. wenn wir nur von popcorn leben könnten wäre es einfach, aber mensch hat bedürfnisse und nicht nur das, er hat auch forderungen, zahlungsaufforderungen. jedenfalls treibt es viele künstler in die mindestsicherung und in diesem punkt würde ich jeder zeit (sofern ich ZEIT habe) gerne mitdiskuttieren. da kommt nämlich auch ganz schnell so der punkt auf: mit welchem job, beruf, wird man als vollwertiges mitglied der gesellschaft gesehen und dafür auch belohnt etc. und was ist mit all den benachteiligten seelchen, die mit unserem wirtschaftssystem weder körperlich noch psychisch mithalten können. Leider lesen viele nur die HEUTE oder Österreich. Das ist eine Plage für sich. Gehört meines Erachtens dringend abgeschaffen. Ich bin jedenfalls FAN von deinen beiträgen, auch wenn ich sie nicht immer so intensiv verfolgen kann. MACH WEITER! Danke!“ (Ludo Vika, auf Facebook zu Tag 27)

DANKE für alle (!) eure Kommentare!

Freue mich weiterhin über euer Feedback nach nun bereits 30 Tagen Mindestsicherung.

Heute, Dienstag, hab ich insgesamt 11,20 Euro ausgegeben, davon 1,80 Euro für das Frühstück und 9,40 Euro für Zigaretten – am letzten Tag muss ich mir unbedingt wieder Wuzzeltabak kaufen, sonst schaff ich das nicht mit den restlichen 7,78 Euro, die mir noch bleiben.


Die bisherigen Tagesnotizen:

31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

Tag 1 – Kein Spiel! (1.5.)

Tag 2 – Konsumgesellschaft (2.5.)

Tag 3 – Öffentlichkeit schaffen! (3.5.)

Tag 4 – Lebensrealitäten (4.5.)

Tag 5 – Freundschaft (5.5.)

Tag 6 – Netzwerke (6.5.)

Tag 7 – Kein Märchen (7.5.)

Tag 8 – Befreiung (8.5.)

Tag 9 – Nachhaltigkeit (9.5.)

Tag 10 – Durchatmen (10.5.)

Tag 11 – Lebenserwartung (11.5.)

Tag 12 – Exklusiv (12.5.)

Tag 13 – Soziale Hängematte (13.5.)

Tag 14 – Sigi, du fehlst! (14.5.)

Tag 15 – Halbzeit (15.5.)

Tag 16 – Beim Frisör (16.5.)

Tag 17 – Für Lisa (17.5.)

Tag 18 – Hunger auf Kultur (18.5.)

Tag 19 – Gratis-Essen für alle (19.5.)

Tag 20 – Wenn ich Sozialminister wäre (20.5.)

Tag 21 – Grundbedürfnisse (21.5.)

Tag 22 – Planung (22.5.)

Tag 23 – Helfen und reden (23.5.)

Tag 24 – Mobilität (24.5.)

Tag 25 – Hotel Mama (25.5.)

Tag 26 – Wien, Stadt der Gegensätze (26.5.)

Tag 27 – Selbstüberschätzung (27.5.)

Tag 28 – Gefährliche Drohung (28.5.)

Tag 29 – Armut ist relativ (29.5.)


Foto: Geralt; pixabay.com; Creative Commons CC0

ein Kommentar

  1. Diese 30 Tage waren ein kleines Experiment – zeitlich bedingt – daher ein wenig an dem realen Alltag Betroffener vorbei. Aber ich finde es gut, dass es Menschen gibt die – wie auch immer – auf diese politisch verordnete Armut aufmerksam machen und so entsprechend anprangern.

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